Mesut Özil

Wenn das unser Problem ist..

 

Eine Zeitlang konnte man das Gefühl haben, die größte Sorge der Deutsche drehe sich um die Zukunft der GroKo, oder um die Zukunft von Angela Merkel, wenn sie denn eine hat als Kanzlerin. Oder um die CDU/CSU, gemeint die Fraktion der Unionschristen in Nord, West, Ost und Süd, darum, ob sie zusammenbleiben wollen oder sich trennen. Oder geht es mehr um die Frage, ob die Grenzen wieder geschlossen werden? Täglich wird eine neue Sau durchs Dorf gesagt, könnte man einen alten Spruch von Heiner Geißler zitieren. Um was geht es wirklich?

Sie ahnen es, es geht um Fußball, aber nicht nur darum, ob das Runde ins Eckige gehen muss,  es geht auch nicht nur um das Schweden-Spiel am Samstag, auch wenn es dabei schon um alles geht. Wird Löw die Taktik ändern? Mehr Sturm, mehr Verteidigung, Reus rein statt Draxler oder Khedira? Wer sich umhört und liest in den Medien, findet viele Ratschläge von den Alten, Berti Vogts, Lothar Matthäus, von dem ich bisher nur annahm, dass er in seiner aktiven Zeit ein wirklich sehr guter Fußballer war: Aber als Kolumnist? Gut, Stefan Effenberg meldet sich zu Wort, Uli Stein, der Torwart. Mein Gott, wen es nicht alles gibt! Endlich hat sich der Kaiser zu Wort gemeldet, ja genau unser aller Franz. Ob der wegen der ganzen Diskussion über das möglicherweise gekaufte Sommermärchen abgetaucht war? Früher war von ihm die Aufforderung an die Spieler bekannt, ehe sie den heiligen Rasen betraten: Gehts raus und spielts Fußball! Das wars, das haben die Kicker damals 1990 gemacht und sind prompt Weltmeister geworden.

Dieses Mal geht die Diskussion viel tiefer. Weil der Özil sich ablichten ließ mit dem türkischen Autokraten Erdogan und sich anschließend nicht dafür entschuldigte oder so ähnlich, meinte der Matthäus beobachtet zu haben, fühle sich Özil im Trikot der deutschen Nationalmannschaft nicht wohl. Und dann singt er ja auch die Hymne nicht mit. Aber jetzt wissen wir ja wenigstens warum: Weil er während der Hymne betet, für den Sieg. Wenigstens das wäre geklärt.

Fußball, Merkel, CDU, CSU

Die Sache mit dem Quartier ist auch ein heikler Punkt. In das Urlauberparadies Sotschi wollte Löw von vornherein, aber der Bierhoff nicht, also sind sie in der aufgehübschten Kaserne nahe Moskau gelandet. Und jetzt genießen sie alle die Sonne, den Sand, den Strand, das Urlaubsgefühl. Aber nur für ein paar Tage. Wenn das am Ende mit der Verteidigung des Titels schiefgeht, ist der Bierhoff schuld, weil die Kicker sich in der Kaserne nicht wohlgefühlt haben. Kein Sand, kein Strand, auch sonst nichts los, wie soll man sich da in Ruhe auf das Fußballspielen konzentrieren.

Es geht gegen Schweden auch um Handfestes: Sollten die Deutschen frühzeitig, also in der Vorrunde ausscheiden, bedeutet das für den DFB einen Verlust von 1,7 Millionen Euro. Also geht es doch ums Ganze! Um alles oder nichts! Im Falle des Ausscheidens müssten wir uns auch keine weiteren Sorgen machen, ob die Kanzlerin die deutschen Kicker in Russland besucht. Das wäre ein Ärgernis für den Boulevard weniger, denn die Kanzlerin sollte sowieso nicht zu Putin fahren. Wegen der Krim, der Ukraine. Gehört sich nicht, haben viele im Netz gefordert. Merkel soll besser zu Hause bleiben, auf Seehofer aufpassen und die CSU. Nicht dass die Bayern ihr noch den Stuhl vor die Tür setzen, wenn sie gar nicht im Hause ist. Oder interessiert das niemanden, was mit der Merkel passiert, der GroKo, von der SPD haben wir ja noch gar nicht geredet? Ob von denen auch einer nach Moskau fahren will? Ach so, wenn die Deutschen rausfliegen, fliegt keiner mehr hin. Übrigens sagte mir gerade ein alter CSU-Kämpe: die Leute interessierten sich während der Fußball-WM nicht für die Politik, zumindest so lange die Deutschen mitspielten. Ist das jetzt gut oder schlecht für den Fußball, die Merkel, die SPD?

Meine Sorgen möcht ich haben. Das Zitat wird gern Kurt Tucholsky zugeschrieben, aber Karl Kraus soll den Satz schon ein Jahr vorher gesagt haben. Bei Tucholsky finden wir ihn im Stück: Zur soziologischen Psychologie des Loches, geschrieben 1931. Es beginnt mit der Definition: „Ein Loch ist da, wo etwas nicht ist.Das Loch ist der ewige Kompagnon des Nicht-Lochs. ..Wenn der Mensch Loch hört, bekommt er Assoziationen. Manche denken an Zündloch, manche an Knopfloch und manche an… Göbbels…Trenne die Scheidewand zwischen zwei Löchern-gehört dann der linke Rand zum Rechten Loch-oder der rechte zum Linken- oder jeder zu sich oder beide zu beiden? Na, meine Sorgen möcht ich haben!“Was das mit Merkel, dem Fußball, Özil oder der SPD zu tun hat? Der Journalist Marcel Reif hat gerade in einem feinen Interview geäußert, dass es den Deutschen sehr gut gehen muss. Begründung: „Wenn bei „Hart aber fair“ die Frage geklärt werden soll, ob es für Mesut Özil eine Zukunft in der Nationalmannschaft gibt, sagt das schon viel über den Grad der aktuellen Aufgeregtheit aus.“

Bildquelle: Wikipedia, User Steindy, GNU-Lizenz für freie Dokumentation

 

Keine wichtigen Nachrichten mehr verpassen!

Abonnieren Sie unseren Newsletter und werden Sie einer unserer 4 664 Abonnenten.


Alfons Pieper

arbeitete als stellvertretender Chefredakteur und Berliner Chefkorrespondent für die WAZ. 2009 gründete Pieper den Blog "Wir in NRW". Heute ist er Chefredakteur des Blogs der Republik.


'Wenn das unser Problem ist..' hat keine Kommentare

Als erste/r kommentieren

Möchten Sie Ihre Gedanken teilen?

Ihre E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht