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Eskalation in Syrien – bis die Situation außer Kontrolle gerät

Mit aggressiven Twitter-Kommentaren dreht US-Präsident Donald Trump an der Eskalationsspirale. Der Krieg in Syrien, in dem schon mehr als 500.000 Menschen getötet wurden, steuert im achten Jahr auf eine massive militärische Konfrontation zu. Russland und die USA stehen sich bedrohlich feindselig gegenüber; der Iran, Saudi Arabien, auch Israel und die Türkei verfolgen rücksichtslos ihre jeweiligen Interessen.

Um Syrien geht es gar nicht mehr. Das Land ist zu einem Schlachtfeld machtgieriger Potentaten geworden, die Bevölkerung zum Spielball einer Tragödie, in der das internationale Recht mit Füßen getreten wird und die Vereinten Nationen zum Scheitern verdammt sind. Trump hat sich mit Falken umgeben, die ihn eher anfeuern, als ihn zur Vernunft zu bringen.

Anders als noch vor einem Jahr, als der US-Präsident überraschend den ersten Militärschlag seiner gerade begonnenen Amtszeit befahl und um die 50 Cruise Missiles gegen einen syrischen Militärflugplatz schickte, kündigt er nun massive Raketenangriffe an. Wieder als Reaktion auf einen Giftgasangriff, der dem syrischen Präsidenten Baschar el-Assad zugeschrieben wird, der jedoch auch ein Propagandamanöver sein kann. Offizielle Ermittlungsergebnisse gibt es noch nicht. Geheimdiensterkenntnisse, von denen Frankreichs Präsident Emmanuel Macron behauptet, sie lägen ihm vor, sind keine unabhängigen Beweise.

Zu Beginn seiner Amtszeit hatte Trump noch getönt, eine Weltmacht drohe nicht lange, sondern handele prompt. An sich wolle er sich aber – ganz nach der Devise „America First“ – aus internationalen Konflikten heraushalten. Soeben erst hat er den Abzug der US-Truppen aus Syrien angekündigt und damit Assad einen unerwarteten Imageerfolg beschert. Dass er nun umso massiver eingreifen will, verwirrt Beobachter. Trump lässt sich offenbar von Affekten leiten, nicht von einer durchdachten Strategie.

Im Konflikt mit Nordkorea hat er schon Gefallen am Säbelrasseln gefunden. Nun adressiert er seine Drohung per Twitter direkt an Russland, lässt sie zugleich aber vage. „Sehr bald“, oder „überhaupt nicht so bald“, sagt er zum Zeitpunkt der Attacken, was Optimisten hoffen lässt, dass die Ankündigung auch noch im Sande verlaufen kann, nach dem Motto „Hunde, die bellen, beißen nicht“.

Trumps neuer Sicherheitsberater John Bolton dämpft jegliche solche Hoffnung erheblich. Er gilt als Falke, der nicht lange fackelt, und setzt auch gegenüber dem Iran auf Zuspitzung statt Dialog. Das Atomabkommen mit dem Mullah-Regime, an dem den Europäern viel gelegen ist, will er einseitig aufkündigen. Bei militärischen Angriffen in Syrien haben die USA neben Russland auch den Iran im Visier. Die Situation ist alarmierend.

So schlecht wie nie sei das russisch-amerikanische Verhältnis, hat Trump selbst gesagt, und er unternimmt alles, um es weiter zu verschlechtern. Die von Drohungen und Provokationen zwischen den Atom-Supermächten aufgeheizte Stimmung kann unberechenbare Reaktionen auslösen. Ein Funke genügt, um die Welt an den Rand des Abgrunds zu führen.

Der Generalsekretär der Vereinten Nationen, Antonio Guterres, warnt davor, dass der Syrienkonflikt vollends außer Kontrolle gerät. Er versucht das Heft des Handelns zurückzubekommen und richtet einen mäßigenden Appell an die Mitglieder des Weltsicherheitsrats. Tragischerweise blockiert sich dieses Gremium, das die wichtigste Instanz für die Herstellung von Frieden sein sollte, stets dann, wenn es am dringendsten gebraucht würde. Das Veto-Recht seiner Mitglieder erweist sich aufs Neue als Fehlkonstruktion. Der Syrien-Krieg geht ins achte Jahr, und ein Ende ist nicht in Sicht.

Bildquelle: Wikipedia, U.S. Air Force photo by Master Sgt. Michael Ammons, public domain

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Petra Kappe
Über  

Die promovierte Medienwissenschaftlerin arbeitete mehr als 20 Jahre in der Politikredaktion der Westfälischen Rundschau. Recherchereisen führten sie u. a. nach Ghana, Benin, Bosnien-Herzegowina, Kroatien, China, Ukraine, Belarus, Israel und in das Westjordanland. Sie berichtete über Gipfeltreffen des Europäischen Rates, Parteitage, EKD-Synoden, Kirchentage und Kongresse. Parallel nahm sie Lehraufträge am Institut für Journalistik der TU Dortmund sowie am Erich-Brost-Institut für Internationalen Journalismus in Dortmund wahr. Derzeit arbeitet sie als freie Journalistin.


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