Screenshot Trailer "Hotel Ruanda"

Paul Rusesabagina wird zum Symbol für den Umgang mit Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechten in Ruanda.

Paul Rusesabagina (67) ist durch den Film Hotel Ruanda weltweit bekannt geworden. Jetzt wurde er in der Hauptstadt Ruandas, in Kigali, wegen Terrorismus verurteilt. 25 Jahre wird er hinter Gittern verschwinden. Lebend wird er sein Gefängnis kaum noch verlassen. Was ist passiert?

Es geht immer noch um die 100 Tage des Völkermords in Ruanda von Anfang April bis Juli 1994. Hunderttausende Menschen sind im Bürgerkrieg damals ermordet worden. Überwiegend Angehörige der Ethnie der Tutsi. Damals wurde Rusesabagina auf die Schnelle von seinem Arbeitgeber zum Manager des Hôtel des Mille Collines in Kigali gemacht. In den Wirren und unter den Bedingungen dieses mörderischen Bürgerkrieges rettete nach allem, was wir wissen weit über 1000 Menschen das Leben, die sonst ermordet worden wären, indem er beschützte; Beziehungen spielen ließ, potenzielle Mörder mit Alkohol versorgte und so davon abhielt, ins Hotel einzudringen. Eine unvorstellbare Situation.

Er ist 1996 mit seiner Familie nach Belgien geflohen, weil man ihm in Ruanda nach dem Leben trachtete. Dann hat er sich der Opposition gegen Staatschef Kagame angeschlossen, der zum Wohlgefallen aller möglichen Beobachter Wirtschaftswachstum zu Wege brachte und Infrastruktur, der aber andererseits jegliche Kritik an seiner Person und Amtsführung brutal unterdrückte, der Kritiker bis in die Hauptstädte anderer Länder verfolgen und töten ließ. Die FAZ berichtete: „Seit 1994 wird Ruanda von dem Diktator und ehemaligen Rebellenführer Paul Kagame mit eiserner Faust regiert. Kagame duldet keinen Widerspruch. Wahlen gewinnt er regelmäßig mit 98 oder 99 Prozent der Stimmen; politische Gegner verschwinden oft spurlos.“

Kagame trug den Krieg in den Kongo. Er ist in erster Linie verantwortlich, dass es in den Folgejahren in den östlichen Provinzen der Demokratischen Republik Kongo einen Krieg gab, der über eine Million Opfer verursachte und der Teil des heute so genannten afrikanischen „Weltkriegs“ wurde, der erst 2017 offiziell beendet werden konnte. Über diesen Krieg und dessen Ursachen ist in den deutschen Medien verhältnismäßig wenig zu erfahren. 2018 wurde Dr. Dennis Mukwege aus dem Kongo der Friedensnobelpreis wegen seines unglaublich tapferen Kampfes gegen die sexualisierte Gewalt im dortigen Krieg verliehen. Damals stieg für kurze Zeit das Interesse an der Aktualität in der Demokratischen Republik Kongo.

Wie wenig sachkundig der Umgang mit den Verhältnissen in dieser Ecke der Welt ist, zeigt sich in der Person Rusesabaginas. In der TAZ erschien am 20. September ein Bericht über den Prozess gegen ihn, der bei mir Übelkeit auslöst. „Vom Filmhelden zum Terroristen“ war da noch vor der Urteilsverkündung zu lesen. Es hieß über Rusesabagina, er habe eine Geschichte erzählt, die „im Hollywood-Film Hotel Ruanda verfilmt wurde, was allerdings manche Völkermordüberlebende später als geschönte Fiktion bezeichneten.“

Für die Behauptung des Autors von der „geschönten Fiktion“ wird im TAZ-Text kein Fetzen eines Belegs gebracht. Ginge es im Text um eine Politikerin der Grünen, hätte es sofort erregt geheißen: Wo ist die Quelle? Gegenüber dem Man of Color Rusesabagina scheint das nicht erforderlich zu sein. Darin steckt so etwas wie ein Schlagzeilen-Rassismus.

Ein Hollywood-Film? Wer hat ihn produziert und bezahlt? Auch die Tagesschau fabulierte am 20. September über den „Hollywood-Helden“, der zum „Terrorverdächtigen“ wurde. Offenbar schreibt man da voneinander ab. Und der Tages-Anzeiger weiß: „Rusesabagina arbeitete als Taxifahrer in Brüssel, als Hollywood 1999 an seine Tür klopfte und danach sein Leben in «Hotel Ruanda» verfilmte. Er war nun berühmt, das Mahnen und Warnen vor weiteren Völkermorden wurde zu seinem Beruf, er trat auf der ganzen Welt auf.“

Dazu passt eben die Mär vom Hollywoodfilm. Der Film wurde nicht von Hollywood produziert, sondern von „Kigali Films, Miracle Pictures/Seamus Production zusammen mit Inside Track und Mikado Film“. Regisseur Terry George legt Wert darauf, dass der Film unabhängig von Hollywood entstanden sei: „Hollywood macht für so ein Projekt keinen Dollar locker. Als unabhängige Produktion genossen wir die Freiheit, mit Don Cheadle und Sophie Okonedo die Schauspieler auszuwählen, die wir wollten. Es hätte mich auch wahnsinnig gemacht, die Geschichte aus der Perspektive des UN-Colonels aufzurollen, also noch mal einen dieser üblichen Hollywood-Schinken über einen ehrenwerten weißen Mann abzuliefern, der in Schwarzafrika scheitert. Ich erzähle von einem wahren afrikanischen Helden.“

Es kann doch nicht so schwierig, einfache Sachverhalte ordentlich zu recherchieren statt von Hollywood-Helden und Hollywood-Filmen zu faseln, die mit Hollywood nichts zu tun haben.

In Rusesabaginas Fall kommt man immer wieder auf die 100 Tages des Terrors und der Massenmorde zurück. Denn da hat die Geschichte ihre Wurzeln. Kritik am Verhalten Rusesabaginas – wie sie in der TAZ ohne Quellenangaben geäußert wurde und wird-, wurde vernehmlich, nachdem der frühere Hotelmanager die Regierungsweise Paul Kagames kritisiert hatte. Der schwedische Journalist Leo Lagercrantz hat 2012 in der Süddeutschen Zeitung Kritiker zum Reden gebracht und dann Rusesabagina befragt: Der damalige Hotelmanager sei auf Geld aus gewesen, ein Held sei er nicht, so der Vorwurf. Der Angeschuldigte antwortete in der SZ: „Bisher hat niemand solche Sachen behauptet. Erst jetzt, nachdem ich mich politisch geäußert habe und Präsident Paul Kagame sich bedroht fühlt. Fragen Sie doch die Leute, die mich kritisieren, warum sie das gerade jetzt tun.“ Bei all dem gehe es nur darum, dass Kagame wütend auf ihn sei. Lagercrantz: „Daran kann durchaus etwas Wahres sein.“

Rusesabagina war Teil einer Opposition, die auch mit Gewalt versucht hat, die Verhältnisse in Ruanda zu ändern. Er sagt, er habe selbst keine Gewalttaten verübt. Er wurde im Auftrag Kagames nach Kigali entführt – oder besser verschleppt. Es wurde ihm nach längerem ein Prozess gemacht, der nach deutschen Maßstäben keinesfalls als strafrechtlich einwandfrei und fair gewertet werden kann. Auch die Berichterstattung über die Prozess-Umstände ist kein TAZ-Ruhmesblatt. Beispiel: „Quellen aus Ruandas Präsidentschaft betonen, dass es sich beim Prozess gegen Rusesabagina nicht um die persönliche Verfolgung eines politischen Oppositionellen handele…“ Welche Quellen? Was bedeutet der Hinweis: „Quellen aus Ruandas Präsidentschaft“? Wer steckt dahinter? Geht es da etwas genauer? Und: Warum diese Geheimniskrämerei?

Der österreichische EU-Parlamentsabgeordnete Hannes Heide (Mitglied der SPÖ) erklärte am 21. Februar 2021 mit Blick auf den Prozess und die Situation in Ruanda: „Das Land bietet sich als sicher und stabil an, wirbt in Europa um Touristen und sponsert sogar ein Premier League-Fußballteam. Der Fall Rusesabagina, der Umgang mit den Rechten eines Bürgers Belgiens und damit der Europäischen Union, stellt allerdings alle diese Bemühungen in den Schatten… Das sind nicht die Nachrichten, die wir aus Ruanda erhalten wollen, denn sein Schicksal ist freilich kein Einzelfall. Immer wieder kommt es zu Rechtsverletzungen im Zusammenhang mit Inhaftierungen von Regierungskritikern. Zahlreiche Fälle von Verfolgung und Todesfällen in Polizeigewahrsam oder Haft bleiben unaufgeklärt. Der Umgang mit Paul Rusesabagina wird daher zum Symbol für den Umgang mit Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechten in Ruanda.“

Es passt auch ins Bild der Berichterstattung über den Fall Rusesabagina, dass Forderungen des Europäischen Parlaments kaum Beachtung fanden.

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Klaus Vater
Über  

Redakteur 1972 und bis 89 in wechselnden Redakteursaufgaben. 90 bis 99 wiss. Mitarbeiter der SPD-Bundestagsfraktion, Büroleiter Dreßler, 2000 Sprecher Bundesarbeitsministerium, dann des Bundesgesundheitsministeriums, stellv. Regierungssprecher; heute: Publizist, Krimiautor, Lese-Pate.


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