Haus der Geschichte“ in Bonn, Studentenproteste 1968

Nachhutgefechte der 68er-Studentenbewegung – Teil 5

Machtkampf unter den linken Fraktionen

Dieser Machtkampf unter den linken Fraktionen wurde auf die außerordentliche Mitgliederversammlung vom 28. – 30. Mai 1970 in der Mensa der Münchner Technischen Universität vertagt.

Der immer noch amtierende „Notvorstand“ beschrieb in einem Bericht vor der a.o. MV das politische Spektrum der in München anzutreffenden Gruppen wie folgt:

„Es werden einmal Vertreter der der DKP nahestehenden Assoziation Marxistischer (Studenten), kurz Spartakus genannt, sein, eine argumentatorisch sehr geschlossene und taktisch äußerst diszipliniert vorgehende Gruppe. Stimmenmäßig kann sie sich allerdings nur auf die Pädagogische Hochschule Wuppertal und teilweise auf die Universität Bonn stützen, in der Diskussion wird sie aber, verstärkt durch Minderheitendelegationen aus Bochum, Köln und München eine starke Rolle spielen.

Einen größeren allerdings heterogenen Stimmblock stellen die Allgemeinen Studentenausschüsse, die vom Sozialdemokratischen Hochschulbind (SHB) getragen werden: die Universitäten Göttingen, Gießen, Marburg, Frankfurt, Bonn, Würzburg, die TU Hannover und der größte Teil der niedersächsischen Hochschulen.

Die anderen Gruppen, die sich zu einer Fraktion zusammenfinden werden, werden zwar den größten Anteil der Stimmen auf sich vereinigen, sind aber gleichzeitig politisch am uneinheitlichsten. Es sind Gruppen des ehemaligen sds, so der AStA der Universität München, zusammengeschlossen mit Basisgruppen, vertreten durch die TH München und die Universität Hamburg, sowie mit „Marxisten-Leninisten“ (ML) aus Bochum, teilweise Tübingen und Ludwigsburg.

Der Spartakus wird trotz seiner geringen Stimmrepräsentanz den Anspruch erheben, den vds auf ein verbindliches politisches Programm festzulegen, und zwar soll ihm die Rolle einer „demokratischen Selbsthilfeorganisation“ zukommen, die mit sozialistischen Gegenkonzepten die Bevölkerung mobilisiert. Diese Funktionsbestimmung des vds leitet sich ab aus einer gesellschaftlichen Analyse, die sich von dem Hineinwirken in die Institutionen eine grundlegende Veränderung dieser Institutionen erhofft….

Indem der Spartakus davon ausgeht, daß das gesellschaftliche Kräfteverhältnis durch Massenaktionen entscheidend verändert werden kann, muß es sein Ziel sein, die Aktionseinheit aller progressiven Kräfte herzustellen. Bei dieser Organisierung einer Gegenmacht soll dem vds als Dachverband aller Studierenden die Aufgabe zufallen, Presse- und Aufklärungskampagnen zu initiieren und dafür Agitationsmuster zu liefern, die exakt nach den jeweiligen Zielgruppen ausgearbeitet sind. Der ganze Katalog von Forderungen, die im Laufe der Studentenbewegung aufgetaucht waren, soll wieder in die gesellschaftliche Diskussion hineingetragen werden. Der Spartakus fordert: eine Kampagne gegen den Bildungsnotstand, eine Woche des numerus clausus, ein Leussink-Tribunal, eine Solidaritätsbewegung gegen die US-Aggression in Vietnam und eine Springer Kampagne.

Ähnlich wie der Spartakus will auch der SHB den vds auf ein politisches Konzept, allerdings mit begrenzterer Programmatik, ausrichten. Ebenso wie der Spartakus versteht er den vds als eine Art „Pendantinstitution“ zu den vorhandenen Herrschaftsapparaten, ohne ihn jedoch zu einer Parteiorganisation machen zu wollen. Die Arbeit des vds soll sich auf den Ausbildungssektor beschränken, hier wo die Anpassung von Wissenschaft an die Interessen der Großindustrie ihren bisherigen Höhepunkt in den 14 Leussink-Thesen (Siehe dazu „Thesen zum Hochschulrahmengesetz, Schriftenreihe Hochschule 2, Der Bundesminister für Bildung und Wissenschaft) gefunden hat, sei es die zentrale Aufgabe des vds, eine Antiformierungskampagne durchzuführen.

Der SHB sieht jedoch, daß ein Kampf, der isoliert an der Hochschule geführt wird, zum Scheitern verurteilt sein muß. Ziel einer jeden Studentenpolitik müsse es deswegen sein, studentische Interessen und Forderungen bewußt in einen gesamtgesellschaftlichen Rahmen zu stellen, d.h. für den SHB immer bloß als Teil einer antikapitalistischen Gesellschaftspolitik zu begreifen. Der Zusammenhang zwischen studentischen Interessen und den Interessen der Arbeiterklasse ergibt sich für den SHB daraus, daß durch die technokratische Ausbildung zum Fachidioten die Studierenden mehr und mehr zu „akademischen Fließbandarbeitern“ im Produktionsprozeß werden. Ihre Stellung zu den Produktionsmitteln ähnelt somit der des Proletariats. Als eine Art „Vorgewerkschaft“ für den späteren lohnabhängigen Status der Studierenden soll als Minimalperspektive für die Arbeit an der Hochschule der „Abbau von elitärem Standesdenken, sowie der Abbau von antigewerkschaftlichen Verhaltensweisen“ verwirklicht werden. Als Optimum wird eine „gewerkschaftliche Orientierung“ angestrebt.

Während der Spartakus und er SHB den vds auf ein politisches Programm ausrichten wollen, wird die dritte Gruppierung wieder für ein Minimalprogramm eintreten, in dem dem vds die Möglichkeit abgesprochen wird, eine eigene Politik von ober herab zu initiieren. Statt der von SHB und Spartakus beschworenen Initiativfunktion wird von dieser Seite die Instrumentalisierung des vds gefordert. D.h. konkret: 1. Der vds stellt den einzelnen Gruppen seinen technischen Apparat, insbesondere die Druckmaschine, zur Verfügung. 2. Er nimmt die Funktion einer Informations- und Koordinationszentrale wahr, um die analytische Arbeit der lokal arbeitenden Gruppen zu intensivieren und ihre Isolation zu überwinden. 3. Die Sozialaufgaben und die Vertretung der Interessen der ausländischen Kommilitonen werden weiterhin vom vds wahrgenommen.

Das Minimalprogramm ist der zaghafte Ausdruck der Selbstkritik gerade von Seiten jener Gruppierungen, die den vds noch genau vor einem Jahr zum „sozialistischen Kampfverband“ machen wollten und dann, als sich dieses Ziel nicht verwirklichen ließ, im November vorigen Jahres die Liquidation des vds unterstützten. Über das Minimalprogramm hinaus kann sich diese Fraktion aufgrund ihrer Zersplitterung aber nicht darüber einigen, wie die sozialistischen Gruppen vom vds unterstützt werden könnten. Insofern ist das Minimalprogramm der größte gemeinsame Nenner.“ (Bericht des VDS-Vorstandes, Privates Archiv)

In einer vom SHB verbreiteten „Plattform“ hieß es u.a.:

„Die derzeitigen Ansätze der Modernisierung von Schule, Berufsbild und Hochschule sind umfassender Ausdruck der zunehmenden Bedeutung von Wissenschaft und Ausbildung im kapitalistischen Reproduktionsprozeß. Um eine beschleunigte Profitsteigerung , die ökonomische und politische Machtkonzentration und Expansionspolitik im Interesse der Monopole weiter vorantreiben zu können, sollen Wissenschaft und Ausbildung im vollen Umfang der staatsmonopolistischen Programmierung unterworfen werden. So mußte die Wissenschaftspolitik der sozialdemokratisch-liberalen Bundesregierung, insbesondere das Hochschulreformkonzept Bundesminister Leussinks, endgültig die Illusion derjenigen zerstören, die den Regierungswechsel vom Herbst 1969 für einen Machtwechsel gehalten und sich eine demokratische Reform des Bildungswesens von oben erhofft haben“. (Privates Archiv)

 Gegen diesen „Formierungsprozess“ wollte der SHB (unterstützt von der kleinen aber aktiven Gruppe der Spartakisten) eine möglichst breite Abwehrfront einer Mehrheit der Studenten aufbauen: „Kernaufgabe des vds ist es daher, den politischen Kampf gegen die Formierung des Wissenschafts- und Bildungssektors technisch und organisatorische zu fördern, zu koordinieren und öffentlich zur artikulieren.“ (Die Welt v. 1.6.1970)

Der konkrete Aufgabenkatalog lautete wie folgt:

  • Informations-, Koordinations- und Initiativfunktion
  • Materielle und politische Unterstützungsfunktion
  • Öffentlichkeitsfunktion
  • Soziale Schutzfunktion

Die Kämpfe zwischen der Mehrheit der Fraktionen des ehemaligen SDS („Rote Zellen“, marxistisch-leninistische Gruppen, „Anarchosyndikalisten“, Basisgruppen) und der Minderheit von SHB/Spartakus wurden zunächst über die Debatte um die Aufnahme von 15 Hochschulen, an vorderster Stelle um die Uni Bonn (mit einem SHB/Spartakus-AStA) ausgetragen. Als neue Mitglieder hätten diese eher den SHB-Einfluss gestärkt. Der Streit eskalierte so weit, dass die Gruppierungen abwechselnd Auszug drohten. Was beide Flügel im Saal hielt, war das Kalkül, dass die Versammlung auch nach einem Auszug eines Teils der Delegierten noch beschlussfähig gewesen wäre und damit den Verband hätte übernehmen können. Die Versammlung vertagte sich schließlich um 20 Stunden. Man „mauschelte“ außerhalb des Plenums und man suchte nach Verhandlungs-Paketen, andere spielten währenddessen Fußball oder klopften Skat. Am Ende waren 59 Hochschulen vertreten. Letztlich war es vor allem ein Kampf darum, wofür das Geld des Verbandes eingesetzt werden sollte, für einen zentralen Interessenverband für hochschul- und sozialpolitische Belange der Studenten oder für die Unterstützung dezentraler, allenfalls regionaler Zentren, der Apparat sollte bestenfalls eine „Servicefunktion“ für „arbeitende Gruppen“ haben.

Schließlich und nicht ohne eine offene Drohung des amtierenden „Notvorstandes“, bei einer weiteren Vertagung, die Liquidation des Verbandes beantragen zu wollen, schlossen SHB/Spartakus und Minimalisten auch personalpolitisch einen Kompromiss: 2 : 2 im Vorstand, 10 : 10 im Zentralrat und 4 : 4 bei den Projektbereichen. Der Vorstand wurde mit dem ohne Gegenstimmen gewählten Zentralratsmitglied Steffen Lehndorff (aus Köln, SHB), mit Bernhard von Mutius (aus Marburg, gleichfalls vom SHB, später beide Mitglieder des MSB Spartakus), Gottfried Mergner (aus München, mit Unterstützung der „Roten Zellen“ (ROTZ)) (Gottfried Mergner – Die Gruppe Internationaler Kommunisten Hollands (1971)) , Werner Büning (Hamburg, Vertreter  linkskommunistischer Gruppierungen aus denen später der Kommunistische Bund (KB/Nord) entstand) besetzt.

„Gewerkschaftlichen Orientierung“

Die politische Spaltung, zwischen den Vertretern, die den VDS in Richtung eines gewerkschaftsähnlichen zentralen Interessenverbands der Studenten und denjenigen, die regionale Zentren als Ebene der Diskussion über die Perspektiven der Hochschulpolitik aufbauen und die ihre politische Arbeit von den Betrieben her orientieren wollten, (Werner Büning, Gottfried Mergner, Wulf Radtke, Erklärung zur Mitgliederversammlung, privates Archiv) konnte auch innerhalb der neu gewählten Vorstandsmitglieder nicht überbrückt werden.

Vorstandsmitglied Mergner schrieb, „der vds hat z.Z. die einzige Restmöglichkeit, die Gruppenarbeit in den einzelnen Regionen und Städten zu unterstützen“. Daraus folge „notwendigerweise eine konsequente Dezentralisierung der politischen Entscheidung und einer gerade noch die Kontinuität wahrende Funktionsfähigkeit der Zentrale“.

Um „die Zeit im vds-Vorstand doch irgendwie politisch auszufüllen“ erstellte Mergner zusammen mit Wulf Radtke eine über 300-seitige Dokumentation über die damals relevanten Arbeits- und Theorieansätze einzelner Gruppen und ließ diese vom VDS drucken. (Gottfried Mergner, Wulf Radtke, Die vds Maschine, Kritischer Bericht über die Behandlung der Hochschule durch die verschiedenen sozialistischen Gruppierungen der BRD und Westberlins, Verlag Deutscher Studentenschaften, Ende August 1970)

Die antirevisionistischen Vorstandsmitglieder Büning und Mergner verließen im Herbst 1970 den VDS-Vorstand, machten aber den Gruppierungen um den SHB und um den Spartakus den VDS „nicht streitig“, (Erklärung zur Mitgliederversammlung, a.a.O.) allerdings nicht ohne die interne Zusagen für finanzielle Unterstützung von Aktivitäten vor Ort.

Für alle Basisgruppen, die es ablehnten einen Dachverband über sich zu haben, und für alle K-Gruppen, die den VDS für eine gesamtgesellschaftliche „kommunistische Strategie“ nutzen wollten, war der Verband, der sich nicht den Forderungen einer einzelnen dieser Gruppen unterwerfen konnte, wertlos geworden. Für den Spartakus, der für eine Einheitslinie zwischen Intelligenz und Arbeiterschaft kämpfte, mit dem Ziel einer „demokratischen Massenbewegung“ im Kampf gegen die „Monopolherrschaft“ oder auch für den SHB, der für eine „gewerkschaftliche Orientierung“ (nicht Organisierung) der studentischen Organe auf „antimonopolistischer Basis“ gegen die staatliche „Formierung des Ausbildungssektors“ eintrat, hatte die „Koordinierungs-, Informations- und Initiativfunktion“ eines zentralen Apparates einen Sinn.

Auf einer außerordentlichen Mitgliederversammlung des VDS vom 6. bis 8. November 1970 in Marburg blieben die Vorstandsmitglieder Steffen Lehndorff und Bernhard von Mutius im Amt; neu in den Vorstand wurden Gerd Köhler (Göttingen, SHB) und Dirk Krüger (Wuppertal, Spartakus) gewählt.

Der Kurs der „gewerkschaftlichen Orientierung“ hatte sich im VDS durchgesetzt. Darunter wurde u.a. verstanden:

  • Entwicklung der studentischen Organe im Sinne umfassender Interessenvertretung…
  • Propagierung und Herstellung gewerkschaftlichen Bewusstseins…im Hochschulbereich…
  • Die Entwicklung des VDS im Sinne einer umfassenden Interessenvertretung…

(vds-press Nr. 9 -14. November 1970, S. 3)

Die „Arbeitsgemeinschaft Deutscher Studentenschaften“ (ADS) kam nie so recht auf die Beine; Anfang Juni 1970 musste eine Mitgliederversammlung schon mit der Eröffnung wegen Beschlussunfähigkeit wieder abgebrochen werden. Der Konkurrenzverband löste sich anfangs 1971 vollends auf.

Auf der 23. Ordentlichen Mitgliederversammlung des VDS vom 18. – 21.  März 1971 in Bonn  wurden Matthias Albrecht (SHB, Bonn), Heiner Heseler (SHB, Frankfurt), Dirk Krüger (Spartakus, Wuppertal) Ludwig Würfl (SHB, München) in den Vorstand gewählt. In Bonn waren wieder 73 Hochschulen auf der Mitgliederliste, die 310.000 von damals 340.000 Studierende vertraten. Die eher rechte „Deutsche Studentenunion“ (DSU) stellte wieder Anträge, z.B. für eine familienunabhängige darlehensfreie kostendeckende Ausbildungsförderung.

Der Verband Deutscher Studentenschaften – ab 1975, nach teilweiser gesetzlicher Abschaffung der Studentenschaften auf Länderebene als rechtlich eigenständige Körperschaft, in die „Vereinigten Deutschen Studentenschaften „ umbenannt – brach Anfang 1990 auseinander. Die verschiedenen “Strömungen“ konnten sich weder über die künftige Arbeit des Verbandes noch über die politische Bewertung chinesischen Tian’anmen-Massakers im Sommer 1989 einigen. Nach dem Auszug von Juso-Hochschulgruppen und Basisgruppen waren die „Vereinigten Deutschen Studentenschaften“ faktisch tot; eine offizielle Auflösung erfolgte mangels Beschlussfähigkeit nie.

Seit 1993 gibt es den „freier zusammenschluss von studentinnenschaften“ (fzs).

Auch der SDS gründete sich 2007 wieder, als die „Linke.SDS“ als Studierendenverband der Partei DIE LINKE.

Rückzug aus der Hochschulverbandspolitik

Nach meiner Zeit im „Notvorstand“ zog ich mich aus der Hochschulverbandspolitik, bis auf die Teilnahme an einigen Sitzungen – zu denen ich gelegentlich hinzugezogen wurde – weitgehend zurück, blieb aber journalistischer Beobachter der Hochschulpolitik vor allem für die Sendungen „Kulturelles Wort“ und „Kritisches Tagebuch“ im III. (Hörfunk-)Programm des Westdeutschen Rundfunks (WDR), womit ich einen Teil meines Lebensunterhalts während der Arbeit an meiner Promotion bestritt.

Damals war es unter der Redaktion von Peter Laudan möglich, dass im WDR-Hörfunk sogar eine wöchentliche und halbstündige Sendung „Studentische Politik“ ausgestrahlt wurde, die von Studierenden gemacht und zu deren zehnköpfiger Redaktionsgruppe ich gehörte.

Vermutlich aufgrund meiner Mitgliedschaft im Vorstand des VDS bin ich am 17. November 1970 in einen „Sachverständigenbeirat für Fragen der Errichtung, Entwicklung und Koordinierung von Hochschuleinrichtungen auf Essener Gebiet“ berufen worden. Dort traf ich mit einem der Väter der Gesamtschulidee, dem Berliner Schulsenator Carl-Heinz Evers, dem Soziologen Helmut Schelsky, dem späteren Co-Präsidenten des Club of Rome, Ernst Ulrich von Weizsäcker, dem Schulentwicklungsforscher Hans-Günter Rolff, dem damaligen Rektor der Universität Bielefeld Karl-Peter Grotemeyer und anderen Bildungsexperten zusammen. Der Beirat hat unter fünf im Umfeld Essens in Frage kommenden Standorten das Gelände „City-Nord“ als Ort für die geplante Integrierte Gesamthochschule Essen vorgeschlagen. Noch als Doktorand hat mich im April 1971 der Rat der Stadt Essen in eine „Hochschulberatergruppe“ berufen, Carl-Heinz Evers, Wolfgang Brüggemann (MdL), der Planer Wolfgang Thomas, Peter Neumann-Mahlkau und Ernst Ulrich von Weizsäcker sollten die Stadt bis zur Errichtung der Gesamthochschule beraten.

Im August 1972 wurde ich vom Land NRW – nicht ohne dass ich vorher vom damaligen Staatssekretär im NRW-Wissenschaftsministerium, Herbert Schnoor, eingehend auf meine Verfassungstreue befragt worden wäre – als Gründungssenator dieser Hochschule ernannt. Dieses Amt war sicherlich ursächlich dafür, dass ich nach meiner Promotion im Staatsrecht an der Uni Köln 1974 in Essen eine Assistentenstelle im Fachbereich Philosophie beim Naturphilosophen Klaus-Michael Meyer-Abich bekommen habe. Ich habe mitgeholfen die „Arbeitsgruppe Umwelt, Gesellschaft und Energie“ (AUGE) aufzubauen, die federführend für eine ziemlich große angelegte BMFT-Studie „Energieeinsparung als Energiequelle – Wirtschaftspolitische Möglichkeiten und alternative Technologien“ war.

So ganz hatte mich die Hochschule danach immer noch nicht losgelassen, 1976 wechselte ich in den Fachbereich Sozialwissenschaften der Uni Bielefeld und wurde wissenschaftlicher Mitarbeiter an der vom Bundesminister für Bildung und Wissenschaft geförderten Studie „Arbeits- und Lebensbedingungen von Arbeitnehmern als Gegenstand der Hochschulforschung“.  Ein Projekt unter der Leitung des 2019 verstorbenen Siegfried Katterle, Professor für Wirtschaftspolitik, und dem Industriesoziologen Karl Krahn das untersuchen sollte, wie Arbeitnehmerinteressen bei der Planung und Durchführung von Forschungsvorhaben und bei der Umsetzung von Forschungsergebnissen besser berücksichtigt werden könnten. Dort traf ich wieder mit einem alten Freund aus Kölner SHB-Zeiten, Gerhard Bosch, zusammen.

So schließen sich manchmal die Kreise.

Eine Nachbetrachtung

Aus heutiger Sicht sind die selbstzerstörerischen Entwicklungen der 68er-Bewegung, insbesondere auch des SDS, die Aufsplitterung der Studentenbewegung und auch der erbitterte Kampf untereinander sowie die Feindseligkeiten zwischen den verschiedenen, sich immer weiter aufspaltenden Fraktionen, Gruppierungen und Sekten kaum noch nachvollziehbar und es ist schwierig zu begreifen, zu welchen – im Nachhinein lässt sich das nicht anders sagen – politischen Irrwegen und ideologischen Abwegen es kommen konnte.

Eine den Kriterien der Geschichtswissenschaft genügende Analyse für diesen Niedergang kann ich als Akteur während eines begrenzten Zeitausschnitts nicht anbieten, aber ich will aus meiner (subjektiven) Sicht eine Erklärung versuchen:

Entgegen der heutzutage weit verbreiteten Meinung war die „außerparlamentarische Opposition“ (APO) – oder was man unter der Chiffre die „68er“ zusammenfasst  – von Anfang an keine homogene Bewegung, nicht einmal die Studentenbewegung lässt sich auf einen einheitlichen politischen Nenner bringen. (Siehe dazu ausführlicher Wolfgang Lieb, 50 Jahre danach, Teil 4). Es gab innerparteiliche Oppositionsgruppen, wie den SHB oder den LSD, es gab eine vorparlamentarische Opposition, wie den SDS, die Evangelische Studentengemeinde oder die Republikanischen Clubs, es gab Kampagnen, wie etwa die Kampagne gegen die Notstandsgesetze oder die „Kampagne für Demokratie und Abrüstung“, es gab Parteien wie die „Deutsche Friedensunion“ (DFU) und ab 1968 die „Deutsche Kommunistische Partei“ (DKP), es gab Vereinigungen wie den „Sozialistischen Bund“ oder der „Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes“, es gab zahlreiche Einzelpersönlichkeiten, die Ideengeber der außerparlamentarischen Opposition waren, von Wolfgang Abendroth, Werner Hofmann, über Ernst Bloch, Heinrich Böll oder die Frankfurter Sozialphilosophen Max Horkheimer und Theodor W. Adorno oder Herbert Marcuse und nicht zuletzt Jürgen Habermas und viele andere mehr. In Berlin war vor allem auch Helmut Gollwitzer, der am 3. Januar 1980 auf dem Dahlemer Friedhof die Traueransprache bei der Beerdigung Rudi Dutschkes gehalten hat, eine moralische Stütze. Er war einer der tapfersten und schlauesten Mentoren, der sich – wie auch seine Frau – auf der persönlichen Ebene um Gretchen Dutschke und Christa Ohnesorg gekümmert hat.

So vielfältig die gesellschaftstheoretischen oder weltanschaulichen Positionen auch gewesen sein mögen und so sehr sich vor allem die „Führungspersonen“ der studentischen Revolte über Theorien gestritten und auch gegenseitig politisch bekämpft haben mögen, zwischen 1966 bis 1968 bestand Einheitlichkeit im Widerspruch oder in der Kritik gegenüber allem, was zum sog. „Establishment“ oder zu den „Autoritäten“ gerechnet wurde und ob aus marxistischer, (christlich-) existenzialistischer, linksliberaler, sozialpsychologischer (u.a. Alexander Mitscherlich, Erich Fromm, Wilhelm Reich) oder ökologischer (Club of Rome) Perspektive, man nahm eine kritische Haltung gegenüber „dem Kapitalismus“ ein.

Diese Anti-Haltung führten anfänglich spontan zu Widerstand gegen die autoritäre Ordinarienuniversität, danach gegen die „Formierung“ der Gesellschaft, gegen die erste Große Koalition, gegen die Notstandsgesetze, gegen den Krieg der USA(-„Imperialisten“) in Vietnam etc.. Mehr und mehr, bis zu ihrem Höhepunkt während der Osterunruhen 1968 nach  dem Anschlag auf Rudi Dutschke, kam es zu einer kooperativen, oft sogar planmäßigen „Strategie der direkten Aktion“ (Michael Vester).

Diese Bewegung brach aus meiner Sicht an drei markanten Wendepunkten auseinander.

Da war vor allem die immer tiefer werdende Spaltung über die Frage zwischen einer gewaltlosen Umsetzung von Reformen – also dem „Marsch durch die Institutionen -, und zum anderen der Anwendung legitimer „Gewalt gegen Sachen“ (etwa bei den Springerblockaden nach dem Attentat auf Dutschke oder bei Instituts- oder Rektoratsbesetzungen) und schließlich sogar dem Einsatz von Gewalt unter Inkaufnahme, dass auch Menschen zu Schaden kommen konnten – angefangen mit  den Kaufhausbränden in Frankfurt am 2./3. April 1968 (gelegt durch die Vorläufer der „Roten Armee Fraktion“ (RAF)) bis hin zu einer „Stadtguerilla“ und dem individuellen „bewaffneten Widerstand“.

Heftige Auseinandersetzungen vor allem auch mit dem (der im September 1968 gegründeten DKP nahestehenden) „Spartakus“ gab es zum Zweiten um den Militäreinsatz gegen den „Prager Frühling“ durch Truppen des Warschauer Pakts im August 1968. (Wolfgang Kraushaar, Die 68er-Bewegung, Stuttgart 2018, Band 3, 1968, S. 399)

Für mich und für viele andere war eine dritte Trennlinie die sog. „Schlacht am Tegeler Weg“ (Wolfgang Kraushaar, a.a.O. S. 500ff.) am 4. November 1968 – anlässlich eines Ehrengerichtsverfahrens gegen den damaligen APO-Anwalt Horst Mahler. Ging anfangs – etwa bei den Demonstrationen am 2. Juni 1967 bei der Erschießung Benno Ohnesorgs – Gewalt gegen Sachen und Personen vom Staatsapparat und der Polizei aus, so wurden bei der Straßenschlacht vor dem Berliner Landgericht umgekehrt im Steinhagel der Demonstranten über hundert Polizisten verletzt. Die „militante“ Anwendung von Gewalt gegen die Staatsgewalt wurde von den Demonstranten als „revolutionärer Akt“ gefeiert.

Einem Großteil der 68er sprach Helmut Gollwitzer mit dem Satz aus dem Herzen: „Ein Sozialist, für den Gewalt kein Problem sei, ist für mich kein Sozialist“. (Wolfgang Kraushaar, Die 68er-Bewegung, Stuttgart 2018, Band 3, 1968, S. 500 ff. (502))

Statt der bisherigen Einheit in der „direkten Aktion“, spalteten sich einzelne Gruppen zu „subversiven Aktionen“ ab, eine randständige kleine Minderheit ging sogar in den Untergrund. „Gegenöffentlichkeit“ wurde in Teilen der Bewegung zu symbolischer oder ganz handfester „Gegengewalt“. Sowohl Gruppierungen innerhalb des „revolutionären“ bzw. „anti-revisionistischen“ Lagers als auch Vereinigungen mit „reformerischer bzw. „revisionistischer“ Tendenz brachen auseinander oder stellten sich oft sogar gegeneinander.

Mit Beendigung der Großen Koalition nach den Bundestagswahlen 1969 und aufgrund der heftigen Attacken der politischen Rechten, vor allem auch durch Franz Josef Strauß und seiner CSU gegen die neue Ostpolitik der neuen sozial-liberalen Koalition, einhergehend mit dem integrativen Wirken des neu gewählten Bundespräsidenten Gustav Heinemann und mit dem Versprechen von Kanzler Willy Brandt „mehr Demokratie“ wagen zu wollen, schloss ein großer Teil der außerparlamentarischen Oppositionsbewegung „Frieden“ mit dem „System“ oder machte sich auf den „langen Marsch durch die Institutionen“, allerdings meist nicht durch sie hindurch und gegen sie – wie Dutschke das propagierte (Wolfgang Kraushaar, Die 68er Bewegung, Band 4, 1969, Stuttgart 2018, S. 463) – sondern oftmals in diese Institutionen hinein. Die Jungsozialisten wuchsen in kurzer Zeit auf 300.000 Mitglieder und auch die Jungdemokraten und die SPD erhielten einen nie gekannten Zulauf. Von den radikalen linken Kritikern wurde diese Abkehr vom revolutionären Umbruch als „kapitalistische Integration“ der Studentenopposition geschmäht. (SDS info 28, v. 4. Febr.1970, hrsg. vom Bundesvorstand des SDS, S. 2)

Enttäuschung und Resignation aufgrund des Scheiterns im praktischen „Kampf“ machten sich breit. Weder konnten die Notstandsgesetze, noch die teils repressiven (Zwangsexmatrikulation, Relegations- bzw. Ordnungsrecht), teils technokratischen (Prüfungsdruck, Regelstudienzeit) Hochschulreformen aufgehalten werden. Die Hoffnungen, im Verlauf der wilden „Septemberstreiks“ 1969 ein Bündnis mit dem „Proletariat“ eingehen zu können, wurden enttäuscht. Die Arbeiterschaft zeigte sich weitgehend immun gegen die revolutionären Parolen und Attitüden der selbsternannten Avantgarde. Vielerorts dämmerte die Einsicht in die Beschränktheit einer studentischen „Revolte“. (Basispresse 1/270, Bundesvorstand des Liberalen Studentenbunds, S. 4) Das Reiz-Reaktions-Schema der Radikalisierung, nämlich kleine Provokation der Rebellen als Auslöser einer Überreaktion der Herrschenden und dabei die „Entlarvung“ des autoritären Establishments, (Bode Zeuner, Kririk + Hoffnung, Berlin 2019, S. 46) nutzte sich allmählich ab. Auch die aggressivsten „Provokationen“ wie etwa Institutsbesetzungen oder Psychoterror, sogar Handgreiflichkeiten gegenüber (meist sogar eher linken) Professoren (den „Scheißliberalen“) schreckten viele der früheren Aktivisten mehr und mehr ab. Immer seltener konnten die (studentischen) „Massen“ mobilisiert werden. Den wie auch immer gearteten (theoriebasierten) Revolutionserwartungen folgte vielfach die bittere Konfrontation mit der Realität. Auf der vergeblichen Suche nach dem „revolutionären Subjekt“ verflog die Euphorie, die beim Aufbruch der Bewegung aufkam. Es kam zu „Frustrationen aufgrund der Einsicht, daß unsere Illusionen sich als papierene Phrasen entpuppten und unsere stürmischen Offensiven in klägliche Niederlagen ausliefen“. (SDS info 28, v. 4. Febr. 1970, Zur Geschichte des SDS, S. 9ff.(12)) Desillusionierung und Selbstkritik breiteten sich aus; das außerparlamentarische politische Engagement der jungen Generation verlor insgesamt an Dynamik.

War es am Beginn der Studentenbewegung die zunehmende Hoffnungslosigkeit über die Reformfähigkeit des „etablierten“ politischen Systems, die die Aktivisten radikalisierte, (Bodo Zeuner, Kritik + Hoffnung, Berlin 2019, S. 45) so war es nunmehr die Erfahrung des Scheiterns, die zu einer Extremisierung der politischen Ideologien führte. Als es darum ging die Anti-Einstellungen zu einer positiven Strategie zu wenden, entwickelten sich die Analysen und Theorien über die gesellschaftlichen Entwicklungen und die Strategien und Ziele des politischen Kampfes mehr und mehr auseinander. Die Bewegung beschäftigte sich mit sich selbst. Man schloss sich gegenseitig aus. Es entwickelte sich ein „großer Basar“ (Dany Cohn-Bendit) von Ideologien, vom Marxismus, über den Leninismus, den Trotzkismus, den Maoismus, verschiedene Strömungen des Anarchismus, des Syndikalismus, bis hin zur Anhängerschaft zu den Parteiführern Enver Hodscha in Albanien, oder gar zu Pol Pot in Kambodscha oder Kim Il Sung in Nordkorea oder dem Castrismus bzw. den Ideen der Befreiungsbewegungen der Dritten Welt folgend mit der Ikone Ernesto Che Guevara. Einige Aktivisten, wie der frühere Kommunarde Dieter Kunzelmann, gingen sogar in Ausbildungslager der Al Fatah nach Palästina, andere erklärten sich zur „Stadtguerilla“ oder zu „Tupamaros“ und die Gruppe um Andreas Baader, Gudrun Ensslin oder Ulrike Meinhof tauchten ab in den terroristischen Untergrund und endete mit der „bleiernen Zeit“. (So der Titel des Filmes von Margarethe von Trotta)

Ähnliche Formen des Linksradikalismus gab es auch in Frankreich etwa mit der UJC-ML, der Union des Jeunesses Comunistes oder mit der maoistischen Gauche Prolétarienne (GP) oder in Italien mit der Unione di Marxisti-Lenininiste, Sinistra Proletaria oder mit Lotta Continua. In Deutschland machte sich jedoch ein „eigentümlicher deutscher Theorie-Fanatismus“ breit. (Gerd Koenen, Das rote Jahrzehnt, 2011, S. 190) Jede Erscheinung musste aus irgendeiner Theorie „abgeleitet“ werden und es kam zum Kampf unterschiedlichster „Linien“ und zu nicht enden wollenden „Organisationsdebatten“. Ratlosigkeit wurde mit „Schulung“ und auswendig gelernten Zitaten überdeckt. Wieder andere wollten nicht mehr „Schreibtischprodukte“ studieren, sondern von Genossen lernen, die die proletarische Revolution praktiziert haben, das reichte bis zu Anhängern Stalins. Man „borgte sich Realitäten“. (Oskar Negt)

Man stritt sich über „die Rolle der Intelligenz im Klassenkampf“ (Ernest Mandel, Referat v. 29.1.70 in Bonn, in: basispresse 3-4/70, hrsg. Bundesvorstand des Liberalen Studentenbundes Deutschlands, S. 18ff.) Fragen wie etwa, ob sich die studentischen Protestformen auf die Betriebe übertragen lassen, ob Studenten nur als „Kleinbürger“ ruhig gestellt werden müssten oder ob die „Intelligenz“ eine Hilfsfunktion bei der Organisierung des Proletariats hat oder ob Studenten eine „Aktionseinheit mit allen fortschrittlichen Kräften“ suchen sollten, spalteten die Bewegung in kaum noch überschaubare Fraktionen auf. Sollte man sich als „revolutionäre Kader“, als betriebsinterne Zelle begreifen oder eine (parteiförmige oder syndikalistische) Massenorganisation anstreben oder eine breite Schichten ansprechende „antimonopolistische“ Bündnispolitik betreiben?

Einige Gruppierungen wollten Schluss machen mit den studentischen Organisationsstrukturen an den Hochschulen, sei es mit den örtlichen ASten oder mit dem Dachverband VDS, der studentische Protest sei (anarchistisch) kleinbürgerlich, man müsse vielmehr zum „Proletariat“ in die Betriebe gehen. Andere, etwa die Anhänger Herbert Marcuses, sahen in den gesellschaftlichen „Randgruppen“ das revolutionäre Potential und agitierten etwa straffällig gewordene Jugendliche (Siehe etwa Ulrike Meinhofs Film „Bambule“). Man stritt sich darüber, ob eine revolutionäre Partei zu gründen sei oder ob der alte Agitationsstil der Studentenbewegung beibehalten werden solle. Wieder andere plädierten für eine „Einheitsfront“ mit möglichst vielen gesellschaftlichen Gruppen und für eine „gewerkschaftliche Orientierung“ der Studenten.

Je mehr die Bewegung abflaute, desto mehr wurde „Radikalität zur obersten und einzigen revolutionären Tugend“ (SDS info 28 a.a.O. S. 13), desto mehr wurde der jeweils eigene Diskussionsstand aufschneiderisch verabsolutiert und desto aufgeblasener wurde die Selbstinszenierung selbsternannter Avantgardisten. Es kam zu einem Wettlauf, wer den „Kampf“ am „konsequentesten“ führte.

Je perspektivloser die überregionalen Aktionen gerieten und je deutlicher die „Ungleichzeitigkeit“ der Politisierung zwischen den Regionen und Hochschulen wurde, desto stärker flüchteten die Aktivisten in regionale oder lokale „informelle Kader“, „Rote Zellen“ oder „Basis“-Gruppen. Neben die politische Desorganisation traten regionale „Desintegrationserscheinungen“, in jeder größeren Stadt gründeten sich  Basis-, universitäre Fach-, Betriebsprojekt-, Stadtteilgruppen, die ihre „Klassenanalysen“, „revolutionären Strategien“ oder „Massenlinien“ in einer unüberschaubaren Vielzahl von Druckschriften verbreiteten. Z.B. „Apo press“, „Rote Korrespondenz“, „Berliner Extradienst“ (etwa von den sog. Revisionisten), „Kommunist“, „Roter Pfeil“ „Rotes Blatt“ (etwa von den sog. Antirevisionisten), dazu kamen noch eine Menge Diskussionsorgane, wie etwa „RPK“ („Rote Presse Korrespondenz“), „links“, „Agit 883“, „ZAS“, „SoPo“, „Prokla“ etc. (Vgl. die Zusammenstellung der wichtigsten Publikationen im Jahr 1970 in Gottfried Mergner, Wulf Radtke, Die vds Maschine, Kritischer Bericht über die Behandlung der Hochschule durch die verschiedenen sozialistischen Gruppierungen der BRD und Westberlins, Verlag Deutscher Studentenschaften, Ende August 1970, S. 318ff.)

Die Theoriedebatten wurden von Organisationsdebatten überlagert. Es bildeten sich einzelnen Gruppierungen um kleinteilige Projekte, etwa in Fachgruppen an den Hochschulen (z.B. Rotzök: Rote Zelle Ökonomie, Rotz Arch: Rote Zelle Architektur, ROTZEG: Rote Zelle Germanistik etc.; „Zelle“ als Ausdruck der kleinsten und untersten Organisationsform), in Betriebsgruppen, in Schüler-, Lehrlings- oder Stadtteilinitiativen. Es gab geradezu ein Gründungsfieber von Parteien oder vorparteilichen Organisationen und ein permanentes Aufspalten („Fraktionieren“) bis hin zu Grüppchen mit oft nicht mehr als zwei oder drei Mitgliedern als selbsterwählte Chef-Ideologen. Man stritt sich um die Gründung der „kommunistischsten“ aller „Parteien“ oder stattdessen um die Bildung von „Kadern“ bzw. „Räten“ für den Kampf in den Betrieben. Der Konflikt verlief zwischen der Forderung nach „Selbstorganisation der Massen“ und nach „sozialistischen Massenorganisationen“ (SOMAO), zwischen Betriebsstrategien oder Staatsstrategien.

„Wenn Mao nicht mehr helfen wollte, dann zog man den Lenin, den Stalin, manchmal auch den Marx, aber wegen dessen kleinbürgerlichen Differenziertheit nur im äußersten Notfall, heran“.  (Gottfried Mergner, Wulf Radtke, a.a.O. S. 67)

Nach der antiautoritären Phase kam der in der studentischen Revolte latent schon immer vorhandene „informelle Autoritarismus“, (Koenen, a.a.O. S. 192) zum Vorschein. Es gab geradezu einer Gegenbewegung zum Antiautoritarismus hin zu mehr Verbindlichkeit, geradezu einen (teilweise masochistischen) Kult zur Unterordnung unter straffe Organisationsformen, sei es im MSB Spartakus unter der hierarchischen Führung der neu gegründeten Deutschen Kommunistischen Partei (DKP), sei es unter die einfachen Parolen der Mao-Sprüche von sich immer weiter aufspaltende marxistisch-leninistischen Kadergruppen (ML), sei es unter den Versuch einer Neugründung einer Kommunistischen Partei (KPD), sei es als (maoistische) „KPD/AO“ (KPD/Aufbauorganisation, initiiert von Christian Semler, Jürgen Horlemann; vor allem wegen ihrer kleinen Mitgliederzahl von Gegnern statt AO oft als „A Null“ verballhornt), sei es unter die „Generallinie“ einer „Proletarischen Linken/Parteiinitiative“ (PL/PI, des letzten SDS-Vorstandsmitglieds Udo Knapp), sei es unter die „korrekten“ Direktiven der Neoleninisten in der KPD/ML (Ernst Aust, Willi Dickhut) oder von diversen trotzkistischen Gruppen. Als äußeres Zeichen schnitten sich die Mitglieder einiger „revolutionärer“ Gruppen sogar wieder die Haare. Man sang die Arbeiterlieder und las proletarische Romane der zwanziger Jahre.

Die voluntaristische Überbewertung des jeweiligen politischen („revolutionären“) Potentials mündete in teils fanatischen Avantgardeansprüchen, in politische Hochstapeleien, pathetische Selbstbeschwörungen und Unfehlbarkeitsanmaßungen und dementsprechend erbitterter wurde der Streit zwischen den einzelnen Fraktionierungen nicht nur über verbale Diffamierungen ausgetragen. Die gegenseitige Beschimpfung gingen vom „kleinbürgerlichen Sektierertum“, über „opportunistische Anpasser“ bis „reaktionär“, von „Trotzkist“, „Sozialimperialist“ „Bakunist“, „Anarcho-Spießer“ bis „Haschrebell“ und natürlich immer wieder der Vorwurf „Faschist“ zu sein.

Was blieb…

Der Autor des Buches „Postkapitalismus“, Paul Mason schrieb unlängst: „Die Angehörigen meiner Generation durften noch Ender der 70er Jahre davon ausgehen, dass man Widerstand gegen den Kapitalismus leisten konnte, indem man mit einem großen Hebel einen großen Felsbrocken – die Arbeiterklasse – bewegte. Heute können wir wirksameren Widerstand leisten, indem wir viele kleine Steine zu rollen beginnen und eine Lawine auslösen.“ (Le Monde diplomatique, Mai 2019, S. 3)

Diese beiden Bilder erfassen aus meiner Sicht ziemlich treffend, die damaligen Hoffnungen und den Unterschied zu heute. Das heißt auch, dass man aus den Fehlern und Irrtümern von damals gelernt hat.

„Wir wollen alles – und zwar sofort“, war eine der Parolen. Man hat alles gewollt und hat jedenfalls unmittelbar nichts Konkretes bekommen. No, you can’t always get what you want, sangen die Rolling Stones 1969. Dieses Scheitern nach außen gegen die Realität, kehrte sich in Destruktivität nach innen. Koenen nennt das psychologisierend einen „intellektuellen Selbsthass“. Die Gruppen und Sekten hätten jedoch „bei aller ideologischen Verstiegenheit eine Menge gesellschaftlicher Veränderungsenergie und realitätshaltiger Kritik mittransportiert“. (Koenen, a.a.O. S. 470)

Die Spuren des Widerstands gegen das Bestehende und die Selbstermächtigung für eine Veränderung der Gesellschaft öffentlich zu kämpfen, finden sich später in der Friedens-, Ökologie-, der § 218- oder der AKW-Bewegung und vor allem in der Frauenbewegung und in der Alternativszene wieder.

Wenn man die Reden und die zahllosen Druckschriften von damals nachliest, so findet sich da wenig, was für die heutige politische Debatte und Praxis noch brauchbar wäre. Intelligenz schützte offenbar auch vor keiner Dummheit. (Arno Widmann, Frankfurter Rundschau, v. 19. März 2019, S. 32)  Aber der Lese- und Erfahrungshunger und die Streitenergie belegen ein ungeheures Bedürfnis nach theoretischer Welterklärung und politischer Handlungsanweisung sowie nach neuen Formen der Organisation des Politischen und der Kollektivität – mit einem Interesse am Ganzen. Hochschulen wurden erstmals nach dem Krieg zu Stätten linker und fortschrittlicher Impulse. Die Annahme des marxistischen Vokabulars, der Sprachstil der Kritischen Theorie und der Sozialpsychologie waren auch Ausdruck der Abgrenzung, ja sogar des Bruchs mit der Vätergeneration und ihrer Verstrickung mit dem Nationalsozialismus.

Um das Bild Paul Masons nochmals aufzugreifen: An die Stelle abstrakter Revolutions-Phantasien traten viele „kleine Steine“, der „Kampf“ für konkrete Projekte, etwa der „Häuserkampf“, die „Anti-Atomkraft-Bewegung“, der Kampf gegen die „Nachrüstung“, bis hin zum „Kampf gegen das Artensterben“ oder zur heutigen „unteilbar“-Kampagne. Die Studentenbewegung selbst war jedenfalls in Deutschland zwar nie wirklich eine revolutionäre Kraft, aber sie war ein Katalysator für die Veränderung des politischen Bewusstseins in der Gesellschaft. Die APO wurde zur „Mutter der neuen sozialen Bewegungen“. (Bodo Zeuner, a.a.O. S. 52)

Ein Stück weit wurde die Gesellschaft neu erfunden.

So paradox es erscheinen mag, das meiste, was die Bewegung auf der praktischen Ebene bewirkte, „geschah entgegen ihren bewussten Absichten und ihren politischen Ideologemen“. (Koenen, a.a.O. S. 475)

Zu diesen Paradoxien gehört nicht zuletzt, dass bei den Bundestagswahlen 1972 die SPD den größten Erfolg ihrer Geschichte erzielte, obwohl diese Partei seit der ersten Großen Koalition 1966 und auch noch der Regierungsübernahme 1969 von den linken Gruppierungen oft aus „Hassliebe“ aufs heftigste kritisiert wurde. Es gab einen nie mehr wieder erreichten Politisierungsgrad der Gesellschaft mit einer Wahlbeteiligung von über 90 Prozent.

Viele Aktivisten der „sozialistischen“ Gruppen fanden sich in der Politikergeneration der 90er Jahre bis nach der Jahrhundertwende wieder und ein namhafter Teil der K-Grüppler oder sogar von den Frankfurter „Putzgruppe“  tauchten als Gründungsmitglieder der Partei Die Grünen bzw. der GAL in Hamburg wieder auf. So z.B. Joschka Fischer von der Frankfurter Sponti-Szene oder etwa Winfried Kretschmann, Reinhard Bütikofer, Krista Sager, Ralf Fücks (von den Grünen),  Ulla Schmidt (von der SPD) vom Kommunistischen Bund Westdeutschlands (KBW) oder Jürgen Trittin und Angelika Beer (von den Grünen) vom Kommunistischen Bund (KB) oder Antja Vollmer von der KPD/AO. Auch Rudi Dutschke wurde bis zu seinem Tod am Heiligabend 1979 beim Gründungsprozess der Partei „Die Grünen“ in Bremen aktiv, „es komme jetzt darauf an, die parlamentarische Seite in die politisch strategischen Überlegungen einzubeziehen“ begründete er diesen Schritt. (Wolfgang Kraushaar, Die 68er-Bewegung, Band 4, 1969, S. 489)

Viele aus der Bewegung wurden „sozialdemokratisiert“, wenn nicht gar verbeamtet oder eroberten Regierungsämter.

Die 68er-Bewegung ist zweifellos ein Teil der linken Geschichte, aber sie ist auch Geschichte und sie hat „sich von selbst erledigt“. (Koenen, a.a.O. S. 20)

Sie war dennoch eine wichtige Sozialisationserfahrung für einen Großteil (auch der weniger politisch Aktiven) dieser Generation und sie hat das Verhalten nachfolgender Generationen beeinflusst und einen tiefgreifenden Wandel des Politischen und vor allem auch im Kulturellen angestoßen. (Siehe dazu ausführlicher Meine Erfahrungen in und mit der 68er Bewegung, vor allem Teil 5)

 

Bildquelle: Wikipedia, Holger.EllgaardCC BY-SA 3.0

 

Nachhutgefechte der 68er-Studentenbewegung Teil 1-5 (alle Teile auf einer Seite)

Nachhutgefechte der 68er-Studentenbewegung – Teil 1

Nachhutgefechte der 68er-Studentenbewegung – Teil 2

Nachhutgefechte der 68er-Studentenbewegung – Teil 3

Nachhutgefechte der 68er-Studentenbewegung – Teil 4 

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Wolfgang Lieb

Wolfgang Lieb ist ein deutscher Jurist und Publizist. Nach dem Studium der Politik und Rechtswissenschaften an der FU Berlin, in Bonn und in Köln arbeitete er in der Planungsabteilung des Kanzleramtes in Bonn(Helmut Schmidt war Kanzler), wechselte als Leiter in das Grundsatzreferat der Landesvertretung NRW in Bonn, war Regierungssprecher des Ministerpräsidenten Johannes Rau und Staatssekretär im NRW-Wissenschaftsministerium. Zusammen mit Albrecht Müller war Lieb Mitherausgeber und Autor der politischen Website "NachDenkSeiten" und wurde mit dem Alternativen Medienpreis ausgezeichnet. 2015 gab er seine Mitherausgeberschaft wegen unüberbrückbarer Meinungsdifferenzen mit Müller über die redaktionelle Linie des Blogs auf. Heute arbeitet Wolfgang Lieb als freier Autor.


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