Es ist ein Buch, das ich ein paar Tage auf dem Schreibtisch liegen hatte, ohne einen Blick in eine der 300 Seiten zu werfen. Dann habe ich zögernd angefangen zu lesen, was denn Christiane Hoffmann mit den „Träumen, die wir hatten„, meinte. Ich war unsicher, ob mir die Verbindung des Schicksals ihrer Freundin mit dem Schicksal der Ukraine, dem Überfall Russlands auf das einstige Bruderland gefallen würde. Privates und politisches, eine persönliche Geschichte verbunden mit der Weltpolitik, ob das geht? Und wie. Ich habe gelesen und gelesen, das Buch hat mich richtiggehend gepackt. Denn ich merkte, dass die Träume der Autorin auch unsere Träume waren, damals, als Gorbatschow die Bühne der Weltpolitik betrat und diese Welt sich plötzlich in Bewegung setzte.
Der Russe stand nicht mehr furchterregend vor unserer Tür, sondern wurde ein Nachbar, zu dem man Vertrauen fand. Wegen Gorbi, der zu einer Art Pop-Star wurde, den die Menschen in Bonn und Dortmund bei Hösch bejubelten. Weil sie hofften, dass nun der Russe zum Freund werde, mit dem man redet, den man besucht, mit dem man Geschäfte macht. Und warum sollte das nicht klappen, hatten wir nicht Jahrzehnte zuvor erlebt, wie aus der Erbfeindschaft mit Frankreich eine Freundschaft wurde? Träume, Hoffnungen, bis sie zerplatzten. Hätte man es verhindern können, den Krieg verhindern durch Gespräche, Verhandlungen, Angebote an Putin?
Die Mächtigen und Machtlosen
“ Wir träumten damals alle den gleichen Traum: im Westen, in Russland und der Ukraine, in Polen und Lettland.“ Schreibt Christiane Hoffmann, die Autorin. Sie ist Slawistin, hat in Leningrad(so hieß Sankt Petersburg damals) studiert, kennt also die Sprache der Russen, ihre Literatur, Kultur, sie hat in Moskau gelebt, war dort Korrespondentin, war Redakteurin bei der FAZ, beim Spiegel und stellvertretende Regierungssprecherin des Ampel-.Kanzlers Olaf Scholz. Will sagen: diese Autorin weiß, wovon sie träumt, sie schreibt, sie fühlt mit den Menschen. „Wir träumten ihn alle, die Menschen an ihren Küchentischen, die Staats- und Regierungschefs, die Mächtigen und die Machtlosen, im Osten wie im Westen und dazwischen, Alte wie Junge, Kranke und Gesunde, meine Freundin und ich: den Traum von einem ungeteilten Europa, von gemeinsamer Sicherheit, von Demokratie in Russland und überall, von Nie wieder Krieg.“
Aber wir schaffen es nicht. Wir können den Traum nicht wahr machen. In Russland nicht, und auch nicht im Westen. Wir stecken fest im alten Denken, im alten Misstrauen“. Ja, schreibt Christiane Hoffmann mit einer Intensität, die den Leser, die Leserin fesselt, weil diese Geschichte spannend ist, sie ist unsere Geschichte, die von Europa, Deutschland, das geteilt war und zusammen fand, weil der Russe Gorbatschow Frieden wollte, die Panzer und Soldaten der Roten Armee, die stationiert warten in der DDR, in den Kasernen ließ. So fiel die Mauer, die so vieles über viele Jahre getrennt hatte, die tödlich war für den oder die, die sie überwinden wollten. Plötzlich, an einem Abend im Jahre 1989 krachte das hässliche Bauwerk in sich zusammen. Die Menschen lagen sich in den Armen. Endlich vereint.
Aber wir schaffen es nicht für Europa, weil das Fenster sich wieder schließt, weil Wladimir Putin die Weltbühne betritt, der einstige Geheimdienst-Mann, der dem Westen nicht traut, so will ich es mal formulieren. Das „umfassende Sicherheitskonzept“, von dem noch Kohl, der Kanzler der Einheit, dem Gorbatschow getraut hatte, noch gesprochen hatte, wird nie Realität. „Stattdessen geht es um die Erweiterung der Nato“, schreibt Christiane Hoffmann. Putin träumt indessen von der Rückkehr zu alter Weltmacht, will die in seinen Augen einst glorreiche Sowjetunion wieder auferstehen lassen. Und draußen an der Ostgrenze der westlichen Allianz „pochen die Ostmitteleuropäer an die Tür: Lasst uns rein“. Der Westen hatte es ihnen versprochen, Putin hatte sie gewarnt. Und sie, die Balten, die Ukrainer, haben Angst vor dem Bären. Das Leben in und mit der Sowjetunion war kein Zuckerschlecken.
Wer hat Schuld?
Ja, wer hat Schuld an der Entwicklung? Der Westen, Putin, der Kriegstreiber? Hatte er dem Westens einst etwas vorgemacht, als er in Berlin im Reichstag eine Rede hielt und wie Gorbatschow davon träumte, von einem europäischen Haus, in dem Russland ein Zimmer bekam? Ich wüsste gern, wie Gerhard Schröder, der SPD-Kanzler, der mit Putin befreundet war und wohl immer noch ist, das heute sieht. Schröder, der nach seiner Kanzlerschaft in die Dienste russischer Energie-Konzerne trat und viel Geld verdiente, hat den Krieg Putins gegen die Ukraine als falsch bezeichnet. Immerhin. Ob er vermitteln könnte? Der frühere Hamburger Bürgermeister Klaus von Dohnanyi hat vor Jahr und Tag behauptet, dieser Krieg hätte verhindert werden können. Ob er Recht hatte? Niemand kann es beweisen.
Christiane Hoffmanns Buch ist keine leichte Lektüre, sondern ein Roman, der betroffen macht, weil man spürt, wie die Autorin mitfiebert, mitleidet, mithofft, mit dem Leben ihrer Freundin, dem die besagte dann kurz vor Beginn des Überfalls Russlands auf die Ukraine ein Ende macht. Durch Suizid. Hätte man, hätte Christiane Hoffmann den Selbstmord, hätte die Welt, hätten die USA, Europa, den Krieg verhindern können? Ich weiß, wer so schreibt, gerät leicht in den Verdacht, ein Putin-Versteher zu sein. Es ist mir egal. Auch mein Traum endete damals jäh, am 24.Februar 2022. Man sollte dieses Buch lesen, wir alle, sie alle. Es berührt einen jeden, dem die Geschichte Europas, der Ukraine und Russlands nicht egal ist. Russland, so hat es Bundeskanzler Olaf Scholz betont, darf den Krieg nicht gewinnen. Scholz hatte wie Macron mehrfach mit Putin gesprochen, ihn aufgesucht im Kreml. Ohne Ergebnis. Der Krieg nahm seinen Lauf. Aber eins habe ich auch bei der Lektüre des Buches herausgelesen: Ohne Russland kann es keine Sicherheit in Europa geben.











