Tennis- ein eigenartiger Sport

Eine nicht ganz ernst zu nehmende kritische Auseinandersetzung mit dem Tennisspiel, durchgeführt anlässlich des 50-jährigen Jubiläums des TC Schleißheim, Bayern.

Tennis ist eine relativ alte Sportart. Erfunden wurde es im 13. Jahrhundert nicht in England, wie viele meinen, sondern ausgerechnet in Klöstern von Nordfrankreich. Auf die Zellenstruktur der Klöster geht die beim Tennisspiel auch heute noch übliche und selbst von den Grünen sanktionierte Käfighaltung zurück.

Bis Ende des 15. Jahrhunderts wurde der Tennisball mit der bloßen Handfläche geschlagen, also Handarbeit im engeren Sinne, was nur dann zum Erfolg führte, wenn man das richtige Händchen dafür hatte.

Verweichlichte Typen zogen einen Handschuh an.

Dann kamen Schläger ins Spiel; zunächst Holzbretter, dann Holzrahmen, in die anfangs Pergament und später ein Netz gespannt war.

Heute sind das kohlenstofffaserverstärkte Kunststoffrahmen mit senkrecht und waagerecht gespannten Saiten, meistens aus Kunststoff.

Unten in der Saitenfläche befindet sich ein sog. Seitenaufprallschutz, der aber nicht verhindern kann, dass auch mal eine Saite reißt, man spricht dann von einem Seitensprung, der beim Tennis gar nicht so selten vorkommt. Dann braucht man einen Fachmann mit einem guten Saitenzugriff, der einen Seitenblick riskiert und einem zur Seite springt, indem er – wenn eben nötig, wie in diesem Fall – auch mal andere Saiten aufzieht. Das geschieht stets unter erheblichem Zeitdruck, da die Auswahl der Saite, die Seitenwahl, immer erst kurz vor Spielbeginn erfolgt.

Und dass bei so einem Tennisspiel die Seiten gleich mehrfach gewechselt werden, obwohl noch gar keine Saite kaputt ist, gehört zu den vielen Eigentümlichkeiten des Tennisspiels.

Tennis ist auch die einzige Sportart, bei der eine kräftige Schlagseite nicht nur nicht schadet, sondern sogar von Nutzen ist.

Irritierend ist, dass jeder Schläger zwei Seiten haben soll, obwohl doch nur eine einzige Saite eingespannt wird. Und wenn dann manche sogar von einem vielseitigen Spiel sprechen, dann übersteigt das doch jedes logische Vorstellungsvermögen.

Der Beginn eines Tennisspiels war immer schon indirekt; in den Anfängen musste deshalb der Ball über ein Netz zunächst nach oben gegen die schräge Dachfläche oder später gegen eine entlang der Seitenlinie befindliche Wand gespielt werden. Ende des 18. Jh. wurden das Dach und die Mauer für den indirekten Aufschlag abgeschafft, das Netz ist erhalten geblieben. An und für sich ist auch das Netz völlig überflüssig, im Grunde hinderlich, störend, einfach nur lästig. Irgendwie ist es ein aus den Anfängen des Tennis überliefertes Relikt klerikal-sadistischer Schikane.

Der Leser wird vermutlich nicht allzu sehr überrascht sein, wenn er erfährt, dass Tennis ein Ballspiel ist, aber ein Ballspiel mit einer ganzen Reihe von haarsträubenden, juristisch höchst fragwürdigen Gepflogenheiten.

Unterziehen wir z.B. mal die Zählweise einer kritischen Betrachtung.
Wer ein Match für sich entscheiden will, muss zwei oder drei Sätze gewinnen. Sätze – die mal kurz, mal lang sind! So ein Satz besteht aber nicht aus Buchstaben oder Wörtern, sondern aus Spielen!
Mindestens sechs erfolgreiche Spiele sind erforderlich, um einen Satz zu gewinnen. Für den Gewinn eines Spiels wiederum braucht man mindestens vier Punkte, also mindestens 6×4 gleich 24 Punkte für einen Satz.

So ein Punktgewinn beruht aber nicht auf einer an sich erstrebenswerten eigenen Leistung, sondern ausschließlich auf der Schwäche des Gegners.

Einzig und allein wenn der Andere einen Fehler macht, bekommt man selbst einen Punkt. Man kann selbst noch so gut, noch so „nadallig“ spielen, wenn der Gegner keinen Fehler macht, hilft das nichts, dann gibt es auch keinen Punkt.

Nicht die heutzutage so oft und gerne geforderte eigene Leistung ist der Maßstab, sondern die Fehlerhaftigkeit, die Unzulänglichkeit des Gegners.

Ethisch gesehen ist das Tennisspiel also nicht als sehr hochwertig anzusehen.

Und bei der Verteilung der Punkte wird es noch dazu nicht nur unübersichtlich, sondern so richtig merkwürdig.

Der erste Punkt hat nicht den Wert 1 oder 2 oder 3 oder 4, sondern 15. Reichen nicht 7 oder 8? Nein, es müssen 15 sein! Warum ausgerechnet 15? Keiner weiß es genau!
Also 15:0 oder 0:15, je nachdem, welcher Spieler den Punkt macht.
Der zweite Punkt hat konsequenterweise auch den Wert 15, macht dann zusammen 30:0 oder 0:30 oder 15:15.

Beim 3. Punkt ist aber schon wieder Schluss mit der logischen Konsequenz, er kann nämlich den Wert 15 oder aber auch nur 10 haben.

Macht den Punkt der eine, dann heißt es nach 30:0 jetzt 40:0, also 10 dazu; macht den Punkt der andere, dann zählt er 15, es steht dann 30:15.

Warum mal plus 10, mal plus 15, warum der Unterschied? Warum ist der eine Punkt mehr wert als der andere? Diese unterschiedliche Gewichtung entbehrt doch jeder nachvollziehbaren Grundlage.
Der 4. Punkt hat entweder überhaupt keinen numerischen Wert, man sagt einfach nur „Spiel“ und einer hat nach 40:0 das Spiel gewonnen: mit einem an sich wertlosen Punkt das Spiel gewonnen! Unglaublich!

Oder aber der 4. Punkt hat den numerischen Wert 15 und man zählt 40:15.

Der Wert des 5. Punkts ist wieder erst mal nicht festgelegt. Er kann wieder den numerischen Wert 10 oder 15 haben: nach 30:30 heißt es dann 40:30 oder nach 40:15 heißt es 40:30!

Der 6. Punkt kann auch wieder den Wert Null haben, nach 40:30 hört man wieder auf zu zählen und man sagt wieder einfach nur „Spiel“! Wie schon mal gehabt: Ein wertloser Punkt, aber das Spiel gewonnen! Einfach nur lachhaft!

Oder der Punkt hat den Wert 10 und nach 40:30 steht es 40:40. Bei dem Spielstand hat es sich eingebürgert, einen Einstand einzufordern, indem man laut und deutlich „Einstand“ ruft. Aber weil es völlig offen bleibt, wer wem welchen Einstand zu geben hat, zieht die Aufforderung nach einem „Einstand“ keine an sich üblichen getränkemäßigen Konsequenzen nach sich.

Und wenn einer nach 40:40 den Punkt macht, hat er noch immer nicht gewonnen, es wird aus lauter Bequemlichkeit auch nicht mehr weiter gewertet, man sagt einfach nur „Vorteil“. Aber welcher Vorteil? In welchem Umfang Vorteil? Vorteil im Wert von 10 oder gar 15? Auch das ist bis heute nicht festgelegt; mit dieser zermürbenden Ungewissheit muss der Spieler in den nächsten Punkt gehen – eine Frechheit!

Wenn einer besagten Vorteil hatte und macht dann einen Fehler, bekommt der andere dennoch nichts, keinen Punkt, nichts! Entgegen aller bisherigen Gepflogenheit. Man nimmt einfach dem, der den Vorteil hatte, etwas weg, nämlich den Vorteil.
Ud so merkwürdig geht es weiter!

Zum Beispiel beim so genannte Tie-break, der 1963 vom Amerikaner Jimmy van Alen erfunden und 1970 in die Tennisregeln aufgenommen wurde. Tie ist Englisch und bedeutet Gleichstand, Unentschieden. Es soll also der Gleichstand von 6:6 durchbrochen werden und nicht die Krawatte oder der Schlips, wie einige Ignoranten glauben.

Die Länge eines Tie-breaks ist – wen wundert es – natürlich völlig offen. Jeder Punkt hat jetzt nicht mehr den Wert 10 oder 15, sondern nur noch den Wert 1, vermutlich damit es sich schneller rechnen lässt. Man muss mindestens 7 Punkte gewonnen haben, um diesen Tie-break zu gewinnen, es können letztendlich aber auch 10 oder 12 oder 15 sein. Im längsten Tie-break der Tennisgeschichte lautete das Ergebnis 26:24. Da wird die Spielgeilheit ins völlig Absurde übertrieben, wenn man bis 26 spielt, obwohl doch wirklich jeder weiß, dass als Ergebnis sowieso nur 7:6 aufgeschrieben wird.

Dazu gesellen sich weitere Ungereimtheiten: Manchmal hört man im Spiel die forsche Ankündigung „Zwei neue Bälle!“, alle Beteiligten sind einverstanden, aber was passiert? Nichts, keiner hält sich dran, es wird ungeniert mit den alten Bällen weiter gespielt.

Oder: Das Spiel beginnt immer mit einem Aufschlag. Das ist schon im Ansatz falsch. Denn während man z.B. beim Bungee-Jumping wirklich nur einen Aufschlag hat, hat man beim Tennis zwei. Warum eigentlich?

Beim Fußball bekommt man doch auch keinen zweiten Elfmeter, wenn man den ersten verschossen hat.

Noch kurioser ist: selbst wenn man beim Aufschlag zwei Fehler gemacht hat, einen sog. Doppelfehler, wird der nur einmal gezählt!

Oft hört man auch den Kommentar: „Spieler X hat seinen Aufschlag abgegeben“. An wen abgegeben? Warum überhaupt? Wer sammelt diese Aufschläge? In den Clubheimen liegen sie jedenfalls nicht! Auch das ist nicht geklärt!

Trotz des Einsatzes modernster Techniken, man denke an die Einrichtung des sog. Hawk-Eyes, das Falkenauge, ist es bis heute noch nicht gelungen, das Netz korrekt, d.h. gleichmäßig hoch aufzuspannen. Immer noch hängt es unqualifiziert in der Mitte durch. Kein Spieler kann sich einen solchen Durchhänger erlauben, warum wird das bei einem an sich überflüssigen Netz so gleichgültig und tatenlos hingenommen?

Es soll auch mal verraten werden, wie es bei so einem Mixed (Mann mit Frau gegen Frau mit Mann) wirklich zugeht.

Die sagen da nicht 15:0, da heißt es dann fifteen : love, oder auch – für fremdsprachliche Anfänger – fünfzehn : love! Love steht – so glauben Ahnungslose und Nichteingeweihte – für Null! In Wahrheit ist aber gemeint „to do something for love“, etwas umsonst tun, also Liebe umsonst tun! Fifteen love, 15 mal Liebe umsonst – deswegen spielen die, so sieht das aus!

Und wenn man ein Spiel gewonnen hat, ohne dass der Gegner auch nur einen Punkt gemacht hat, war das ein „Love Game“, also ein Liebesspiel – und alles umsonst! Leider merkt man das erst, wenn das Spiel vorbei ist!

Über das erste Medenspiel im Einzel eines noch unerfahrenen Spielers wird folgendes berichtet: Nach dem Einschlagen haben sich die beiden Spieler zufällig am Netz getroffen und der Gegner hat gefragt „Oben oder unten?“ Der Punktespielneuling wusste nicht, was gemeint war, und hat einfach „oben“ gesagt.

Dann hat der andere plötzlich und unerwartet seinen Schläger auf den Boden geworfen, hat nachgeschaut, ob er kaputt gegangen ist, und gesagt: „Du hast gewonnen!“ „Donnerwetter, hat sich der Medenspielneuling gedacht, das ging aber schnell“, hat seine Sachen zusammengepackt und ist gegangen. Der andere hat noch hinterher gerufen „Du musst abziehen!“ „Mache ich doch!“ hat sich der TC-Spieler gesagt und ist siegesgewiss abgezogen. Warum später im Spielberichtsbogen 0:6 und 0:6 stand, hat er überhaupt nicht verstanden.

Tennis ist ein Rückschlagspiel, denn man hat beim Spielen ständig Rückschläge zu verkraften, jeder Tennisspieler wird das schon leidvoll erfahren haben.
Der eine Spieler ist der Aufschläger, der andere der Rückschläger, so sagt man. Aber auch das ist wieder nicht ganz korrekt! Der Rückschläger ist zwar kein Aufschläger, das stimmt, aber wenn der Aufschläger nach einem schlagkräftigen Aufschlag und nach dem möglichst schlagfertigen Rückschlag des Rückschlägers nicht auch zum Rückschläger wird, dann ist das Spiel mit dem Rückschlag des Rückschlägers schlagartig beendet. Und das kann’s ja wohl nicht sein!

In fast jedem Tennisverein gibt es mindestens einen Orthopäden. Warum wohl? In keiner anderen Ballsportart sind orthopädische Mängel bei den Spielern so an der Tagesordnung wie beim Tennis; Tennisspieler stellen mit ihren mehr oder weniger großen Fußfehlern eine einträgliche orthopädische Fundgrube dar!

Alles in allem wird mehr als deutlich: beim Tennis gibt es eine haarsträubende Praxis der Punktevergabe, es geht nicht einfach, nicht korrekt und schon gar nicht logisch zu; in reiner Willkür geht es drunter und drüber, es ist undurchsichtig, ungerecht, und vieles ist überhaupt noch nicht geklärt, nicht geregelt.

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Hartmut Schmidt

Der Autor war Fußballspieler, Trainer und Schiedsrichter. Heute analysiert Schmidt die deutsche Bundesliga und den DFB-Pokal mit einem scharfen Blick auf die Leistung der Unparteiischen.


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