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Ein Fall Giffey oder ein Fall Doktormutter?

Alfons Pieper Von Alfons Pieper
15. Februar 2021
Buch

Wer erinnert sich noch an den Fall des Karl-Theodor Freiherr von und zu Guttenberg. Der CSU-Politiker war auf dem Weg nach oben, ein Strahlemann der besonderen Art, sportlich, gut aussehend, einer, der sich stets glänzend verkaufen konnte, der Minister für Wirtschaft und Energie wurde, dann für Verteidigung, was ihn quasi qualifizierte fürs Kanzleramt. Doch dann passierte das Malheur mit seiner Doktorarbeit, über die plötzlich öffentlich diskutiert wurde. Im Mittelpunkt standen Plagiats-Vorwürfe, die der Baron aus Franken natürlich als abstrus dementierte. Die Kanzlerin wies alle Forderungen nach seinem Rücktritt zurück, sie habe einen Minister eingestellt und keinen wissenschaftlichen Assistenten oder Doktoranden. Wörtlich erklärte sie damals: „Mir geht es um die Arbeit als Bundesverteidigungsminister. Die erfüllt er hervorragend, und das ist das, was für mich zählt.“ Auch die Unionsfraktion stellte sich voll hinter Guttenberg, „in großer Geschlossenheit“. So die Erklärung von Fraktionsgeschäftsführer Peter Altmeier. Da hatte Guttenberg schon auf die Führung des Doktortitels verzichtet. Aber er blieb dabei, „nicht bewusst, nicht absichtlich getäuscht“ zu haben. Worte, Erklärungen, abgegeben am 21. Januar 2011, die wenig später nichts mehr bedeuteten. Am 1.3. trat der Minister zurück. Er war ein Blender.

Seit Monaten wird über den Fall Franziska Giffey, SPD, diskutiert. Ebenfalls wegen ihrer Doktorarbeit, deren Mängel von Vroni Plag aufgedeckt wurden. Immerhin auf 70  von 214 Seiten fehlen angeblich die Angaben, woher die Texte stammten. Frau Giffey ist Bundesministerin für Familie, sehr beliebt in ihrer Heimatstadt Berlin, dort soll sie als Spitzenkandidatin im Wahlkampf auftreten, sie soll Regierende Bürgermeisterin werden und damit dem Amtsinhaber Peter Müller folgen. Die Universität hat Frau Giffey eine Rüge erteilt, etwas, was es wissenschaftlich gar nicht gebe, urteilten Kritiker, die sich auch nicht zurückhielten, als die Sozialdemokratin auf die Führung ihres Doktortitels verzichtete. Die Rüge bezog sich darauf, dass die Doktorandin damals bei Fertigung ihrer Dissertation „die Standards wissenschaftlichen Arbeitens nicht durchgängig beachtet“ habe. Der Vergleich mit meiner eigenen Magisterarbeit, vor rund 50 Jahren an der Uni München abgegeben, mag hinken, aber ein paar Erklärungen mögen mir erlaubt sein. Der Professor, der meine Magisterarbeit betreute, sprach das rund 150 Seiten dicke Werk nach mehrtägiger Prüfung mit mir durch, er hatte einige Mängel entdeckt, die er mir mündlich erklärte. Nein, ich hatte kein Buch vergessen, aus dem ich zitiert hatte, auch die Zitate waren korrekt, nur hatte ich sie nicht alle und zwar auf jeder Seite korrekt angegeben. So weit mich die Erinnerung nicht täuscht, erklärte der Geschichts-Professor mir, er werde mir wegen dieser Ungenauigkeiten, vielleicht sprach er auch von Schlamperei- er war ein Bayer aus Freising bei München- eine Note abziehen. Gut, eine Magisterarbeit ist keine Doktorarbeit, aber die wissenschaftlichen Standards sind ähnlich.

Zurück zum Fall Giffey. Ich frage mich schon seit Monaten, warum niemand die Doktormutter von Giffey zur Verantwortung zieht. Oder die Wissenschaftler, die in einem zweiten Untersuchungsverfahren über Giffeys Doktorarbeit zu Rate saßen. Sie hätten die Mängel, die offenkundig waren und immerhin auf über 70 Seiten verteilt, bemerken und dann entscheiden müssen. Prof. Hubertus von Puttkammer, Tagesspiegel-Leser aus Berlin-Dahlem, merkt dazu in einem längeren Leserbrief an: „Bei nachgewiesenen 70 Seiten mit ungeklärten, also nicht belegten Zitaten ohne Quellenangabe ist das eigentlich keine allzuschwierige Entscheidung.  Wieviel mehr Verfehlungen bedarf es denn noch?“ Und Prof. Puttkammer zieht dann auch noch, und wie ich finde völlig zu Recht, die Doktormutter in die Verantwortung. Puttkammer spricht vom völligen Versagen bei der Betreuung der Promovendin, indem man plagiatäre Texte auf über 70 Seiten nicht erkannt habe. Und er stellt die Frage: „Hat die Doktormutter auch nur eine dieser Seiten gelesen oder gar mit der Doktorandin diskutiert?“ Und wie solle man die Verantwortlichkeit des zweiten der professoralen Promotionsbetreuer bewerten? Und, ich zitiere noch einmal Prof. Puttkammer, „wie kann es darüber hinaus zu einer Note von magna cum laude kommen, der zweitbesten akademischen Beurteilungsstufe?“

Hätte man die Arbeit mit Sorgfalt betreut, es wäre nicht zu dieser Peinlichkeit gekommen, in der viele heute stecken. Nicht nur Giffey, über deren Haupt das ungeklärte Verfahren wie ein Damoklesschwert schwebt, sondern auch der Universität wäre dieser Schaden erspart geblieben. Eine Universität, die laut Prof. Puttkammer, „international hervorragend beleumdet“ sei. Aber man muss die Frage ja stellen, wie das passieren konnte? Und da stosse ich auf einen Beitrag in der SZ mit der Überschrift „Dr. Qual“. Da sind dann Gemeinplätze zu lesen, wie: „Der Doktor ist der Deutschen liebster Titel“. Heißt also: Jeder will ihn haben. Und deshalb werde immer noch zu viel promoviert, so die SZ. Also eine Art Überarbeitung der Professoren? Oder ist es nicht so, dass sie sich gern mit der Vielzahl ihrer Doktoranden schmücken? Und ja,auch das soll nicht verschwiegen werden: Ein Teil des Problems, schreibt die SZ, seien eben gutherzige Professoren, die nicht Nein sagen können. Will sagen, manch Doktorgrad werde quasi verschenkt? Das darf doch alles nicht wahr sein. Nur weil sich gern jemand mit dem Dr.-Titel schmückt, verwässert manche Qualifikation? Man geht ins Ausland und schaut nach einem bequemen Weg zu einem Titel. Soll es ja geben, wird erzählt.

Man nehme das Beispiel  unseres Bundesverkehrsministers Andreas Scheuer(CSU), über den die „Welt“ vor Jahren schrieb: „Andreas Scheuer ist ein Doktor Dünnbrettbohrer.“ Nicht weil er die Arbeit abgekupfert habe, sondern weil sie aus „Belanglosigkeiten und Phrasendreschereien“  bestanden habe. „Fassungslos“, schreibt der Welt-Redakteur Daniel Friedrich Sturm, „beugt man sich über die Seiten.“ Das Werk umfasst demnach 300 Seiten, vorgelegt der Universität zu Prag, immerhin die älteste deutsche Universität, gegründet 1348 von Karl IV.  Sturm bezeichnet Scheuers Schreibereien  als „Sammelsurium aus stets wiederkehrender Parteipropaganda, umständlich formulierten Banalitäten, abseitigen Besinnungsaufsätzen und orthografischer Originalität“. Kurz um: „Ein wissenschaftlicher Witz.“ Sturm zufolge beschwöre Scheuer in seiner sogenannten Doktorarbeit „die Erfolge der CSU und Bayerns öfter als Horst Seehofer in jeder Passauer Aschermittwochsrede. Sätze beginnen und enden im Nirwana.“ Auf Vorwürfe hinsichtlich der fehlenden Qualität des von ihm erworbenen Doktortitels in Prag  hat der damalige CSU-Generalsekretär auf das Führen des Titels verzichtet. Was ihn nicht daran hinderte, politisch zum Bundesminister für Verkehr aufzusteigen, was ihm Lob von seiten der Kanzlerin einbrachte. Das Desaster um die Maut, mit dem der Name Scheuer verbunden ist und die CSU, scheint Angela Merkel nicht zu bekümmern. Rücktrittsforderungen hat der CSU-Mann stets lächelnd ausgesessen. Er weiß genau, dass Markus Söder, der CSU-Parteichef und Ministerpräsident Bayerns, sich keine öffentliche Debatte um Scheuer und die Maut-Millionen, die auf den Steuerzahler zukommen können, leisten wird. Söder wird schließlich auch gehandelt als einer der Nachfolger von Merkel im Kanzleramt.Aber dafür braucht er keinen Doktortitel.

Den braucht Franziska Giffey in Berlin auch nicht. Wenn sie ihn gar nicht gehabt hätte, sähe es leichter aus für sie in Berlin. So muss sie mit der Debatte leben, die von interessierter politischer Seite immer wieder neu aufgelegt wird. Eine Wette würde ich eingehen: Im Falle ihrer Wahl zum Regierenden Bürgermeister in Berlin wäre das Thema um ihre Doktorarbeit am Tag danach erledigt.

Bildquelle: Pixabay, Bild von Kranich17 auf Pixabay License

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Tags: Andreas ScheuerFiffeyKarl-Theodor Freiherr von und zu GuttenbergPlagiateTitel-AffärenWissenschaftlice Stadards bei Dissertationen
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