Wohnungsleerstand

2.000.000 leere Wohnungen – vor allem in Ostdeutschland

Landauf, landab wird über den Mangel an Wohnungen geklagt. In Städten wie Berlin, München oder Hamburg sind die Preise für Wohngebäude und die Mieten in den letzten Jahren zum Teil explodiert. Viele Haushalte müssen dort 30 oder40 % ihres Einkommens für das Wohnen bezahlen.

Stumpfe Instrumente gegen Wohnungsnot

In der Politik werden neue Instrumente diskutiert: Mietendeckel, Enteignung oder Baugebot gehören dazu. Vor allem wurden schon die Weichen für den Bau von mehr Sozialwohnungen gestellt. Mindestens 350.000 sollten es pro Jahr sein, erreicht werden wohl kaum 300.000. Die Planungs- und Baugenehmigungsbehörden sind zum Teil völlig überfordert; es dauert alles viel zu lange, es wird geprüft und oft genug auch verhindert, weil einige Quadratmeter Grün oder anderes geschützt werden sollen. Große Kasernen der Bundeswehr stehen seit Jahren leer, beste Grundstücke für neue Wohnungen – selbst in Städten wie Düsseldorf – liegen brach. Hinzu kommen viele Vorschriften – wie etwa für den Klimaschutz und das Energiesparen –, die das Bauen verzögern, auf jeden Fall immer teurer machen. Wie auch immer sich die Politiker auf allen Ebenen unserer Republik drehen und wenden, Wohnungen zu bezahlbaren Mieten wird es nur geben, wenn der hohen Nachfrage ein entsprechendes Angebot gegenübersteht. Ob dies in den bevorzugten Großstädten zu realisieren sein wird, muss bezweifelt werden. Alles deutet darauf hin, dass sich die Situation in den Zentren in Zukunft noch verschärfen, also verschlechtern wird.

Niedergang ländlicher Regionen

Neue Wege müssen geprüft und beschritten werden. Fast 2 Millionen Wohnungen stehen zur Zeit in Deutschland leer. Das ergab eine aktuelle Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft. Das bedeutet, dass fast 5 % aller Wohngebäude in unserer Republik nicht genutzt werden, in Ostdeutschland sind es gar 10 %. Diese Wohnungen werden zu durchaus bezahlbaren Preisen und Mieten jedoch in ländlichen Regionen angeboten – im Hunsrück, Westerwald oder in der Oberpfalz, in Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt, Brandenburg oder in Sachsen. Diese Regionen befinden sich seit langem im Niedergang. Sie werden vielfach abgehängt: Bahnhöfe wurden geschlossen, Zugverbindungen in die nahe gelegenen Wirtschaftszentren gestrichen, Busse fahren nur noch ein- oder zweimal am Tag. Die Erosion führte dazu, dass es in vielen Dörfern und kleineren Städten kaum noch Ärzte und Apotheker, keine Kaufläden und Kneipen gibt. Geliebte Heimat wurde mehr und mehr zu Orten ohne Überlebensfähigkeit.

Landflucht stoppen!

Die regionale Strukturpolitik ist in vielen Bundesländern seit langem stiefmütterlich betrieben worden. Die in den abgehängten Regionen noch verbliebenen Menschen fühlen sich von den Verantwortlichen vergessen und ausgegrenzt. Dass sich hier Hochburgen der AfD bilden, mag nicht überraschen. In diesen Landstrichen hat sich die Bevölkerungszahl in den letzten Jahrzehnten deutlich verringert: Die jüngeren Menschen, insbesondere auch die Familien mit Kindern, sind weggezogen. Geblieben sind die Älteren, die Ü-70 und Ü-80-Generation, für die es sich dann – wie Experten betonen – nicht mehr lohne, neue Straßen zu bauen, Breitbandkabel zu verlegen und die modernen Kommunikationsangebote zu machen. Die Wege zum Arzt, zur Apotheke, zum Einkaufen und zur Gastwirtschaft sind weit geworden und nur noch mit dem Auto zu machen.

Wüstung – kein Rezept!

Einige Wissenschaftler, die sich mit den regionalen Strukturentwicklungen in ihren Elfenbeintürmen beschäftigen, fordern inzwischen gar als Maßnahme die Wüstung dieser Orte. Mit sanftem Zwang und finanziellen Anreizen – so deren Konzept – sollen die noch verbliebenen vor allem älteren Menschen in die nächstliegenden Städte umgesiedelt werden. Ihre Häuser, Stallungen und andere Wohnanlagen sollen danach plattgemacht, also gewüstet, werden, um sie dann für Feld und Wald zu nutzen. Kein verantwortlicher Politiker wird solchen Vorschlägen folgen – vor allem schon gar nicht in den Neuen Bundesländern, die bis vor 30 Jahren vielfach mit der Zwangsumsiedlung durch das SED-Regime leben mussten.

Regionale Strukturpolitik verstärken!

Bund und Länder sind herausgefordert, eine zielorientierte und konsequente regionale Strukturpolitik durchzusetzen. Dazu sind hohe finanzielle Investitionen in die Verkehrsinfrastruktur, in die Dorferneuerung und Revitalisierung der ländlichen Räume und in die Anbindung an die nahegelegenen Städte dringend erforderlich. Der ländliche Raum muss attraktiver gemacht werden – für die, die dort bleiben und leben wollen, insbesondere aber auch für die, für die es durchaus attraktiv sein kann, dorthin zu ziehen, um dort mit ihren Familien zu wohnen und zu leben. Wohnraum ist dort reichlich vorhanden: Die Preise für Häuser sind niedrig; finanzielle Hilfen für den Erwerb, den Umbau oder die Renovierung könnten ein Anreiz sein. Ganz wichtig sind bessere Verkehrsanbindungen – per Bus oder Bahn-, damit entferntere Arbeitsplätze, Schulen, Ärzte usw. gut zu erreichen sind. Die Gemeinden in den strukturschwachen Landen sind durchaus bereit, an einem neuen Aufbruch mitzuwirken, beim Umbau vor Neubau mitzuhelfen und in überregionalen Initiativen den Wohn- und Lebenswert zu steigern. Ein großes nationales Programm dürfte mehrfache positive Effekte bringen: zum einen könnte das Wohnungsproblem in den großen Zentren zumindest gelindert werden. Zum anderen würde das Ausbluten der ländlichen Regionen gestoppt. Schließlich würden die Lebensbedingungen dort in etwa denen angeglichen, die in anderen Regionen unserer Republik gegeben sind. Auf jeden Fall wäre ein solches Gemeinschaftswerk das beste Mittel, um da Vordringen der AfD in den strukturschwachen Regionen zu stoppen und den Frust der Menschen, der sie dort zu dieser Partei treibt, nachhaltig abzubauen. Dafür muss niemand auf die Ergebnisse der im Herbst stattfindenden Landtagswahlen in Brandenburg, Thüringen und Sachsen abwarten. Nur mit konkreten Taten der Politik kann das zum Teil verloren gegangene Selbstwertgefühl vieler Menschen in den Randregionen zurückgewonnen und die Gleichwertigkeit der Lebensbedingungen erreicht werden.

Bildquelle: Pixabay, Peter H (Tama66), Pixabay License

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Friedhelm Ost

leitete die ZDF Wirtschaftsredaktion, bevor er unter Helmut Kohl Regierungssprecher und schließlich CDU-Abgeordneter im Bundestag wurde. Heute ist Ost weiter als Journalist und in der Politik- und Wirtschaftsberatung tätig.


'2.000.000 leere Wohnungen – vor allem in Ostdeutschland' hat 2 Kommentare

  1. Avatar

    11. Juli 2019 @ 13:18 Klein

    Ich hielte es für dringend geboten, den vorhandenen Wohnraum in ländlichen Gebieten zu nutzen, bevor noch mehr Landschaft zerstört und versiegelt wird. Es gibt unzählige „Think Tanks“, die sich mit allen möglichen Fragen beschäftigen. Vielleicht suchen diese mal nach Lösungen, wie die Politik, aber auch jeder Einzelne dazu beitragen könnte, eine weitere Versiegelung zu vermeiden und Leerstände sinnvoll zu nutzen. Es macht doch keinen Sinn, jetzt zu bauen und zu bauen, so dass langfristig bei zu erwartendem Rückgang der Bevölkerungszahl Wohnungen leer stehen werden. Das Kostenproblem wird in Ballungszentren ohnehin nur schwer zu lösen sein. Investoren werden nur bauen, wenn eine entsprechende Rendite zu erwarten ist.
    Danke für die anregenden Gedanken von Herrn Ost.
    Mit freundlichen Grüßen
    Herbert Klein

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  2. Avatar

    22. Juli 2019 @ 10:17 Vera

    Das mit dem Wohnungsleerstand ist schlimm. Doch nur so können die viel zu hohen Mieten in Brandenburg gerechtfertigt werden…es kein ausreichender Wohnraum möglich.

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