blökende Schafe

Spreu und Weizen

Heute Morgen war ich bei Aldi. Gusskochtöpfe im Angebot. Früh um 7 40 Uhr- da gibt es noch keine lange Schlange und die Aussichten auf Schnäppchenerwerb sind gut. Satin- Bettwäsche war allerdings kaum noch zu haben, obwohl meine Frau und ich die Ersten am Grabbeltisch waren. Da hatte sich das Personal offenbar schon bedient. -Aber die besondere Art der Selbstbedienung scheint ja in der Republik in Mode gekommen zu sein, doch dazu später. In der Kassenschlange dann das in diesen Zeiten übliche allgemeine Geschimpfe auf die unfähigen und überbezahlten Politiker und eine komplett gescheiterte Bundesregierung. Mir schwillt immer der Hals bei solchen Verallgemeinerungen, wie sie leider jetzt ja auch zunehmend von sich selbst als kritisch eingestuften Journalisten verwendet werden.

Kurzum, ich bat etwas angefressen um Differenzierung mit dem Hinweis, schon in der Weimarer Republik sei mit dieser billigen Politikerschelte die Demokratie zerstört worden.  Heftige Wortgefechte dann bis zum Parkplatz. Im Auto – na klar – die zu erwartende Frage meiner Frau „Warum zettelst du solche Diskussionen an?“

Das frage ich mich auch, aber nur kurz. Denn immer mehr sollten wir diese Diskussionen suchen, finde ich. Weil das Gespür für Differenzierungen verloren zu gehen scheint, vor allem deshalb, weil das Versagen von Teilen der Führungseliten in Politik, Wirtschaft oder Kirchen eine allgemeine Stimmung der übellaunigen Pauschalurteile und allgemeinen Verurteilungen erzeugt, die alles und alle in einen Topf wirft. Besser ist es, die Spreu vom Weizen zu trennen, Versagen und Versager auszumachen, Fehlentwicklungen beim Namen zu nennen und sic h nicht hinter der wohlfeilen Maske der Pauschalurteile zu verstecken.

Dies ist gerade jetzt in Zeiten der Pandemie von Nöten, wo doch diese Krise auch die Schwachstellen des Landes sichtbar macht, wo seit längerem schon Volksparteien wie Volkskirchen ausbluten und zu zersplittern drohen, wo Innen- wie Außenpolitik grundlegender Neuorientierung bedarf, wo tradierte Strukturen und Denkungsweisen, die von der alten Bundesrepublik über das vereinte Deutschland gestülpt wurden, längst überholt sind.

Führung, ein Begriff der hierzulande seit der Nazizeit verpönt ist, kann nur als Vorbild gelingen, wenn sie durch konkretes Handeln überzeugt, greifbar wird, zu erfahrbaren Ergebnissen führt. Unzweifelhaft hat in Berlin Gesundheitsminister Jens Spahn schwere Fehler in der Pandemiebekämpfung gemacht und durch sein widersprüchliches oft pfauenhaftes Auftreten in den Medien Misstrauen gesät, aber vor allem hinzu kam noch sein stümperhaftes Vorgehen gegen die Berichterstattung über den Millionenkauf einer Berliner Villa oder sein fragwürdiges Leipziger Sponsorenessen am Vorabend eines allgemeinen Lockdowns.

Angela Merkel, sichtbar am Ende ihrer Kräfte, steht auch vor dem Finale ihrer politischen Laufbahn. Der Vorschlag, Spahn und den mehrfach gescheiterten Verkehrsminister Andreas Scheuer als Taskforce für die Corona-Tests einzusetzen, erntet Kopfschütteln. In den sozialen Medien wird gespottet, hier käme die brennende Hindenburg der sinkenden Titanic zu Hilfe. Die

Korruptionsvorwürfe in Sachen Maskenbeschaffung gegen Unionsabgeordnete, ein angeschlagener Wirtschaftsminister und eine offenbar glück- wie hilflos irrlichternde Verteidigungsministerin, dazu ihre in Brüssel desaströs agierende Vorgängerin Ursula von der Leyen, all das macht deutlich, auch auf konservativer Seite ist die Zahl der Leistungsträger klein und die Umfragewerte sinken.

Doch immer noch ist Angela Merkel unumstritten auf Unionsseite wie mittlerweile auch Olaf Scholz auf Seiten der SPD, gibt es Minister wie Hubertus Heil oder Gerd Müller(CSU), die einen wirklich guten Job machen, doch alles und alle stehen heute auf unsicherem Boden.

Der Vertrauensverlust scheint groß zu sein, wie dies Meinungsumfragen belegen. Die Kirchen, insbesondere die katholische mit ihrem unglückseligen Kölner Kardinal Woelki, können dieses Vakuum nicht mehr füllen. Im Gegenteil.

Wer ein wenig kundig ist, ahnt, wie groß die Gefahr ist, dass sich dort der Radikalismus Platz verschaffen kann.

Journalisten haben hier eine ganz besondere Verantwortung. So leicht es manchem ist, auf einen groben Klotz einen groben Keil zu schlagen, so schwer fällt es ihm zu differenzieren. Die gerne von manchem Kollegen zitierte Stimme des Volkes, ist – so meine Erfahrung-in den Hauptstädten des Landes oft nur die des Taxifahrers, der einen vom Flughafen nachhause bringt. Eine Busfahrt böte ein breiteres Meinungsspektrum, oder vielleicht auch nur eine Warteschlange beim Discounter.

Bildquelle: Pixabay, Bild von suju, Pixabay License

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Martin Schmuck

Als Journalist arbeitete Schmuck für die DPA und den WDR und leitete das ZDF-Landesstudio NRW in Düsseldorf bevor er Sprecher des Bundesfinanzministers unter Peer Steinbrück wurde. Heute ist der Autor Kommunikationsberater.


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