Salvator Mundi - Neymar

200  Millionen reichen nicht aus….

Nein, wahrhaftig, 200 Millionen werden nicht ausreichen für den geplanten Umbruch. Nein, gewiss nicht, ein gesellschaftlicher Neubeginn ist hier nicht gemeint,  zum Beispiel einer, der angesichts des Klimawechsels dringend nötig wäre, nein, hier geht es um eine Fußballmannschaft, bei der einige Spieler  alt geworden sind  und nun durch ein paar jüngere ersetzt werden müssen. Es geht schlicht um das rasante Problem, wie kann Bayern München seine Vormachtstellung im deutschen Fußball in die kommenden Jahre retten und zudem auch in Europa wieder eine dominierende Rolle spielen.

Fast 120 Millionen hat der Verein kurz vor Saisonbeginn schon in die sportliche Neuorientierung gepumpt – 80 Millionen für den Franzosen Lucas Hernandez, 35 Millionen  für seinen Landsmann Benjamin Pavard –  hinzu kommt der Kleckerbetrag von 3 Millionen für das Nachwuchstalent vom HSV, Fiete Arp. Das ist bei weitem nicht genug, so die beiden Bayern-Stars Manuel  Neuer und Robert Lewandowski unerbittlich. Ihre Forderung an Trainer und Vorstand: Leroy Sané und zwei! Das wäre kein finanzielles Problem für den Verein, der Geldsack, über Jahrzehnte  sorgsam und professionell gefüllt, ist immer noch prall voll.

Und so hat ein Gerangel um den hochtalentierten Jungstar  begonnen, das die Transfererlöse weiter in schwindelerregende Höhen treibt. Vor drei Jahren ist Sané für 50,5 Millionen von Schalke  04 an Manchester City verkauft worden, jetzt bietet Bayern 100 Millionen, die Engländern wollen aber erst ab 150 Millionen über einen Verkauf nachdenken, Gerüchte schnüffeln derweil schon bei 200 Millionen. Die Gehaltsvorstellungen sollen bei 20 Millionen liegen, 5 Millionen mehr als die bisherigen Spitzenverdiener bekommen. Und über allem schwebt die bange Frage: Was macht das rechte Knie von Leroy Sané, wird es halten, was der Spieler verspricht?

Es ist ein riskantes Hochtreiben der Investitionen.  Teuer verkaufen, um noch teurer wieder einzukaufen, und das in Größenordnungen, die die Bundesliga in eine Klassengesellschaft von ärmlich und reichlich aufteilen. Allenfalls Borussia Dortmund kann dabei den  Bayern aus München noch Paroli bieten und sich auf diesen überteuerten internationalen Markt der Superstars begeben. Beide Vereine argumentieren, dass sie sich unabdingbar diesen Wettbewerbsbedingungen unterwerfen müssen, um mithalten und den Fans den ersehnten Spitzenfußball bieten zu können. Dass sie sich mit den Millionengeschäften uneinholbar von der Lebenswirklichkeit der Fans entfernt haben, scheint die Bosse nicht nachhaltig zu berühren.

Die Fans aber sind oft die Leidtragenden, und oftmals merken sie es nicht einmal. Die Vorstellung,  mit den Spielern am Tresen der Vereinskneipe  Siege zu feiern, Niederlagen zu betrauern, ist längst absurde Nostalgie. Dennoch, Fußball bleibt für sie omnipräsent. Immer mehr wird ihnen geboten, um ihre Leidenschaften zu pflegen, und immer ist auch viel Schund dabei. Fußball, in den Printmedien, in den sozialen Medien und vor allem auch im Fernsehen, im privaten wie öffentlich-rechtlichen Bereich, wo nun auch Trainingsspiele zur Vorbereitung auf die kommende Saison zu wichtigen, spannenden Leckerbissen hochstilisiert werden.

Seit bei den meisten Bundesligavereinen die Profiabteilungen ausgegliedert worden sind, die damit die Gemeinnützigkeit verloren haben, meinen die Verantwortlichen, so will es scheinen, konsequenterweise nicht mehr gemeinnützig handeln zu müssen. Stattdessen treibt es sie, Geld zu machen, wo immer es geht. Bayern München ist mittlerweile bei rund 650 Millionen Umsatz  angelangt.

Dabei scheut man vor keinem raffinierten Verkaufstrick zurück.  Ein kleines  Beispiel: War der Fan bislang  mit einem neuen Trikot pro Saison  zünftig ausgestattet, erfand man für ihn, um perfekt gekleidet zu sein, ein zweites Vereinshemd, das Auswärts-Trikot, ebenfalls für 89,90  Euro.

Dennoch, die Begeisterung der Fußballbesessenen ist ungebrochen.  Die Auslastung der Stadien ist zwar in den letzten Jahren von 91,4 auf 88,5 Prozent leicht zurückgegangen, aber insgesamt hat sich seit 2008 die Zahl der Zuschauer in der 1. Bundesliga zwischen 12,5und 13,5 Millionen eingependelt. Daran wird auch eine Erhöhung der Eintrittspreise wenig ändern. Die Vereinsoberen können auf diese Treue setzen und dabei 50 Millionen Euro  für einen gekauften Spieler als ein Schnäppchen ausgeben.

Bis zum 31. August  werden die Fußballmächtigen mit diesen Summen auf und ab jonglieren. Dann müssen alle Verträge geschlossen sein. Es kann purer Zufall  sein, dass einen Tag später, am 1. September, in München auch ein anderer Beschluss in Kraft tritt. Mit großer Mehrheit hat der Rat der Stadt  zugestimmt, die Kita-Gebühren drastisch zu senken und dafür 45,6 Millionen Euro zur Verfügung zu stellen. Davon werden 54 000 Kinder und ihre Eltern profitieren.

Nun mag den Moralisten unserer Welt diese ans Unsittliche grenzende Geldtreiberei als despektierlich erscheinen. Sie dürfen dabei jedoch nicht übersehen, dass der Spätkapitalismus auch andernorts ähnliche Wahnsinnsblüten treibt, so auch auf dem internationalen  Kunstmarkt. Als beredtes Beispiel sei hier der Multimilliardär Roman Abramowich angeführt. Der hat nämlich nicht nur riesige Mengen in den Fußball, sondern auch in den Kauf von Gemälden investiert., wobei es  wohl schwer zu entscheiden ist, ob sein Fußballsachverstand größer ist als sein Sinn für die bildende Kunst. Es ist aber sicherlich statthaft, davon auszugehen, dass er bei allem großzügigen Geldausgaben auch satte Gewinne im Auge hatte.

Roman Abramovich hatte 2003 den englischen Fußclub Chelsea für 210 Millionen Euro gekauft und im Laufe der folgenden Jahre 764 Millionen für Transfers und Gehälter dazugebuttert. Als er vor einiger Zeit den Verein zum Verkauf anbot und ein Angebot über 2 Milliarden erhielt, wies er dies brüsk zurück. Es war ihm zu wenig.

Am 15. Mai 2008 ersteigerte er das „Triptichon“ von Francis Bacon für 57,2 Millionen  Euro und wenig später von Lucian Freud das Gemälde „Benefits Supervision Sleeping für 22 Millionen, womit er eine Rekordmarke für das Werk eines lebenden Künstlers setzte. Seither hofft er auch hier auf  stattliche Dividende.

Zu Recht. Denn noch liegt die Kunst vorn bei den Millionengeschäften. Bisher sind 70 Gemälde für 50 Millionen und mehr versteigert worden. Bei den Transfers von Fußballern  sind es  erst 63, für die derartige Summen bezahlt wurden. Man darf gespannt sein, wann sich das geändert haben wird.

Deutlicher ist der Vorsprung der Kunst,  wenn es um die Superlative geht. Das bisher teuerste Gemälde heißt bezeichnenderweise „ Salvator Mundi“ – der Erretter der Welt.  Vermutlich um 1500 gemalt, tauchte es nach 450 Jahren  irgendwo auf, wurde als Kopie eigeschätzt und für 57 Dollar verramscht. Der nächste Besitzer musste schon 10 000 Dollar hinblättern. Nach gründlicher wissenschafticher Untersuchung und umfänglicher Restaurierung wurden sich die meisten Experten einig: Dieses Bild stammt von Leonardo da Vinci. Sein Wert schoss hoch ins Unermessliche: Im November 2017 ersteigerte der saudische Prinz Mohamed bin Salman das Bild bei Christie’s für sagenhafte 450,3 Millionen Euro.

Nicht  mal ganz die Hälfte, nämlich 222 Millionen Euro, musste  Paris Saint Germain dem spanischen Konkurrenten FC Barcelona überweisen, um den brasilianischen Wunderstürmer Neymar in die französische Hauptstadt zu locken. Es wird wohl nicht lange bei diesem Spitzenwert bleiben. Real Madrid ist an Neymar interessiert, so wird gemunkelt. Die Fans sind aufgefordert, über neue Rekordsummen zu spekulieren. Ganz sicher werden die 222 Millionen übertroffen werden, und an die Summe, die Real 1973 zahlen musste, um den damaligen Weltklassespieler Günter Netzer von Borussia Gladbach zu kaufen, kann man sich kaum noch erinnern. Es waren ganze 800 000 D-Mark.

Eins allerdings hat  der Fußball  der Kunst unübersehbar voraus. Er versteckt sich nicht.

Von den aufwendig ersteigerten Gemälden landen nicht einmal 10 Prozent in Museen, wo sie der Öffentlichkeit zugänglich  bleiben. Die anderen tauchen bei Privatbesitzern unter, von den meisten kennt man nicht einmal den Namen.

Auch der „Salvator Mundi“ ist aus dem öffentlichen Blickfeld verschwunden. Es wird vermutet, dass der strenggläubige muslimische Prinz die Darstellung von Jesus als dem Erlöser, dieser urchristlichen Glaubensgewissheit, auf einer seiner Luxusyachten  verborgen hält.

Ganz anders die Fußballvereine. Sie wollen ihre teuren Neuerwerbungen, wenn sie nicht gerade von Verletzungen geplagt werden oder wegen Trainingsrückständen auf der Reservebank schmachten,  einem möglichst großen Publikum ausgiebig vorführen. So haben denn diese Millionengeschäfte auch eine echt soziale Komponente.

Dazu tragen auch die beiden Spieler bei, die  der Grund sind, warum bei Bayern München in diesem Jahr 200 Millionen nicht reichen: Arjen Robben und Franck Ribery. Sie wurden vor Jahren für 25 bzw. 30 Millionen gekauft, Am Ende ihrer Laufbahn angekommen, sind sie aber nicht mehr zu verkaufen und bringen ihrem Verein keinen Cent mehr ein. Ein Verlustgeschäft also? Dass sie trotzdem in Ehren verabschiedet wurden und der Verein sich bei ihnen für ihre insgesamt 185 Bundesliga-Tore bedankte, zeigt dem Wohlwollenden, dass Fußball mehr als  wüste Geschäftemacherei ist.

Nun noch eine Anmerkung zum Selbstschutz: Alle hier gemachten Zahlenangaben sind selbstverständlich ohne Gewähr.

Und ein Weiteres:

Am 1. Dezember 1990 war ich im Hamburger Volksparkstadion, um mir das DFB-Pokalspiel des HSV gegen Wattenscheid 09, beide damals 1. Bundesliga, anzuschauen. Die Gästemannschaft hatte einen im Senegal geborenen Spieler in ihren Reihen. Einige der 8000 Zuschauer pfiffen, wenn er am Ball war, verhöhnten ihn mit affenartigen Bewegungen und Geräuschen, schrieen:“Neger raus!“

Kein Ordnungsdienst, kein Stadionsprecher, kein Vereinsvorsitzender, niemand, der diesem rassistischen Treiben Einhalt geboten hätte. Auch wir, die Mehrheit der Zuschauer, schwiegen. Blamabel, feige. Bis zur 88. Minute stand es 1:1. Dann schoss der mehrfach gedemütigte Spieler das  Siegtor zum 2:1. Später sagte er: “Nix Neger raus, der HSV raus.“ Der Name des Spielers: Soulymane Sané, der Vater des heute mit Millionen umworbenen Leroy Sané.

Bildquelle: Wikipedia, Bildrechte Foto Neymar: Antoine Dellenbach ,CC BY-SA 2.0

Keine wichtigen Nachrichten mehr verpassen!

Abonnieren Sie unseren Newsletter und werden Sie einer unserer 4 682 Abonnenten.



Avatar

Journalist (geb. 1942). Langjähriger Redakteur und Korrespondent der ARD (Radio Bremen, Westdeutscher Rundfunk, überwiegend NDR) Fernseh-Korrespondent in Delhi und Peking, Autor diverser Features, Dokumentationen und Reportagen, Lehraufträge an verschiedenen Universitäten in China und Deutschland.


'200  Millionen reichen nicht aus….' hat keine Kommentare

Als erste/r kommentieren

Möchten Sie Ihre Gedanken teilen?

Ihre E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht