Wo bleibt die Erinnerungskultur in Deutschland?

Für die Berichterstattung war es wohl nur ein kleines Ereignis, jedenfalls wurde es damals mit Ausnahme der „Frankfurter Rundschau“ nicht zur Kenntnis genommen, aber es sagte viel aus über die Geschichtslosigkeit der Regierungszeit von Angela Merkel. Richard Fournaux, der Bürgermeister der Stadt Dinant, die an der Marne kurz vor der französischen Grenze liegt, hatte am 13. September 2013 die deutsche Bundeskanzlerin eingeladen, am 23. August 2014 gemeinsam in der örtlichen Kathedrale des ersten Kriegsverbrechens im Ersten Weltkrieg an der Zivilbevölkerung zu gedenken. Zwei Monate später kam eine schlichte Absage durch einen Legationsrat, Frau Merkel habe keine Zeit. Die Ablehnung traf in der wallonischen Kleinstadt, die den wenig beneidenswerten Titel der ersten Märtyrerstadt im damals neutralen Belgien trägt, auf Enttäuschung und Unverständnis.

Es wäre ein gutes Zeichen gewesen, gemeinsam mit den Opfern der Verbrechen zu gedenken und ein Zeichen europäischer Versöhnung zu setzen. Dinant steht für die Kriegsverbrechen und Gräueltaten der deutschen Reichswehr an der belgischen Bevölkerung. Aber in Deutschland fehlt eine empathische Erinnerungskultur, die Urkatastrophe des letzten Jahrhunderts, dem Jahrhundert der Extreme, wurde weitgehend verdrängt – weniger in den Medien als vor allem in der Politik. Dabei war es der deutsche Kaiser Wilhelm II gewesen, der auf den Knopf gedrückt hatte. Ohne ihn hätte Österreich-Ungarn nicht seine Truppen in Richtung Serbien losgeschickt.

Unter den Franzosen der junge de Gaulle

Keine vier Wochen nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges und dem Überfall auf das neutrale Belgien begann das Grauen an der Zivilbevölkerung. Als der deutsche Vormarsch bei der Überquerung der Marne für einige Tage ins Stocken geriet, weil die Reichswehr auf den Widerstand der Belgier und französischer Soldaten, unter ihnen auch der junge Offizier Charles de Gaulle, traf, wurde in Dinant ein Ausgehverbot verhängt. Als eine nächtliche Patrouille in der Nacht vom 21. auf den 22. August 1914 in der Rue St. Jacques Lärm aus einem Gasthof hörte und dort Licht sah, warfen Soldaten der Patrouille, nachdem sie sich bemerkbar machten und ein Schuss fiel, eine Granate in das Gebäude. Bis heute ist ungeklärt, ob im Lokal betrunkene Soldaten waren, die sich bedroht fühlten und den Schusswechsel eröffneten.

Es kam zu einem Massaker. Einheiten der III. Sächsischen Armee legten zwei Drittel aller Häuser in Schutt und Asche, töteten wahllos 674 Zivilisten, auch Frauen, Kinder und alte Menschen. Gefangene wurden als Schutzschilder ins Kriegsfeuer geschickt, 400 Männer nach Niederzweren bei Kassel deportiert. Besonders taten sich die Marburger Jäger hervor, die auch 1901 am Ostasiatischen Expeditionskorps zur Bestrafung des Boxeraufstands in China („Gefangene werden nicht gemacht“) und 1904 am Völkermord der Herero und Nama in Namibia beteiligt waren. Allein in den ersten drei Monaten kam es in unserem Nachbarland zu 5.500 Hinrichtungen und zahlreichen Zerstörungen ganzer Ortschaften. Der erste und größte Gewaltausbruch gegen die belgische Zivilbevölkerung geschah in Dinant.

Gedenken an Tote und Gefallene

Natürlich: Angela Merkel ist kein Willy Brandt, sondern eine Pragmatikerin bis hin zur Profillosigkeit. Aber es gibt keine Entschuldigung. Während es in anderen Ländern eindrucksvolle Veranstaltungen gab, fand in Deutschland weder 100 Jahre nach Beginn noch 100 Jahre nach Ende des Ersten Weltkriegs, der Urkatastrophe, eine zentrale Gedenkfeier statt. Dabei ist sie überfällig, auch ein klärendes Wort der Bundeskanzlerin gerade vor dem Hintergrund der AfD und des neuen Nationalismus. Auch zur Schuldfrage, die seit einigen Jahren immer stärker relativiert wird. Es nützt wenig, in Paris auf der französischen Gedenkfeier zu reden und in Belgien an einer Veranstaltung teilzunehmen, wenn sich die Bundesregierung im eigenen Land zu einer Erinnerungskultur unfähig zeigt. Wenn sich der starke Eindruck aufdrängt, dass sie dieses Thema verdrängt?

Gedenken an die Toten und Gefallenen, an Krieg und Zerstörung gehört seit der Gefallenenrede des athenischen Staatsmanns Perikles zu einer freiheitlichen Kultur. Das ist Regierungspflicht, zumal hierzulande die Kriegsschuld dazu kommt, dessen marodierender Hauptstrom ein revisionistisches Geschichtsverständnis ist. Doch es werden neue Legenden geschaffen, die in den letzten Jahren neue Gesichter gefunden haben. Es geht nicht um Schuldsehnsüchte, denn natürlich waren 1914 viele Länder imperialistisch. Doch das ändert nichts an unserer Aufgabe, die Geschichte lebendig zu halten. Es waren keine „Schlafwandler“, die schuldunfähig wären. Was müssen unsere europäischen Nachbarn denken, wenn Deutschland zu dem Thema nichts sagt, sich aber auch hier ein neuer Nationalismus zeigt?

Zurück zur Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts: Während es in vielen der beteiligten Ländern ein eindrucksvolles Gedenken gab, ist die politische Erinnerungskultur in Deutschland dürftig. Die Zahl der Veranstaltungen war überschaubar. Es ist ein dunkles Loch. Mehr noch: Zivilgesellschaftliches Engagement wurde nicht gewürdigt.

Keine Kreuze aus Feuerschutzgründen

Als 2014 am Volkstrauertag, der zum Gedenken an die 17 Millionen Toten des Ersten Weltkrieges eingerichtet wurde, Schülerinnen und Schüler die 170 von ihnen zusammen mit Künstlern gestalteten Kreuze im Reichstag aufstellen wollten, wurde dies aus „Feuerschutzgründen“ versagt. Als sie die Kreuze vor der „Neuen Wache“ in Berlin Unter den Linden zeigten, wurden sie weggeschickt, damit die Vertreter des Staates die Kränze an der Neuen Wache niederlegen konnten. Dabei muss man wissen, dass die Schülerinnen und Schüler diese Kreuze zuvor an zehn ausgewählten Orten der Weltkriege gezeigt und mit örtlichen Jugendlichen neue Freundschaften geschlossen hatten.

 

Ich schäme mich für diese Ignoranz und Geschichtslosigkeit. Was für eine Kleingeisterei? Was wird im nächsten Jahr sein, wenn es um 80 Jahre nach Beginn des Zweiten Weltkriegs geht? Wie sollen die Bedrohungen der Gegenwart bewältigt werden, wenn die Vergangenheit verdrängt wird?

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Michael Müller

Zur Person: Michael Müller, Jahrgang 1948, Bundesvorsitzender der Naturfreunde Deutschlands, war lange Jahre umweltpolitischer Sprecher der SPD, stellvertretender Fraktionsvorsitzender im Bundestag, parlamentarischer Staatssekretär, Sprecher in der Klima Enquete des Deutschen Bundestages von 1987 bis 1992 und deutscher Delegationsteilnehmer der IPCC (Weltklimarat) Konferenzen zum 4. Sachstandsbericht.


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