Straßenszene Pakistan

Für eine globale Share-Economy

Vor fast fünf Jahren gab es einen großen Brand in der pakistanischen Textilfabrik der Firma Ali Enterprises. Was sich dort in der Nähe von Karachi ereignete, hatte katastrophale Auswirkungen: 255 Menschen kamen in den Flammen um, fast 60 Menschen wurden schwer verletzt. Eine Flucht vor dem wütenden Feuer war kaum möglich. Die Fenster der Textilfabrik hatten die Eigentümer schon früher vergittern lassen, um Verluste durch Diebstahl von dort gefertigter Bekleidung zu verhindern. Als Ursache für diese Katastrophe wurde ein Brandanschlag festgestellt, nachdem die Behörden lange Untersuchungen angestellt hatten.

Die deutsche Firma KiK sowie amerikanische Unternehmen waren der Hauptkunde dieses pakistanischen Produzenten Ali Enterprises. KiK steht für „Kunde ist König“. 75 % der Fertigung aus Pakistan waren vor allem für deutsche Läden und damit für Käufer in Deutschland bestimmt.

Gegen die „Geiz ist geil-Mentalität“

T-Shirts für 3 oder auch 5 Euro sowie andere Bekleidungsstücke zu Billigstpreisen passten bestens in die geschäftspolitische Strategie und wurden von den Kunden mit der „Geiz ist geil“-Mentalität allzu gern akzeptiert. Kaum jemand, der diese Billigware schließlich trug, machte sich Gedanken über das traurige Schicksal der Menschen, die diese unter erbärmlichen Bedingungen produzierten und in dem Flammeninferno am 12. September 2012 umkamen oder erheblich verletzt wurden.

KiK-Hilfe für Brandopfer

Immerhin war die Geschäftsführung recht schnell bereit, 1 Million Euro als Soforthilfe für die Betroffenen des Großbrandes im fernen Pakistan zu leisten. Andere Firmen aus den USA, Deutschland oder sonstigen Abnehmerstaaten hielten sich in gleichgültiger Verantwortungslosigkeit zurück. Dagegen gab es dann doch noch eine freiwillige Zahlung von dem KiK-Unternehmen in Höhe von weiteren gut 4 Millionen Euro. Immerhin hatte sich das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ) mit Gerd Müller an der Spitze eingeschaltet und darauf gedrängt, dass die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) eingeschaltet wurde.

Jetzt, einige Jahre nach dem großen Unglück in der Textilfabrik, hat die ILO einen Plan für die Entschädigung der Hinterbliebenen erstellt. Das war schwierig genug: Viele Pakistanis haben nicht einmal ein Bankkonto.

So wird es noch einige Zeit dauern, bis die Entschädigungszahlungen fließen können. Die Abstimmungen mit den Behörden der Provinz Sindh zogen sich hin. Eltern verlangten den gleichen Betrag wie Witwen, denn in Pakistan wie in vielen anderen Ländern Asiens gibt es kein leistungsfähiges Rentensystem, sondern vor allem Kinder sorgen mit ihrer Arbeit auch für Vater und Mutter.

67,62 Euro als Witwen-Rente

Im Februar diesen Jahres können die Brandopfer endlich mit Zahlungen rechnen. Eine Witwe wird dann monatlich etwa 67,62 Euro erhalten; das entspricht 75 % des Lohnes eines pakistanischen Textilarbeiters. Für Kinder sind nach den von der ILO gefundenen Regelung 16,20 Euro pro Monat vorgesehen. Der Vorstand von KiK hat dieses nun gefundene Ergebnis und vor allem die Einigung über den „für alle Seiten akzeptablen Auszahlungsmodus“ begrüßt. Allerdings ist noch auf den Ausgang einer Klage auf Schmerzensgeld, die vier pakistanische Opfer gegen KiK beim Landgericht Dortmund angestrengt haben, zu warten. Es kann durchaus sein, dass hier gar am Ende die Verjährung greift und somit ein Schlussstrich unter die Brandkatastrophe gezogen wird.

Gegen inhumane Arbeit in der Dritten Welt

Der schreckliche Brand bei Ali Enterprises sollte Konsequenzen haben. Da ist es gut, dass der BMZ-Minister Gerd Müller deutsche Firmen aufgefordert hat, bei ihren Lieferanten in Pakistan, Bangladesh und anderswo auf die Produktionsbedingungen, auf Arbeits- und Menschenschutz, zu achten und auf Verbesserungen zu drängen.

Ebenso wichtig ist es, bei Käufern in Deutschland das Bewusstsein dafür zu schärfen, dass Geiz für die Menschen in den Nähstuben ferner Länder keineswegs geil ist, sondern inhumane Arbeit bei der Herstellung von Bekleidung ebenso wie anderer Produkte bedeutet. Mit ein oder zwei Euro mehr für das T-Shirt, die Hose oder anderes ließe sich auch für viele Lohnsklaven in Entwicklungsländern das realisieren, was in unserem Grundgesetz steht: Die Würde des Menschen ist unantastbar!

Für eine faire Wohlstandsverteilung

 Da lässt Larry Fink, der Chef des amerikanischen Vermögensverwalters und Anleger von rund 6 Billionen Dollar, aktuell aufhorchen. Er hat an Vorstände von internationalen Unternehmen geschrieben und mehr Verantwortung angemahnt: „Die Gesellschaft verlangt, dass Unternehmen – private wie öffentliche – einem sozialen Zweck dienen.“ Es gehe nicht nur um finanzielle Leistungen, sondern auch um positive Beiträge zur Gesellschaft. Es müssten alle profitieren: Aktionäre, Beschäftigte, Kunden und auch die Gemeinschaft, in der Unternehmen tätig seien. Andernfalls könnte ein Unternehmen seine „Lizenz zum Arbeiten“ verlieren. Denn auf Dauer würde die zunehmend ungerechte Verteilung von Vermögen auf der Welt zugunsten der Kapitalbesitzer keinen Bestand haben können.

Die Share-Economy, die sich mehr und mehr durchsetzt, sollte nicht allein in den Wohlstandsländern realisiert werden, sondern auch die Beziehungen zu den Menschen in der Dritten Welt stärker prägen: Unseren Wohlstand dürfen wir nicht länger durch die Ausbeutung  der Schwächeren In Asien, Afrika und Lateinamerika steigern; vielmehr ist es höchste Zeit für ein faires Teilen des Wohlstandes.

Bildquelle: Wikipedia, The Walled City of Lahore Authority, CC BY-SA 4.0

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Friedhelm Ost

leitete die ZDF Wirtschaftsredaktion, bevor er unter Helmut Kohl Regierungssprecher und schließlich CDU-Abgeordneter im Bundestag wurde. Heute ist Ost weiter als Journalist und in der Politik- und Wirtschaftsberatung tätig.


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