Ukraine Flagge

Offener Brief an den ukrainischen Botschafter Andrij Melnyk

Sehr geehrter Herr Botschafter Andrij Melnyk,

kurz vor der Beendigung des Zweiten Weltkriegs erlebte ich als 5-Jähriger, wie ein Zug junger, deutscher Soldaten den Vormarsch der Amerikaner auf Münster Westfalen aufhalten wollte. Die US-Truppen benötigten ca. eine Stunde um die Mehrzahl der jungen Soldaten zu töten. Einige Tage später sah ich mit meiner Mutter ihre entstellten, aufgeblähten Leichen im Wasser liegen. Meine Gefühle beim Anblick der jungen Menschen, die ich Tage vorher noch singend vor unserem Haus vorbei marschieren sah, kann ich nicht mehr beschreiben. Zur Konfirmation schenkten mir meine Eltern eine Denkschrift über die Naziverbrechen. Ich schämte mich für das Land, in das ich ohne mein Zutun hineingeboren wurde. Mir wurde klar, dass der Diktator Hitler und seine Mitläufer für den Tod von Millionen unschuldigen Menschen verantwortlich waren. Es kamen noch einige Gründe hinzu, dass ich trotzdem unserem Land dienen wollte.
Die Geschichte wiederholt sich nicht real. Aber die Methoden der Gewalttäter. Kriege sind grausamer Wahnsinn. Sie werden angezettelt durch Halunken, wie Putin. Dieser Mensch erlebte seit seiner Kindheit nur Gewalt. Sein politischer Weg ist mit Toten gepflastert.
Als Bundestagsabgeordneter musste auch ich Diktatoren in Afrika, Asien und Lateinamerika die Hände schütteln. Auch durch sie sah ich mich bestätigt, dass Entspannunspolitik der einzige Weg zum Frieden ist.

Auch Präsident Steinmeier, den Sie kritisierten, hat sich nichts vorzuwerfen. Als Außenminister vertrat er einen Regierungskonsens. Er folgte außerdem einer sozialdemokratischen Tradition. Beispiel: einer unserer größten Staatsmänner Bundeskanzler Helmut Schmidt schrieb in seinem Buch „Strategie des Gleichgewichts“: „Nach dem Einmarsch der UDSSR in Prag, als die große Koalition ihren Entspannungswillen nicht preisgab, wurden denn auch folgerichtig weniger die westdeutschen Konservativen als vielmehr die Sozialdemokraten angegriffen“. Diese Standhaftigkeit führte zur Wiedervereinigung, dem Rückzug der Sowjetunion und der Neubildung der freien Staaten im Baltikum und u.a. der Ukraine.

Da Sie in dem Zeitraum, als die Entspannungspolitik durch den damaligen Außenminister Willy Brandt konzipiert wurde, noch nicht geboren waren, formuliere ich verkürzt deren Kern: Gestützt auf die Sicherheit durch die NATO, konnte unser Entspannungswille ganz Europa überzeugen.
Willy Brandt am 3. September 1968 in Genf vor Nichtnuklearstaaten: „Europa eine Zone der Entspannung wird – als Vorstufe einer dauerhaften Friedensordnung, eine … europäische Zone friedlicher Nachbarschaft“.
In diesem Sinne war Steinmeiers Außenpolitik zu verstehen. Vielleicht war sie etwas zu naiv gegenüber den Berufslügnern in Moskau.
Aber Menschen machen Fehler, Parteien machen Fehler auch Regierungen oder Botschafter.
In diesem Sinne empfehle ich eine Entschuldigung bei Bundespräsidenten Steinmeier. Dem ist es übrigens nicht erlaubt schwere Waffen für die Ukraine von der Bundesregierung zu fordern, um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Obwohl es mich schmerzt, dass mit deutschen Waffen junge russische getötet werden, bin ich für die Lieferung von MiG-29 Flugzeugen.
Im Übrigen empfehle ich mehr diplomatische Zurückhaltung, denn Ihre grobe, raue Tonart schadet der Ukraine.

Hochachtungsvoll
Hans Wallow

Teilen Sie diesen Artikel:
Keine wichtigen Nachrichten mehr verpassen!

Abonnieren Sie unseren Newsletter und werden Sie einer unserer 5 475 Abonnenten.



Über  

bekennender Westfale, Autor und Dozent, 3 Legislaturperioden Mitglied des Bundestages. Wohnhaft im damaligen Bonner Parlamentsviertel. Vorsitzender des Global Club e.V.


'Offener Brief an den ukrainischen Botschafter Andrij Melnyk' hat 5 Kommentare

  1. 8. April 2022 @ 10:36 Penning

    Das kann man so stehen lassen.

    Antworten

    • 16. April 2022 @ 18:14 Biggi

      Ich stimme dem offenem Brief voll umfänglich zu. Ich verstehe die Verzweiflung von Botschafter Melnyk, aber es ist nicht hilfreich gegen Deutschland und unseren Bundespräsidenten zu wettern, dessen Handeln und Rhetorik immer friedensorientiert und gemeinschaftlich ausgerichtet ist. Und kann man es Deutschland und seinem Bundespräsidenten als Fehler vorwerfen, an Frieden und Freundschaft zwischen Europa und Russland zu glauben, im 21. Jahrhundert? Haben wir nicht genug Probleme um diesen Planeten zu retten? Wie kurzsichtig und selbstsüchtig ist da Krieg? Macht und Ego von einzelnen ist absurd und außerhalb jeglicher Vernunft. Wie weit reicht eigentlich das Hirn von Putin? Scheinbar kaum ein Meter weit. Solche Egomanen haben das Leben nicht verstanden an dem wir auf unserem Planeten gemeinsam und zusammen arbeiten sollten.

      Antworten

  2. 8. April 2022 @ 12:16 Paul Panther

    Ich glaube nicht das Melnyk der Ukraine schadet. Er nutzt das Element der moralischen Empörung und Schuldzuweisung um uns unter Druck zu setzen und für die Ukraine – auch gegen deutsche Interessen – zu agieren. Er ist damit erfolgreich, auch zum Schaden unseres Landes.

    Nach Melnyk sind alle Russen Feinde. Wahrscheinlich müssen wir das in dieser Phase des Konflikts akzeptieren, allerdings hoffe ich auf eine friedlich Zukunft zwischen Russland und der Ukraine und diese braucht Mittler. Solange unsere Politik sich von Melnyk beeinflussen lässt ist das nicht möglich.

    Ich sehe die Gefahr, dass die großen Mächte USA und China von der aktuellen Situation profitieren und wir einen langjährigen Krieg in der Ukraine haben werden. China profitiert davon Rohstoffe günstiger als das sanktionierende Europa einkaufen zu können.

    Antworten

    • 18. April 2022 @ 17:10 Bert Führmann

      Spätestens wenn man die seit mindestens 2000/02 betriebene deutsche, mit v.a. öff.-rechtl. Presse-Unterstützung strategische Doppelbodenpolitik erkannt hat, dann
      kann man auch verstehen, daß MELNYK auch u n s mit seinem starken, überlebensnotwendigen DRUCK nicht schaden kann,
      im Gegenteil.
      Nur wir sind solche „undiplomatischen“ klaren Töne nicht gewohnt ( s. auch Ex-Bayern-Trainer Trappatoni: La Republica:“Hr. Tarppatoni, was war denn los in München, – so laut kennen wir Sie ja garnicht ?!“ „Ja, WENN man mit den Deutschen ruhig über die Probleme spricht, nehmen sie einem nicht
      e r n s t“.

      Und soetwas Ähnliches wünschte ich mir auch von ISRAELs Botschaftern, — dann wären wir zB. 10 oder 30 Jahre früher vor dem islamischen Djihad(ismus) gewarnt gewesen.
      Stattdessen dominieren mir Totenhöfer, Lüders, Wimmer, Augstein, früher Blüm und Möllemann, Ganser … die SPD-Vertragspartner der antisemitischen alFatah/ PLO noch immer jene, die wenn nicht ISRAEL, den USA die Schuld geben & umgekehrt für allesmögliche.

      Antworten

  3. 7. Mai 2022 @ 19:29 Dieter Zander

    Bei allem Verständnis, dass man bei einem solchen Schlingerkurs der Bundesregierung ab und an die Geduld verlieren kann, so spreche ich deutlich JEDEM ausländischen Mitmenschen die Berechtigung ab, sich in rein innerdeutsche Angelegenheiten einzumischen, ab. Dieses rein auf allerkleinsten Raum beschränktes „Fahnenverbot“ dient ausschliesslich der Deeskalation und hat rein garnichts mit Sym- sowie Antipathiebekundung gemein. Herr Melnyk möge sich bitte auf den Regierungsauftrag seines Landes besinnen, sich aber tunlichst aus rein innenpolitischen Entscheidungen des Landes, dessen Gastfreundschaft er in vollen Zügen zu geniessen versteht, heraushalten.
    Wenn sich sein Vorgesetzter schon für eine ähnlich aggressive Äusserung entschuldigen muss, er selbst aber eine Rücknahme seiner Worte für nicht erforderlich hält, legt dieses Verhalten überdeutlich seine diplomatische Qualifikationen sowie die innere Einstellung zu seinem Gastland dar.
    Dem ukrainischen Volk zolle ich höchsten Respekt und mein Mitgefühl gilt allen, die unverschuldet in dieses Verbrechen hineingezogen werden, Verbunden mit dem Wunsch, der Schrecken möge lieber heute als morgen ein Ende finden. Und es soll nicht aufgrund eines unwürdigen Vertreters meine absolute Empathie verlieren.

    Antworten


Möchten Sie Ihre Gedanken teilen?

Ihre E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht