Flagge Zeigen - Buchtitel

Schwarz-Rot-Gold- Warum denn nicht! Die Flagge als Symbol für unsere Demokratie

Ich weiß nicht, warum sich so mancher Deutsche so schwer tut mit der schwarz-rot-goldenen Flagge. Sie ist die Fahne der Bundesrepublik Deutschland. Keine Frage. Und der Farben-Mix sieht zudem gut aus. Warum überlassen wir, die Demokraten, diese Flagge mit diesen schönen Farben denen, die unser demokratisches und erfolgreiches System bekämpfen? Gemeint die Rechtsextremen, gemeint Pegida, die Vorfeldorganisation der AfD, Schwarz-Rot-Gold das waren die Farben des Hambacher Festes 1832, als Tausende zum Schloß zogen in Hambach in der Pfalz und für Presse- und Meinungsfreiheit, gegen die verhasste Zensur protestierten. Da trugen sie, die Handwerker und Bauern, die Gebildeten, die Studenten, die schwarz-rot-goldene Fahne vor sich her als Symbol für die Freiheiten, die sie nicht hatten, und als Symbol des Kampfes gegen die Unterdrücker, den Adel, die Fürsten.

„Flagge zeigen! Warum wir gerade jetzt Schwarz-Rot-Gold brauchen“. So heißt der Titel des Buches von Enrico Brissa, 1971 in Heidelberg geborener Sohn eines Italieners und einer Deutschen, promovierter Jurist, langjähriger Protokollchef zweier Bundespräsidenten und des Bundestages. Flagge zeigen. Denn Schwarz-Rot-Gold, schreibt der belesene und kenntnisreiche Brissa, „steht für unsere freiheitliche Verfassung und damit das Fundament unserer offenen Gesellschaft“. Recht hat er, der Deutsch-Italiener, der davor warnt, dass dieses schwarz-rot-goldene Symbol zunehmend von den Rechtsextremen okkupiert und umgedeutet werde. Warum lassen wir das zu? Die Rechten wollen diesen Staat nämlich nicht, diese Freiheiten, die in unserem Grundgesetz festgeschrieben sind. Es gibt so manches in diesem Land zu kritisieren, wir können an manchen Fehl-Entwicklungen und Mängeln herummäkeln. Aber eines steht für mich fest: Eine bessere Verfassung, ein besseres System als das jetzige hatten die Deutschen nie zuvor. Das zu verteidigen müsste eigentlich tägliche Arbeit bedeuten, Ansporn für alle Demokraten, den Feinden dieses demokratischen, parlamentarischen Systems nicht das schöne Land zu überlassen.

Flagge zeigen, das muss jetzt nicht bedeuten, dass wir unsere schöne Flagge in Form von Fähnchen in jeden Garten und Kleingarten hängen, sie muss auch nicht auf jedem Hausdach stehen. Aber es gibt natürlich schon Tage, an denen ich mir das Zeigen dieses Symbols als selbstverständlich wünsche. So am Verfassungstag, also dem 23.Mai eines jeden Jahres. Nur als Beispiel. Schwarz-Rot-Gold zu zeigen, heißt für mich nicht, gegen die Flagge Italiens zu sein, oder gegen die französische Trikolore. Wenn die Fußballnationalmannschaften gegeneinander spielen, die Deutschen gegen die Italiener, ein Klassiker für jeden Fußball-Interessierten, bin ich natürlich dafür, dass Deutschland gewinnt. Aber genauso natürlich ist es für mich, dass im Falle einer Niederlage für mich die Welt nicht untergeht und ich die italienische Flagge nicht anzünde.

Gelebter Patriotismus

Wie schön war doch dieser gelebte Patriotismus während des Sommer-Märchens 2006, als die Welt bei uns zu Gast war für eine Fußball-Weltmeisterschaft. Nicht grölend „Schland“ schreiend, was andere verstört´s, sondern fröhlich haben wir gefeiert mit all den anderen aus vielen Teilen der Welt, eben mit den Italienern, gegen die wir in Dortmund verloren und ausschieden. Schade! Aber schön war es doch, das ganze Turnier, die fröhliche und friedliche Atmosphäre, ohne jede Aggressivität. Acht Jahre später gewann Deutschland in Brasilien die WM durch ein feines Tor des Dortmunder Spielers Mario Götze. Als der Fernseh-Kommentator die Flanke von links, geschlagen von André Schürrle, schilderte, Götze den Ball mit der Brust stoppte, riefen wir Fernseh-Zuschauer doch fast alle ins TV-Gerät rein: Mach ihn. Übrigens haben wir uns bei solchen Fußball-Ereignissen oft mit befreundeten Familien privat verabredet, ich hatte ein Fähnchen mit den schwarz-rot-goldenen Farben dabei, auch fürs Endspiel extra die entsprechenden Socken angezogen. Ich würde es wieder tun.

Enrico Brissa plädiert in seinem schönen Buch für mehr Emotionen und einen bewussteren Umgang mit Schwarz-Rot-Gold. Für etwas demonstrieren wir mit den Fahnen, nicht gegen. Brissa selber machte auf einer Demo mit den deutschen Farben in den Händen unangenehmere Erfahrungen. Es war eine Demonstration gegen Ausländerfeindlichkeit und Antisemitismus in Berlin im Herbst 2018. Brissa und Familie gingen mit und trugen absichtlich schwarz-rot-goldene Fahnen bei sich. Sie wurden angepöbelt. Als Nazis beschimpft, unfassbarer Hass schlug ihm und seiner Familie entgegen. „Unteilbar“ hieß die Kundgebung. Brissa erinnert an eine andere Demonstration in Dresden 2018, mit Ausschreitungen gegen Ausländer und mit antisemitischen Sprüchen. Bundesdeutsche Flaggen hissend hätten Demonstranten Banner gezeigt mit Sprüchen wie „Wir sind BUNT bis das Blut spritzt“ und mit Hitler-Grüßen gezeigt, wes Geistes Kind sie sind.

Flagge zeigen empfiehlt der frühere Protokollchef auf den Dampfern bayerischer Seen, die  Kapitäne sollten doch nicht nur Weiß und Blau oder die bayerische Raute zeigen, sondern daneben die Bundesflagge hissen, damit jeder Tourist weiß, dass die regionale Fahne neben der Bundesfahne im Wind weht. Warum eigentlich nicht?!

Toleranz, Freiheit, die offene Gesellschaft

Zum Vergleich: Kaum jemand im benachbarten Frankreich käme auf die Idee, die blau-weiß-rote Trikolore als Symbol eines verhassten Staates zu schmähen oder sie aus Scham nicht zu zeigen. Oder aus Angst, damit möglicherweise die nationalen Gefühle anderer Europäer zu verletzen. Auch die Amerikaner, das haben wir bei verschiedenen Besuchen in den Staaten oft gesehen, tragen ihre Fahnen, das Sternenbanner mit einem gewissen Stolz vor sich her oder präsentieren sie in ihren Gärten.

Die Flagge gehört den Demokraten. Sagt Enrico Brissa. Die große Mehrheit der Deutschen, die sich zum Grundgesetz bekennen, müsse dies auch gelegentlich zeigen. Schwarz-Rot-Gold ist das farbliche Symbol unseres Staates, es steht für Toleranz, Freiheit, Gleichheit, für eine offene Gesellschaft.

Brissas Buch ist ein teils leidenschaftliches Plädoyer für unsere gelebte Demokratie, es ist eine Mischung aus Reportage, historischem Wissen um die wechselhafte deutsche Demokratiegeschichte, manches klingt wie eine Liebeserklärung. Es ist flott geschrieben, aber nicht immer ein leichter Stoff, den man so herunterliest. Man muss schon ein paar Pausen einlegen, weil das Buch einen fordert.

Enrico Brissa: Flagge zeigen. Siedler-Verlag München. 2021. 287 Seiten. ISBN 978-3-8275-0133-2. 20 Euro.

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Alfons Pieper

arbeitete als stellvertretender Chefredakteur und Berliner Chefkorrespondent für die WAZ. 2009 gründete Pieper den Blog "Wir in NRW". Heute ist er Chefredakteur des Blogs der Republik.


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