Schalke-Fahne

Schalke, der Volksklub und Meister der Tränen – Vor 20 Jahren fehlten 4:38 Sekunden

Es war ein Samstag, blauer Himmel nicht nur über der Ruhr, sondern über dem mit 70000 Zuschauern prall gefüllten Parkstadion in Gelsenkirchen. Ein guter Freund hatte Karten für das letzte Spiel der Schalker gegen Unterhaching besorgt, zugleich das letzte Spiel im Stadion, das einst Jahrzehne vorher für die Fußball-WM 1974 in Deutschland gebaut worden war und das die Glückauf-Kampfbahn in der Stadt der Tausend Feuer-so hieß sie mal, als die Schlote noch qualmten- ablöste. Die neue Arena war schon fertig, eine Halle, deren Dach man öffnen konnte. Es war die Zeit königsblauer Träume, wieder einmal. Und unten auf dem Rasen sollte sich ein Drama abspielen, das man hier zumindest im Zusammenhang mit Fußball noch nie erlebt hatte. Schalke hatte die Riesen-Chance, Deutscher Meister zu werden, das erste Mal seit 1958. Und 4:38 Sekunden hatten die Knappen die Hände an der Schale, feierten Tausende, als hätten sie im Lotto gewonnen, schossen Raketen in die Luft, doch dann zerplatzten die Träume,weil die Bayern in der Nachspielzeit beim HSV noch den Ausgleich erzielten. 

Schalke 04, das ist nicht nur irgendein Fuballklub in einer Stadt, der es nicht gut geht und zu der die heutige missliche Lage des Bundesliga-Vereins trefflich passt. Hätte. Wenn. Aber. Das gehört zu Schalke irgendwie dazu. Dem Jubel folgt oft die Trauer. Himmelhochjauchzend, zu Tode betrübt.

Ja, ich war damals im Stadion, hatte einen Tribünenplatz in der Mitte, ziemlich hoch unterm Dach. Optimistisch war ich nicht, weil die Bayern zu oft schon  mit letzter Kraft und Dusel und so weiter gewonnen hatten und Meister geworden waren. Aber in Hamburg zu siegen, das war auch nicht so einfach. Und so nahmen wir Platz im Parkstadion und verfolgten das merkwürdige Spiel, in dem die Heimmannschaft zunächst und lange ganz schlechte Karten hatte. Unterhaching, ein kleiner Verein vor den Toren der heimlichen Hauptstadt München, spielte die Schalker Abwehr mehrfach aus. Die Tore konnte man ahnen. Ich erinnere mich noch genau, wie ein Hachinger Spieler gleich zu Beginn des Spiels auf der linken Seite freigespielt wurde und in die Mitte flankte. Ich sagte zu meinem Freund nur: Der ist drin. Und Sekunden später war es passiert. Mein Nachbar auf der anderen Seite der Sitzreihe fand meine Kommentierung überhaupt nicht lustig. Er schaute mich ziemlich mürrisch an: „Können Sie nicht die Klappe halten?“ Als hätte ich mich über den Treffer gefreut! Eine Viertelstunde später, Schalke lief immer noch den Hachingern hinterher, eine ähnliche Szene, nur von der rechten Seite. Flanke, wieder war in der Mitte ein Hachinger Spieler frei. Ich sah das Unheil kommen, wandte mich wiederum an meinen Freund und deutete auf das Spiel: „Der ist auch drin.“ Was meinen Nachbarn auf der anderen Seite in Rage versetzte: „Halten Sie doch einfach mal den Mund!“ Er schob noch eine unfreundliche Bemerkung hinterher, als hätte ich die Tore gegen Schalke verursacht.

Minuten vergingen. Schalke lief, kämpfte, erst kurz vor der Halbzeit schossen sie den Anschlusstreffer und mit dem Pausenpfiff erzielte Gerald Asamoah den Ausgleich. Na, endlich, kommentierte mein Nachbar, es geht doch. Er schaute mich an, als erwartete er meine Kommentierung wie bei den Gegentreffern. Ich habe ihm dann klargemacht, dass ich S-04-Fan sei, wie er. Nach der Pause wurde das Spiel nicht viel besser, wieder ging Unterhaching in Führung, aber dann kam Jörg Böhme, den Rudi Assauer mal als einen Verrückten bezeichnet hatte, weil der so verrückte Sachen machen konnte. Böhme schoß den Ausgleich und kurz drauf ging Schalke in Führung. Jetzt tobte das Stadion, denn in Hamburg stand es immer noch 0:0. Ebbe Sand erhöhte kurz vor Schluss auf 5:3 für Schalke. Überall auf den Rängen hört man die Übertragung des Bayern-Spiels in Hamburg über Transistor-Radios mit. 17:16 Uhr. Es kann nicht mehr lange dauern. Dann plötzlich Jubelschreie im Parkstadion, Barbarez hatte per Kopf das 1:0 für den HSV erzielt, Oliver Kahn war machtlos. Banges Warten auf den Rängen in Gelsenkirchen, niemand verließ das Stadion. In Schalke fühlten sie sich als Meister, Zuschauer umarmten sich, hauten sich auf die Schultern.

Aber in Hamburg wurde noch gespielt, man hatte etwas verspätet begonnen. Eine Minute verging. Inzwischen konnte man auf einer kleinen Leinwand im Parkstadion das Spiel in Hamburg mitverfolgen. In Schalke pfiff der Schiro ab, die Spieler liefen wild durcheinander, auch Betreuer, Trainer Huub Stevens, Rudi Assauer war zu sehen. Einige glaubten, Schalke sei schon Meister, aber in Hamburg war noch nicht Schluss. Mit bangen Blicken sahen Tausende Schalke-Fans die letzten Minuten auf der Leinwand. Oliver Kahn trieb seine Spieler nach vorn: Weiter, weiter, schrie er. In Schalke schossen sie Raketen in die Luft, Assauer, den Blick auf die Leinwand gerichtet, versuchte vergeblich Ruhe herzustellen, winkte ab, rief und deutete auf die Leinwand. Immer noch kein Ende in Hamburg.  Plötzlich ein Pfiff an der Alster, Schiri Merk hatte einen  Rückpass eines Hamburger Spielers auf den HSV-Torwart Schober-ein ehemaliger Schalker- gesehen, was regelwidrig ist, wenn der Torwarnt wie in diesem Fall Schober den Ball mit den Händen aufnimmt. Es folgte ein indirekter Strafstoß, acht Meter vor dem Tor. Im Parkstadion vermischen sich Jubelschreie mit vergeblichen Rufen zur Besonnenheit. Assauer zeigte auf die Leinwand, während bereits Tausende von Fans auf dem Stadion-Rasen toben. Dann tippte Effenberg den Ball an und der Schwede Andersson drosch ihn flach ins linke Eck. Es war in der 93:43 Minute des Spiels.  Kahn riss in Hamburg die Eckfahne aus ihrer Halterung, warf sich zu Boden. In Gelsenkirchen brachen die anderen Dämme, Tränen flossen.

„Das gibts ja nicht,“ stammelte Assauer. „Ab heute glaube ich nicht mehr an den Fußball-Gott, weil er nicht gerecht ist“. Olaf Thon, der neben Andy Möller überragende Spieler dieser Fast-Meistermannschaft, fand:“ Wir haben sehr viele Sympathien gewonnen und den besten Fußballl gespielt“. Aber die Schale nicht in den Händen halten können. Es folgten Vergleiche mit der Titanic, mit einem Flugzeugabsturz, dabei hatten sie nur die Meisterschaft nicht gewinnen können, niemand war umgekommen. Und wie zum Trotz sangen sie das Schalker Lied: „Blau und Weiß, wie lieb ich dich..“

Zweiter wurden sie, wie mehrfach in den Jahren danach. Sie waren in dem Jahr 2001 mindestens auf Augenhöhe mit dem FC Bayern, nicht finanziell, aber fußballerisch. Meister wurden die Bayern, immer wieder, Schalke blieb der Trost der Erinnerung. Sechsmal waren sie Meister vor dem Krieg, und nur einmal danach, 1958. Und jetzt, nach einer rabenschwarzen Saison, steigen sie ab in die Zweite Bundesliga und werden sich messen auch mit dem HSV. Ironie der Geschichte? Was auch zeigt, woran es der Bundesliga seit Jahren mangelt: An einer Spannung wie damals, die Dominanz der Bayern verursacht Langeweile. Es ist müßig darüber zu reden, was passiert wäre, hätte Schalke damals die Schale nicht nur angeschaut, sondern mitgenommen an den Schalker Markt, wo einst alles begann mit diesem verrückten Klub. Den man seitdem Meister der Herzen nennt. Das passt zu diesem Verein, der nicht normal ist, wo man immer mal wieder den Boden unter den Füßen verliert, weil man Träume und Wirklichkeit nicht unter einen Hut bekommt. Der Klub hat 160000 Mitglieder, rund fünf Millionen Fans in aller Welt. Das sind Spitzenwerte, in Deutschland rangiert Schalke damit an vierter, weltweit an sechster Stelle. Für den Fußballklub FC Schalke 04, der mit einem hohen Schuldenberg belastet ist, beginnt das Unternehmen Wieder-Aufstieg wieder einmal. Es ist noch viel Luft nach oben.

Die 2001-Legende ist bitter, vor allem für jene, die damals dabei waren und heute wieder oder immer noch für Schalke tätig sind: Gerald Asamoah, Mathias Schober, der Unglücksrabe. Doch diese Legende hilft ihnen nicht weiter. „Entscheidend is´  auf´m Platz.“ Hat Adi Preissler gesagt. Den ich eigentlich in diesem Zusammenhang nicht zitieren dürfte, denn dieser Preissler hat für den BVB gespielt in den 50er Jahren. Und dieser trickreiche und raffinierte Stürmer hatte die Schwarzgelben damals von ihrem Albtraum befreit, im Duell um die Nummer eins im Revier stets dem FC Schalke 04 hinterherzujagen, so stand es in der FAZ.  Der BVB gewann auch dank eines Adi Preissler 1956 und 1957 in exakt derselben Aufstellung zweimal hintereinander die deutsche Meisterschaft.

Bildquelle: Pixabay, Bild von jorono, Pixabay License

Teilen Sie diesen Artikel:
Keine wichtigen Nachrichten mehr verpassen!

Abonnieren Sie unseren Newsletter und werden Sie einer unserer 5 151 Abonnenten.



Alfons Pieper

arbeitete als stellvertretender Chefredakteur und Berliner Chefkorrespondent für die WAZ. 2009 gründete Pieper den Blog "Wir in NRW". Heute ist er Chefredakteur des Blogs der Republik.


'Schalke, der Volksklub und Meister der Tränen – Vor 20 Jahren fehlten 4:38 Sekunden' hat keine Kommentare

Als erste/r kommentieren

Möchten Sie Ihre Gedanken teilen?

Ihre E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht