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Opportunismus ist die Cleverness der Rückgratlosen

Gestern fragte mich ein Freund, ob es nicht das Beste sei, nach allem, was an Lug und Trug in der Kumpanei von Wirtschaftsbossen und politischen Amtsinhabern tagtäglich offenkundig wird, ob es nicht das Beste sei, gar nicht mehr zur Wahl zu gehen, diese Show nicht weiter mitzuspielen. Nun, antwortete ich ihm mit dem Rat: bitte wähle dann wenigstens ungültig, damit deine Stimme wenigstens mitgezählt wird, und nicht nur untergeht. Und doch: ich verstand seine frustrierte Stimmung.

Aber: ich sagte ihm dann, was ich tue: ich wähle grün für die Erststimme, gebe die Zweitstimme der SPD, denn ich möchte Frau Merkel da oben NICHT mehr sehen, die Linken bekommen sicher genug, um dann evtl. mitregieren zu können. Ich weiß, ich wähle das kleinere Übel, und ja, ich bin nicht kompromisslos, ganz bewusst bin ich nicht kompromisslos!

Ich möchte unbestechlich sein und bleiben, ich finde opportunistische Leute immer unsympathisch, jedoch: ich bin für Kompromisse, es gibt sie nicht, die reine Lehre, und ich stehe nicht auf Perfektion, schon das superlativische Mode-Wort „absolut“ verursacht mir Kälteschauer. Wir leben jetzt, wir sollten uns der je eigenen Widersprüchlichkeit stellen, denn das ist eine Stärke, macht resilient. Außerdem: ich mag keine Fanatiker, überhaupt gar nicht, auf keiner Seite.

Und: So lange ich lebe, lache ich auch gerne, weiterhin. Insofern sind mir humorlose Leute nicht angenehm, zumal Selbstironie und Selbstkritik erfrischend zusammengehören!

Ich weiß, dass es insgesamt leider bergab geht mit uns und mit Mutter Erde, und dass deshalb viele Leute ekelhaft haltlos und egoistisch sich benehmen, denn: ihnen fehlt ein innerer ethischer Kompass, sie spüren lediglich: es gibt sie nicht, DIE verlässliche PERSPEKTIVE zum Guten. Ein Sinndefizit legt sich lähmend über den Globus, und „die weiteren Aussichten“? Sie werden nicht global, nicht vernünftig und nicht verbindlich kommuniziert. Es fehlt eine humanistische Orientierung; jedenfalls ist keine weltweit klar formuliert. Auf dem nach meiner Erkenntnis dominierenden Hintergrund: der Turbokapitalismus zerstört totalitär, seine Wachstums-Dynamik ist zwangsläufig zerstörend, ob wir das wollen oder nicht. Es ist in der Tat eine Art Hamsterrad, sowohl, was die Qualität von strukturell entfremdeter Arbeit, als auch, was das „Umschlagen“ überflüssiger und schädlicher Produkte angeht; Karl Marx schon sprach in diesem gesellschaftlich prägenden Zusammenhang von „einer zweiten Natur“, die sich fatal über die erste legt. Deshalb die sich verbreitende schamlose Nummer bei den innerlich ungefestigten „Endverbrauchern“, vornehmlich bei den globalen „Modernisierungs-Verlierern“: „Nach mir die Sintflut.“ Immer mehr Leute verhalten sich rücksichtslos, weil ihr Charakter sich offenbar aus mangelnder innerer Stärke nicht mehr orientiert an so etwas wie Solidarität, Nächstenliebe, achtsam sein, behutsam…welch ein schönes Wort! Der permanente Steigerungswahn, der diesem unglückseligen Raubtierkapitalismus innewohnt, schleudert die Schwachen an den Rand, „systemrelevant“ sind ja bekanntlich die Manager, die Banker, die Werbe-Manipulateure, und jene politischen Funktionäre, die das fatale Spiel möglichst reibungslos mitorganisieren, siehe jetzt gerade den Abgasgift-Skandal als Mega-Symptom hochglänzender Gier einer elitären Kaste, dazu diese millionenfach ätzend traktierten Eier. Alles eiskalt kalkulierende Händler, deren Profite automatisch durch gewissenlose Verarschung der BürgerInnen generiert werden! So funktioniert der Turbokapitalismus. Was soll an diesem höchst offiziellen Betrug noch demokratisch sein, wenn derart viel Intransparenz zynisch hergestellt wird?

Mir geht es jedoch nach wie vor um RÜCKSICHT, UMSICHT und auch NACHSICHT, nämlich mit den Schwächeren unter uns. Wie können wir das bloß kommunizieren? Mich macht so fertig, wie völlig SINNLOS diese bodenlosen Spiralen von GEWALT sind. Keiner von den Tätern, Scharfmachern und MITLÄUFERN fühlt sich verantwortlich. Was tangiert die eigentlich in ihrem Innern? Wie löschen die ein Unrechtsbewusstsein aus, wie verändert sich deren Selbstwahrnehmung?

Vor allem sollten wir ALLES tun, damit diese wahnsinnig gefährdende Waffen-Produktion gestoppt wird, JETZT, keine Deals mehr mit den Saudis, und den anderen Schurken, generell. Ich würde mich ja sofort an einer Art GENERALSTREIK beteiligen, übrigens auch in puncto Giftgas-Autos!

Was versprechen uns in dieser Hinsicht denn die Parteien verbindlich vor der Bundestagswahl?

Es gibt ja den humanistischen Grundgedanken, mit dem bin ich immerhin – trotz heftiger Gewalterfahrung als Kind und parallel dann auch die Geschichte vom barmherzigen Samariter, auch deshalb habe ich oft geweint – aufgewachsen:

„Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem Andern zu.“

Das gilt global, und daran messe ich genauso die Mächtigen. Wenn Putin Leute umbringen lässt, genauso, wie Erdogan, etliche Amis, jahrzehntelang, etc., etc., ich mache da KEINEN UNTERSCHIED!

Menschenrechte sind unteilbar, es gibt keinerlei Rechtfertigung für gewalttätige Übergriffe, nirgends. Die UN als eine Welt-Polizei, ja, wenn sie fair und transparent organisiert ist, und ohne Veto im Sicherheitsrat. Ja, wenn ich mir was wünschen dürfte…

Jedenfalls: mit einer möglichst aufrechten Haltung und engagiertem Wachsein lebe ich „trotz alledem und alledem“ noch ganz gerne!

Und: es tröstet mich, dass es wahrhaftig gute und kluge und warmherzige Leute gibt, weltweit, mit denen wir eigentlich allerhand bunten Widerstand auf die Beine stellen könnten.

Bildquelle: pixabay, User MarcoPomello, CC0 1.0)

 

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Marianne Bäumler

Die Theater-, Film- und Literaturkritikerin schreibt für diverse Zeitungen und arbeitet für den öffentlich rechtlichen Rundfunk. Sie promovierte über Erich Kästner, lehrte an der Universität Marburg, arbeitete als Dramaturgin und machte Dokumentarfilme für den WDR und andere ARD-Sender.


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