Fragezeichen

„Nach den Rechten sehen…“

 

Dieser Tage im Wartebereich eines Flughafens im Westen Deutschlands erlauscht:

„Na wie war Deine Woche?“

„Ich hatte in Sachsen zu tun.“

„Was hast Du denn da gemacht? Nach den Rechten geschaut?“

„Hahaha … Das ist immer noch die Zone – die Problemzone!  Für Zurückweisung ist es leider schon zu spät.“

Der Rest des Lästerns geht in Lautsprecherdurchsagen unter.

Der Wessi ertränkt seinen Ärger über die „undankbaren Ossis“ in einer Flut von Hohn und Spott. Das ist irgendwie beispielhaft für das Grundproblem, das auch nach fast dreißig Jahren noch immer zwischen den Ländern der ehemaligen DDR und den Bundesrepublikanern besteht. Die Metapher, es fehle am Verständnis für die Menschen im Osten, ist zwar richtig, aber leider erklärt sie nicht, was die Menschen in Thüringen, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern wirklich bewegt.

Dabei könnte ein Blick in die Geschichte unseres Landes ein paar Antworten geben.  Die Weimarer Republik scheiterte am mangelnden staatsbürgerlichen Bewusstsein der Bürgerinnen und Bürger für den neuen demokratischen Staat. Es hatte sich in den wenigen Jahren zwischen 1918 und 1933 nicht ausbilden können. Auch nach 1945 wuchs das republikanische Bewusstsein im Westen Deutschlands nicht von heute auf morgen  –  vor allem das Grundverständnis, dass  Demokratie auch bedeutet, Verantwortung für das eigene politische Handeln zu übernehmen. Davon sind auch diejenigen, die in Chemnitz oder bei Pegida-Demonstrationen  „Ausländer raus!“, „Lügenpresse“, „Wir sind das Volk“ oder „Merkel muss weg!“ grölen, weit entfernt.

Wundern sollte man sich bei aller Verstörung dennoch nicht. Der „real existierende Sozialismus“ des SED-Regimes hatte in den Jahrzehnten der Unterdrückung Tausende von Opfern produziert. Menschen wurden indoktriniert. Sie konnten ihre Berufe nicht frei wählen. Reisefreiheit Fehlanzeige! Wer es trotzdem versuchte, die Grenzen der DDR zu verlassen und dabei erwischt wurde, landete im besseren Fall im Gefängnis. Im schlechteren Fall verlor er an der „Friedensgrenze“ sein Leben.

Unterdrückung und Gängelung nährten das Gefühl der Menschen, im Osten nicht frei über ihr eigenes Leben bestimmen zu können und ständig belogen zu werden. Das äußerte sich schon zu DDR-Zeiten auch darin, dass die staatlich verordnete Völkerfreundschaft  gegenüber den „Gastarbeitern aus den sozialistischen Bruderländern“ keineswegs herzlich war und fremdenfeindliche Übergriffe nur mühsam übertüncht und verschwiegen werden konnten.

Wie die Geschichte zeigt, machen Diktaturen Menschen misstrauisch gegenüber Regierenden, Autoritäten und Medien – auch über ihren Sturz und Untergang hinaus. Deshalb ist dort auch heute – fast dreißig Jahre nach dem Mauerfall –  noch immer der Boden für Verschwörungstheorien aller Art und dem daraus entstehenden Extremismus gut bereitet. Dieses Phänomen beschrieb der Soziologe Helmut Schelsky 1957 in seinem Buch „Die skeptische Generation. In der ersten  wissenschaftlich erstellten Nachkriegs-Jugendsoziologie beschreibt der wegen seiner NS-Vergangenheit nicht unumstrittene Soziologe eine von Institutionen und Eliten enttäuschten Generation, die sich betrogen und ausgenutzt fühlt. Wie spätere Forschungen zeigten, strahlte dieses Gefühl bis in die zweite Nachkriegsgeneration also nahezu ein halbes Jahrhundert lang weiter. Wir müssen uns wohl oder übel mit dem Gedanken abfinden, dass der unruhige Osten noch gut zwei Jahrzehnte brauchen wird, bevor sich dort das demokratische, republikanische Selbstverständnis endgültig bei allen durchsetzt.

P.S.: Erklären bedeutet nicht, die Vorfälle in Chemnitz und anderswo zu verharmlosen oder gar zu rechtfertigen. Seit Chemnitz und den Bildern von AfD-Politikern, die Schulter an Schulter mit Pegida und dem Who-is-Who der deutschen Neonazi-Szene demonstrieren gibt es für Demokraten eigentlich keine Entschuldigung mehr dafür aus Protest AfD zu wählen.

 

Bildquelle: pixabay, user qimono, CC0 Creative Commons

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Peter Hausmann

Peter Hausmann ist Mitglied der 12. Lehrredaktion der Deutschen Journalistenschule (DJS). und war Teilnehmer am ersten Modellversuch von DJS und Ludwig-Maximilians-Universität zur Journalistenausbildung. Anschließend war er als freier Journalist unter anderem für den Münchner Merkur und den Bayerischen Rundfunk tätig, wo er 1982 eine Festanstellung als Redakteur erhielt. Sein thematischer Schwerpunkt ist die Wirtschafts- und Sozialpolitik. Neben der journalistischen Arbeit erhielt er mehrere Lehraufträge zu den Themen Interviewtechnik und Rundfunkjournalismus an der Deutschen Journalistenschule München, der Ludwig-Maximilians-Universität und an der Katholischen Universität Eichstätt. 1988 wurde Peter Hausmann kommissarischer Leiter der Wirtschaftsredaktion Hörfunk beim Bayerischen Rundfunk. Nach dem Tod von Franz Josef Strauß, Ende 1988, wechselte er zur CSU als Sprecher des CSU-Vorsitzenden, Bundesfinanzminister Theo Waigel. Ende 1992 kehrte er zum Bayerischen Rundfunk als Leiter der Wirtschaftsredaktion Hörfunk zurück. 1994 wurde Peter Hausmann Sprecher der Bundesregierung und Chef des Bundespresseamtes unter Bundeskanzler Helmut Kohl. Bis Mai 1998 war er als beamteter Staatssekretär Mitglied der Bundesregierung in Bonn. Von 1998 bis 2005 war Peter Hausmann Partner der Wirtschaftsprüfungs-, Steuer- und Unternehmensberatungsgesellschaft Deloitte & Touche, und im November 2005 wechselte er als Partner zur PR-Agentur Pleon. Als Nachfolger von Peter Schmalz war er von 1. November 2008 bis 31. Oktober 2014 Chefredakteur der von der CSU verlegten Wochenzeitung Bayernkurier. Peter Hausmann ist Vorstandsmitglied des Ortsverbandes Laim-West der CSU.


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