Schwarzes Loch

Verschwundene Nachrichten? Kleine medienkritische Betrachtung

Niemand kann alles lesen oder hören, was am Tag gedruckt, gebloggt und gesendet wird. Deswegen seien vorab alle von der Kritik ausgenommen, deren Befassung mit den Themen, die mir verschwunden erscheinen, übersehen wurden. Das Folgende soll keine groß und breit angelegte Medienkritik werden und schon gar keine Enthüllung von Verschwörungen. Die Themen, zu denen meine zwei kleinen Beispiele gehören, bestimmen durchaus die Schlagzeilen der letzten Monate, nämlich die Zeitumstellung und die Angst vor Fahrverboten – und doch irritieren diese Beispiele durch ihr rasches Verschwinden.

 Wirtschaftsminister Altmaier ist es indirekt schuld, dass ich überhaupt über diese Beispiele gestolpert bin. Er ließ nämlich vor kurzem verlauten, dass er für Ersetzung der jährlichen Zeitumstellung durch die ganzjährige sogenannte MESZ, mitteleuropäische Sommerzeit sei. Ja, hat er denn nicht gelesen, dass es ernst zu nehmende Einwände gerade gegen diese Sommerzeit gibt? Er, dessen schwer zu stoppendem Redefluss zu entnehmen ist, dass er eigentlich alles, was in einer Zeitung gestanden oder als Nachricht gesendet worden war, in dessen Dienst stellt?

 Übersehen hatte er offenbar, dass sich in einem der öffentlich-rechtlichen TV-Morgenmagazine ein Chronobiologe sehr plausibel darüber ausgelassen hat, dass „Sommerzeit“ auf den Holzweg führe. Der so freundlich konnotierte Begriff „Sommerzeit“ suggeriere etwas, das übers ganze Jahr gesehen nicht eingelöst werden könne, sondern sogar Gesundheit und Wohlbefinden gefährden würde. Er empfahl – gewissermaßen zur Förderung der Verbreitung seiner Erkenntnisse – weder von Sommer- noch von Winterzeit, sondern einfach von der MEZ zu sprechen. Dass sich der Formulierungsvorschlag nicht durchgesetzt hat, ist nicht überraschend. Überraschend ist vielmehr, dass der eigentlichen Aussage des Mediziners keine weitere Aufmerksamkeit zuteil wurde. Eine ganzjährige MESZ bedeute, dass wir durchschnittlich weniger Tageslicht erleben würden. Das Fehlen dieses Tageslichts werde unsere innere Uhr irritieren und somit gesundheitliche Schäden verursachen.

 Mehr dreckige Luft erlauben..

 Das ist doch ein sehr ernst zu nehmendes Argument, so ernst, dass es häufiger medial transportiert, hinterfragt und diskutiert werden müsste. Tatsächlich habe ich nie wieder etwas darüber gehört oder gelesen. Die Information ist einfach verschwunden.

 Das andere Beispiel betrifft einen Lungenarzt, der vom Radiomoderator als ehemaliger Vorsitzender einer Vereinigung dieser Fachärzteschaft vorgestellt wurde. Der Mediziner äußerte sich in einem kurzen Radiointerview über die Stickoxid-Grenzwerte. Die sind bekanntlich aktuell auch insoweit im Gespräch, als die Bundesregierung sie in ihrer wilden Entschlossenheit, „Fahrverbote“ zu verhindern, erhöhen wollte. Kurz gesagt, sie wollte etwas mehr dreckige Luft erlauben, als bisher, weil es so schwer ist, die vom Individualverkehr verursachten Stickoxyde ohne Fahrverbote  im  Rahmen der geltenden Grenzwerte zu halten.

 In dem Interview wurde die Gesundheitsgefährdung durch Stickoxyde – nach meinem laienhaften Eindruck – verharmlost. Beispielsweise wurden Werte mit den geltenden Grenzwerten in Städten verglichen, die beim Grillen, dem Rauchen einer Zigarette, in der Natur entstehen oder mit solchen, die an bestimmten Arbeitsplätzen legalerweise hingenommen würden. Wären die 40 Mikrogramm Stickoxyde pro Kubikmeter Luft tatsächlich eine wissenschaftlich nicht bewiesene, übervorsichtige Regel, müsste sich niemand über die – derzeit vertagte – regierungsamtliche Gesundbetung höherer Grenzwerte aufregen.

 Geneigte Leser*innen werden an den bisherigen Formulierungen erkennen, dass vor dem Hintergrund leicht zugänglicher Informationen und subjektiver Lebenserfahrung in einem Fall große Zustimmung und in dem anderen instinktive Ablehnung beim Rezipienten erzeugt wurden. Es kann aber durchaus sein, dass nicht der Lungenspezialist sondern der Chronobiologe – oder gar alle beide – zu einseitig informiert haben.  Würde die Zeitung mit den großen Buchstaben verkünden: „Stickoxydgrenzwerte zu hoch!“, verstärkte das den Verdacht eher, die Autolobby (oder die Kanzlerin) stecke dahinter. Mit der Schlagzeile „Gesundheitsrisiko Sommerzeit !!!“ könnte die Zeitung durchaus in einer nachrichtenarmen Zeit punkten.  Aber beides unterblieb bislang.

Infotainment-Ozean

 Dem Anliegen, dass Informationen nicht einfach in der Unendlichkeit des Infotainment-Ozeans verschwinden sollten, wäre mit derartigem Einsatz des Boulevards zwar gedient, der Notwendigkeit, dass sie – gerade wenn sie nicht in aktuellen Trends liegen – mehr Kritik, Rückfragen, Debatte und Einordnung verdienten (oder erforderten), jedoch voraussichtlich nicht.

Die Frage ist doch, ob wir uns schlicht abfinden müssen damit, dass immer wieder Interessantes und Wichtiges der Aufklärung durch’s Netz geht und einfach zur verschwundenen Nachricht wird. Das wird wohl so sein. Den beiden öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten ist es einerseits hoch anzurechnen, dass sie den in beiden Beispielen vom Mainstream abweichenden Fakten und Meinungen überhaupt Platz eingeräumt haben. Gerade angesichts der „Exotik“ der beiden Infos verwundert jedoch, dass niemand sonst sie aufgenommen, sie vertieft oder ihnen widersprochen hat. Beide verdienen solche Art von Aufmerksamkeit, auch wenn hier von einer chronobiologischen Erkenntnis und einer lungenmedizinischen Behauptung ausgegangen wird. Vielleicht ist es ja umgekehrt?

Nachsatz: Hätten Sie’s gewusst? Beim Thema Zeitumstellung hörte ich von den nachteiligen Folgen der Sommerzeit insbesondere auf der iberischen Halbinsel. Die, wurde eingewandt, gehöre ohnehin eigentlich in die Londoner Zeitzone; zur MEZ – und damit auch der EU-weiten Manipulation der MEZ – gehörten Spanien und Portugal nur, weil Franco und Salazar unbedingt in derselben Zeit sein wollten wie Hitler…

Klingt als ob es stimmt, oder?

 Bildquelle: pixabay, 12019, CC0 Creative Commons

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Wolfgang Wiemer

Politologe i.R.; arbeitete als politischer Referent, Büroleiter, Pressechef des Deutschen Bundestages und in der Parlamentsverwaltung; lebt in Bonn


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