Reflexionen aus dem beschädigten Leben – „Hermann der Krumme oder Die Erde ist rund“

Und so wundervoll ernsthaft geht mit der Inszenierung dieses atmosphärisch dichten Textes  von Christoph Nix seine Ära als Intendant im Theater Konstanz nach 14 Jahren zu Ende. Nein, locker oder gar „cool“ ist diese historisch verbriefte Geschichte aus dem 11. Jahrhundert nicht. Ja, der invalide Neunjährige – d.h. wörtlich übrigens unwert ! – der Junge Hermann – er kann kaum laufen, kann kaum sprechen, kaum schreiben, ist für den erfolgsverwöhnten reichen Vater nur lästig – wird ins Kloster auf die Bodenseeinsel Reichenau abgeschoben; sollen sich die Mönche doch um ihn kümmern, schließlich spendiert der alerte Papa einige Stücke Ackerland im Austausch für den missratenen Sohn.

So, wie Hermann jedoch – das Glück einer wohlhabenden Familie im Rücken – trotz alledem und alledem bei den Benediktinern ein gutes Leben mit umfassender Herzens-Bildung entfalten kann, ist ein besonderes Schicksal und bedeutet, dass er zu einem weisen Gelehrten sich entwickeln konnte.

Hier treffen eine besondere Innigkeit zwischen Hermann und den Mönchen (besonders Georg Melich als Berthold) in der insularen Lage der Reichenau geradezu kongenial mit einem besonderen Innehalten zusammen, so dass so etwas wie naturwissenschaftliche Transzendenz entstehen kann. Zwar konkurrieren manche Mönche auch untereinander heftig um die Gunst des Papstes, doch erscheint der beeinträchtigte Hermann als besonderes Licht im Tumult der geistlichen Rivalen und besänftigt so auch das Klima im Kloster. In der Team-Inszenierung (Co-Regie: Zenta Haerter und Lorenz Leander Haas ) tritt Hermann in zwei Figuren auf: Sarah Siri Lee König verkörpert die weiblichen Aspekte und gibt dem Hermann ihre schöne sanfte, von Weisheit durchdrungene Stimme, und Mike Planz tanzt bravourös wie eine Pina-Bausch-Figur das leibliche Leiden, den seelischen Schmerz und auch eine ganz ursprüngliche Freude vielleicht an seiner unverhofften eigenen Resilienz im Schutz der Klostermauern.

Es war an diesem leuchtenden Sommerabend insgesamt eine denkwürdig konzentrierte Ensembleleistung – inclusive des traumhaft klingenden Münsterchores – draußen vorm Konstanzer Münster zu genießen, ein FREILUFT-Theater, das besonders auf dem Hintergrund der bedrohlichen globalen Krisen in fast andachtsvoller Erinnerung bleiben wird.

Bildquelle: Theater Konstanz. Ilja Mess

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Marianne Bäumler

Die Theater-, Film- und Literaturkritikerin schreibt für diverse Zeitungen und arbeitet für den öffentlich rechtlichen Rundfunk. Sie promovierte über Erich Kästner, lehrte an der Universität Marburg, arbeitete als Dramaturgin und machte Dokumentarfilme für den WDR und andere ARD-Sender.


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