Der Schiri und das Nervenspiel

In der Bundesliga ist es eine nicht unübliche, aber umso nervigere Praxis, dass derjenige Spieler, der ohne eigentliches Foulspiel des Gegners zu Boden geht und vielleicht noch „vor unerträglichen Schmerzen“ aufschreit, auch prompt einen Freistoß zugesprochen bekommt. Das ist bei dieser WM auffällig anders – dem Fußballhimmel sei Dank! Alle Schiedsrichter sind in bemerkenswerter Weise mehr oder weniger konsequent in der Beurteilung solch unsportlicher Versuche, ignorieren sie und lassen das Spiel weiter laufen.

Das allerdings führt in allen Mannschaften zu einer nahezu deckungsgleichen Verhaltensweise der „gefoulten“ Spieler: egal, ob und wo vermeintlich getroffen, beide Hände werden vor übergroßem Schmerz theatralisch vors Gesicht geschlagen, und der Spieler bleibt regungslos am Boden liegen. Dann beginnt das Nervenspiel. Wer verliert zuerst die Nerven und beendet diese Situation? Der Spieler könnte aufstehen und weiter spielen; das kann man natürlich nicht erwarten, denn er ist schließlich „schwer verletzt“. Der Schiri reagiert natürlich auch nicht, er hat die Situation als harmlos beurteilt und kann sich jetzt nicht die Blöße des Irrtums geben.

Also liegt der so arg misshandelte Spieler gefühlte zwei Minuten auf dem Boden und hadert mit der Welt, dass sich keiner unverzüglich um sein Leid kümmert. In der Regel erlöst irgendein Spieler aus der einen oder anderen Mannschaft den so arg Verletzten, indem er den Ball selbstlos ins Aus schiebt. Er und alle Anderen auch kommen so in den Genuss einer mehr oder weniger langen Pause. Denn es folgt eine intensive, wenn auch überflüssige Behandlung und dann ist alles wieder gut – natürlich.

Bei der Abwicklung von Freistößen ist eine unerfreuliche, für den Spielfluss gar kontraproduktive Entwicklung unübersehbar. Vor allem bei Freistößen in Strafraumnähe ist dem Angreifer eine sofortige, schnelle Ausführung als taktisches Mittel genommen worden. Der Schiri hat nämlich zunächst mal seine vorgeschriebenen, umfangreichen verwaltungstechnischen Aufgaben zu erfüllen. Warum soll ein an sich störender Verwaltungsaufwand nicht auch bei einem Fußballspiel zu seinem Recht kommen!

Was sind vor solch einem Freistoß die so ungeheuer bedeutsamen Aufgaben des Schiris? Pfiff und Freistoßzuweisung, Einsatz des eher neckischen Sprays für die Positionierung von Ball und Mauer, Stellen der Mauer, Einweisung der Spieler in der Mauer in die anscheinend völlig unbekannten Regeln hinsichtlich Hand- und Armhaltung, Hinweis auf mögliche persönliche und spieltechnische Konsequenzen, Ermahnung der im Strafraum mittlerweile beschäftigungstherapeutisch im Clinch liegenden Spieler in einem intensiven persönlichen Gespräch, Einnahme der eigenen Beobachtungsposition, Freigabe des Balles durch Pfiff und Armzeichen.

Das Alles braucht natürlich seine Zeit und kann nur mit dem nötigen Equipment regelkonform erledigt werden: Armbanduhr für die Zeitnahme, 2. Uhr für die Torlinientechnik, Headset mit Akku für die Kommunikation mit den beiden Assistenten an den Seitenlinien und mit dem 4. Schiri an der Mittellinie, rote und gelbe Karte, Pfeife mit Fingerbügel oder Sicherheitsschnur, Ersatzpfeife, Schreibgerät, Ersatzschreibgerät, Notizkarton, Freistoß-Spraydose mit Gürtelhalterung, Stollenprüfer, Referee-Chip, auch als Wählmarke bekannt, und für Extravagante noch ein Taschentuch.

Wen wundert es in diesem Zusammenhang, wenn zu den Spielen der nächsten WM zumindest die Hauptschiedsrichter wenn schon nicht mit einem Pilotenkoffer, so doch mit einem Rucksack auflaufen?

Übrigens, nicht an die große Glocke gehängt wurde, dass das Spray auch zur Abwehr bedrohender Spieler eingesetzt werden kann. Es ist vergänglich und nicht gesundheitsschädlich, zeigt aber deutlich Grenzen auf.

Apropos: Das oft von Schiedsrichtern eingeforderte Fingerspitzengefühl bedeutet in Wahrheit nichts anderes, als die Spielregeln zu Gunsten der einen oder anderen Mannschaft zu missachten oder zumindest zu verbiegen.

Was hat den holländischen Schiri Kuipers beim Spiel Schweiz gegen Frankreich eigentlich dazu bewogen, den sehenswerten unhaltbaren Schuss des Franzosen Benzema ins gegnerische Tor gewissermaßen „in der Luft“ abzupfeifen und das Spiel zu beenden? Er hätte sich bei einer großzügigeren Handhabung der angekündigten Nachspielzeit (eine Sekunde länger!) in einem regelkonformen Spielraum bewegt, die oben beschriebene Art des Fingerspitzengefühls hätte nicht bemüht werden müssen. Hat sich Herr Kuiper als seelenloser Fußball-Technokrat mit sadistischen Einfärbungen erwiesen? Oder war gar genau das Gegenteil der Fall? Wollte er in christlicher o.ä. Nächstenliebe und aus reinem Mitgefühl heraus der Schweiz das 6. Gegentor ersparen? Gibt es gar noch eine dritte Möglichkeit?

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Hartmut Schmidt

Der Autor war Fußballspieler, Trainer und Schiedsrichter. Heute analysiert Schmidt die deutsche Bundesliga und den DFB-Pokal mit einem scharfen Blick auf die Leistung der Unparteiischen.


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