Friedhelm Ost

75 Jahre und immer noch aktiv: Friedhelm Ost

Mit 75 Jahren sind die meisten Zeitgenossen längst im Ruhestand und genießen den Garten, das Spazierengehen, ein Bierchen und Füße hochlegen. Nicht so Friedhelm Ost, der zwar auch genießen kann, der aber nicht viel vom so genannten Ruhestand hält. Der Junge aus dem Ruhrgebiet- er ist in Castrop-Rauxel geboren- ist viel unterwegs, ein gefragter Mann für viele Themen, auch mit 75 Jahren. Und wer ihn so richtig erleben will, muss ihn nur auf das Revier ansprechen, auf die vielen Probleme im Norden der Region, wo die Arbeitslosenzahlen hoch sind, wo es die meisten Hartz-IV-Bezieher gibt, wo die Schulen zumeist ziemlich heruntergekommen aussehen, die Straßen eher einem Bombenteppich gleichen. „Wir brauchen einen Masterplan“, hat der CDU-Mann Ost den Regierenden von Rot-Grün schon vor Jahren vorgeschlagen. Seine Idee: Mit Milliarden-Euro des Bundes und des Landes sollte die Emscherzone ergrünen und erblühen, mit neuen Schulen, mit neuen oder renovierten Wohnhäusern, mit neuen Ansiedlungen von mittelständischen Firmen sollten gezielt neue Jobs geschaffen werden, sollten Abteilungen von Hochschulen und Fachhochschulen dort angesiedelt werden, um den Menschen zu zeigen, was der Politik und der Wirtschaft die Emscherzone wert ist.

Der Plan ist nicht überholt, er ist wichtiger und aktueller denn je. Der Norden des Ruhrgebiets, das sind die Stadtteile von Dortmund, von Castrop-Rauxel, von Bochum, Gelsenkirchen, Oberhausen, Duisburg und andere gebeutelte Viertel mehr. Viertel, in denen viele frustrierte, abgehängte Wähler bei der letzten Landtagswahl der rechtspopulistischen und teils ausländerfeindlichen AfD ihre Stimmen gaben. In manchen Stadtteilen schnitt die AfD besser ab als die CDU, aber auch die SPD hatte enorme Einbussen in ihren einstigen Hochburgen. Es muss jeden Revierbürger schmerzen und tief treffen, wenn Bergleute sogar damit Wahlkampf machen, dass sie nunmehr in der AfD gelandet seien. Die Zukunft des Ruhrgebiets muss bunt sein, nicht braun, die Region war immer ein bunter Mix aus vielen Völkern, aus Polen, Türken, Jugoslawen, Griechen und Italienern und und und. Das machte den Charme des Ruhrgebiets aus. Offen war man, Fremde fühlten sich schnell heimisch.

Dem Revier eng verbunden

Dem Revier ist der Jubilar eng verbunden, auch heute noch, da er mit Familie im eher beschaulichen Bad Honnef lebt. Als junger Mann hat er den Bergbau kennengelernt, als Hilfsarbeiter fuhr er 200 Schichten unter Tage. Einige Grubenlampen in seinem Haus sind stumme Zeitzeugen dieser Arbeit, die das Ruhrgebiet einst groß gemacht hat und von der die übrige Bundesrepublik viele Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg profitierte. Helmut Kohl übrigens, dessen Regierungssprecher Ost ein paar Jahre war, hatte als Kanzler diese Leistungen der Kumpel nie vergessen. Das Zechensterben konnte Kohl auch nicht verhindern, aber es war für ihn wie für Ost selbstverständlich, dem Bergbau und damit der bedrängten Region zu helfen.

Friedhelm Ost, studierter Volkswirt, Mitarbeiter einer Großbank, dann Moderator und Kommentator beim ZDF, wurde 1985 von Kohl als Regierungssprecher berufen, kein leichtes Amt. Damit ist nicht so sehr die Leitung des Informationsamtes der Bundesregierung gemeint, sondern vor allem die Arbeit des Staatssekretärs, die Politik von Kohl den Journalisten zu vermitteln. Der eigenwillige Kanzler hörte wie seine Vorgänger und seine Nachfolger Kritik der Presse nicht so gern. Wurde diese in der Morgenlage vorgetragen, konnte es passieren, dass der Regierungschef auf diese Kritik aus den Medien- auch aus konservativen Zeitungen- sehr verärgert reagierte und dafür den Sprecher verantwortlich machte. So ist das halt in der Politik: Wenn etwas gelingt, hat es der Chef gemacht, wenn es schiefgeht, hat der Sprecher den schwarzen Peter. Man muss sich da ein dickes Fell zulegen. Wer zudem wissen will, was Kohl eigentlich von seinen Sprechern erwartete, der muss das in einem umstrittenen Buch des Autors Heribert Schwan nachlesen, das inzwischen aus dem Verkehr gezogen wurde, weil Kohl den Autor verklagt hat. Schwan hatte viele Stunden mit Kohl geredet, die Zitate, die das Buch später schmückten, sich aber nicht genehmigen lassen. Über die Arbeit an einem Buch über Kohl war es zum Zerwürfnis zwischen dem Altkanzler und Schwan gekommen. Die verhängte Strafe des Gerichts ist beträchtlich.

Vier Jahre hielt es Ost als Sprecher des Kanzlers der Einheit aus, dann wurde er Bundestagsabgeordneter. Der Wirtschaftsexperte Ost leitete den renommierten Wirtschaftsausschuss des Parlaments. Auch hier blieb er seiner moderaten Linie treu: Wirtschaftspolitik ohne das Soziale geht gar nicht, das ist sein Credo.

Bekennender Fan des BVB

Klar, dass Friedhelm Ost auch Fußballfan ist. Das gehört zum Revier dazu. Die Schwarz-Gelben aus Dortmund sind seine Lieblings-Fußballer, aber er wirft auch schon mal einen Blick weiter Richtung Herne-Süd, wie das in der Kicker-Sprache heißt. Man hat Ost auch schon bei Spielen in der Schalker Arena gesehen. Er ist Fan, aber nicht fanatisch. Am liebsten sieht er die Borussia siegen, aber wenn die Blauweißen gewinnen, hat er damit auch kein Problem. Dass der Mann selber Fußball gespielt hat, aktiv für den Freiburger FC damals in der Oberliga Südbaden, sieht man ihm nicht an. Man muss sich halt den Ost vorstellen, ein paar Jahre jünger, ein paar Kilo leichter. Er soll sehr schnell gewesen sein und sein rechter Fuß gefürchtet, mit dem er manches Tor geschossen hat. Heute spielt er zwar noch hin und wieder Fußball mit seinen Söhnen, aber es zieht ihn mehr auf den Tennisplatz. Wehe, der erste Aufschlag kommt. Der Gegenspieler kann dann nur resigniert dem vorbeizischenden Ball hinterherschauen.

Kommen wir zurück auf den Ruhestand, den dieser Mann nicht kennt. Wer ihn am Telefon erwischen will, muss Glück haben. Im ersten Anlauf klappt es meist nicht, weil er irgendwo unterwegs ist, in Berlin, Hamburg, München, in China oder in einem anderen Teil der Welt. Er hat nach dem Ausscheiden aus dem Beruf eine Firma gegründet und ist als Politik-, Wirtschafts- und Kommunikationsberater tätig. Sein Netzwerk ist berühmt, er scheint jeden zu kennen und jeder ihn. Wer ihn erlebt und ihm zuhört, trifft auf einen gelassen redenden Friedhelm Ost, der in klarer Sprache die Welt der Wirtschaft und die schwierigen Zusammenhänge verständlich erklärt.

Ein Schüler von Alfred Müller-Armack

Er ist gelernter Volkswirt und weist gern daraufhin, dass er ein Schüler der Wirtschafts-Politik von Alfred Müller Armack war. Das ist nicht unwichtig. Zwar propagierte damals Ludwig Erhard die „soziale Marktwirtschaft“, der Begriff stammt aber von Müller-Armack, einem Mitarbeiter des Wirtschaftswissenschaftlers und ersten Wirtschaftsministers der Bundesrepublik Erhard. Die soziale Marktwirtschaft hebt Ost immer wieder hervor und die katholische Soziallehre. Er legt Wert darauf, dass die Marktwirtschaft sozial sein müsse, beide Begriffe gehörten zusammen, auf diesem Ausgleich beruht auch zum großen Teil die Stabilität der Republik. Das gilt trotz mancher Fehlentwicklungen.

Wirtschaftspolitik hat immer auch sozial zu sein, betont das CDU-Mitglied Ost. Er sieht den Mittelstand als tragende Säule der Wirtschaft. Das Soziale hat auch einen Teil des privaten Engagements von Ost geprägt, sich einzusetzen für Jugendliche in schwieriger Lage oder für Kinder in Not, zum Beispiel für die „Luftbrücke für atemwegserkankte Kinder“, denen man mit Spenden eine medizinischen Behandlung in deutschen Kliniken ermöglichte. Auch die erkrankten Kinder aus Tschernobyl profitierten von der Luftbrücke. In soziale Einrichtungen in Bad Honnef fließen die Einnahmen des Aalkönigs-Fests, das Ost vor Jahren zusammen mit Freunden mitbegründen half und das jedes Jahr stattfindet, die Karten sind begehrt, der Ball schnell ausverkauft. Aalkönige waren Lothar Späth, Wolfgang Clement, Hans-Dietrich Genscher, Peer Steinbrück, Rosi Mittermeier, Wolfgang Bosbach.

Was nun? könnte man Friedhelm Ost an seinem Geburtstag, den er mit Freunden heute, am 15. Juni, feiert, fragen. Wie, was nun, könnte er antworten. Er wird selbstverständlich weiter arbeiten für seine PKS-Firma, die Büros in Bad Honnef und in Berlin hat. Weil es ihm Spaß macht. Und weil es seine Familie nicht stört. Und wenn seine Frau Erika, mit der zusammen er fünf Kinder hat, gerade das Sportabzeichen ablegt-Seilspringen, Weitsprung, 7,5 Kilometer Walking, 30 Meter Sprint- wird er telefonieren oder in seinem Büro sitzen, um Firmen zu beraten. Oder er schreibt wie bisher schon Beiträge für den Blog-der-Republik zur allgemeinen Politik oder zur Energie- oder zur Wirtschafts- oder zur Sozialpolitik.

Bildquelle: Wikipedia, La Granja, CC-BY-SA-3.0

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Alfons Pieper

arbeitete als stellvertretender Chefredakteur und Berliner Chefkorrespondent für die WAZ. 2009 gründete Pieper den Blog "Wir in NRW". Heute ist er Chefredakteur des Blogs der Republik.


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