Wales und Dylan Thomas – Geschichten aus einem kleinen Land

Ganz helle, wunderschöne klare Stimmen erklingen in dem alten Gebäude an diesem sonnigen Morgen. Dieses festungsartige Gebäude ist die Kirche von Holyhead. Die Kirche trägt den Namen St. Cybi. Holyhead heißt auf walisisch Caergybi. Ganz oben im Nordwesten an der Irischen See liegt diese kleine Stadt mit ihren gut 11 000 Einwohnern, die schon vor 4000 Jahren ein prähistorischer Hafen war, als die Menschen das erste Mal zwischen Holyhead und Irland hin und her segelten, und später eine römische Festung wurde. Hier ist Wales Wales, sagen später die Sänger des Chores, als sie aus ihrem Gotteshaus über das saftige Gras der weiten Wiese unter den riesigen Baum treten, dessen dicht bewachsene Zweige über das Kirchendach in den blauen Vormittagshimmel ragen, es gleichsam zu beschützen scheinen. Menschen gibt es hier in der Grafschaft Anglesey nicht viele und die, die hier leben, sind scheu, sind stolz auf ihre Geschichte, ihre Musik, ihre Geschichten und deren Erzähler. Cardiff, die Hauptstadt, ist weit weg und die Politik der Regionalregierung ist es auch, erzählt der alte Mann im Fotoladen in der Hauptstraße von Holyhead. Summt eine vertraute Melodie… green, green grass of home. Tom Jones lächelt er. Auch ein Waliser. Im 25. Jahr ihrer relativen Autonomie von London, sind die Waliser nicht unglücklich, daß Westminster weit entfernt ist. Das haben sie mit den Schotten gemein, mehr aber nicht, stellen sie fest und raus aus dem Vereingten Königreich wollen sie auch nicht. 

Wales ist dafür zu arm. Wales hat dafür zuviele Arbeitslose, nicht gut funktionierende Gesundheits- und Schulsysteme und noch niemals eine konservative Mehrheit im Regionalparlament gehabt. Im engen Fotoladen in der Hauptstraße von Holyhead hängt ein Farbfoto von St. Cybir mit einem Rahmen aus kräftigem, hellen Holz. Nicht weit enfernt, nur ein paar Schritte, verkauft auf dem kleinen Marktplatz eine gar nicht so alte Frau Basttüten. Sie hat sie selbst bemalt. Das gerahmte Foto der Kirche passt genau in so eine Tüte (Handbag) rein. „Viele Touristen,“ meint sie,“ kommen hier nicht so oft her.“ „Stimmt,“ sagt der alte Mann im Fotoladen trocken, weiter geht`s  ja auch nicht, hier ist Wales ja zu Ende.“ Einige Bücher hat er auch im Laden. Ein Titel fällt auf: „Porträt des Künstlers als junger Hund“! Das sei großartig und eine autobiografische Erzählung. Seine alten Augen glänzen, strahlen. Dylan Thomas. Jung gestorben. „Bei uns sterben viele große Dichter jung,“ erklärt. In Schottland auch. Robert Burns. Dylan Thomas ist nur 39 Jahre alt geworden. Im November 1953 in New York City verstorben. „In Holyhead war er nie. Er kommt aus den Süden.“ 

Aus Swansea, westlich von Cardiff, an der See. Thomas hat seine Geburtsstadt mit den Worten „ungyl, lovely town“ beschrieben. Das stimmt. Sie liegt gut, ist aber nicht schön. Enge Straßen fallen fast senkrecht von den Hügeln. An ihren Rändern schmale Reihenhäuser. Hier ist Dylan Thomas 1914 geboren. Hier ist er aufgewachsen. Hier hat er gespielt. Was er erlebt hat, hat er aufgeschrieben. Was seine Mutter kochte auch: Eine walisische Spezialität…..Lamm und Laverbraed – Algen auf Brot. Das Geburtshaus ist erhalten und das Dylan – Thomas – Center ist nicht weit. Zum 100. Geburtstag, 2014, hat Sir Peter Blake eine Illustration gemacht, an der er lange gearbeitet hat, zu Dylan Thomas` „Unter dem Milchwald“. Es ist ein Radiostück mit einem fiktiven Ort, Llareggub. Es wurde auch verfilmt, erinnert er, mit Liz Taylor und Richard Burton, und der kommt natürlich auch aus Wales, aus einem Ort mit dem unaussprechbaren Namen Pontrhydyfen. Das war einige Jahre, bevor „Der Spion, der aus der Kälte kam“ mit Claire Bloom und Oskar Werner nach dem Roman von John le Carre ein Welterfolg wurde. 

Peter Blake verehrt Dylan Thomas. Wie die große Mehrheit der Waliser. Blake hat das Cover für die Beatles – LP „Sergeant Peppers`Lonely Hearts Club Band“ kreiert. Das hat ihn berühmt gemacht. Darauf sind selbstverständlich die Beatles zu sehen, die Popgrößen jener Zeit und ein Waliser: Dylan Thomas. Trifft es eigentlich zu, wie die Waliser schmunzeln, daß Bob Dyland sich nach Dylan Thomas benannt hat? Schulterzucken….. Das war ein interessanter, eigenwilliger, zerrissener und verheirateter Mann, der auch Gedichte und ein Theaterstück geschrieben hat und ins Deutsche mehrfach von Erich Fried übertragen worden ist. Darunter „Die Befragung des Chaos“ -Frühe Erzählungen und Aufsätze. Erinnerungen, Berichte aus einer fernen und fremden Zeit.

Bildquelle: Wikipedia, Die Kirche St. Cybi in Holyhead, CC BY-SA 3.0

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Jörg Hafkemeyer

Der Fernseh- und Radiojournalist arbeitete als Kulturredakteur und später als ARD Korrespondent in Washington und Mexiko. Seit 2002 ist Hafkemeyer Professor an der Berliner Universität der Künste.


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