Es ist eine Nachricht, die aufhorchen lässt – und die jedem, dem die Stabilität unserer Demokratie am Herzen liegt, kalte Schauer über den Rücken jagen sollte. Der designierte FDP-Generalsekretär Martin Hagen hat die Abgrenzung zur AfD als einen „Popanz Brandmauer“ bezeichnet und erklärt, der Versuch der Ausgrenzung sei gescheitert. Künftig will die FDP, die nach ihrem Ausscheiden aus dem Bundestag und bitteren Landtagsschlappen ums politische Überleben kämpft, auch wechselnde Mehrheiten unter Einschluss der AfD nicht mehr ausschließen.
Man wolle die Partei inhaltlich stellen, Wähler zurückholen, nicht dauernd in Abgrenzung leben. Das klingt in den Ohren mancher Strategen vielleicht nach pragmatischer Realpolitik.
In Wahrheit ist es eine brandgefährliche, historische Naivität. Oder doch wirtschaftliches Kalkül?
Die Realität heute: Die AfD ist keine normale Protestpartei
Wer die AfD heute im Jahr 2026 beobachtet, sieht keine „verirrten Wähler“, die einer doch eigentlich bürgerlich-konservative Kraft auf dem Leim gehen, die ein bisschen zu laut poltert, aber politische Konzept bietet, die man verhandeln kann. Nein, kein vernünftiger Demokrat bezweifelt: Die AfD ist in weiten Teilen gesichert rechtsextremistisch. Sie rüttelt systematisch an den Grundfeiler unserer liberalen Demokratie, an der Unabhängigkeit der Justiz, an der Pressefreiheit und an der Würde von Minderheiten.
Die Vorstellung, man könne eine solche Kraft „zähmen“, indem man im Parlament punktuell mit ihr abstimmt oder ihre Stimmen für eigene Mehrheiten nutzt, ist kein politischer Pragmatismus. Es ist das Ignorieren einer realen, existenziellen Bedrohung. Bei der Wahl von Thomas Kemmerich zum Ministerpräsidenten von Thüringen 2020 dank rechtsextremistischer Stimmen hat man dann doch noch schnell den Rückwärtsgang eingelegt. Das scheint vergessen.
Aber offenbar auch, dass der Liberalismus genau diesen Fehler schon einmal mit furchtbaren Folgen gemacht hat.
Der historische Rückblick: Die Zähmungs-Illusion der Weimarer Republik
Wenn wir in die Geschichte der Weimarer Republik blicken, finden wir die Vorläufer der heutigen FDP in zwei Parteien: der wirtschaftsliberalen Deutschen Volkspartei (DVP) und der linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei (DDP). Beide Parteien waren staatstragend, beide stellten durchaus auch kluge Köpfe und Intellektuelle. Und beide wurden in den Krisenjahren ab 1930 durch die Radikalisierung der Gesellschaft politisch komplett pulverisiert, bis sie 1932/33 nur noch winzige Splitterparteien waren.
Genau wie die heutige FDP-Spitze standen die Liberalen damals vor den Trümmern ihrer Wahlergebnisse. Und genau wie heute erlagen sie einer fatalen Fehleinschätzung gegenüber den Rechtsextremen der NSDAP:
Der Irrglaube des „Einrahmens“: Als Adolf Hitler im Januar 1933 zum Kanzler ernannt wurde, glaubte das bürgerliche Lager, man könne ihn in einer Koalition kontrollieren. Man dachte, die Verantwortung der Macht würde die Nationalsozialisten mäßigen.
Der absolute Tiefpunkt folgte am 23. März 1933 bei der Abstimmung über das „Ermächtigungsgesetz“. Während die kommunistischen Mandatsträger und Köpfe schon in Haft saßen und die SPD unter Lebensgefahr für alle ihre Mandatsträger, aktiven Parteimitgliedern und ihrer gesamten Familien im Reichstag mit „Nein“ stimmte, knickten die Liberalen ein. Alle verbliebenen Abgeordneten der DVP und der Staatspartei (DDP) stimmten für das Gesetz, das Hitlers Diktatur zementierte.
Unter ihnen war auch Theodor Heuss – der Mann, der später die FDP mitbegründete und erster Bundespräsident wurde. Er stimmte damals – angeblich – aus Fraktionszwang und der naiven Hoffnung zu, Schlimmeres zu verhindern und zu retten, was zu retten sei. Es war der größte, tragischste Irrtum seines Lebens.
Die Lektion, die jetzt auf dem Spiel steht
Nach 1945 wurde die FDP auch aus diesem Trauma heraus geboren. Das Konzept der „wehrhaften Demokratie“ im Grundgesetz – die Erkenntnis, dass eine Demokratie ihren eigenen Feinden keine Plattform bieten darf, um sie abzuschaffen – war die direkte Lehre aus dem Versagen von 1933.
Wenn die FDP heute, getrieben von Umfragesorgen und dem Wunsch nach Profilierung unter einer neuen Führung um Wolfgang Kubicki, die Brandmauer zum „Popanz“ erklärt, wirft sie diese historische Lektion leichtfertig über Bord. Sie lässt die letzte Maske fallen, weil diese FDP davon ausgeht, dass ihre Klientel durch die AfD nicht bedroht ist. Ja, steuerpolitisch erfreut die AfD offensichtlich Kubicki und Co. Aber in einer Demokratie geht es nicht um Geld, es geht um Werte, um Menschenrechte und um Freiheit für alle, nicht nur die der reicheren Bürger.
Die Geschichte lehrt uns eine fundamentale Wahrheit: Rechtsextremisten lassen sich nicht „zähmen“, sie lassen sich nicht durch parlamentarische Routine entzaubern, und sie sind keine Partner für demokratische Mehrheiten. Wer mit ihnen taktiert, um selbst wieder Oberwasser zu bekommen, unterschätzt die zerstörerische Kraft des Rechtsextremismus.
Die Brandmauer zur AfD ist kein Popanz. Sie ist das Fundament der wehrhaften Demokratie. Wer sie einreißt, gefährdet das Ganze.












