Worpswede

Was die Künstler an Worpswede faszinierte

Sie ist gar nicht alt geworden und unmittelbar nach der Geburt ihrer Tochter Mathilde am 20. November 1907 gestorben. Im Alter von nur 31 Jahren. Paula Modersohn – Becker. Die wichtige Vertreterin des Expressionismus und die Malerin, die Worpswede bekannt gemacht hat und die Frau, die in lediglich zehn Jahren Bedeuterendes erschaffen hat als alle ihre männlich Kollegen: Otto Modersohn, Mackensen, Vinnen, Hans am Ende. Worpswede bei Bremen war Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts ein riesiges Atelier. Und wer in diesen sommerlichen Tagen durch das Dorf, das unterdessen mehr einer kleinen Stadt ähnelt, spaziert und zu den Künstlerhäusern gelangt, genauer hinschaut und die Atmosphäre sowie das spezielle Licht im Teufelsmoor in sich eindringen läßt, bekommt ein Gefühl dafür, was diese Frau in ihrem kurzen Leben geschaffen hat.

Die Geschichte dieses Ortes beginnt so richtig erst im Jahr 1889: „Worpswede ist flaches Land mit Birkenalleen, alten Bauerhäusern, Rosenbüschen und Vogelbeerbäumen,“ schreibt Rainer Maria Rilke darüber, was die Künstler an diesem versteckten Winkel in der Nähe von Bremen so faszinierte. „Der Boden teilt sich zwischen roter Erikaheide, die wunderbar duftet, und von Kanälen durchschnittenem Moorland. Worpswede ist berühmt durch die Klarheit und durch die Farbigkeit seiner Luftstimmungen und durch die Pracht der Wolken.“ Es gibt ein Bild von Heinrich Vogeler, Sommerabend, welches wie kein Zweites die Atmospähre jener Jahre einfängt, ausdrückt. Der Barkenhoff, unterhalb des Hügels, dem Worpswede seinen Namen verdankt, dem Worp. Hier treffen sich Sonntag für Sonntag in der ersten Etage die Künstler. Franz Vogeler und Heinrich Vogeler, Marin Schröder und Paula Modersohn – Becker, Agnes Wulff und Otto Modersohn. Die Bildhauerin Clara Westhoff. Einer fehlt, ihr Mann Rainer Maria Rilke hat sie verlassen, ist nach Paris geflüchtet, haust dort in einer Dachkammer.
Im Obergeschoss des Barkenhoffs wird allsonntäglich getrunken und geredet, musiziert und gesungen. Alles das zeigt das Sommerbild. Melancholisch und so, als wenn etwas zu Ende geht, der Traum von Leidenschaft und Provokation. Ein letztes Mal vereint, scheint es, dann geht jeder seiner Wege. Und so ist es ja auch gekommen. Als die Künstler kamen und auch blieben, staunten die reichen Bauern in diesem Teil der norddeutschen Tiefebene, um die sich nie außer ihnen jemand gekümmert hatte, schon gar nicht um Worpswede. Die Höfe waren beeindrucken, diejenigen ohne Land stachen Torf in den Morren der Umgebung, im Teufelsmoor. Die Modersohns und Vogelers blieben, die Bauern staunten, arrangierten sich, so wie sie das immer getan hatten, bis die Nazis kamen. Heinrich Vogeler flieht vor ihnen nach Moskau. Zuvor hat er sich von seiner Frau Martha scheiden lassen. Die bleibt und wird 1937 NSDAP – Mitglied. Die Mehrheit der Worpsweder sind überzeugte Nazis. Fritz Mackensen, ein früherer Freund Heinrich Vogelers, ist es auch. Beide sind nur Beispiele der bedrückenden Geschichte von Feigheit und Anpassung, Verdrängung, Wegschauen, und, und, und… Die Einwohner haben sich nach 1945 viele Jahre vor der Wahrnehmung dieser Vergangenheit gedrückt. Haben versucht, die großen, tiefbraunen Flecken regelrecht zu übermalen.
Diese Zeiten sind vorüber. Der so historische Ort hat die Fenster geöffnet,  durchgelüftet und auch an Heinrich Vogeler, dem vor den Nazis nach Moskau geflüchteten, wird ebenso erinnert wie an die Nichte  von Otto Modersohn, Cato Bontjes van Beek, die in der Nähe von Worpswede aufgewachsen ist und sich 1941 der Widerstandsgruppe „Rote Kapelle“ angeschlossen hat. Sie wurde entdeckt und hingerichtet. Heinrich Vogeler, der große Idealist unter den Worpsweder Künstlern, ein Bettler und gesundheitliches Wrack Anfang der 40ger Jahre in der UdSSR, ist 1942 in einem stalinistischen Internierungslager in Kasachstan verhungert. Die Geschichte eines vergangenen Jahrhunderts ist in Worpswede anzuschauen. Bis in die 90ger Jahre hinein, als ein wunderbar Verrückter in Worpswede lebte und bei Radio Bremen Musik moderierte: Christian Günther, die Stimme, der Barry White des kleinen und damals kreativen Senders. Popkarton und Lost and Found hießen seine hinreißend guten Musiksendungen. Legendär waren seine verrückten Abende im Keller seines Hauses in Worpswede mit Sportlern, Künstlern und Journalisten. Fast so legendär wie sein Sportkommentar eines Fußballspiels zwischen Werder Bremen und dem VfB Stuttgart: „Das ist keine Auswechslung, das ist eine Völkerwanderung.“
Die könnte es in gewisser Weise zum 800jährigen Bestehen Worpswedes geben, denn seit Jahren hat der nationale Tourismus das „Künstlerdorf“ entdeckt, es heimgesucht. Übrigens der zweite Teil des Ortsnamens, „wede“ heißt Holz. Fertig ist der Name.
Bildquelle: Fritz Overbeck [Public domain], via Wikimedia Commons
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Der Fernseh- und Radiojournalist arbeitete als Kulturredakteur und später als ARD Korrespondent in Washington und Mexiko. Seit 2002 ist Hafkemeyer Professor an der Berliner Universität der Künste.


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