Vor dem Hintergrund der blauen Wand im Haus der Bundespressekonferenz in Berlin werden nicht immer Sätze von großer Klugheit in das Land gesendet. Dreimal wöchentlich informieren dort der Sprecher der Bundesregierung und die Sprecher und Sprecherinnen der Ministerien über die Arbeit der Regierung. Oder sie informieren auch nicht. Mitunter gelten die Regierungsflüsterer als „sprachlose Sprachrohre“ oder im schlimmsten Fall als „Sage-Nichtse“. Noch schlimmer wird es, wenn die Sprecher mit ihrem angeblichen Herrschaftswissen die Journalistentruppe von oben herab belehren. Das ist in den letzten Wochen Stefan Kornelius, dem Sprachrohr von Kanzler Friedrich Merz, beim Thema Hitze und Klima mit einem gewissen Zynismus gelungen. Auf die Frage, ob sich Merz in die im wahrsten Sinne erhitzte Debatte stärker einschalte, erklärte Kornelius: „Wenn der Kanzler die Hitze zur Chefsache macht, wird das das Wetter auch nicht ändern.“
Das ist ebenso richtig wie dumm. Angesichts von mehr als 12 500 Hitzetoten in den letzten Wochen in Deutschland geht es nicht darum, das Wetter zu ändern, sondern den Menschen zu helfen. Wenigstens ein wenig Empathie könnte helfen, könnte signalisieren, dass den Kanzler die Gefährdungen der Klimakatastrophe nicht unberührt lassen. Merz ist kein Wettergott! Aber er ist Kanzler eines Landes, das unter der Hitze ächzt, das verheerende Brände in nie gekannter Gewalt bekämpfen muss, das unter dem Austrocknen des Rheins wirtschaftlich zu kollabieren droht, das unter der Dürre um seine Ernte bangt. Ein wenig „Chefsache“ in dieser Lage können das Land und seine Menschen schon erwarten. Und sei es nur eine kurze Beruhigung nach Merkel-Art: „Wir schaffen das!“
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Einer, der es elf lange Jahre als Sprecher von Angela Merkel vor dieser blauen Wand aushielt, war Steffen Seibert. Der ehemalige ZDF-Journalist, Moderator des heute-Journals, kam 2010 und ging 2021 nach dem Rücktritt der Kanzlerin. 11 Jahre, so lange hat es in der Republik noch kein Sprecher mit dem Kanzler und kein Kanzler – in diesem Fall keine Kanzlerin – mit ihrem „Sprachrohr“ ausgehalten. Helmut Kohl wechselte in sechzehn Jahren Amtszeit seine Sprecher wie die Hemden und verbrauchte sieben Sprecher. Merkel kam in sechzehn Jahren mit zwei Chefs im Bundespresseamt aus ( Ulrich Wilhelm verabschiedete sich nach einer Legislaturperiode von 2005 bis 2009, weil er zum Intendanten des Bayerischen Rundfunks gewählt wurde). Diese Kontinuität sagt viel aus über das Vertrauen, mit dem die Kanzlerin und ihre Sprecher zusammenarbeiteten.
Den Lohn der Qualen der „Regierungsverkaufe“ erntete Seibert, als er 2021 zum Botschafter in Israel berufen wurde. Eine Aufgabe, in der er aufging. Eine Aufgabe, die er mit Herzblut ausführte. Eine Aufgabe, in der er aber auch die Grenzen der deutschen Staatsräson für die Sicherheit Israels schmerzlich erkannte. „Ich stehe zu diesem Satz“, sagte er jetzt dem Zeit-Magazin. Zu jenem Satz, den Angela Merkel 2005 vor der Knesset gesagt hatte. Wenn Israel gefährdet werde „in seiner Existenz durch einen mörderischen Angriff der Hamas, durch die nicht weniger mörderischen Pläne der Hisbollah, durch den Iran, dann haben wir zu diesem Satz zu stehen“. Aber, schränkte er ein: „Das gilt nicht gegenüber den Siedlern im Jordantal. Nach internationalem Recht sind das illegale Siedlungen, die der Ideologie folgen: Dies ist allein unser Land, Gott hat es uns geschenkt. Darauf bezieht sich die Staatsräson nicht, sie unterstützt nicht das Überlegenheitsgefühlt gegenüber einer anderen Bevölkerung.“
Durch solche Sätze war er der Netanjahu-Regierung verdächtig, war unerwünscht, seine Ablösung, die Ende Juli aus Altersgründen anstand, wurde von den Ultrarechten in Israels Regierung herbeigesehnt. Da half es auch nicht, dass Seibert im gleichen Atemzug die Palästinenser mahnte, „dass sie das Recht des israelischen Volkes, in seinem Staat zu leben, achten müssen. Und dass, wer auch immer die Existenz Israels infrage stellt, unser Gegner ist“.
Mag sein, dass den Gralshütern im Auswärtigen Amt weder die eine noch die andere Aussage diplomatisch genügend ausgewogen war, für viele in Deutschland und in Israel hat Seibert den Nagel auf den Kopf getroffen. Und jenseits der Rechten in Tel Aviv und Jerusalem hat sich der Botschafter Seibert den Ruf als „guter Deutscher“ erobert, wie der Spiegel kürzlich sein Wirken dort in einer Abschiedsgeschichte würdigte.
Deutschland hatte schon viele gute Botschafter in Israel. Steffen Seibert war eine Wahl vom Besten.
Bildquelle: Zeichnung vom Niehler Wochenmarkt: Wolfgang Schieffer (Waldmaler.de)












