Doping

Schuld sind immer die anderen – Doping im Sport keine Ausnahme

Der Sport- und hier nicht nur der Fußball- ist für mich die schönste Nebensache der Welt. Ob Laufen, Radfahren, Skilanglaufen, der Freizeitsport macht einen irgendwie frei, vertreibt Spannungen. Der Kopf wird frei wie der ganze Körper, Sport ist herrlich. Ich rede vom Amateursport, wie wir ihn betreiben, jeder für sich allein oder in der Gruppe, um sich zu entspannen, um sich zu bewegen. Man kann auch ins Fitnessstudio gehen, aber das ist Geschmacksache. Warum ich das aufschreibe? Weil ich mich maßlos ärgere über die Auswüchse im Profi-Sport, über die nicht abreißenden Doping-Fälle, in meinen Augen Betrug am Publikum und am Gegner, der nicht dopt, der sauber ist, auf Spritzen und Pillen und Blut verzichtet. Der Spitzensport, dem wir früher mal zugejubelt haben, ist leider zu einem Spritzensport verkommen.

Wer kann schon sicher sein, ob der Athlet X sauber ist, der gerade den 100-Meter-Lauf gewonnen hat? Sind Sie sicher, dass der Torschütze Y, der gerade das Siegestor Ihres Lieblingsvereins geschossen hat, nicht gedopt ist? Wer weiß schon, ob der Biathlet rein ist, der ausgepumpt durchs Ziel läuft, sich kraftlos in den Schnee wirft, von seinen Freunden umarmt wird, weil er das Staffel-Gold gewonnen hat? Wer weiß schon, welche Weltmeister vor dem Start nicht an der Bluttankstelle waren, um sich dort mit Eigenblut aufzufrischen, um sich fitzumachen fürs Finale? Ich weiß, dass es unfair ist, hier einen Generalverdacht zu äußern, mit dem man jeden Sportler verdächtigen kann.

Nach der Sperre Goldmedaille

Es ist ein Jammer, dass das alles so gekommen und verkommen ist. Nehmen wir als Beispiel die gerade zu Ende gegangene Nordische Ski-WM im herrlichen Seefeld in Österreich. Ein Beispiel, das vieles aussagt: Da gewinnt die blonde norwegische Skiläuferin Therese Johaug über 30 Kilometer ihre dritte Goldmedaille dieser WM, sie freut sich wie eine Schneekönigin, springt in die Höhe. Bilder für die Nachwelt. Aber ungetrübte Freude? Die Norwegerin hatte gerade eine 18monatige Doping-Sperre hinter sich und trat stärker auf denn je. Die 30jährige Johaug war wegen einer Lippencreme gesperrt gewesen, die ein Steroid enthielt. Sage niemand, die Athletin oder ihr Trainer und Betreuer seien ahnungslos gewesen. Wer glaubt schon an diese Kindermärchen? Mir fällt dann immer der deutsche Olympiasieger über 5000 Meter  Baumann  ein, dem ein unerlaubtes Mittel in der Zahnpasta nachgewiesen wurde und der sich ahnungslos gab. Schade, ich habe diesen Läufer immer sehr geschätzt. Der weiße Afrikaner, so sein Spitzname, weil er mit den Läufern aus Kenia und Äthiopien mithalten konnte. Und dann das! Auch wenn er beteuerte, unschuldig zu sein. Zweifel bleiben, mindestens.

Aber zurück zum Wintersport. Unmittelbar vor Beginn der Biathlon-WM in Schweden haben sich deutsche Sportlerinnen und Sportler besorgt geäußert, dass es auch während der Biathlon-Wettkämpfe wieder zu Doping-Fällen kommen könnte. Damit muss gerechnet werden. Die Sorge der mehrfachen Olympiasiegerin Magdalena Neuner ist berechtigt. Wettkämpfe haben Doper nie davon abgehalten, auf Spritzen und Pillen zu verzichten. Sie wollen schließlich gewinnen und zwar mit allen Mitteln. Blut-Doping soll ja schwer nachweisbar sein. Wenn das so ist, werden die Bluttankstellen viel zu tun haben. Mir fällt das schreckliche Bild ein, das der Fernseh-Zuschauer von der WM in Seefeld ins Wohnzimmer geliefert bekam. Der österreichische Langläufer Max Hauke blickte ein wenig ängstlich in die Kamera, in seinem Arm steckte eine Bluttransfusionsnadel, neben ihm ein Polizist. Hauke wurde also in flagranti erwischt. Widerlich, diese Szene. Aber Hauke war nicht der einzige, während der WM in Seefeld waren vier weitere Langläufer vorübergehend festgenommen worden. Und bevor jemand mit dem Finger Richtung Wien zeigt, sei erwähnt, dass auch die Deutschen mit im Spiel sind. Ein gewisser Sportarzt S. aus Erfurt war erwischt, seine Praxis wohl zu einem Doping-Labor ausgebaut worden mit einem umfangreichen Kundenstamm.

Kronzeuge gilt als Verräter

Deutsche Sportlerinnen und Sportler waren zunächst nicht in diesen Skandal verwickelt, was aber nichts heißen muss. Die Ermittler haben mehr als 40 Blutbeutel in der Praxis  sichergestellt. Über entsprechende DNA-Vergleiche kann man  die Beutel den Spendern zuordnen. Und klar ist, dass in dieser Erfurter Praxis auch rund deutsche  75 D-Kader-Athleten untersucht worden seien. Wir sollten also mit Schuldzuweisungen Richtung Österreich vorsichtig sein. Dieser Dopingfall entwickelt sich gerade. Wer weiß, welche Ausmaße er noch annimmt. Hajo Seppelt, der unermüdliche und unerschrockene ARD-Journalist, befürchtet eine große Dimension. Ihm ist es zu verdanken, dass dieser Fall aufgeklärt werden kann. Seppelt hatte den österreichischen Langläufer Johannes Dürr zu einem Geständnis bringen können. Dürr, der Kronzeuge, muss sich seitdem Kritik gefallen lassen, er wird als Verräter hingestellt, Nestbeschmutzer. So ist das schon immer gewesen, dass der Überbringer der Botschaft der Übeltäter war.

Doping im Sport. Das klingt fast wie Alltag. Thema Wintersport.  Man denke an die Russen, denen man staatlich verordnetes Doping vorwarf, deren Athleten sperrte. Aber vergessen wir Deutschland nicht, einen zurückliegenden Fall,  denken wir an Johannes Mühlegg, den deutschen Langläufer, der für Spanien startete, bei Olympia alles abräumte, dann aber überführt wurde. Mühlegg musste alle Medaillen zurückgeben. Seine Ausreden lohnen nicht, sie hier zu zitieren. Sie sind heute genauso faul wie damals, als er dunkle Mächte ins Spiel brachte. Aber es ist nicht nur der Wintersport, der längst keine weiße Weste mehr hat. Wie bei Fuentes, schrieb die SZ in ihrem Sportteil, um auf einen der größten Doping-Skandale im Sport, im Radsport hinzuweisen und jenen spanischen Gynäkologen zu erwähnen, bei dem man einst 223 Blutbeutel sichergestellt hatte. Das war vor der Tour de France 2006. Viele der Radsport-Helden waren gedopt, Lance Armstrong, der mehrfache Tour-Gewinner, Jan Ullrich, der Deutsche, der lange alles bestritt, Floyd Landis, der Däne Bjarne Riis, Ivan Basso, Erik Zabel, Jörg Jaschke, Alexander Winokourow und viele andere mehr. Auch Fußballer seien Fuentes-Kunden gewesen, hieß es, die Untersuchung wurde aber vorzeitig gestoppt.

Doping-Praxis in der DDR

Die Leichtathletik gilt als die Königin des Sports, aber auch hier hat der Spritzensport den Spitzensport versaut. Prominenteste Vertreter waren u.a. Marion Jones, Tim Montgomery, Ben Johnson, der Olympiasieger über 100 Meter in Seoul, oder nehmen wir Justin Gatlin, der des Dopings überführt wurde. Zu erinnern ist an Katrin Krabbe, Grit Breuer und den Trainer Thomas Springstein, überhaupt an die Doping-Praxis in der ehemaligen DDR, die schon bei Kindern vorgenommen worden war und zu schweren Erkrankungen geführt hatte.

Doping im Gewichtheben, im Rugby. Und natürlich im Fußball. Die Geschichte ist nicht bewiesen, aber die Verdächtigungen gegen die deutsche WM-Mannschaft von 1954 sind schon massiv. Viele der Weltmeister wurden nach dem Endspiel von Bern krank, eine mysteriöse Gelbsucht ließ die Kicker erkranken. Es klingt wie eine Mär, dass sie nur Zuckerstäbchen eingenommen hätten, es sollen Spritzen herumgelegen, Kanülen gesichtet worden sein. Das Wunder von Bern könnte andere Gründe gehabt haben. Und hatte nicht der Torhüter der deutschen Nationalelf in den 80er Jahren, Toni Schumacher, mal ein Buch geschrieben und darin Andeutungen gemacht über Doping im Fußball? Anpfiff hieß das Werk, Schumacher wurde danach suspendiert.

Doping in Deutschland, das ist ein Thema. Der Name des Freiburger Arztes Klümper steht dafür. Die heile Welt im Sport gibt es nicht, es gab sie nie. Und es wird Zeit, die Märchen durch Fakten zu ersetzen, die Wahrheit. Es wird Zeit, den Saustall auszumisten. Es handelt sich nicht um Kleinigkeiten, nicht um Kavaliersdelikte, es ist Betrug, der zudem die Krankheit der Sportler ruinieren kann. Der zu Todesfällen geführt hat. Man denke an die 100-m-Weltrekordlerin Florence Griffith-Joiner, an den Radsportler Tom Simpson, er starb bei der Tour de France vor laufenden Kameras. Thomas Kistner, Sport-Redakteur der Süddeutschen Zeitung, ein entschiedener Gegner von Doping im Sport, hat kürzlich in einem Kommentar an Perikles Simon erinnert. „Der Mainzer hatte mit einer Forschergruppe für den Weltsport eine Doping-Dunkelziffer von mehr als 40 Prozent ermittelt. Die Expertise blockierte der Sport sofort. Simon stieg 2017 aus.“ Warum? Doping ist ein weltweites Übel, das nur mit gemeinschaftlichen Anstrengungen ausgerottet werden kann.  Wer mit dem Finger auf andere zeigt, sollte bedenken, dass drei Finger derselben Hand auf ihn zurückweisen. Schuld sind nicht immer die anderen.

Es wird Zeit, höchste Zeit.

Bildquelle: Pixabay, stux, Pixabay License

 

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Alfons Pieper

arbeitete als stellvertretender Chefredakteur und Berliner Chefkorrespondent für die WAZ. 2009 gründete Pieper den Blog "Wir in NRW". Heute ist er Chefredakteur des Blogs der Republik.


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