Hans schäfer
Hans Schäfer (l.) mit dem Schweden Gren vor dem Länderspiel am 20. November 1957 in Hannover

Einer der letzten Helden von Bern ist tot: Hans Schäfer

4. Juli 1954. Endspiel zwischen Deutschland und Ungarn um die Fußball-WM. „Sechs Minuten noch im Wankdorf-Stadion in Bern. Keiner wankt.“ Der Fernseh-Zuschauer und Rundfunkhörer, der die packende Reportage von Herbert Zimmermann hört, ist mindestens genauso begeistert und gefesselt von dem, was sich da auf dem Rasen des Berner Wankdorf-Stadions abspielt. Es steht 2:2. Zimmermann ist national, nicht neutral. „Der Regen prasselt unaufhörlich hernieder“, beschreibt der Reporter die Situation, er kann seine Stimme vor Begeisterung kaum halten, als er die Szene am linken Flügel schildert  „Schäfers Zuspiel zu Morlock wird von den Ungarn abgewehrt.“ Aber der Ungar Boszik, rechter Läufer der Mannschaft, verliert  den Ball gegen Schäfer. „Schäfer nach innen geflankt. Kopfball! Abgewehrt. Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen. Rahn schießt! Tor!“ Die Stimme Zimmermann überschlägt sich. „Tor“ schreit er ins Mikrophon. „Tor. Tor. Tor für Deutschland“.

So war das damals, am 4. Juli 1954. Helden nannten die Fans die Sieger von Bern, einer der vorletzten, der Kölner Hans Schäfer, ist jetzt, kurz nach seinem 90.Geburtstag gestorben. Schäfer spielte Linksaußen in der deutschen Elf, wie sie einst genannt wurde. Toni Turek stand im Tor, den Zimmermann wegen seiner Glanzparaden einen „Fußball-Gott“ rühmte, in der Verteidigung standen Jupp Posipal und Werner Kohlmeyer, rechter Läufer war Horst Eckel, Mittelläufer Werner Liebrich, linker Läufer Karl Mai. Im Sturm spielte der Essener Helmut Rahn Rechtsaußen, neben im halbrechts der Nürnberger Max Morlock, in der Mitte stürmte Ottmar Walter, Regie führte Fritz Walter und dann auf ganz links Hans Schäfer. Nach Schäfers Tod ist Eckel, der damals der jüngste von allen war, der letzte Überlebende dieser Truppe. Trainer war Sepp Herberger. Auswechselspieler gab es nicht.

Ungarn mit Puskas und Czibor

Kaum jemand in Deutschland hatte damals einen Fernseher. Ich schlich mich von zu Hause fort und rannte in das Vereinslokal meines damaligen Fußball-Klubs Schwarz-Weiß Meckinghoven. Dort gab es ein kleines TV-
Gerät. Meckinghoven ist ein Vorort von Datteln im Kreis Recklinghausen. Die Kneipe war rappelvoll, ich saß mit anderen Schülern auf der Fensterbank. Als die Ungarn schnell 2:0 in Führung gingen, herrschte Grabesstimmung im Lokal. Die Ungarn mit Puskas und Czibor, Hidegkuti, Koscis und wie sie alle hießen, waren haushoch überlegen. Dann der Anschlusstreffer durch Morlock, den Ausgleich schoß Rahn.

In dem Buch von Erik Eggers „Die Stimme von Bern“ wird das Leben von Herbert Zimmermann nachgezeichnet, der Reporterlegende bei der WM 1954. Und Eggers lässt seinen Zimmermann immer wieder sprechen, seine Trauer, wenn die Ungarn ein Tor schießen, seine Begeisterung kennt keine Grenzen, wenn er Tureks Taten auf der Linie versucht zu beschreiben. Mal ist der Düsseldorfer Keeper ein Teufelskerl, mal ein Fußballgott. Die Dramatik wird noch durch den Vergleich gesteigert, wenn der Reporter auf das Spiel zwischen Deutschland gegen Ungarn aus der Vorrunde eingeht, das die Deutschen mit 3:8 verloren, aber im Grunde ja eine zweite Mannschaft hatten spielen lassen, um die anderen zu schonen. Zimmermann versucht sich dann bei den Laien, wie er sie nennt, für seine Begeisterung zu entschuldigen. „Sie werden uns für verrückt halten“, schiebt er in seine Reportage ein. „Aber bedenken Sie: Es ist heute wirklich Deutschlands Fußballtag.“

Toni, Du bist Gold wert

„Toni“, ruft Zimmermann ins Mikro, „Toni, Du bist Gold wert. Du bist mindestens so schwer in Gold aufzuwiegen wie der Coup Rimet.“ So hieß der Pokal, um den es ging und den Deutschland gegen Ungarns Wundermannschaft gewann, die über Jahre kein Spiel verloren, ja, die sogar England in Wembley vom Platz gefegt hatten. Und diese Ungarn standen plötzlich mit dem Rücken zur Wand, die Niederlage vor Augen. Und Zimmermann zittert dem Schlußpfiff entgegen. „Halten Sie mich für übergeschnappt“, bittet er die Zuhörer um Verständnis. „Halten Sie mich für verrückt.“ Er japst nach Luft, so steht es in dem Buch von Eggers, dann verliert er für Sekunden den sprachlichen Überblick. „3:2 für Ungarn“, sagt Zimmermann, wird von seinem Sendeleiter Lemke korrigiert, der barsch dazwischenruft: “ Für Deutschland!“ Und Zimmermann korrigiert sich sofort: „Für Deutschland! Ich bin auch schon verrückt, Entschuldigung! 3:2 für Deutschland! Und die Ungarn, wie von der Tarantel gestochen, lauern die Puszta-Söhne, drehen jetzt den siebenten oder zwölften Gang auf, und Koscis flankt! Puskas abseits“, ruft Zimmermann erleichtert. „Kein Tor. Kein Tor. Eindeutige Abseitsstellung von Major Puskas“.

Dann die Schlußmomente. Zimmermann: „Der Sekundenzeiger, er wandert so langsam. Geh doch schneller, geh doch schneller, aber er tut es nicht.“ Dann droht wieder Gefahr durch Czibor, dann hämmert vor lauter Enttäuschung Puskas die „Fäuste auf den Boden“. Und dann der Schlussakkord. „Aus. Aus.“ Viermal ruft er es. „Das Spiel ist aus. Deutschland ist Weltmeister.“

DDR-Reporter bekam 3000 Wut-Briefe

Anders als Zimmermann pflegt sein DDR-Kollege Hempel die sachliche Übertragung, spricht korrekt von Westdeutschland und kritisiert den Schiedsrichter, weil er ein Foul von Schäfer an Bozsik vor dem Tor nicht pfeift. Was übrigens Schäfer in seinem Memoiren genauso sieht. Dieser Hempel gerät, so kann man es in dem besagten Buch über Zimmermann nachlesen, zur tragischen Figur. Weil er sachlich bleibt, nicht überschwänglich wird, wird er später heftig von Fans angegriffen. Er habe, schildert Hempel 1990, nach dem Spiel über 3000 Leserbriefe bekommen, die meisten anonym, der schlimmste Brief habe ihn aus Wittenberg, der Lutherstadt, erreicht. „‚Wir werden Dich Kommunisten-Sau neben Walter Ulbricht…,“ Man muss diese üble Sprache nicht weiter zitieren.

Der ungarische Reporter Szepesi, ist am Ende des Spiels fast am Ende, sprachlos, still. Er bricht zusammen und weint.

Die deutschen Reporter mit Zimmermann, Brumme, Lemke, Krämer, Michel, umarmen sich nach dem Spiel, sie sind benommen, Tränen im Gesicht. Aber sie feiern still, erst am Abend trinken sie eine Flasche Sekt. Sie wollen nicht auffallen, nicht wie großkotzige Deutsche wirken.

Ein dreifaches Hipphipphurra

Auch die Spieler sind zunächst völlig geschafft, einige liegen am Boden.In der Kabine habe keine ausgelassene Stimmung geherrscht, heißt es in dem Buch von Eggers. Fitz Walter und Sepp Herberger hätten sich in die Augen geschaut, es habe einen stillen und festen Händedruck gegeben. Der Spielführer, eben Fritz Walter, habe mit einem dreifachen Hipphipphurra, in das alle Anwesenden eingestimmt hätten, der erfolgreichen Nationalmannschaft gedankt.

Zurück in meine Vereinskneipe: Die Fans haben gezittert wie Zimmermann, geschrien, als das Tor von Helmut Rahn fiel, die Stühle flogen hoch, als der Schlusspfiff kam. Übrigens hat ein Teil meiner Familie die Übertragung aus dem Radio gehört, ein Onkel, er war erfolgreicher Anwalt, hatte einen Opel-Olympia mit Radio. Der Rest der Familie feierte die Silberhochzeit während des Spiels im  Haus weiter.

Hans Schäfer spielte 39 mal für Deutschland. Er wurde mit dem 1. FC Köln 1962 und 1964 Deutscher Meister. Er war u.a. Spielführer der Nationalmannschaft bei der WM 1958 in Schweden, bei der Deutschland den 4.Platz belegte.

Quellen: Erik Eggers: Das Wunder von Bern. Wißner-Verlag 2004. 284 Seiten. Wikipedia.

Bildquelle: SCANPIX – nyheter24.se via Wikipedia, gemeinfrei

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Alfons Pieper

arbeitete als stellvertretender Chefredakteur und Berliner Chefkorrespondent für die WAZ. 2009 gründete Pieper den Blog "Wir in NRW". Heute ist er Chefredakteur des Blogs der Republik.


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