Hans Küng

Plädoyer für den aufrechten Gang – Zum Tod des Theologen Hans Küng


Zum Ökumenischen Kirchentag 2010 in München hatte Hans Küng seinen eigenen Gong aus Tübingen mitgebracht – auf dass der Dialog voranschreite und „speditiv“, sprich: zügig verlaufe. Disziplin und Ungeduld kennzeichneten den großen Kritiker der katholischen Kirche, der am 6. April 2021 im Alter von 93 Jahren verstorben ist. Hin und wieder blitzte auch Humor auf, etwa wenn er augenzwinkernd sagte, er könne freiheraus die Wahrheit sagen, schließlich sei er kein Kardinal.

Die Karriere in seiner Kirche hatte sich der brillante Theologe früh versperrt. Seine öffentlichen Zweifel an der Unfehlbarkeit des Papstes quittierte der Vatikan 1979 mit dem Entzug der kirchlichen Lehrerlaubnis. Das schmerzte Küng, der nie aufhörte auf Versöhnung zu hoffen. Doch in seinen Überzeugungen blieb er unerschütterlich und unermüdlich in seinem Kampf. Ein frommer Rebell, wie viele ihn nannten. „Wir aber sollten“, sagte er beim Kirchentag in München, „uns nicht mit Reförmchen begnügen, nein, wir sollten eine neue zweite Reformation – nicht zur Spaltung, sondern zur Einheit der Kirche – fordern.“

Hans Küng suchte und schuf neue Wege für sein Wirken. Die Stiftung Weltethos würdigte ihren „charismatischen und menschlich beeindruckenden“ Gründer als „visionären Vordenker für eine gerechtere und friedlichere Welt“. Er warb für einen gemeinsamen Wertekanon der Religionen und ein Grundethos der Menschen, um Frieden zu wahren und die problematischen Folgen der Globalisierung einzudämmen.

Die großen Weltreligionen rückte Küng als Direktor des unabhängigen Tübinger Instituts für ökumenische Forschung in den Mittelpunkt seines Wirkens. Zugleich blieb er für viele Katholiken eine Instanz in den drängenden Reformfragen der katholischen Kirche. Früh hatte Küng die vielfache Krise – Glaubenskrise, Vertrauenskrise, Autoritätskrise, Führungskrise und Vermittlungskrise – thematisiert und Reformen angemahnt, um die es auch in den aktuellen Auseinandersetzungen geht.

„Menschenverachtend“, nannte er den Umgang mit Andersdenkenden und Kritikern in den eigenen Reihen; scharf kritisierte er die Diskriminierung der Frauen, die Verbote von Empfängnisverhütung, Priesterehe und Frauenordination; er problematisierte „rigoristische und polarisierende Positionen“ in Fragen wie Homosexualität, Stammzellenforschung, Abtreibung und Sterbehilfe. Und er blieb in seiner Kritik grundsätzlich: In der katholischen Kirche des 19./20. Jahrhunderts habe sich, schrieb Küng in einem Beitrag für die Blätter für deutsche und internationale Politik, „ein typischer römisch-katholischer Traditionalismus oder Fundamentalismus herausgebildet, der meint, alles beim Alten lassen zu müssen und zu können.“ Vergangenheitsgläubigkeit führe jedoch „zu schöpferischer Schwäche, geistiger Impotenz und blutleerer Scholastik. Nein, die Traditionalität darf in der Kirche nicht oberstes Gesetz sein. Statt einer rückhaltlosen Festlegung auf irgendeine Vergangenheit bedarf die Kirche vielmehr der Freiheit, die sich in einer kritisch-sichtenden Haltung auch zur eigenen Geschichte manifestiert.“

Enttäuschte Hoffnungen waren viele. Der 1928 im schweizerischen Sursee geborene Küng war mit 26 Jahren zum Priester geweiht und mit 32 Jahren zum Theologieprofessor in Tübingen berufen worden. Von 1962 bis 1965 wirkte er als Berater im Zweiten Vatikanischen Konzil – zusammen mit Joseph Ratzinger, dem Studienkollegen und späteren Papst Benedikt XVI. Den traf Küng 2005 zu einem Gespräch, doch zu einer Annäherung kam es nicht. Unerfüllt blieben bislang auch die Erwartungen, die Küng in Papst Franziskus setzte. Im Skandal um den massenhaften sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche zeichnet sich kein nachhaltiges Umdenken des Vatikan ab.

So ging es dem Kirchenkritiker all die Jahre, wie es heute vielen Katholiken in ihrer Kirche geht. Sie verzweifeln an ihr und können sie doch nicht verlassen. Doch die Austrittszahlen steigen beharrlich weiter und mit ihnen wächst der Reformdruck. Die weitsichtigen Analysen von Küng sind in der Welt. Die Forderungen werden nachdrücklicher. Und viele machen eine Leitlinie Küngs zu der ihren: „Ein aufrechter Gang geziemt auch einem Theologen.“

Bildquelle: UNED Universidad Nacional de Educación a Distancia, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons

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Petra Kappe
Über  

Die promovierte Medienwissenschaftlerin arbeitete mehr als 20 Jahre in der Politikredaktion der Westfälischen Rundschau. Recherchereisen führten sie u. a. nach Ghana, Benin, Bosnien-Herzegowina, Kroatien, China, Ukraine, Belarus, Israel und in das Westjordanland. Sie berichtete über Gipfeltreffen des Europäischen Rates, Parteitage, EKD-Synoden, Kirchentage und Kongresse. Parallel nahm sie Lehraufträge am Institut für Journalistik der TU Dortmund sowie am Erich-Brost-Institut für Internationalen Journalismus in Dortmund wahr. Derzeit arbeitet sie als freie Journalistin.


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