Otto Hausberg
Eines der häufigen jährlichen Erinnerungsfotos, hier Ende Mai 1917 in Straßburg. Obere Reihe stehend, 2. von links: Otto Hausberg

1918 - das Ende des Ersten Weltkrieges: „Möge Gott doch geben, daß es mein letzter Geburtstag im Kriege ist“ – Der Tod des Gefreiten Otto Ferdinand Hausberg am 29. Juli 1918

Das letzte Bild des Infanteristen Otto Ferdinand Hausberg, das zerfledderte Foto eines deutschen Soldaten mit Pickelhaube und Infanteriegewehr 98 vor der zerschossenen Kraterlandschaft Flanderns, stammt aus der Zeit unmittelbar vor seinem Tod vor einhundert Jahren. Im Sommer 1918 schickte er es seiner Schwester Adele, auf der Rückseite versehen mit der lakonischen Bemerkung „Auf Strafwache“. Die Strafwache gehörte im deutschen Heer zu den kleineren Disziplinarstrafen für Mannschaftsdienstgrade und wurde häufig verhängt, meist schikanös und willkürlich – „ein Knopf, der zufällig lockerer als die andern an der Uniform sitzt, ein falscher Schritt werden dann die Veranlassung zu stundenlangem Nachexerzieren, zu Strafwachen, zu Arrest“, heißt es im Deutschen Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm.

Familie Hausberg

Ein letztes Familienfoto im Frieden: Otto und Ella Hausberg mit Tochter Inge im Juli 1914. Wenige Tage später beginnt der Erste Weltkrieg.

Im Begleitbrief an die Schwester schrieb er, wenn der Krieg vorüber sei, wisse er, welche Partei er künftig wählen werde: die SPD, auf gar keinen Fall aber diejenigen, die diesen furchtbaren Weltkrieg verschuldet hätten. Der Gefreite Hausberg aus dem preußischen Landkreis Hörde in Westfalen (dem heutigen Süd-Dortmund), im Zivilstand Zahntechniker und Dentist mit schon in so jungen Jahren eigener, gut gehender Praxis in Barop, fiel bei der kleinen Bergarbeiterstadt Auchy-les-Mines im französischen Teil Flanderns am 29. Juli 1918. Vier Tage vorher war er 29 Jahre alt geworden. Zurück blieben seine Witwe Ella (damals 26) und zwei Halbwaisen, die vierjährige Inge und der zweijährige Otto jun.

Ein sangesfroher junger Mann

Otto Hausberg

Diese Fotos sind im Abstand von nur fünf Jahren entstanden, dennoch liegen Welten dazwischen. 1913 der frisch verheiratete, optimistische junge Mann mit eigener Dentistenpraxis, im Sommer 1918 der desillusionierte Soldat wenige Wochen vor seinem Tod „auf Strafwache“ im flandrischen Kriegsgebiet.

Wie sein und seiner Familie weiteres Leben ohne den Krieg verlaufen wäre, kann allenfalls spekuliert werden. Geschildert wird er als lebenslustiger, sangesfroher junger Mann aus einem musischen Elternhaus, in dem jeder ein anderes Instrument spielte. Er war Mitglied im Theaterverein (wo er seine Frau Ella kennenlernte). Zukunftsängste scheinen ihn nicht geplagt zu haben: Eine der ersten größeren Anschaffungen der jungen Familie nach der Eheschließung im Dezember 1912 war der Kauf einer mehr als 150 Bände umfassenden Gesamtausgabe der renommierten Meyers Klassiker. Bei einem Preis von zwei Goldmark je Band waren das immerhin gut 300 Mark (was im Jahr 1913 vier Monatslöhnen eines Industriearbeiters entsprach).

Otto Ferdinand Hausbergs Tod, ein Vierteljahr vor dem Ende des Ersten Weltkrieges, unterscheidet sich in nichts vom millionenfachen Sterben auf Seiten aller Kriegsparteien, die sich vier Jahre lang im Dreck der Schützengräben, im Eis der Gebirge, in den Forts der Festungen, zur See und in der Luft fürchterliche Gemetzel lieferten. Allenfalls sind sein Leben und Sterben etwas besser dokumentiert als bei vielen anderen Soldaten hüben wie drüben – durch Feldpostbriefe, Dokumente, Fotografien aus Kriegs- und Friedenszeiten, einige Erbstücke und in der Familie mündlich tradierte Berichte.

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Vor einhundert Jahren, im November 1918, endete nach mehr als vier Jahren der Erste Weltkrieg. In der historisch-politisch-philosophischen Diskussion hat sich eingebürgert, dies als „epochalen Einschnitt“ nach vierzigjähriger Friedenszeit zu bezeichnen. Im Deutschen Reich und in Österreich-Ungarn, den Kriegsverlierern, waren tiefgreifende Umbrüche die Folge –  die aristokratischen Eliten hatten ausgedient, demokratische Republiken lösten die Monarchien ab, neue Parteien sorgten für schärfere Abgrenzung in den Parlamenten, auch Kunst und Kultur spiegelten für eine kurze Zeitspanne den radikalen Wandel.

 

„Die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“

Häufiger noch als „Epochenwechsel“ wird ein 1979 vom US-Historiker George Kennan geprägter Begriff zitiert, wonach der Erste Weltkrieg die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ („The great seminal catastrophe of this century“) gewesen sei. Das Wort wirkt durch unablässige Zitation etwas abgegriffen, beschreibt jedoch präzise, dass und wie das Ereignis von 1914/18 über die Jahrzehnte hin fortgewirkt hat.

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Von Otto Hausbergs Feldpostbriefen sind noch 24 erhalten. Sie wurden mit Bleistift in der damals üblichen deutschen Kurrent geschrieben und wirken so, als wären sie bei einer Feuerpause in der Enge eines Schützengrabens hastig aufs Papier geworfen.

Otto Hausberg

Nur anderthalb Jahre nach dem hübschen Dandy-Foto ein Bild der Demütigung: Otto Hausberg als kahlgeschorener preußischer Rekrut 1915 im belgischen Kortrijk

Mehr noch als die Sehnsucht nach seiner Frau und den Kindern, nach den Eltern, Geschwistern und Freunden spiegeln die Briefe aus dem Inferno von Verdun und dem Schlamm und Gas in Flandern, aus Gefechten in den Vogesen und der Ukraine das verzweifelte Bemühen, die Lieben zu Hause zu beruhigen; dieselbe Funktion haben die immer neuen, nach Hause geschickten Fotografien – seht her, ich lebe noch. Sätze wie im Brief vom 18. April 1918 „Es geht mir Gott sei Dank sehr gut“ erscheinen regelmäßig – und wirken doch schal angesichts der tatsächlichen Lage: Zwischen Lille und Ypern, wo Otto Hausbergs Regiment zu dieser Zeit liegt, tobt die deutsche Frühjahrsoffensive, die blutigen Schlachtfelder am Kemmelberg und bei Armentière sind auch den Zeitungslesern in der Heimat ein Begriff. „Hier herrscht ein toller Betrieb“ schreibt Otto Hausberg ein paar Sätze nach dem „Mir geht’s sehr gut“.

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Der Weltkrieg von 1914 bis 1918 war der bis dahin umfassendste Krieg der Geschichte. Rund 40 Staaten weltweit waren involviert. Die wichtigsten Kriegsparteien waren auf Seiten der Mittelmächte das Deutsche Reich, Österreich-Ungarn, das Osmanische Reich und Bulgarien, sowie auf Seiten der Entente Frankreich, Großbritannien und das Britische Weltreich, Russland, Serbien, Belgien, Italien und seit 1917 die USA. Der Erste Weltkrieg gilt als erster industrialisierter, „moderner“ Krieg mit insgesamt beinahe 70 Millionen Soldaten unter Waffen.

Je nach Quelle differieren die Zahlen der Toten in den vier Kriegsjahren. Annähernd waren es wohl etwa 17 Millionen, davon 10 Millionen Todesopfer unter den Truppen und noch einmal 7 Millionen zivile Tote. Die höchsten Verluste an Gefallenen hatten die Armeen dieser Länder zu verzeichnen: Deutsches Reich – 2 Millionen; Russland – 1,85 Millionen; Österreich-Ungarn – 1,5 Millionen; Frankreich – 1,3 Millionen; Italien – 700.000; Osmanisches Reich – 600.000; Rumänien – 340.000; USA – 210.000; Serbien – 130.000; Bulgarien – 100.000. Das Britische Weltreich beklagte 850.000 Gefallene, darunter 67.000 Kanadier, 59.000 Australier, 17.000 Neuseeländer, was angesichts der vor 100 Jahren noch recht geringen Bevölkerungszahlen dieser Länder extrem viele Tote waren.

Verglichen mit den drei vorangegangenen militärischen Konflikten in Europa stiegen die Verlustzahlen signifikant: In den sogenannten Deutschen Einigungskriegen von 1864, 1866 und 1870/71 starben zusammengenommen etwa 200.000 Menschen. Die Materialschlachten des Ersten Weltkrieges mit seinen 17 Millionen Getöteten wurden jedoch noch bei weitem übertroffen von jenem Krieg, dessen Saat schon 1918 gelegt wurde: Der Zweite Weltkrieg zwischen 1939 und 1945 kostete weltweit 65 Millionen Zivilisten und Soldaten das Leben.

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Bei dem Versuch, in Feldpostbriefen die Ängste der Familie daheim zu zerstreuen, sind die eigenen Ängste nicht immer völlig zu unterdrücken. Am 12. März 1916 schreibt Otto Hausberg: „Wir liegen vor Verdun. Hier ist ziemlich dicke Luft.“ Oder am 25. Februar 1918 während heftigster Stellungskämpfe in Flandern: „Wenn Gott will, möge alles zum Guten führen.“ Es sind sehr eindrückliche Stoßseufzer, die in vielen Briefen variiert werden, auch als die 10. Ersatz-Division, zu der Ottos Regiment gehört, im Oktober 1917 für ein Vierteljahr an die Ostfront verlegt wird.

„Hoffentlich führt es zum Frieden mit Russland“

Nach anfänglichen heftigen Kämpfen in der südlichen Ukraine keimt im Dezember Hoffnung auf, als das Deutsche Reich mit Sowjetrussland über einen Waffenstillstand verhandelt. „Hoffentlich führt es zum Frieden mit Russland“, schreibt er am 8. Dezember 1917. Und am 16. Dezember, nach der Verkündung des Waffenstillstands: „Die Kampftätigkeit ist zur Zeit Gott sein Dank bei Null, und hoffentlich bleibt es auch in Zukunft so.“ Und dann beschwört der Gefreite Otto Ferdinand Hausberg aus dem westfälischen Kreis Hörde, acht Tage vor Heiligabend, die biblische Weihnachtsbotschaft: „Lasst uns hoffen, dass Frieden auf Erden sehr bald in die Wirklichkeit umgesetzt wird.“

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Wie vorher allenfalls der Dreißigjährige Krieg von 1618 bis 1648 bestimmte der Erste Weltkrieg sämtliche Lebensbereiche in den kriegführenden Ländern. So führte laut Völkerbund die Blockade gegen die Mittelmächte im „Steckrübenwinter“ 1916/17 allein in Deutschland zu knapp einer halben Million Hungertoten. Zudem raffte die „Spanische Grippe“, die von US-Truppen nach Europa eingeschleppt worden war, Millionen von geschwächten Zivilisten und Soldaten hinweg. Weltweit starben 25 bis 40 Millionen Menschen, in Deutschland an die 300.000.

Im Zusammenhang mit dem Ersten Weltkrieg ist auch der Völkermord an den Armeniern zu sehen. Weil Angehörige dieser ethnischen Minderheit im Osmanischen Reich angeblich mit den Feinden der Mittelmächte kollaboriert hatten, wurden sie verfolgt und deportiert. Die (von der Türkei bestrittene) Zahl der Opfer des Genozids wird mit 300.000 bis 1,5 Millionen angegeben.

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Am 25. Juli 1918 wird Otto Ferdinand Hausberg 29 Jahre alt. Er ist seit fast vier Jahren Soldat: 1914/15  im Rekruten-Depot 39 in Kortrijk (Belgien), 1916/17 in den (Unter-Elsässischen) Infanterie-Regimentern Nr. 132 und Nr. 143 in Straßburg und Oberhofen und seit 1917 im Infanterie-Regiment Nr. 369, I. Bataillon, 2. Kompanie. Eingesetzt wurde er auf den mörderischen Schlachtfeldern in Elsass-Lothringen, mehrfach in oder bei Verdun, in den Schützengräben Flanderns und auch an der Ostfront. Im Juli 1918 ist es – während heftigster Angriffe französischer und britischer Truppen – wieder die Westfront. „Wir liegen bei La Bassée“, berichtet er seiner Frau am 22. Juli. Die 20 Kilometer südwestlich von Lille gelegene Gemeinde umfasst auch das Gebiet der mitten im Kampfgebiet gelegenen, bereits 1915 evakuierten Kleinstadt Auchy-les-Mines.

„Es kann ebenso gut die Stille vor dem Sturm sein“

Zwei Tage später schreibt er an seine „liebste Elli-Frau“, was es bedeutet, just in diesem Teil von Französisch-Flandern stationiert zu sein: „Jetzt ist der Tommy ja etwas ruhig durch die Vorbereitung durch unsere Artillerie. Es kann aber ebenso gut die Stille vor dem Sturm sein.“ Was im Klartext bedeutet: Die tief sitzende Angst verlässt einen nicht mehr, es kann jede Minute wieder das Schießen, Vorwärtsstürmen, Verteidigen beginnen, der Granatbeschuss, das Feuern der Maschinengewehre, der Einsatz von Giftgas. Am Donnerstag, dem 25. Juli, seinem Geburtstag, schickt er einen weiteren Brief an Ella Hausberg. Auch der enthält wieder einen Stoßseufzer: „Möge Gott doch geben, daß es mein letzter Geburtstag im Kriege ist.“

So war es denn auch – obgleich Otto es ganz anders gemeint hat. Vier Tage nach seinem Geburtstag, am 29. Juli 1918, einem Montag, fiel er bei Kämpfen in der Kraterlandschaft von Auchy-les-Mines. Den letzten Brief an seine Frau, in dem er sich für ein Geburtstagspäckchen bedankte, hatte er am Samstag, dem 27. Juli, geschrieben. Als er bei Ella in Barop eintraf, war Otto schon tot.

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Der letzte Versuch der deutschen Obersten Heeresleitung (OHL), eine Wende des Krieges herbeizuführen, war die Frühjahrsoffensive 1918. Wie bereits 1914, kamen die deutschen Truppen Ende Mai erneut auf 40 Kilometer an die französische Hauptstadt Paris heran. Die entscheidende Schlacht an der Westfront (die anschließende „Zweite Schlacht an der Marne“) dauerte von Mitte Juli bis Anfang August 1918. Die deutschen Truppen wurden ab dem 18. Juli durch eine französisch-britische Gegenoffensive auf die Linie vor der Frühjahrsoffensive zurückgeworfen. Einer der Gefallenen der ebenso blutigen wie sinnlosen Schlacht war der Gefreite Otto Hausberg.

Der 18. Juli 1918 gilt Historikern als „Schicksalswende“ des Weltkrieges. Die Entente errang an diesem Tag die Initiative und gab sie bis Ende des Krieges nicht mehr ab. Nach einer schweren Niederlage der deutschen Armeen am 8. August begann die „Hunderttageoffensive“ der Alliierten, an deren Ende am 11. November 1918 die Unterzeichnung der Waffenstillstandsvereinbarung in einem Eisenbahnsalonwagen im Wald von Compiègne stand.

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Graf Otto Hausberg

Otto Hausbergs Grab auf dem deutschen Soldatenfriedhof von Carvin in Nordfrankreich.

Die sterblichen Überreste des Gefreiten Otto Hausberg wurden auf dem vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. betreuten Soldatenfriedhof (Block 3, Grab 1533) im französischen Carvin, unweit von Auchy-les-Mines, beigesetzt. 6113 Soldaten sind hier beerdigt, es ist einer der kleineren deutschen Soldatenfriedhöfe in Frankreich. Obwohl die mit Birken und Ulmen bepflanzte und mit Rasen eingesäte Anlage äußerst gepflegt ist und die einheitlichen steinernen Kreuze (beziehungsweise Grabstelen für die gefallenen jüdischen deutschen Soldaten) bei weitem nicht so dicht an dicht stehen wie auf den riesigen Friedhöfen bei Menen und Langemark in Flandern oder rund um das Beinhaus von Fort Douaumont in Verdun, ist der Anblick bedrückend. Die Sinnlosigkeit von Kriegen wird nirgends so offenkundig wie an Gräberreihen, die das Blickfeld füllen.

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Die Wunden, die der Erste Weltkrieg schlug, sind auch hundert Jahre später noch sichtbar. Auf dem mit Chemikalien nachhaltig vergifteten Gebiet der Festung Verdun, wo 320.000 Deutsche und Franzosen absolut zynisch, weil erklärtermaßen ohne jeglichen militärischen Zweck und Nutzen in den Tod getrieben wurden, wächst bis heute allenfalls niedriges Buschwerk. Das gilt auch für den ebenfalls sinnlos zerbombten Hartmannsweilerkopf in den Vogesen, dem „Menschenfresser“, auf dem 30.000 deutsche und französische Soldaten hingeschlachtet wurden. Ähnlich trostlos sieht es in Teilen Flanderns aus. In den von Schützengräben durchzogenen Regionen werden noch heute Skelette gefallener Soldaten gefunden.

Auchy-les-Mines – in zwei Weltkriegen zwei Mal zerstört  

In Frankreich und Belgien sind vielen Städten die Spuren des Krieges, richtiger: der Kriege unauslöschlich eingebrannt. Ein prägnantes Beispiel ist Auchy-les-Mines, wo Otto Hausberg vor 100 Jahren starb. 1870 wurde es im deutsch-französischen Krieg zum ersten Mal in Mitleidenschaft gezogen. 45 Jahre später, inzwischen mitten in der Kampfzone, wurde die Stadt evakuiert. Als die Bewohner Ende 1918 zurückkehrten, war in Auchy kein Stein mehr auf dem anderen. In den 1920er und 1930er Jahren wurde der Ort wieder aufgebaut – bis er 1944, im Zweiten Weltkrieg, bei Kämpfen zwischen Alliierten und Deutschen erneut zusammengeschossen wurde.

Die Annahme der Siegermächte, die Kriegs- und Kriegsfolgekosten durch Reparationszahlungen refinanzieren zu können, erwies sich als Illusion. In Deutschland folgte auf den Krieg 1923 eine gigantische Inflation. Die europäischen Siegermächte wurden zu Schuldnern der USA. Europa hatte seine dominante Stellung in der Welt durch den Krieg verloren.

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Mehr Glück – doch was bedeutet das Wort schon im Zusammenhang mit dem mörderischen Krieg? – mehr Glück als Otto Hausberg hatte sein gleichaltriger Schwager, der Mann seiner jüngeren Schwester Selma. Paul Käufer aus Schwerte an der Ruhr war als preußischer Berufssoldat von Beginn bis Ende des Krieges im südlichen Abschnitt der Westfront stationiert gewesen. Dreimal musste er die französischen Stellungen auf dem Hartmannsweiler Kopf in den Vogesen stürmen, jedes Mal wurde er schwer verwundet und kam ins Lazarett nach Straßburg. Käufer überlebte den Krieg, in den er als stramm konservativer Kaisertreuer hurrapatriotisch gezogen war. Nach 1918 wurde er Sozialdemokrat.

Ein anderer Verwandter Ottos, der jüngere Bruder seiner Frau Ella, wurde ein spätes Opfer des Krieges. Zwar überlebte er die Schlachten in Mazedonien, infizierte sich dort aber mit einer nicht auszuheilenden Malaria. Während einer schweren Fieberattacke in den 1920er Jahren beging er mit seiner Armeepistole Suizid.

Otto Hausbergs Witwe Ella starb Ende 1944 in jenem ebenfalls von Deutschland angezettelten Zweiten Weltkrieg, dessen Keim in der „Urkatastrophe“ von 1914/18 gelegt worden war. Zu Friedenszeiten hätte eine kurze Penicillinbehandlung ausgereicht, bei einer gerade einmal 53jährigen Frau diese lächerliche kleine Blutvergiftung auszuheilen. In den letzten Kriegsmonaten gab es das Medikament längst nicht mehr.

Nach 100 Jahren die erste komplette Familie

Auch in anderer Hinsicht wiederholte sich Familiengeschichte. Otto Hausbergs ältestes Kind Inge hatte 1940 ihren Mann Eduard geheiratet, der ebenso wie sein Schwiegervater Dentist war und ebenso im Krieg zur Infanterie eingezogen wurde. Er fiel im September 1943 in der Ukraine, exakt dort, wo ein Vierteljahrhundert zuvor Otto Hausberg so sehnsüchtig auf den Frieden gehofft hatte. Die Tochter Inge war jetzt Kriegerwitwe ebenso wie schon Ella, Inges Sohn war Kriegswaise wie vorher sie selbst. Wenigstens Ottos Sohn Otto Hausberg jun. überlebte den grauenhaften Zweiten Weltkrieg.

2006 und 2012 wurden Otto Ferdinand Hausbergs Ururenkelinnen Emilia und Ella geboren, die jüngere benannt nach der Ururgroßmutter. Man stelle es sich einmal vor: Als erste in einhundert Jahren Familiengeschichte dürfen sie in kompletten Strukturen aufwachsen, mit beiden Eltern und (zumindest in den ersten Lebensjahren) allen Großeltern. Die vier Generationen, die ihnen vorangingen, zeichneten sich sämtlich durch Unvollständigkeit aus. Ehemänner, Väter, Großväter waren in zwei Weltkriegen gefallen.

 

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Rainer Zunder

Rainer Zunder war als Politikredakteur für die Westfälische Rundschau in Dortmund tätig. Seit dem Eintritt in den Ruhestand engagiert er sich ehrenamtlich in der Evangelischen Kirche, im Dortmunder Arbeitskreis gegen Rechtsextremismus und im Arbeitskreis Christen gegen Rechts.


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