Schulze-Föcking

Neun Gebote (plus eins) der Krisenkommunikation – Zum Rücktritt von Christina Schulze Föcking

Wie schwer ist es eigentlich, in manche Politikerköpfe hineinzubekommen, dass in einer Krise die richtige Kommunikation und vor allem der Umgang mit der Wahrheit darüber entscheiden, welchen Ausgang sie nimmt. Nicht das ursprüngliche Ereignis, sondern die Reaktion darauf ist immer wieder der ausschlaggebende Faktor dafür, ob es zu einem guten Ende kommt – oder eben nicht. Der Rücktritt der nordrhein-westfälischen Landwirtschafts- und Umweltministerin Christina Schulze Föcking ist ein Musterbeispiel dafür, wie man es nicht hätte machen sollen. Abgesehen davon, dass die Bilder aus dem heimischen Schweinestall unmittelbar nach Amtsantritt trotz aller Bemühungen um Rechtfertigung nicht mehr aus dem Gedächnis zu löschen waren, haben die unprofessionellen Reaktionen auf die Vorwürfe zur Auflösung einer Stabstelle zur Umweltkriminalität innerhalb des eigenen Ministeriums und zum angeblichen Hackerangriff auf den heimischen Fernseher jeden kundigen Thebaner schnell erkennen lassen, dass ein Rücktritt nicht mehr zu verhindern war.

Dabei ist es doch eigentlich gar nicht so schwer, sich an einigen Verhaltensregeln zu orientieren, die zum politischen Grundwissen gehören sollten. Zwar ist niemand vollkommen und menschliche Schwächen sind nicht immer tragisch, aber jeder, der ein öffentliches Amt anstrebt – oder ein solches zu besetzen hat -, darf die Augen nicht davor verschließen, dass die Öffentlichkeit zu Recht hohe Erwartungen an die Person und den Charakter eines Ministers oder einer Ministerin hat. Diese Erwartungen werden allzu leicht enttäuscht, wenn im Fall einer Krise die Kommunikation dazu die falsche Richtung nimmt. Aus meiner Sicht sind es neun einfache Gebote, an die sich jeder halten sollte, der ein herausgehobenes öffentliches Amt bekleiden und behalten will, und ein zehntes, dass für das Leben danach wichtig ist:

  1. Tritt ein öffentliches Amt nur an, wenn Du nichts zu verbergen hast: Ein Verkehrsminister, der schon einmal seinen Führerschein verloren hat, ein Arbeits- und Sozialminister, der eine Putzfrau schwarz beschäftigt, oder ein Landwirtschaftsminister, der den heimischen Hof nicht in Ordnung hat, werden irgendwann von ihrer eigenen Vergangenheit eingeholt, ganz zu schweigen von einem Verteidigungsminister, der seine Doktorarbeit abgeschrieben hat.
  2. Triff in Deinem öffentlichen Amt nur Entscheidungen, die Du später auch öffentlich begründen kannst: Nur dann bist Du in der Lage, frei und ohne Widersprüche zu handeln und zu reden. Bekanntlich haben Lügen kurze Beine, über die man irgendwann auch stolpert.
  3. Vermittle Deinen Mitarbeitern, für die Du letztendlich die Verantwortung trägst, die gleiche Einstellung: Nur wenn sie wissen, welche Regeln für Dich gelten, werden sie diese auch in ihrer eigenen Arbeit anwenden. Haltung muss man vorleben, das gilt auch hier.
  4. Mach Dir von Anfang an Gedanken, wie Du und Deine Mitarbeiter im Fall einer Krise reagieren: Krisenkommunikation kann nicht erst dann entwickelt werden, wenn der Krisenfall eingetreten ist. So etwas kann man vorher bedenken und auch üben.
  5. Verschaffe Dir im Fall einer Krise unverzüglich einen Überblick über die tatsächlichen Geschehnisse und das Handeln der Beteiligten: Nur wer selbst voll im Bilde ist, kann souverän reagieren und kommunizieren – und wenn nötig auch unangenehme und unmittelbare Konsequenzen ziehen. Dies gilt vor allem für einen selbst, denn Bauernopfer sind kommunikativ eine Katastrophe.
  6. Kommuniziere offen und nachvollziehbar das, was Du selbst weißt, aber auch, worüber Du noch keine Auskunft geben kannst: Nur dann behälst Du die eigene Glaubwürdigkeit im weiteren Verlauf der Krise. Das Eingeständnis von Nichtwissen ist keine Schwäche, wenn es ehrlich ist.
  7. Versuche nicht, durch Salamitaktik Zeit zu gewinnen: Dies verlängert das Ganze und schafft mehr Probleme, als dass es hilft und ist oft der erste Schritt ins Verderben. Eine defensive Informationspolitik fordert weitere Nachfragen geradezu heraus.
  8. Sei jederzeit ansprechbar und auskunftsbereit: Nur so kann es Dir gelingen, die Deutungshoheit über das Geschehen zu behalten. Offenheit und Transparenz sind bessere Mittel der Kommunikation als Schweigen und Abtauchen.
  9. Verschweige nichts, was zur Wahrheit dazugehört: Alles, was später als falsche Darstellung oder unangemessene Reaktion ausgelegt werden kann, verschlimmert die Lage und verleiht Krisen oft erst ihre eigentliche Dynamik. Der Auslöser der Krise ist oft ein kleiner Stein; der Umgang mit ihr ist der Felsbrocken, über den man stolpert.
  10. Begründe Deinen Rücktritt nicht mit den Fehlern anderer: Denn erstens kennt ohnehin jeder die wahren Gründe, und zweitens wird nur dem reuigen Sünder vergeben. Schließlich soll das Leben ja weitergehen, und vielleicht kommt ja irgendwann eine neue Chance.

Der Rücktritt von Christina Schulze Föcking nach weniger als einem Jahr im Amt war seit Tagen, wenn nicht Wochen absehbar. Er kam kurz, bevor es zu spät war, und leider war er wenig souverän. Von einer Einsicht in die eigenen Fehler oder sogar von Bedauern darüber war wenig zu spüren. Schulze-Föcking hat demonstriert, was man bei der Krisenkommunikation alles falsch machen kann. Man fragt sich, ob sie falsch oder gar nicht beraten war, aber das ist jetzt müßig.

Bildquelle: Wikipedia, By Leila Paul, CC BY-SA 3.0

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Jürgen Brautmeier

Der Historiker war bis 2016 Direktor der nordrhein-westfälischen Landesmedienanstalt und von 2013 bis 2015 Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft aller deutschen Landesmedienanstalten. Heute lehrt er als Honorarprofessor an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf Geschichte sowie Kommunikations-und Medienwissenschaft.


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