Die These von den Verlierern der Modernisierung ist falsch. In Sachsen-Anhalt findet ein Kulturkampf statt.
Je höher die Wahlprogno-sen für die AfD in Sachsen-Anhalt, desto mitfühlender die Erklärungsversuche. Muss man jetzt Verständnis haben, wenn arme, gedemütigte Menschen rechtsextrem wählen, um sich am ungerechten System zu rächen? Muss man nicht. Denn die gängige The-se von den AfD-wählenden Modernisierungsverlierern ist so eingängig wie falsch.
In einererstim Juli 2026 veröffentlichten Studie haben Forscher der Universität des Saarlandes das Wahlverhalten und den soziologischen Hin-tergrund von mehr als 30.000 Menschenüberzehn Jahre hinweg analysiert und kommen zu einem verblüffend klaren Ergebnis: Unabhängig vom Wohlstand sind Vorbehalte gegen Migration der wichtigste Faktor beim Wahlverhalten von AfD-Anhängern, neunmal wichtiger als alle wirtschaftlichen Sorgen zusammen. Die Studienautoren vermuten dahinter ein überwiegend völkisches Weltbild.
Man kann es auch anders sagen: Egal, wie arm oder reich diese Menschen sind – sie wollen ein ethnisch einheitliches, ein weißes Deutschland, klar abgegrenzt gegen alle Einflüsse, die Autorität und Loyalität innerhalb der eigenen Gruppe gefährden könnten.
Dieser Befund verändert den Fokus der Auseinandersetzung mit der AfD und ihren Wählern. Er erklärt, warum weder die programmatische Inkompetenz noch die Skandale ihrer Funktionäre den Aufstieg dieser Partei bislang stoppen konnten. Es geht nicht um Wirtschafts- oder Sozialpolitik, es geht nur vordergründig um ostdeutsche Befindlichkeiten. Es geht um Rassismus.
Wer Zuwanderung oder kulturelle Vielfalt als bedrohlich empfindet, neigt mit viel höherer Wahrscheinlichkeit der AfD zu. Das zeigt die statistischgutabgesicherte Untersuchung sehr eindeutig. Die gefühlte Bedrohung hat dabei oft wenig mit der eigenen Lebenswirklichkeit zu tun. Sie entspringt im Kern kulturel-ler Verunsicherung, der Angst vor der Auflösung homogener Milieus mit klaren Hierarchien und vertrauten Gewissheiten.
Im Osten, mit einem Migrantenanteil von nur rund 12 Prozent, ist die Projektionsfläche für diese Angst umso größer. Das erklärt, warum der völkisch-esoterische Ton eines Björn Höcke bei seinen Anhängern dort so gut verfängt.
Auch wenn es viele individuelle Motive zur Unterstützung der AfD gibt, ist die Partei doch in einem Punkt für die Mehrheit ihrer Wähler anschlussfähig: Unter dem „wahren Deutschland“ verstehen AfD-Politiker und ihre Anhänger ein Land, das sich durch ethnische und kulturelle Homogenität definiert. Und das ist nichts anderes als – Rassismus.
Man sollte aufhören, sich mit der Theorie von angeblich abgehängten, fehlgeleiteten Ostdeutschen zu beschäftigen. In Sachsen-Anhalt fin-det ein Kulturkampf statt. Es geht um die Frage, wie wir künftig zusammenleben wollen und ob gruppenbezogene Menschenverachtung zum Leitbild politischer Gestaltungsmacht werden darf.
Die vielzitierte Brandmauer ist vor diesem Hintergrund kein Gegenstand taktischer Erwägungen. Sie ist die Trennlinie zwischen den Werten unseres Grundgesetzes und den Säuberungsfantasien seiner Gegner.
Das gilt besonders mit Blick auf die Wahl 2027 in NRW. Historisch sind nirgendwo sonst in Deutschland so viele Menschen zugewandert, aktuell haben mehr als 35 Prozent der NRW-Bürger einen Migrationshintergrund. Die Auseinandersetzung mit der AfD und ihren Wählern bedeutet deshalb, für unsere Kultur des Miteinanders zu kämpfen. Eine vielfältige Gesellschaft ist kein Unfall, den man rückgängig machen kann. In NRW ist sie Geschichte und Zukunft zugleich.
Das heißt nicht, reale Probleme im Zusammenhang mit Migration auszublenden. Aber es verlangt, kulturelle und ethnische Vielfalt nicht nur als Realität anzuerkennen, sondern ihren Wert für die Entwicklung unserer Gesellschaft
zu begreifen.
Man wird die AfD nicht „wegregieren“, wenn sich die Mehrheitsgesellschaft nicht dem Kern dieser Auseinandersetzung stellt. Was immer sie erzählen: Die AfD ist eine Partei von und für Rassisten.
Dieser Beitrag wurde am 20.8.2026 in der Neuen Westfälischen erstveröffentlicht.
Zum Autor: Klaus Schrotthofer ist Herausgeber der „Neuen Westfälischen“ und des „Haller Kreisblatts“. Er ist zudem Geschäftsführer der NW-Mediengruppe in Bielefeld.












