So gehn die Gauchos
So gehn die Gauchos

Die wollten doch nur spielen…

Man reibt sich wieder mal die Augen, wenn man in die Zeitungen schaut und Beiträge und auch die Leserbriefe liest. Eines der Themen der letzten Tage, ob Sie es glauben oder nicht: Der Gaucho-Tanz der Fußball-Weltmeister, also der Versuch eines Ballett-Auftritts der Kicker Kroos,  Klose, Schürrle und anderer mit dem Gesang „So gehen die Gauchos“. Und wie gehen sie? Eben gebückt. Weil sie verloren haben gegen die Deutschen. Und deshalb folgte die nächste Zeile „So gehen die Deutschen“, aufrecht eben.  Selten wohl hat eine Tanz- und Gesangseinlage die Gemüter so erregt, oder besser: selten haben die Medien, die diese Einlage heftig kritisiert hatten, so viel verbale Prügel bezogen. Und dies zu Recht.

Das Theater begann nach Ende der Feierlichkeiten. Plötzlich war von Entgleisung der Spieler, die gerade noch gefeiert worden waren, die Rede. Da fand taz-Chefredakteurin Ines Pohl tatsächlich, dass die Deutschen nun „das wahre Gesicht“ gezeigt hätten. Geht’s noch, Leute. Was war daran peinlich? Der Tanz an sich, weil nicht von Profis ausgeführt, oder der Gesang, weil die Töne aus heiseren Kehlen kamen?

Ein SZ-Leser stufte in der Wochenend-Ausgabe des Blattes die Ballett-Kicker als „Sechser-Kette der Taktlosigkeit“ ein.  Ein anderer verurteilte „die Szene der gedemütigten Gauchos und der siegreichen Herrenmenschen Deutschlands“.  Der nächste Schreiber findet, dass das latent schlechte Gewissen der Deutschen der Grund sei, warum der Gaucho-Tanz so hohe Wellen schlage.

Wie kommt jemand zu der Meinung, das sei eine Verhöhnung der Argentinier gewesen, gar eine kriegerische Überhöhung des eigenen Selbst“? Waren Sie schon mal im Stadion, haben Sie schon mal mitgefeiert oder früher selber gespielt und nach einem Sieg gefeiert? Nein? Drum verstehen Sie vom Fußball und den Kickern nichts, gar nichts. Sie sitzen auf dem hohen Ross und soziologisieren sich ein Urteil herbei, das so schräg und daneben ist, schräger und mehr daneben geht gar nicht.

Der angesehene und von mir geschätzte Berliner „Tagesspiegel“, den ich in Berlin wie in Bonn über Jahre abonniert hatte, verstieg sich zum Urteil: „Sie haben bewiesen, dass es im Fußball nicht nur Trottel gibt, sondern auch Riesentrottel.“ Das könnte man ein Eigentor des Redakteurs nennen und ihn an ein Wort des früheren Bundespräsidenten Gustav Heinemann erinnern: Wer mit dem Zeigefinder auf andere zeigt, muss wissen, dass drei Finger derselben Hand auf ihn zurückweisen.

Ein Sportjournalist aus Uruguay, der bekannte Victor Hugo Morales, hat in den Hobby-Tänzern „ekelhafte Nazis“ entdeckt. Wie er darauf gekommen ist, belegt er nicht.  In der FAZ werden die Argentinier gebückt zwischen Niedergeschlagenheit und Demütigung gesehen, während die Deutschen wie Hermann der Cherusker den Pokal gen Himmel streckten. Man fasst sich an den Kopf ob der Vergleiche.

Oder der nächste Fall: „Die Deutschen finden ihre Genugtuung erst dann, wenn sie die trauernden Unterlegenen ein bisschen quälen. Das macht die Peinlichkeit zum Ärgernis.“ Aber wieso quälen? Die Kicker haben durch ihre technische Spielweise, ihre Schnelligkeit, Disziplin, ihr gekonntes Kurzpaßspiel, ihre Entschlossenheit und ihre Kampfkraft verdient gewonnen und sind auch wegen ihrer Fairness weltweilt gelobt worden. Die Argentinier haben dagegen im Endspiel gegen die Deutschen ganz schön hingelangt. Fragen Sie mal Schweinsteiger, oder Kramer.

Die Weltmeister hätten durch den Gaucho-Tanz „das Image der weltoffenen und toleranten Nation“ verspielt. Wie bitte? Schon vergessen, wer alles in der bunten Multi-Kulti-Truppe gespielt hat? Zwei Spieler sind in Polen geboren, ein anderer hat tunesische Eltern, der nächste türkische. Dazu kommt ein Sohn eines ghanaischen Vaters, der in Berlin geboren ist. Empfangen wurde die Weltmeister-Elf in Berlin, wo ein homosexueller Bürgermeister regiert.

Effekthascherei,  Besserwisserei,  Stimmungsmacherei-  so liest sich manches in den Medien nach der WM über die Ballett-Kicker. Die Autoren haben völlig ignoriert, dass die Weltmeister aus der Emotion und der Freude heraus getanzt und gesungen haben, vielleicht hatten sie zuvor im Flugzeug oder in der Nacht nach dem glorreichen Sieg ein Gläschen getrunken. Was ihren Klasse-Auftritt bei der WM in Brasilien überhaupt nicht mindert.  Sie waren Botschafter des Landes. Gleichwohl hat die Medien-Schelte den DFB-Präsidenten Wolfgang Niersbach, ein sympathischer Repräsentant des deutschen Fußballs, dazu verleitet, sich öffentlich zu entschuldigen. Wofür, Herr Niersbach? Weil einige Medien den Spaß falsch verstanden hatten? Niersbach will seinem argentinischen Kollegen einen entsprechen Brief schreiben und darin klarmachen, dass der Auftritt und der Gesang keinesfalls despektierlich gegenüber den Argentiniern gemeint gewesen sein.  Da wird die politische Korrektness wieder mal auf die Spitze getrieben!

Die ganze Diskussion kann man mit Kurt Tucholsky auf den Satz zusammenfassen: „Meine Sorgen möcht ich haben.“ So hat sich Tucholsky unter dem Pseudonym Kaspar Hauser geäußert, als er seine Glosse „Zur soziologischen Psychologie der Löcher“ schrieb. Das Stück beginnt mit den Worten: „Ein Loch ist da, wo etwas nicht ist.“ Und am Ende heißt es: „Verzeihen Sie diesen Abschnitt, ich hatte nur zwischen dem vorigen Stück und dem nächsten ein Loch zu füllen.“

 

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Alfons Pieper

arbeitete als stellvertretender Chefredakteur und Berliner Chefkorrespondent für die WAZ. 2009 gründete Pieper den Blog "Wir in NRW". Heute ist er Chefredakteur des Blogs der Republik.


'Die wollten doch nur spielen…' hat 2 Kommentare

  1. 22. Juli 2014 @ 11:51 Schorsch

    Welch eine Wohltat!

    Danke, Herr Pieper, für diesen Artikel. Vollkommen zu Unrecht wurde diese Thema in den Medien so hochgespielt. Und bis jetzt fehlte der Artikell, den Sie geschrieben haben! Danke!

    Habe ihn sofort auf FB geteilt!

    Antworten

  2. 22. Juli 2014 @ 22:16 Gendries

    Danke für diesen Beitrag. Die Kritik an dem Verhalten offenbart mal wieder, wie schwer wir Deutschen uns mit jeglichem Ausdruck von Freude tun, wenn es um die Nation geht; nach dem Motto: „wenn es sein muss, dann darf man auch feiern, aber immer ganz sachte … Ihr wisst doch, wir haben eine Vergangenheit…“

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