Colson Whitehead

Colson Whitehead: Underground Railroad. München: Hanser Verlag 2017

Bücher in deutscher Übersetzung behalten selten den Titel bei, den der Autor ihnen in der Originalsprache gegeben hat. In diesem Fall war das unumgänglich, denn die „Underground Railroad“ war ein Netzwerk in den Südstaaten der USA, mit deren Hilfe es Sklaven gelang, in den Norden und damit in die Freiheit zu gelangen. Damit ist auch schon angedeutet, worum es in diesem Buch geht: Um die Sklaverei in den Südstaaten der USA, deren Plantagenwirtschaft vor dem 1861 beginnenden Bürgerkrieg deshalb so prosperierte, weil die Plantagenbesitzer auf ein großes Heer von aus Afrika verschleppten Sklaven und deren Nachkommen zurückgreifen konnten. Um deren Schicksal geht es in diesem Buch.

Daher ist dieses Buch auch keine leichte Lektüre, sondern eher eine Zumutung für den Leser. Doch jeder, der eine Reise durch die Südstaaten der USA plant oder dort bereits gewesen ist, tut gut daran, dieses Buch zu lesen. Denn in der Regel bekommt man dort die großen Herrenhäuser der Plantagenbesitzer gezeigt, ob in South Carolina oder entlang des Mississippi in Louisiana. Man ist beeindruckt vom enormen Reichtum in den weißen, prachtvollen Häusern, deren Herren sich an der Lebensweise des europäischen Adels orientierten. Man bekommt auch die Hütten der Sklaven zu sehen, oft nicht im Original, sondern Disneyland-mäßig nachgebaut. Und dann hört man die Geschichte, die im Nostalgie-geprägten Süden noch immer von vielen geglaubt wird, seit sie von einem Verteidiger der Sklaverei 1832 aufgeschrieben wurde: „Ein fröhlicheres Wesen findet man auf dem ganzen Erdball nicht, als den Negersklaven in den Vereinigten Staaten … Warum sollte man, wenn der Sklave glücklich ist, und Glück das größte Ziel aller belebten Schöpfung ist, diese Zufriedenheit stören wollen, indem wir seinen Geist mit der Idee der Freiheit infizieren?“

An diesem Bild vom gütigen Herrn und glücklichen Sklaven haben in den letzten Jahren viele gerüttelt, am wirksamsten die Filme „Django unchained“ und „Twelve years a slave“. Das tut nun auch der 1969 geborene Autor aus New York, Colson Whitehead, der für seinen Roman Steckbriefe entlaufener Sklaven in den digitalen Sammlungen der Universität North Carolina sichtete ebenso wie die Texte aus dem „Federal Writers Projekt“, das in den 1930-Jahren, von der Roosevelt-Administration initiiert, die Lebensgeschichten ehemaliger Sklaven sammelte, soweit sie damals noch am Leben waren – meist hochbetagt. Whitehead hat einen Roman geschrieben, also Fiktion, aber der basiert auf dem, was wir heute, dank intensiver historischer Forschung, über die Geschichte der Sklaverei in den USA wissen.

Der Roman gibt Whitehead die Freiheit zu tun, was Historiker nicht tun können: Den Opfern einen Namen geben. Beim Sklavenhandel im Dreieck zwischen Europa, Afrika und Amerika handelt es sich zweifellos um eines der größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte. Doch anders als bei den Opfern des Holocaust, deren Namen und Individualität man meistens rekonstruieren konnte – ein Beispiel sind die Stolpersteine in vielen deutschen Städten – kennen wir nur wenige Namen und Einzelschicksale der Opfer der Sklaverei. Colson Whitehead gibt den Sklaven Namen und Persönlichkeit und erfindet eine Handlung, die uns eine Vorstellung davon gibt, wie es sich angefühlt haben muss, Sklave oder Sklavin auf einer Plantage zu sein.

Im Mittelpunkt seiner Schilderung steht eine junge Frau, Cora, die auf einer Plantage in Georgia Baumwollpflückerin ist. Ihre Großmutter Ajarry kam einst auf diese Plantage, nachdem sie in Afrika mit ihrer Familie gefangen genommen und in die USA gebracht worden war. Nachdem sie etliche Male verkauft worden war, landete sie auf der Randall-Plantage, auf der auch ihre Tochter Mabel geboren wird. Mabel verlässt später ihre noch junge Tochter Cora und flieht, was die ihrer Mutter nie verzeihen wird, weil sie niemals erfährt, dass ihre Mutter in den Sümpfen um die Plantage herum umkam, als sie sich schon wieder auf den Heimweg, zurück zu ihrer Tochter, begeben hatte. Cora übernimmt das kleine Stück Land, das schon ihre Großmutter beackert hatte und verteidigt es gegen die Besitzansprüche anderer, womit sie sich Respekt verschafft. Der Roman schildert nicht nur die Unterdrückung der Schwarzen, sondern auch die vielen Alltagskonflikte zwischen den Sklaven, Frauen wie Männern. Das System der Sklaverei lässt nur wenig Raum für Menschlichkeit.

Cora scheut immer vor dem Gedanken zurück, selbst zu fliehen, wie ihre Mutter es einst getan hat. Bis ein junger Sklave, Caeser, sie davon überzeugen kann, mit ihm zu fliehen. „Du denkst, ich bin ein Glücksbringer, weil Mabel davongekommen ist“, sagt Cora zu ihm. „Aber das bin ich nicht. Du hast es doch gesehen. Du hast doch gesehen, was passiert, wenn man sich einen Gedanken in den Kopf setzt.“ Damit erinnert sie ihn an die fürchterliche Strafe, die Big Anthony erleiden musste, nachdem er nach seiner Flucht wieder gefangen genommen worden war – zur Abschreckung der Sklaven und zum Ergötzen der Gäste des Plantagenbesitzers.

Doch Caeser hat Kontakte in der Stadt geknüpft, zu Menschen, die Sklaven auf dem Weg in die Freiheit unterstützen und damit zur Underground Railroad. Den beiden gelingt die Flucht – mit der Untergrundbahn gelangen sie zuerst nach South Carolina, von dort kommt Cora dann nach North Carolina und später Indiana. Die Untergrundbahn, eigentlich ein Netzwerk aus Fluchthelfern, wird in Whiteheads Roman zu einer echten Untergrundbahn, mit Stationen, Schienen, Zügen Lokführern und Personal. Ein technisches Meisterwerk, das Cora nur bewundern kann, da sie davon ausgeht, dass es nicht von Sklavenhänden gebaut wurde. Lumbly, der Stationsvorsteher in Georgia, rät den Flüchtlingen: „Wen man sehen will, was es mit diesem Land auf sich hat, sage ich immer, dann muss man auf die Schiene. Schaut hinaus während ihr hindurchrast, und ihr werdet das wahre Gesicht Amerikas sehen.“ Cora hält sich an diese Anweisung, doch sie sieht nur Dunkelheit, Meile um Meile.

Auf die Fersen der flüchtigen Sklaven heftet sich Ridgeway, ein berüchtigter Sklavenfänger mit seinen Gehilfen, darunter später ein junger Haussklave namens Homer, dem er eigentlich die Freiheit gegeben hat. „Ridgeway machte sich einen Namen mit seiner Fähigkeit, zu gewährlisten, dass Eigentum Eigentum blieb.“ Dabei hat er das Gesetz auf seiner Seite, den „Fugitive Slave Act“, der die Behörden in den Nordstaaten zur Zusammenarbeit mit Sklavenfängern verpflichtete. Ridgeway kennt sich damit aus, auch mit den Argumenten der Anwälte, die eine Auslieferung geflohener Sklaven an ihre Besitzer im Süden verhindern wollten. Ridgeways Ansprüche auf die von ihm gesuchten Sklaven werden respektiert, auch in North Carolina, wo Cora dank Ridgeways Eingreifens nur knapp dem Tod entkommt, als sie nach ihrer Entdeckung von einem aufgebrachten Mob gelyncht werden soll. Dieses Schicksal trifft nun das Ehepaar, das sie versteckt hält. Ridgeway legt sie in Ketten und nimmt sie mit nach Tennessee, wo sie ihm wieder später wieder entkommen kann.

Einzelnen Akteuren widmet der Autor eigene Kapitel – so Ridgeway, Caeser oder Mabel. In diesen Kapiteln erfahren wir nicht nur mehr über diese Personen, sie ergänzen auch die Geschichte der Flucht, manchmal im Rückblick, wie das Kapitel über Coras Mutter Mabel. Darin erfahren wir, dass Mabel nie die Flucht gelang, sondern dass sie im Sumpf ertrank. Aber da sie von Ridgeway niemals aufgespürt wurde, wähnt Cora ihre Mutter in Freiheit, irgendwo im Norden.

Die Hauptkapitel sind nach Staaten gegliedert – South Carolina, North Carolina, Tennessee, Indiana. Doch der Autor springt nicht nur räumlich, sondern auch zeitlich. Denn als Cora in South Carolina ankommt, gibt es dort schon ein Hochhaus, freundliche Menschen, die sich um frei gekaufte Sklaven kümmern und ihnen Arbeit geben oder sie zu Ausstellungszwecken nutzen. Oder für medizinische Experimente – man will die Afroamerikaner sterilisieren – programmatische Vorstellungen der Eugenik, die im 19. Jahrhundert auch in den USA populär wurde.

In North Carolina wird Cora von ihrem Versteck aus Zeugin der einmal wöchentlich stattfindenden Hinrichtungen in Verbindung mit den sogenannten Minstrel Shows, bei denen Weiße sich das Gesicht mit Ruß schwärzten und als Neger auftraten. In Indiana findet sie später mit vielen anderen Schutz auf einer Farm, die den weißen Nachbarn bald ein Dorn im Auge ist und von einem weißen Mob überfallen wird. Wieder fischt Ridgeway sie aus dem Getümmel, und diesmal zeigt sie ihm sogar den Eingang zur Underground Railroad, wo sie ihm dann ein letztes Mal entkommen kann.

Das Buch ist voll von amerikanischer Geschichte. In Tennessee folgt der Sklavenjäger Ridgeway einer Straße, auf der einst viele Indianer umkamen, Cherokees aus den Smokey Mountains, die zwangsweise nach Oklahoma umgesiedelt wurden. Deren „Trail of Tears“ folgt der Sklavenjäger mit seiner Beute, was daran erinnert, dass die Afroamerikaner nicht die einzigen Opfer der europäischen Eroberung Amerikas waren. In Indiana soll auf der Farm ihres Beschützers debattiert werden, was wiederum an die berühmten Debatten zwischen Lincoln und Douglas am Vorabend des Bürgerkriegs erinnert. Die Sklaverei wird als „eigentümliche Institution“ bezeichnet – eine „peculiar institution“, ein Fremdkörper in der 1787 beschlossenen Verfassung der USA.

Buchtitel: Underground RailroadDenn das Eigentümliche ist ja, wie die Postulate von Freiheit und Gleichheit in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung und der amerikanischen Verfassung mit der Institution der Sklaverei vereinbar waren. In seinem Buch „Sind die Menschenrechte westlich?“ hat der Sozialphilosoph Hans Joas versucht, diese Frage zu beantworten. Er zeigt auf, wie die christlichen Religionen Sklaverei rechtfertigten. „In Nordamerika trug nämlich das Christentum … wesentlich dazu bei, die ethischen Vorstellungen über das angemessene Verhalten von Pflanzern und Sklaven im Umgang miteinander überhaupt erst zu formen“, schreibt er. „Sklaven zu bestrafen war nicht einfach ein Recht der Sklavenhalter, sondern ihre Pflicht.“

Bevor nach der Lektüre von Whiteheads Buch Überheblichkeit aufkommt, das sei amerikanische, und nicht europäische Geschichte, sollten wir uns daran erinnern, dass der europäische Kolonialismus ein Spiegelbild dieser Geschichte ist. Und dass die Europäer am Sklavenhandel kräftig mitverdient haben.

Lesung mit COLSON WHITEHEAD – UNGERGROUND RAILROAD
Datum: Mittwoch, 29. November um 19:30 Uhr
Ort: Achtung, geänderter Veranstaltungsort! Aula der Königin-Luise-Schule, Alte Wallgasse 10, Eingang Albertusstraße, 50672 Köln
Moderation: Prof. Dr. Sabine Sielke
Deutscher Text: Marion Mainka
Eintritt: 8,-€ / 6,-€

Karten im Vorverkauf bei:

Buchhandlung Klaus Bittner GmbH, Albertusstr. 6, 50667 Köln
eMail:   bittner.buch@netcologne.de
Telefon: 0221 – 25 74 870

Bildquelle: editrrix from NYC – Colson Whitehead @ BBF,  CC BY-SA 2.0

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Wolfgang Tönnesmann

war Studienleiter und anschließend bis 2014 Direktor der Atlantischen Akademie Rheinland-Pfalz, die politische Bildung mit Schwerpunkt transatlantische Beziehungen betreibt. Tönnesmann arbeitete u.a. als Lehrbeauftragter der Universität Düsseldorf und forschte über Demokratie und Wahlkämpfe in den USA. Er blogt auch unter www.secondthoughts.de


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