Well Brüder Bildrechte: copyright Roland Lindenthal

„Weil man gegens Sterben nix machen kann, gibt’s den Humor halt als Notwehr.“ Die sagenhaften Well-Brüder touren frech und fidel durch die Gegend.

Vergangenen Freitag traten die drei – Karl, Michael und Stofferl – im legendären Kulturzentrum GEMS in Singen auf und bereiteten dem zum Teil extra angereisten Publikum einen sinnlich vergnüglichen Abend, quasi wie ein Widerhall aus vergangenen Zeiten, als sie sich noch zahlreicher aus der bayrischen Großfamilie mit 15 Kindern! rekrutierten , noch „Biermösl Blosn“ hießen, und die legendäre Begleitcombo des einzigartigen oberbayrischen Kabarettisten Gerhard Polt waren, und auch in ihrer neuen Formation hin und wieder mit Polt zusammen auftreten. „Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum“ sprach Friedrich Nietzsche. Ja, das ist zu spüren auch in der Spielfreude der drei klassisch ausgebildeten Musikanten, denn eine unglaubliche Auswahl von Instrumenten – Gitarre, Geige, Akkordeon, Trompete, Bass, Tuba, 3 Alphörner, Harfe, Dudelsack, Drehleier – sind auf der Bühne versammelt und werden im Lauf des Abends munter und variantenreich bespielt. Dazu singen und tanzen die Männer – Stofferl in ledernen Trachtenhosen, die anderen beiden in Jeans – ihre kritischen Lieder über den Tempowahn, den Bauwahn, das Glyphosat, das Moutainbiking, die Präpotenz der Politiker eben auch in der bayrischen Provinz, und der schräge Humor des Gerhard Polt geistert durch den Abend, wenn die Musi der Well-Brüder seelenverwandt aufspielt.

Besonders beeindruckend fand ich, wie einerseits mit pointierter Kritik an den absurden „Errungenschaften“ des uns alle überfordernden Turbokapitalismus sehr kreativ spielerisch umgegangen wird, und diese Polemik gleichzeitig auf dem fruchtbaren Boden einer dezidiert ANALOGEN Kunst – nämlich einer gekonnt bodenständigen Volks-Musik – kämpferisch ausgetragen wird. Insofern hatte die Atmosphäre dieses Abends auch einen einmaligen „live“-Charakter, gerade weil die kleinen Rückbesinnungs-Inselchen zwar auch von Persiflage auf die beschränkten TV-Formate in Riesen Bierzelten immer wieder unterbrochen wurden. Dennoch: es hatte etwas leiblich Tröstliches, wenn wir ZuschauerInnen dem unhektischen körperlichen Rhythmus der drei Männer da auf der Bühne beiwohnen durften, die sich nicht aus der Ruhe bringen lassen, „trotz alledem und alledem.“
Links zu den Terminen der Musiker und des Kulturzentrums GEMS in Singen:

http://well-brueder.de/
http://www.diegems.de/

Bildrechte: copyright Roland Lindenthal

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Marianne Bäumler

Die Theater-, Film- und Literaturkritikerin schreibt für diverse Zeitungen und arbeitet für den öffentlich rechtlichen Rundfunk. Sie promovierte über Erich Kästner, lehrte an der Universität Marburg, arbeitete als Dramaturgin und machte Dokumentarfilme für den WDR und andere ARD-Sender.


'„Weil man gegens Sterben nix machen kann, gibt’s den Humor halt als Notwehr.“ Die sagenhaften Well-Brüder touren frech und fidel durch die Gegend.' hat einen Kommentar

  1. 6. Juni 2017 @ 16:16 Stofferl

    Liebe Marianne, Deine Sicht, bzw. Dein Ohr auf unser Programm hat uns sehr gefreut, gell.
    Und ist‘s mit der Republik a Plåg,
    gibts Gottseidank von da Republik an Blog!
    Herzlichen Gruß und weiter Frohes Schaffen,
    Stofferl.

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