1968 - Einmarsch der Sowjets in der Tschechischen Republik

50 JAHRE DANACH – ERFAHRUNGEN IN UND MIT DER 68ER-BEWEGUNG, TEIL 5

Das Auseinanderfallen der 68er-Bewegung

Am 21. August 1968 marschierten Truppen der damaligen Sowjetunion und des Warschauer Paktes in die damalige Tschechoslowakei ein und machten mit Panzern dem „Prager Frühling“ ein Ende. Bernd Hartmann vom Kölner SDS verteidigte noch am selben Tag in einem Beitrag diesen Einmarsch als Unterstützung für die „sozialistische Republik“ gegen „konterrevolutionäre Kräfte“ um Alexander Dubček. Für mich war das der Einsatz militärischer Gewalt gegen Reformen für einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“. Ich setzte mich mit einigen SHBler in der alten Kölner Mensa zusammen und wir schrieben ein Flugblatt mit dem wir den Einmarsch scharf verurteilten.

Dass man den Einsatz von militärischer Gewalt gegen Sozialisten verteidigen konnte, war für mich ein Schock. Es war der innere Bruch mit dem DDR-hörigen Flügel des Kölner SDS.

Das war das zweite Mal, dass ich in diesem Jahr einen Trennungsstrich zu Gruppierungen, die zur APO gezählt wurden, gezogen habe. Schon ein paar Monate zuvor, im April 1968, hatten mir bis dato unbekannte Aktivisten, die sich etwas später als Mitglieder der sog. Roten Armee Fraktion (RAF) herausstellen sollten, drei Brände in zwei Frankfurter Kaufhäusern gelegt. Das sollte angeblich ein „politischer Akt“ gewesen sein. Ich fand das schlicht politisch bescheuert und sah darin einen Tiefschlag gegen alle Motive und Ziele, die ich bisher in der Studentenbewegung oder in der APO vertreten sah.

Und da war dann noch die sog. „Schlacht am Tegeler Weg“ in Berlin-Moabit am 4. November 1968, als ein paar hundert Demonstranten aus Anlass eines Ehrengerichtsverfahrens gegen den APO-Aktivisten und Anwalt Horst Mahler mit Steinwürfen zunächst die Polizei in die Flucht schlugen und danach meinten, sie hätten ein Exempel dafür geliefert, wie man die autoritäre Staatsgewalt besiegen könne. Ich hielt das für irre. Wie konnte man glauben, dass es ein revolutionärer Akt sein könnte, wenn man mit Steinwürfen die Polizei in die Flucht jagt?

„Macht kaputt, was Euch kaputt macht“, die bis dahin als symbolische Gewalt akzeptierte „Gewalt gegen Sachen“ schlug in nackte Gewalt auch gegen Menschen um. Das Gerede (auch von Rudi Dutschke), man müsse als „Stadt-Guerilla“ die Taktik des bewaffneten Kampfes in die Metropolen tragen, hielt ich nur noch für hohles pseudorevolutionäres Geschwätz. Jürgen Habermas sprach von einer „voluntaristischen Ideologie“, ja sogar von einem „linken Faschismus“.

Die Frage, an der sich die Geister bis heute heftig scheiden, ist, ob die Terroristen der „Roten Armee Fraktion“ (RAF) die „Achillesferse“ (Wolfgang Kraushaar) der APO darstellen.

Ja, es gab in der Rezeption von Herbert Marcuse mit dessen Gegenüberstellung von „repressiver“ und „emanzipatorischer“ Gewalt eine grenzwertige Unterscheidung zwischen legitimer „Gewalt gegen Sachen“ und Gewalt gegen Personen, z.B. bei der Blockade der Auslieferung der Bild-Zeitung nach dem Anschlag auf Rudi Dutschke. Spätestens ab dem 4. November 1968, nämlich mit dem Steinhagel auf die „Staatsgewalt“, hat sich die zur Gewalt abdriftende Spreu, vom Weizen friedlicher (auch radikaler) Reformen innerhalb der APO getrennt. Von da an, gab es keine gemeinsamen Aktionen und keine Solidarität innerhalb der APO mehr.

Es ist eine bittere Ironie der Geschichte, dass diese gewaltsame Demonstration vor dem Berliner Landgericht, einem damals noch linken Anwalt Horst Mahler galt, der später bei den Neonazis gelandet ist. Genauso wenig wie es eine geistige oder moralische Verbindungslinie von der 68er Bewegung zur Holocaust-Leugnung eines Horst Mahlers gibt, lässt sich eine gedankliche Beziehung zum kriminellen Desperadotum des führenden RAF-Terroristen Andreas Baaders herstellen.

Selbst in den politisch radikalsten Gruppen folgte nur eine wnizige Minderheit dem Weg in den „individuellen Terror“ (Christian Semler). Es ist eine glatte Geschichtsverfälschung, wenn heute immer noch die These vertreten wird, die Terrorgruppen „RAF“ oder der „Bewegung 2. Juni“ (auch wenn sie den 2. Juni, das Datum der Erschießung Benno Ohnesorgs im Namen missbrauchte) seien nur konsequente Fortentwicklungen der studentischen Protestbewegung gewesen.

Es gab noch viele andere Entwicklungen zu denen ich auf Distanz ging, aber diese drei Ereignisse des Jahres 1968 zeigten nicht nur für mich unüberwindbare Risse in der Protestbewegung auf. Der allergrößte Teil der Organisationen, die sich zur APO zählten, wollten nicht mehr jede Aktion einzelner Gruppen auf ihre Kappe nehmen. Nicht nur meine Solidarität hatte sich verbraucht.

Nach dem Attentat auf Rudi Dutschke mit den Osterunruhen als über 300.000 in ganz Deutschland auf die Straße gingen, spaltete sich die 68er-Bewegung in eine kaum noch überschaubare Vielzahl von Gruppen und Sekten auf, die sich an dem chinesischen Kulturrevolutionär Mao Zedong, an dem Albaner Enver Hodscha oder gar an den Roten Khmer Pol Pots ausrichteten. Ihre Anführer waren jeweils fest davon überzeugt, dass sie jeweils im Besitz der geschichtlichen Wahrheit seien und sie bekämpften sich wichtigtuerisch gegenseitig. Die APO zerbröselte nicht nur politisch.

Es gab unter den selbsternannten revolutionären Kadern geradezu einen Wettlauf um die „konsequenteste“, will sagen radikalste Position. Die jeweils abweichenden Positionen wurden zumindest als „demokratiefeindlich“, wenn nicht gleich als „faschistisch“ beschimpft.  (Wolf Wagner, ein Leben voller Irrtümer“, Tübingen 2017, S. 134 ff.)

Die selbstzerstörerische Kraft der „antiautoritären“ Bewegung habe ich etwas später hautnah erfahren, als ich – nach meinem Jura-Examen – im November 1969 mangels Beschlussfähigkeit der Mitgliederversammlung vom Amtsgericht Hamburg in den Notvorstand des Verbandes Deutscher Studentenschaften (VDS) bestellt wurde. Unter der Parole „zerschlagt die Apparate“ betrieben vor allem die Frankfurter SDSler die „Liquidierung“ des studentischen Dachverbandes. Es war die Endphase einer selbsternannten „revolutionären“ Bewegung, in der Fraktionierung und die Abgrenzung von „offenem“ oder „verkapptem“ oder “theoretischem Revisionismus“ (etwa der DKP), von „blindem Aktionismus“ oder „Spontaneismus“ zum Hauptgegenstand einer „Organisationsdebatte“ wurde, die am 21. März 1970 letztlich zur sang- und klanglosen Selbstauflösung des SDS führte.

Mein „Marsch durch die Institutionen“

Ich muss gestehen, dass ich nach Studium und Promotion und mit dem Beginn meiner beruflichen Tätigkeit ab Sommer 1972 als Gründungssenatsmitglied und als Wissenschaftlicher Assistent an der Gesamthochschule Essen nicht viel darüber nachgedacht habe, was die Studentenbewegung und die APO bei mir persönlich für Spuren hinterlassen hat.

Ganz trivial hat mir mein Engagement in der Studentenbewegung geholfen, dass ich als Schwabe gelernt hatte, auf hochdeutsch freie und einigermaßen geordnete öffentliche Diskussionsbeiträge zu leisten und dass ich keine Angst vor „großen Tieren“, also vor Rektoren oder Professoren, später auch vor Vorgesetzten oder auch Politikern mehr verspürte. Für meinen späteren beruflichen Werdegang habe ich vermutlich durch meine Aktivitäten in der Studentenbewegung wichtigere Kompetenzen erlernt und eingeübt, als durch meine Fachstudien. Ich habe z.B. das Redenschreiben gelernt, was mir in vielen späteren beruflichen Stationen, die Nähe zum Leitungspersonal und dadurch Karrierevorteile verschafft hat. Das Wichtigste war vielleicht die Erfahrung, dass man durch den Einsatz für eine Sache und durch den Mut dafür zu kämpfen, etwas ändern kann. Schließlich könnte ich noch eine gewisse Stressresistenz anführen, die ich mir in den teils heftig geführten Kämpfen innerhalb der APO notgedrungen aneignen musste und – was dazu gehört – auch das Verkraften von politischen Niederlagen.

Vielleicht lag es an den durch meine protestantische Sozialisation eingeimpften Schuldgefühlen, dass ich mein späteres berufliches Denken und Handeln über einen längeren Zeitraum an den während der Studentenbewegung angeeigneten Theorien (moralisch) gemessen habe. Bei meinem Marsch durch die Institutionen habe ich zunächst mehr oder weniger bewusst thematische Nischen gesucht, bei denen ich meinte, gesellschaftlichen Fortschritt erreichen oder wenigstens Rückschritte aufhalten zu können.

Zuerst mit einer medienjuristischen Dissertation zum Thema „Kabelfernsehen und Rundfunkgesetze“, in der ich einen pluralistisch organisierten, von den gesellschaftlichen Gruppen kontrollierten und nicht von kommerziellen Interessen gesteuerten Rundfunk als einzig und allein verfassungskonform verteidigen wollte. Danach arbeitete ich als Assistent an verschiedenen Unis am Thema einer „sozialverträglichen Energieversorgung“  und habe Arbeiten z.B darüber geschrieben, dass die Nutzung der Kernenergie ein rechtlich nicht hinnehmbares Restrisiko darstellt. Noch später habe ich mich in einem vom DGB angestoßenen Drittmittel-Forschungsprojekt mit der Frage beschäftigt, wie Arbeitnehmerinteressen stärker und besser als Gegenstand von Forschung und Lehre aufgegriffen werden könnten.

Eigentlich sah ich meine berufliche Zukunft im Schonraum der Hochschule. Über einen Zufall bekam jedoch ich einen Werkvertrag mit der Planungsabteilung des Bundeskanzleramtes. Meine Arbeit bestand u.a. darin, politische und rechtliche Strategien zu entwickeln, die Kommerzialisierung des Fernsehens, speziell den Aufbau des Kabelfernsehens mit Hilfe von Steuermitteln aufzuhalten. Helmut Schmidts damals vieldiskutierter Beitrag über einen „fernsehfreien Tag“ in der „Zeit“, war der politische Anstoß dazu. Mit der „geistig moralischen Wende“ machte Helmut Kohl jedoch für seinen Freund Leo Kirch mit Sat1 die Tür für das Kommerzfernsehen auf. Auch die SPD schwenkte um und propagierte das „duale System“ von öffentlich-rechtlichem und privatem Fernsehen. Wolfgang Clement meinte als Ministerpräsident Nordrhein-Westfalens RTL und Vox als „sozialdemokratisches“ Gegengewicht zu den „schwarzen“ Kommerzsendern aufbauen zu können. Der Schwenk der SPD zum Privatfernsehen war eine politische Niederlage, die mir bis heute nachgeht.

Noch mehr einbezogen in „die Macht“ war ich als langjähriger Sprecher der Landesregierung NRW unter Johannes Rau. Rau war alles andere als ein „Linker“ innerhalb der SPD, aber ich konnte die Arbeit als „sein Sprecher“ gut verantworten, weil ich mir sicher sein konnte, dass sein stark christlich geprägtes Weltbild seiner Politik eine ethische Fundierung gab. Jedenfalls hatte ich die Sicherheit einer verlässlichen Bandbreite seines politischen Handelns, das auch die Interessen der – wie er es nannte – „schwachen Schultern“ im Auge hatte. Diese Sicherheit hatte ich bei Raus SPD-Nachfolgern im Amt, Wolfgang Clement und Peer Steinbrück, nicht mehr.
Danach gab mir Rau die Chance zur Wissenschaft zurückzukehren, wenn auch nicht als Wissenschaftler, sondern „nur“ als Staatssekretär im NRW-Wissenschaftsministerium unter der damaligen Ministerin Anke Brunn, die auch eine 68erin war.

Erst mein Rauswurf aus dem Amt durch Ministerpräsidenten Wolfgang Clement gab mir wieder die Freiheit zurück, ohne Rücksichtnahmen und Zwänge lesen, denken und sagen zu dürfen, was ich für richtig halte. Was ich dann über ein dutzend Jahre in einem Blog getan habe.

Wenn auch nicht im Detail, so doch aus dem großen Ganzen des damals Angelesenen und Eingeübten zehre ich – natürlich gebrochen durch Praxis und Erfahrung – bis heute.

Demokratische Kultur ist instabil

Ich habe an dem politischen Umbruch in meiner Zeit an der Freien Universität Berlin, also den politischen Umschwung vom schlagenden Verbindungsmann Eberhard Diepgen zu einem linken AStA erfahren, wie schnell ein banales Ereignis zu einem raschen politischen Stimmungswechsel führen kann – wenn die Zeit dafür reif ist. Das hat mir einerseits Zuversicht und Kraft gegeben, mich mein Lebtag politisch einzumischen. Das hat mir andererseits vor Augen geführt, dass es keine Kontinuität in der politischen Entwicklung gibt. Und das macht mir gerade heutzutage wieder große Sorge, wenn ich an den Aufstieg der AfD oder den Niedergang der SPD denke. Ein Blick zurück in die Entwicklung der Parteienlandschaft der Weimarer Zeit zeigt, welche politischen Erdrutsche in kurzer Zeit möglich sind. Die SPD hatte 1919 bei den Reichstagswahlen 37,9 % der Stimmen und 1933 nur noch 18,3 %. Dagegen stieg die NSDAP von 18,3% im Jahre 1930, über 33,1% bei den Reichtagswahlen im November 1932 auf 43,9% im März 1933. So schnell und dramatisch kann die politische Stimmung im Lande umkippen.

Die nach dem Weltkrieg von den Besatzungsmächten eingeführte und mühselig eingeübte demokratische Kultur in Deutschland ist also keineswegs politisch immun. Ohne aktive Demokraten und ohne genügend Menschen, die für einen gesellschaftlichen Fortschritt eintreten, kann es mit der Demokratie und mit einer gerechteren und sozialeren Gesellschaft sehr rasch wieder bergab gehen. Sogar ein Rückfall in seit 70 Jahren zurückgedrängte Denkstrukturen, also in Nationalismus, Revanchismus, Rassismus und all ihren verheerenden Folgen für ein friedliches Zusammenleben nach innen und nach außen ist durchaus möglich. Wir haben rings um Deutschland herum und jenseits des Atlantiks wieder erschreckende Beispiele dafür. Man kann eigentlich nur hoffen, dass sich Geschichte weder als Tragödie noch als Farce wiederholt, wie das Karl Marx  im „achtzehnten Brumaire des Louis Bonaparte“ befürchtete.

Antriebskräfte für die damalige Revolte

Was war damals der innere Antrieb für mich, wie auch – nach meiner Wahrnehmung – für einen Großteil der Studentenbewegung?

Es war nach meiner Erfahrung

– das Aufbegehren gegen eine unbewältigte Nazi-Vergangenheit der Vätergeneration, gegen die „Unfähigkeit zu trauern“ (Alexander und Margarete Mitscherlich) und gegen eine Schlussstrichmentalität gegenüber dem Nazismus,

– die Auflehnung gegen längst überholte, nur noch den Schein vor sich hertragenden Autoritäten („Unter den Talaren – Muff von 1000 Jahren“) und gegen die darin begründeten Machtstrukturen und Abhängigkeiten,

– ein moralisch angestoßener und mit kritischen „Theorien“ unterfütterter Aufstand gegen (kapitalistische) Ausbeutung, gegen Kolonialismus und gegen das, was wir vor allem am Beispiel des Vietnamkriegs, einen menschenverachtenden (amerikanischen) „Imperialismus“ nannten,

– die Lust am Bruch mit den unhinterfragten, erstarrten privaten und gesellschaftlichen Traditionen und Konventionen („Wenn’s denn der Wahrheitsfindung dient“, so Fritz Teufel auf die Aufforderung eines Berliner Richters sich vor ihm zu erheben),

– der Bruch mit einer verklemmten Sexualmoral und die Thematisierung von (politischen) Auswirkungen unterdrückter Sexualität,

– der Ausbruch aus dem Konformismus, aus dem unbedingten Gehorsam und der provokative Bruch mit dem Katalog der „Sekundärtugenden“, also vor allem mit blinder Disziplin, untertäniger Unauffälligkeit, unterwürfiger Höflichkeit, mit blindem Pflichtbewusstsein, ja auch mit „analfixierter“ Sauberkeit, als einige der Merkmale des „autoritären Charakters“ (Erich Fromm),

Habermas sprach von einem „ersten Schub einer Fundamentalliberalisierung“ zit. nach Zeitgeschichte als Streitgeschichte: Grosse Kontroversen seit 1945 herausgegeben von Martin Sabrow, Ralph Jessen, Klaus Grosse Kracht, München 2003, S. 66

– eine intellektuelle Suchbewegung, basierend auf der theoretischen Annahme, dass hinter der wahrnehmbaren Oberfläche gesellschaftlicher und politischer Prozesse Strukturen stehen und ökonomisch Kräfte wirken und zwar unabhängig von der Moral der jeweils Handelnden (also den „Charaktermasken“ der ökonomische Verhältnisse (Karl Marx)),

– geradezu ein Hunger nach theoretischer Welterklärung und  politischer Handlungsanweisung,

– die Wiederentdeckung der durch den Weltkrieg und das „Dritte Reich“ in Vergessenheit geratenen oder unterdrückten Theoretiker des Marxismus, der Psychoanalyse, der Sozialpsychologie, der Klassengesellschaft und des Kolonialismus bzw. Imperialismus – von den Klassikern Karl Marx über Rosa Luxemburg, Georg Lukács, Walter Benjamin bis Wilhelm Reich; es gab ein ungeheures Bedürfnis nach „Theorie“ und daraus resultierend das Abarbeiten an zeitgenössischen, oft aus der Emigration zurückgekehrten Sozialwissenschaftlern und Intellektuellen wie Theodor W. Adorno, Max Horkheimer, Wolfgang Abendroth, Werner Hofmann, Herbert Marcuse, Ernst Bloch, Norbert Elias, Ossip K. Flechtheim, Ernst Fraenkel, Erich Fromm, Alexander und Margarete Mitscherlich u.v.a.m.,

– die Abkehr von Heintjes schmalzigem Song „Mama“ und der Bruch mit der „Kulturindustrie“ (Horkheimer, Adorno) mit einer (allerdings nur teilweise) subversiven Popkultur

* in der Musik, von Velvet Underground bis Joan Baez, Bob Dylan oder Frank Zappa  und natürlich den Rolling Stones und den Beatles – „Sex, Drugs & Rock ’n‘ Roll“ und mit „Woodstock“ (als Symbol für das andere Amerika),
* in der bildenden Kunst, mit Aktionskunst, Fluxus oder Pop-Art,
* im Film, etwa mit der französischen Nouvelle Vague und dem deutschen Autorenfilm,
* in der Mode, von Twiggys Mini-Röcken bis zur Latzhose und natürlich die Jeans statt des Rocks, BHs wurden verbrannt,
* im (Alltags-)Lebensstil, gegen „Kaufrausch“, „Fresswelle“ und Spießertum – der Muff wurde entlüftet, Farbexplosionen auf den Tapeten, der VW-Bulli und der 2 CV wurden zu Kultautos,

– die Euphorie, den globalen Zeitgeist auf seiner Seite zu haben, zusammen mit der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung, mit der gegenkulturellen, nach Selbstverwirklichung strebenden Flowerpower- und Hippie-Bewegung, mit den niederländischen Provos, mit der kubanischen Revolution und den lateinamerikanischen Befreiungsbewegungen und ihren Symbolfiguren (Fidel Castro, Che Guevara), mit der sich weltweit ausbreitenden Anti-(Vietnam)Kriegsbewegung, mit den Studentenunruhen in Warschau, mit dem „Prager Frühling“, mit dem Pariser Mai, kurz, mit der „globalen Opposition“ von der Dutschke auf dem Vietnam-Kongress im Februar 1968 sprach,

– der Traum von einer „befreiten Gesellschaft“ (Wolfgang Kraushaar https://www.welt.de/welt_print/kultur/literatur/article7649337/Die-befreite-Gesellschaft.html) und die Sehnsucht nach freieren Lebensformen als diejenigen der Kriegsgeneration oder ganz konkret auch nur die Hoffnung auf eine demokratischere Gesellschaft.
(„Wir wollen mehr Demokratie wagen“, Willy Brandt)

 

Ich war und bin mir bewusst, dass wir 1968 eine „kleine radikale Minderheit“ waren. Der SDS und der SHB hatten zu ihren Hochzeiten maximal je 3000 Mitglieder. Aber nicht nur ich hatte ein Gefühl eines gesellschaftlichen Aufbruchs und wir schwangen uns auf in die heroische Pose, ein „historisches Subjekt“ (Karl Marx) zu sein.

 Diese heroische Pose, sich allein (ohne Moralapostel sein zu müssen) gegen das Schlechte, gegen eine Welt von Schurken durchsetzen zu können, mag die Beliebtheit der Italo-Western zur damaligen Zeit ausgemacht haben. 

John Lennon hat das Gefühl dieser Minderheit mit seinem Song „imagine“ ganz gut ausgedrückt:

You, you may say I’m a dreamer
But I’m not the only one
I hope someday you will join us
And the world will be as one

Es war ein Akt politischer Selbstermächtigung gepaart mit einem Urmisstrauen gegen nahezu alles Bestehende. Die gesellschaftlichen Verhältnisse wurden zum ersten Mal in der Nachkriegsgeschichte radikal in Frage gestellt. Politik wurde als Gegenstand öffentlicher Teilhabe praktiziert. Das Private wurde politisch.

Und vor allem: Es hat Lust gemacht, mitzumachen und zu provozieren.

Die 68er-Revolte war keine revolutionäre Bewegung mit einem einheitlichen Programm, es war vor allem eine Anti-Bewegung, die die bestehenden Verhältnisse in nahezu jeder denkbaren Hinsicht hinterfragte. Es ging gegen den „imperialistischen Kapitalismus“ genauso wie gegen den „realen Sozialismus“ oder den Stalinismus. Ganz im Sinne der „kritischen Theorie“ wurde alles oder nahezu alles abgesucht nach verdeckten Freiheiten und unerschlossenen Potentialen der Emanzipation. Eine programmatisch ausgefüllte positive Utopie gab es nicht, die Durchsetzung der Kritik am Bestehenden sollte das Bessere freisetzen.

„Was so viele Kriegs- und Nachkriegskinder zur Rebellion zusammenführte, war kein Text, kein Manifest, kein Revolutionsprogramm. Es war eher etwas wie ein nonverbales, weltweit kommuniziertes Signal zum Aufbruch, das nur die jungen Leute hörten: Lasst auf der Stelle alles, was ihr tut und getan habt, liegen, und beginnt ein neues, selbstbestimmtes Leben.“  Peter Schneider: „Rebellion und Wahn – Mein 68“

 

Teil der linken Geschichte

Die 68er-Bewegung ist zweifellos ein Teil der linken Geschichte, aber sie ist auch Geschichte.

Sie war dennoch eine wichtige Sozialisationserfahrung für einen Großteil (auch der weniger politisch Aktiven) dieser Generation und sie hat das Verhalten nachfolgender Generationen beeinflusst.

Nach 68 war zwar ganz vieles nicht mehr so wie es zuvor war, dennoch gemessen an den Forderungen, an den Wünsche und Träumen, die innerhalb der APO in unterschiedlicher Ausprägung zu finden waren, ist die Bewegung politisch nahezu vollständig gescheitert (Wolfgang Kraushaar):

Die Notstandsgesetze wurden verabschiedet. Die Große Koalition kam. Von einer „Enteignung Springers“ – oder seien es auch nur demokratischere Redaktionsstatute, sind wir weiter entfernt als je. Von einem Bündnis der Studierenden (oder der Intelligenz) mit den Arbeitern oder den Gewerkschaften (jedenfalls in Deutschland) kaum eine Spur. Geschweige denn, dass auch nur eines der zahllosen Gegenkonzepte auf staatlicher Ebene durchgesetzt wurde (wenn man einmal von der Liberalisierung des Demonstrations- und Sexualstrafrechts absieht).

Ein unbeabsichtigter, geradezu paradoxer Nebeneffekt des Politisierungsschubs vor allem innerhalb der Jugend war der Aufstieg der SPD und der Machtwechsel zur sozial-liberalen Koalition im Jahre 1969. Die Mitgliederzahl der Jusos stieg auf 300.000.

„Wir wollen ein Volk der guten Nachbarn werden im Inneren und nach Außen“ verkündete Brandt in seiner ersten Regierungserklärung und leitete die „Neue Ostpolitik“ ein. Gerade in der Verständigung mit dem Osten lag ein Großteil der Integrationswirkung der sozialliberalen Koalition für die junge Generation. Um die Ostverträge gab es eine heftige politische Auseinandersetzung, so dass man geradezu von einer Spaltung der Öffentlichkeit sprechen musste. Letztlich ging es um die Anerkennung der Niederlage im Zweiten Weltkrieg als Befreiung „von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft“ (Richard von Weizsäcker 1985 ) und nach Adenauers Westbindung um  die Entspannung mit dem Osten.

Auf die Frage was 68 gebracht habe, hat Jürgen Habermas einmal spontan geantwortet: „Rita Süssmuth“. Vielleicht hätte es die Frauenbewegung oder die Partei der Grünen ohne die „68er“ (jedenfalls so) nie gegeben und möglicherweise wäre ohne diesen Aufbruch bis heute keine Frau zur Kanzlerin gewählt worden.

Spurenelemente des „Habitus“ der 68er-Bewegung sind in den „Prozess der Zivilisation“ (Norbert Elias) diffundiert und zwar durchaus mit widersprüchlichen oder janusköpfigen Erscheinungsformen.

Einflüsse auf den kulturellen Überbau

Auf der kulturellen Ebene lassen sich emanzipatorische Fortschritte noch am ehesten ausmachen, wobei das „Progressive“ keineswegs als gesichert gelten kann und sich überall Gegenbewegungen auftun oder aber errungene Freiheiten dadurch wieder zum Fetisch wurden, dass sie schlicht nur kommerzialisiert wurden.

Das ist nicht das, was gewollt war, aber auch nicht das glatte Gegenteil.

„Nie wieder Krieg – nie wieder Faschismus“ wurde zum offen ausgesprochenen Bekenntnis. Die Sensibilität gegen faschistische, neonazistische Tendenzen in der Öffentlichkeit und das gebrochene Verhältnis zur jüngeren deutschen Geschichte ist in den letzten 50 Jahren ein gutes Stück weit erhalten geblieben, wenngleich sich in letzter Zeit der Rechtsextremismus ausbreitet und wieder in die (europäischen) Parlamente einzieht.

Prügelstrafe oder Karzer als Erziehungsmethoden, wie noch in den 50er Jahren in Erziehungs-„Anstalten“ gang und gäbe, sind heute unter Strafe gestellt. Morgengebet und Frontalunterricht gelten in den meisten heutigen Schulen als verpönt, aber über „schwarze Pädagogik“ wird wieder ernsthaft diskutiert und die Reformpädagogik ist durch Missbrauchsfälle in Misskredit geraten.

Die „Erziehung zum Ungehorsam“ (so der Film und das Buch von Gerhard Bott) oder Volker Ludwigs Grips Kindertheater machten das körperliche Züchtigungsrecht zum Tabu und stellten die autoritären Familienstrukturen in Frage – statt der Erziehung zum sittenstrengen „Artigsein“ ging es um „antiautoritäre Erziehung“. Der Kinder-„Garten“ als Verwahranstalt wandelte sich zum „repressionsfreien“ Kinder-„Laden“ als Ort pädagogischer Früherziehung.

Autorität und Abhängigkeitsverhältnisse dürfen heute hinterfragt werden und Respektspersonen müssen sich in der Regel legitimieren, dafür wird aber knallhart nach Leistung „abgerechnet“ und wehe, wenn die Bilanz nicht stimmt. Außerdem gibt es einen größer werdenden Teil der Gesellschaft, der sich wieder nach (autoritärer) Führung sehnt.

„Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment“, so lautete der Sponti-Spruch. Obwohl innerhalb des Zirkels der politischen Aktivisten das Thema Sexualität kaum eine Rolle. Die Kommunarden waren eine Berliner Randerscheinung – auch wenn sie viel mediale Aufmerksamkeit erfuhren. Dennoch sind die rigide Sexualmoral, die jegliche sexuelle Beziehung außerhalb der Ehe zur „Unzucht“ erklärte und die Drohkulisse sowie der Sündenkatalog gegen „unkeusches Tun“ heute zugunsten eines offeneren und unverkrampfteren Sexualverhaltens weitgehend verschwunden. Unehelicher Geschlechtsverkehr, unverheiratete Lebenspartnerschaften, offenere Formen des Zusammenlebens sind selbstverständlich geworden. Das Kranzgeld, das von dem Mann zu zahlen war, der eine Verlobung löste, wurde nur noch belächelt. Aber recht bald tauschten etwa die Jugendzeitschrift BRAVO sowie die Filmindustrie und später noch eine umsatzstarke Pornoindustrie  Sinnlichkeit in Kommerz und Leistungsdruck. Und noch heute sind Kondom und Pille für gläubige Katholiken tabu.

Die Emanzipationsbewegung der Frauen musste eher mit Tomatenwürfen (so die Romanistikstudentin Sigrid Rüger an den Kopf von Hans-Jürgen Krahl) gegen den Machismus der Studenten-„Führer“ aufbegehren, als dass sie in der APO eine Rolle spielte. Der 1968 gegründete „Aktionsrat zur Befreiung der Frauen“ oder

der „Frankfurter Weiberrat“ haben jedoch die provokativen Formen des 68er-Protestes adaptiert: „Befreit die sozialistischen Eminenzen von ihren bürgerlichen Schwänzen.“ (Silvia Bovenschen, Mona Steffen)

Auch die Homosexualität war damals bestenfalls am Rande thematisiert, wenngleich auch die Schwulenbewegung viele Formen der Provokation übernommen hat. Die  gleichgeschlechtliche Ehe wird jedoch von der römisch-katholischen Kirche nach wie vor abgelehnt.

Mancher spätere evangelische Kirchentag hatte Züge eines „Happenings“ der sechziger Jahre, eine offen deutschnationale Kirche gibt es seither nicht mehr.

Auch die Anti-AKW-Bewegung und zahllose Bürgerinitiativen haben von den 68ern gelernt.

Eine Wohngemeinschaft oder ein unverheiratetes Paar ist heute selbst für einen „bürgerlichen“ Vermieter kein Schreckbild mehr, natürlich auch wegen der für Jüngere kaum noch bezahlbaren Mietpreise in den Städten.

Das, was man heute „Zivilgesellschaft“ nennt, gehört zu den diffundierten Spurenelementen des gesellschaftlichen Aufbruchs der 68er als „Mutter aller Protestbewegungen“ (Wolfgang Kraushaar).

Ob „wilde Streiks“, also Arbeitsniederlegungen unabhängig von Gewerkschaftsbeschlüssen, von Frankreich oder Italien übernommen wurden oder ob sie eine Konsequenz des anarchischen Protestverhaltens der Studentenbewegung waren, ist eine offene Frage. Jedenfalls waren sie kein Überraschungsschock und haben den juristischen „Käfig“ des Streikrechts aufgebrochen.

Am meisten Experimentierfreude, wenngleich vielfach auch zur Mode geworden, ließ sich noch in der Musik, in der bildenden Kunst und auf den Theaterbühnen (z.B. das Drama „Viet Nam Diskurs“ von Peter Weiss oder auch die Inszenierungen von Peter Stein oder Peter Zadek) beobachten.

Alternativbetriebe, linke Anwaltsbüros, Frauenhäuser, Kinderläden, linksalternative Zeitungsprojekte, Arbeitsgemeinschaften kritischer Berufsgruppen (z. B. das „Darmstädter Signal“) würde es ohne die 68er-Bewegung wahrscheinlich nicht in dieser Form geben. Die Psychotherapie hat sich nicht zuletzt durch die Patientenklientel der 68er etablieren können.

Wenige Erfolge auf der politisch institutionellen Ebene

Auf der politisch institutionellen Ebene lässt sich eine Wellenbewegung mit einer deutlichen Gegenbewegung, ja sogar mit handfesten Gegenreaktionen feststellen. Der Widerstand gegen die Notstandsgesetze war nach deren Verabschiedung gebrochen und die Politik hat es verstanden, dieses Damoklesschwert des autoritären Staates aus dem öffentlichen Bewusstsein zu verdrängen.

Die außerparlamentarische Opposition gegen die Große Koalition wurde durch den Brückenbau von Bundespräsident Gustav Heinemann und Bundeskanzler Willy Brandt großteils in die „Institutionen“ zurück geholt – mit Zuckerbrot und Peitsche.

Das Zuckerbrot war das Straffreiheitsgesetz vom 20. Mai 1970 und die Liberalisierung des Demonstrationsrechts. Diese Amnestie entließ mich, wie tausende Anderer, die wegen sog. „Demonstrationsdelikte“ verurteilt, angeklagt oder beschuldigt waren, aus den Fängen der Justiz.

Der Eintritt und der „lange Marsch durch die Institutionen“ wurde dadurch erleichtert, dass im Rahmen der Bildungsexpansion vor allem in der ersten Hälfte der 70er Jahre viele 68er als Lehrer oder gar als Hochschullehrer Stellen in Schulen und Hochschulen fanden. Bildungsreform, statt Revolution, wurde zum wichtigsten Treiber für den gesellschaftlichen Fortschritt erklärt.

Die Peitsche, das waren der „Radikalenerlass“ und die „Berufsverbote“, wobei eineinhalb Millionen, meist Bewerber für den Öffentlichen Dienst, auf ihre politische Gesinnung überprüft wurden und Tausenden die Einstellung als Lehrer verweigert wurde.

Der Abwehrkampf gegen die „Berufsverbote“, der in Bayern bis in die 90er Jahre andauerte, hat viel zur politischen Demotivierung junger Leute beigetragen. Der latente Verdacht gegen alles politisch Linke wirkt bis heute nach. Und die Angst durch politisches Engagement seine „bürgerliche Existenz“ zu gefährden, hat sich unter den Jüngeren wieder breit gemacht.

Zivilgesellschaftliches Engagement und die Protestformen von Bürgerbewegungen stehen aber durchaus in der Tradition der APO. Wohl durch die Beobachtung, dass aus dem langen Marsch „durch“ die Institutionen ein kurzer Weg zum Abmarsch „in“ die Institutionen und in die Anpassung an die Gepflogenheiten des Establishments wurde, entstanden unter Umgehung von Parteien und Verbänden „neue soziale Bewegungen“: Die Ökologie-, die AKW-, die Friedens-, die Umwelt- und vor allem auch die Frauenbewegung. An die Stelle der – relativ abstrakten – „Demokratisierung aller Lebensbereiche“, trat der „Kampf“ für konkrete Projekte, der „Häuserkampf“, die „Instandbesetzungen“ bis hin zum „Kampf gegen das Krötensterben“.

Soziale Durchlässigkeit, Dritte Welt-Engagement, Verkehrs- oder Energiewende und viele andere Themen mehr, sind sicherlich nicht die zentralen Themen der 68er Bewegung gewesen, aber übernommen wurde der Mut und die Selbstermächtigung für solche Themen öffentlich zu kämpfen. Man hat gelernt, dass man sich nicht auf die Obrigkeit, auf Parteien, auf Parlamente verlassen darf, sondern dass man sich wehren muss, wenn man etwas ändern will

Ein großer Teil der APO, der ins antiautoritäre Lager und zu den Sektierern der K-Grüppler abgedriftet ist, hat sich entweder in die private Selbstverwirklichung geflüchtet oder hatte die Messlatte der eigenen politischen Utopie so hoch gelegt, dass es problemlos war, den „Marsch ins Private“ anzutreten und – ohne einem schlechten Gewissen – einem gutbürgerlichen Leben zu frönen. Eine beachtliche Anzahl von Mitgliedern etwa des Kommunistischen Bundes Westdeutschland (KBW oder KB) fand sich später bei der Ökobewegung und noch später bei der Partei „Die Grünen“ wieder. Umwelt oder Klima waren allerdings bei den 68ern kaum ein Thema. Ein SDS-Plakat wie „Alle reden vom Wetter. Wir nicht.“ wäre nach dem Aufkommen der Ökologie-Bewegung nicht mehr denkbar gewesen.

Eine beachtliche Zahl von Mitgliedern des SHB, des LSD oder auch des RCDS integrierten sich in ihren „Mutterparteien“ und sind Abgeordnete geworden oder in höhere Verwaltungs- oder gar Regierungsämter aufgestiegen. Teilweise haben sie versucht, ein Stück ihrer Überzeugung in die Institutionen hinüberzuretten, einige wurden aber auch zu geradezu zynischen Renegaten, wie z.B. Gerhard Schröder oder Joschka Fischer („Nie wieder Ausschwitz“, so Fischers zynische Begründung des völkerrechtswidrigen Bundeswehreinsatzes im Kosovo). „Je erfolgreicher (der Marsch) war, je mehr Ämter und Mandate und damit Macht die 68er (…) erlangten, desto mehr führte dies gleichzeitig zu einer Schwächung dieses Marsches.“ (Jeanette Seiffert, Die 68er in der SPD. „Marsch durch die Institutionen?“, Bouvier Verlag, Bonn 2009.S. 146)

Die staatlichen Autoritäten wiederum haben weitgehend ihre Angst vor sozialen Bewegungen verloren und reagierten auf Protest erst recht mit „repressiver Toleranz“. An der heutigen Ausrüstung der Polizei kann man ablesen, was die Ordnungshüter zwischenzeitlich aus den Demonstrationen der zurückliegenden 50 Jahre gelernt haben. Eine Konfrontation mit Studierenden durch ein Hausverbot, wie bei der Kuby-Affäre 1965 an der FU Berlin, würde heute keine Hochschulleitung mehr suchen, man geht viel entspannter und flexibler mit solchen Stilfragen um.

Und natürlich schlug das herausgeforderte „Establishment“ auch zurück. An den Hochschulen wurde die Gruppenuniversität und die Drittelparität – auch mittels der Gerichte – wieder einkassiert und mit dem heutigen Leitbild der „unternehmerischen Hochschule“ und einer einem privaten Profitunternehmen nachgebildeten Aufsichtsratsstruktur wurden die Selbstverwaltung ausgehebelt und die Hochschulen funktionell privatisiert.

Die „kritischen Universität“ wurde wegrationalisiert, nämlich mit einer „Verbetriebswirtschaftlichung“ des Studiums mit Kreditpunktesystem, Bachelorisierung und permanentem Prüfungsdruck – alles wird gemessen, evaluiert, gerankt.

Die Träume von Emanzipation und mehr Demokratie sind an der (beruflichen) Praxiserfahrung zerbrochen, noch mehr, sie wurden neoliberal eingehegt und teilweise geradezu zynisch umgedeutet:

Statt politischer Ökonomie, haben wir heute „marktkonforme“ Demokratie. An die Stelle von demokratischem Aufbruch trat „Alternativlosigkeit“. Statt Entgrenzung gibt es wieder das Streben nach Sicherheit und Ordnung und nach ganz handfesten Grenzkontrollen und Überwachung. Statt „internationaler Solidarität“ haben wir die Tendenzen zur Abschottung und zum wiederauflebenden Nationalismus. Selbstbestimmung wurde zu Flexibilität, selbstverwirklichender aufklärerischer Individualismus zu „Arbeitskraft-Unternehmertum“ pervertiert. An die Stelle von Kooperation trat der Wettbewerb auf allen Ebenen – „jeder ist seines Glückes Schmied“.

Betrachtet man die Entwicklung der politischen Trends hierzulande und um uns herum, so muss man konstatieren, dass wir uns in einer Phase der Restauration befinden, die, wie Alexander Dobrindt, das nur noch ferne Wetterleuchten der 68er- Bewegung als Hebel für eine bürgerlich konservative Wende zu nutzen versucht.

Politisches Engagement wäre jedoch gerade heute wieder von höchster Dringlichkeit. Ob die „Bewegungen“ „Syriza“, „Indignados“ und „Podemos“, „en marche“ einen Hoffnungsschimmer darstellen oder ob angesichts der Fünf Sterne-Bewegung, der Liste Sebastian Kurz, dem Front National, der Jobbik-Bewegung eher reaktionäre „Volks“bewegungen die Oberhand gewinnen, ist eine offene Frage.

Dennoch, bei allem was von den „68ern“ (und ich meine hier ausdrücklich nur die 68er) an Irrtümern begangen wurden, bei allen Fehlern, die gemacht wurden, bei allen Enttäuschungen und bei allem Leid, das diejenigen erlitten, die manche ideologische Verirrung auslebten und bei allem schlechten Gewissen gegenüber selbst entschiedenen oder erzwungenen Anpassungen an die „Verhältnisse“, ich wollte diese Zeit in meinem Werdegang nicht missen. Ich habe mich selbst und ich habe politisches Handeln in so vielerlei Hinsicht ausprobieren und mir durch unmittelbare Erfahrung selbst ein politisches oder ethisches Urteil über unterschiedlichste politische Konzepte und wissenschaftliche Theorien bilden können, wie ich es für die nachfolgenden Generationen und damit auch für meine Kinder gewünscht hätte.

Ich bin mir sicher, die Rezeption des Aufbruchs der „68er“, ob als gefährlicher Irrweg oder als Traum von einer besseren Welt, entscheidet mit darüber, welche Chancen künftig Emanzipation, demokratische Teilhabe, Transparenz und Selbstbestimmung haben werden.

Teil 1

Teil 2

Teil3

Teil4

Bildquelle: Wikipedia, Von The Central Intelligence Agency – 10 Soviet Invasion of Czechoslovakia, Gemeinfrei,

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Wolfgang Lieb

Wolfgang Lieb ist ein deutscher Jurist und Publizist. Nach dem Studium der Politik und Rechtswissenschaften an der FU Berlin, in Bonn und in Köln arbeitete er in der Planungsabteilung des Kanzleramtes in Bonn(Helmut Schmidt war Kanzler), wechselte als Leiter in das Grundsatzreferat der Landesvertretung NRW in Bonn, war Regierungssprecher des Ministerpräsidenten Johannes Rau und Staatssekretär im NRW-Wissenschaftsministerium. Zusammen mit Albrecht Müller war Lieb Mitherausgeber und Autor der politischen Website "NachDenkSeiten" und wurde mit dem Alternativen Medienpreis ausgezeichnet. Vor einem Jahr stellte er die Mitarbeit dort wegen Meinungsdifferenzen mit Müller ein. Heute arbeitet Wolfgang Lieb als freier Autor.


'50 JAHRE DANACH – ERFAHRUNGEN IN UND MIT DER 68ER-BEWEGUNG, TEIL 5' hat keine Kommentare

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