Merkelraute

Merkels Deutungshoheit über die eigene Geschichte 

Angela Merkel ist eine schlaue Frau. Genau sechs Monate nach ihrem Ausscheiden aus dem Amt als Bundeskanzlerin gibt sie ein ausführliches und im Fernsehen zur besten Sendezeit auf Phoenix live übertragenes Interview. Der Anlass ist eher dünn: das Erscheinen eines Bändchens mit drei wichtigen Reden aus der Vergangenheit. Das Ziel ist umso klarer: der selbst gesetzte Einstieg in die Debatte über die Bewertung ihrer Kanzlerschaft. Es geht um die Deutungshoheit, um die Einordnung ihrer sechzehn Regierungsjahre in die Geschichte.

Seit dem Ausbruch des Ukrainekrieges stellen sich viele Fragen neu. Im Blick zurück fragt man sich, was wann passiert ist, das zu diesem Ergebnis geführt hat. Trotz Klima-, Finanz-, Flüchtlings- oder Coronakrise wirft der Einfall Putins in die Ukraine ein neues Licht auf die gesamte Politik der Kanzlerin. Weil alles mit allem zusammenhängt. Man denke beispielsweise an den Atomausstieg, der innen- wie außenpolitisch, energie- wie klimapolitisch, wirtschafts- wie sozialpolitisch enorme Auswirkungen hatte, die jetzt wieder neu betrachtet und bewertet werden. 

Auch Angela Merkel wird sich nach dem 24. Februar dieses Jahres viele Fragen gestellt und die Antworten gut überlegt haben. Das Ergebnis ihrer Überlegungen ist nach ihrem öffentlichen Auftritt erkennbar: Sie hat Putin nüchtern eingeschätzt, war nicht von Wunschdenken geleitet, hat versucht, Schadensbegrenzung zu betreiben. Und das in einem nationalen wie internationalen Politikumfeld, das ihr nicht wenige Beschränkungen und Kompromisse abverlangte.

Alles andere an diesem Abend, das Private, die Suche nach dem besten Weg als Altkanzlerin, die Zukunftspläne, der Zustand der CDU sind nette, mit Humor gekonnt eingesetzte Plaudereien. Das Publikum freut sich, die Journalisten haben viel zu schreiben und zu kommentieren. Der Rahmen im prächtigen Theater passt genauso wie die Tatsache, dass der interviewende Journalist ein Spiegel-Autor aus Ostdeutschland ist und selbst wiederholt literarische Ambitionen an den Tag gelegt hat. Alles gut überlegte Teile der Inszenierung, bis hin zur anschließenden Signierung des Reden-Bändchens, über das, immerhin Anlass der Veranstaltung, so gut wie gar nicht gesprochen wurde. Angela Merkel weiß, was sie wann wie tut. Der Einstieg in die Debatte war gut geplant und ist ihr gelungen. Der Ton ist gesetzt, die Richtung erkennbar. Die geplanten Memoiren werden sicherlich noch viele interessante und vielleicht auch überraschende Erklärungen zu den langen Linien ihrer Amtszeit liefern. Darauf darf man gespannt sein. Die Deutungshoheit über ihre eigene Geschichte wird sie bis dahin auf jeden Fall nicht anderen überlassen.

Bildquelle: Wikipedia, Armin Linnartz, CC BY-SA 3.0

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Der Historiker war bis 2016 Direktor der nordrhein-westfälischen Landesmedienanstalt und von 2013 bis 2015 Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft aller deutschen Landesmedienanstalten. Heute lehrt er als Honorarprofessor an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf Geschichte sowie Kommunikations-und Medienwissenschaft.


'Merkels Deutungshoheit über die eigene Geschichte ' hat einen Kommentar

  1. 8. Juni 2022 @ 21:50 Jochen Luhmann

    Die Deutungshoheit erhält sie nur, wenn sie ihr von den Journalisten gelassen wird. Ihre Schwäche hat sie gezeigt, aber der Interviewer hat da nicht nachgesetzt. Es geht um Zweierlei, im Verhältnis zu Russland:
    i) was war die Vorgeschichte im Verhältnis Westen/Russland vor 2007, als sie erstmals mit Putin sprach? Die Zerrüttung, die sie im Gespräch erfuhr, war ja eine bereits ererbte.
    ii) welchen Einfluss hat Europa auf die Politik der USA gegenüber Russland genommen – insbesondere unter der Perspektive, dass die USA nicht ewig in Europa stehen werden? Frau Merkel hat es unter dem Stichwort „Afghanistan“ angesprochen.

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