Die Mehrheit der Briten hält den Brexit inzwischen für einen Fehler. Trotzdem will kaum jemand die alte Brexit-Schlacht noch einmal führen. Stattdessen holt sich das Land Stück für Stück zurück, was ihm nach dem Austritt fehlt.
Es gibt ein Foto von Margaret Thatcher, das heute fast wie ein politischer Scherz wirkt. Die spätere Eiserne Lady trägt darauf einen kunterbunten Wollpullover, in den die Flaggen von neun europäischen Staaten eingearbeitet sind. Rot, Blau, Grün, Orange – Europa zum Anziehen. Thatcher lächelt. Es ist Juni 1975. Sie ist gerade Vorsitzende der britischen Konservativen geworden und wirbt für Europa.
Großbritannien ist damals gerade einmal zweieinhalb Jahre Mitglied der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG), einem wichtigen Vorläufer der heutigen Europäischen Union (EU). Und schon stimmt das Land wieder darüber ab, ob es bleiben soll. Am 5. Juni 1975 votieren 67 Prozent für den Verbleib. Thatcher gehört zu den prominentesten Befürwortern, ebenso der frühere Premierminister Edward Heath, der Großbritannien in die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft geführt hatte.
Ausgerechnet die damals regierende sozialdemokratische Labour-Partei ist dagegen tief gespalten. Premierminister Harold Wilson hatte die Bedingungen der britischen Mitgliedschaft nachverhandeln lassen und anschließend ein Referendum versprochen. Im Kabinett stehen sich Europafreunde und Europa-Gegner gegenüber. Michael Foot und Tony Benn kämpfen gegen die Mitgliedschaft, Roy Jenkins und andere dafür. Schließlich erlaubt Wilson seinen Ministern, öffentlich gegeneinander für ihre jeweiligen Positionen zu werben.
Die britische Europa-Frage ist damit schon lange vor dem Brexit eine politische Sollbruchstelle.
Denn die britische Beziehung zu Europa war von Anfang an eine besondere. London wollte auf den Kontinent, aber nicht unbedingt in ihm aufgehen. Großbritannien trat der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft erst 1973 bei – 16 Jahre nach ihrer Gründung. Frankreichs Präsident Charles de Gaulle hatte den britischen Beitritt zuvor zweimal blockiert. Als die Briten schließlich Mitglied wurden, stand für viele vor allem der wirtschaftliche Nutzen im Vordergrund: der Zugang zu einem großen gemeinsamen Markt. Die politische Idee eines immer engeren Zusammenschlusses blieb einem großen Teil der britischen Gesellschaft fremd.
Und das ist bis heute so.
Nicht zurück. Aber näher ran.
Zehn Jahre nach dem Brexit-Referendum sagen 55 Prozent der Briten, ihr Land solle wieder Mitglied der Europäischen Union werden. 57 Prozent halten den Austritt rückblickend für einen Fehler. Doch sobald die Frage konkreter wird, schrumpft die Begeisterung.
Müsste Großbritannien bei einem Wiedereintritt auf seine früheren Sonderrechte verzichten, würden nur noch 35 Prozent dafür stimmen; 43 Prozent wären dagegen. Am populärsten ist eine andere Variante: 59 Prozent wünschen sich eine engere Beziehung zur EU – aber ohne wieder Mitglied zu werden und ohne dem Binnenmarkt oder der Zollunion beizutreten. Das ergab eine YouGov-Umfrage im Juni 2026.
Das ist vielleicht die britischste Antwort auf den Brexit: Nicht zurück. Aber näher ran.
In Großbritannien wird das mit den Schlagwörtern „Rejoin“ und „Reset“ diskutiert. „Rejoin“ bedeutet die vollständige Rückkehr Großbritanniens in die Europäische Union. „Reset“ dagegen meint eine Neuordnung der Beziehungen: mehr Zusammenarbeit, weniger Handelshemmnisse und neue Abkommen – aber außerhalb der EU.
Genau auf diese zweite Variante setzt derzeit die Regierung von Premierminister Andy Burnham.
Ein Reset statt einer Rückkehr
Burnhams Labour-Regierung will die Beziehungen zu Brüssel vertiefen, ohne die großen politischen roten Linien aufzugeben. Im Mittelpunkt stehen unter anderem Handel, Dienstleistungen, die Anerkennung beruflicher Qualifikationen, Jugendmobilität, Energie, Klima und Sicherheit. Eine Rückkehr in den europäischen Binnenmarkt oder die Zollunion ist dagegen ausgeschlossen. Auch die Freizügigkeit soll nicht wiederhergestellt werden.
Der für die europäischen Beziehungen zuständige Minister Hamish Falconer spricht von einer „tieferen“ und „ambitionierteren“ Beziehung zur EU. Zugleich betont die Regierung, dass sie innerhalb ihrer bisherigen Grundlinien bleiben will. Das klingt nicht nach Rückkehr. Es klingt nach Reparatur.
Und der Unterschied ist politisch entscheidend. Denn auch Andy Burnham, der als Premierminister einen deutlich europafreundlicheren Ton anschlägt, macht die Rückkehr in die EU nicht zur unmittelbaren politischen Priorität. Zwar hat er in der Vergangenheit von einem möglichen Wiedereintritt in seinem politischen Leben gesprochen. Politisch setzt seine Regierung derzeit jedoch auf eine engere Zusammenarbeit, ohne die Brexit-Grundsatzfrage wieder aufzuschnüren.
Das ist der politische Raum, in dem sich Großbritannien derzeit bewegt: näher an Europa, ohne zurück in die EU zu wollen.
Zurück kommt, was praktisch ist
Und manchmal zeigt sich die Annäherung an Europa an Dingen, die auf den ersten Blick unspektakulär wirken. Zum Beispiel an Erasmus+.
Das europäische Bildungs- und Austauschprogramm ermöglicht unter anderem Studierenden und Auszubildenden, für eine bestimmte Zeit in einem anderen europäischen Land zu lernen oder zu arbeiten. Nach dem Brexit zog sich Großbritannien aus dem Programm zurück. Nun kehrt es zurück: Von 2027 an soll das Vereinigte Königreich wieder an Erasmus+ teilnehmen. Die entsprechende Vereinbarung zwischen London und Brüssel wurde im April 2026 formalisiert.
Was durch den Brexit verloren ging, kommt damit Stück für Stück zurück. Nicht durch einen Wiedereintritt in die EU, sondern durch neue Abkommen mit ihr. Genau darin liegt der Unterschied zwischen „Rejoin“ und „Reset“.
Die Liberal Democrats, eine traditionell wirtschaftsliberale und gesellschaftspolitisch progressive Partei der politischen Mitte, gehen deutlich weiter. Sie wollen die Beziehungen zur EU nicht nur verbessern, sondern Großbritannien wieder näher an den Binnenmarkt und die Zollunion heranführen. Im Juni 2026 legten sie einen Plan für eine neue Partnerschaft mit Europa vor, die ausdrücklich auch eine engere Anbindung an Binnenmarkt und Zollunion vorsieht.
Die Grünen stehen ebenfalls für eine deutlich stärkere europäische Integration. In Schottland ist die Idee eines Wiedereintritts politisch besonders anschlussfähig.
Reform UK dagegen, die rechtsgerichtete populistische Partei von Nigel Farage, steht für das genaue Gegenteil. Sie verteidigt den Brexit und will die Distanz zur EU eher vergrößern.
Auch die britischen Konservativen halten am Brexit fest. Einen Wiedereintritt in die EU lehnen sie ebenso ab wie eine Rückkehr in den europäischen Binnenmarkt oder die Zollunion. Eine Zusammenarbeit mit der EU in einzelnen Bereichen ist zwar möglich, eine grundsätzliche Rückkehr zu einer engeren europäischen Integration kommt für sie jedoch nicht infrage.
Labour versucht derweil, einen Mittelweg zu gehen: Die Beziehungen zu Europa sollen besser werden, aber der Brexit soll politisch nicht wieder aufgeschnürt werden.
Der Brexit ist nicht mehr heilig
Vor allem aber ist die britische Bevölkerung selbst pragmatischer, als die Rejoin-Zahl zunächst vermuten lässt.
Wer 2016 für den Brexit gestimmt hat, muss heute nicht automatisch überzeugter Europagegner sein. 23 Prozent der damaligen Leave-Wähler halten den Brexit inzwischen für eine falsche Entscheidung. 54 Prozent unterstützen eine engere Beziehung zur EU, ohne einen Beitritt zur EU, zum Binnenmarkt oder zur Zollunion zu verlangen. Eine weitere Lockerung der Beziehungen zur EU findet dagegen nur bei einer Minderheit Zustimmung. Das klingt weniger nach einer Revolution als nach britischer Pragmatik.
Der Brexit ist für viele Briten offenbar nicht mehr die große historische Entscheidung, als die er 2016 verkauft wurde. Er ist eine Tatsache, mit der man leben muss. Wenn sich dabei herausstellt, dass manches früher einfacher war, kann man es wieder einfacher machen. Wenn ein Abkommen mit Brüssel den Handel erleichtert, warum nicht? Wenn Jugendliche wieder leichter in Europa studieren können, umso besser. Dafür muss man nicht gleich die europäische Flagge hissen. Genau diese Haltung könnte langfristig mehr verändern als eine neue Volksabstimmung.
Europa wartet nicht auf die Briten
Ein Wiedereintritt wäre ohnehin keine Rückkehr zum alten Zustand. Großbritannien könnte nicht einfach an der Stelle einsteigen, an der es 2020 aufgehört hat.
Schon die Frage der früheren Sonderrechte wäre schwierig. Als EU-Mitglied hatte Großbritannien unter anderem Ausnahmen von der gemeinsamen Währung und vom Schengen-Raum. Bei einem neuen Beitrittsantrag müsste London deshalb damit rechnen, über die Bedingungen einer Mitgliedschaft neu zu verhandeln. Genau diese Aussicht verändert die Stimmung in der britischen Bevölkerung: Sobald der Preis für einen Wiedereintritt konkreter wird, sinkt die Zustimmung von 55 auf 35 Prozent. Und damit ist die britische Zwickmühle komplett: Die Briten entdecken Europa wieder. Aber sie wollen nicht unbedingt die EU zurück.
Vielleicht ist genau das die realistischste Form der Annäherung. Großbritannien muss nicht plötzlich europäisch werden. Es kann anfangen, europäische Probleme gemeinsam mit den Europäern zu lösen. Das hätte eine gewisse historische Ironie.
Die Rollen sind neu verteilt
1975, nur zwei Jahre nach dem Beitritt, stimmten die Briten schon einmal über Europa ab. Die Konservativen waren damals die überzeugteren Europäer. Labour drohte am Thema zu zerbrechen. Thatcher warb im Europa-Pullover für das Ja. Wenige Jahre später veränderte sich das Bild bereits: 1983 nahm Labour den Austritt aus der Europäischen Gemeinschaft in sein Wahlprogramm auf. Die politischen Fronten waren nie so unverrückbar, wie sie im Rückblick erscheinen. Heute sind sie wieder verschoben.
Die Konservativen haben sich inzwischen weit vom europäischen Projekt entfernt. Labour versucht, die Beziehungen zu Europa zu vertiefen, ohne den Brexit grundsätzlich infrage zu stellen. Die Liberal Democrats wollen eine deutlich engere wirtschaftliche Zusammenarbeit. Reform UK verteidigt die Distanz. Und die Wähler? Sie wollen mehr Europa als noch vor zehn Jahren – aber nicht unbedingt die Rückkehr in die EU.
Ein britischer Weg zurück
Der Brexit wird in Großbritannien nicht rückgängig gemacht. Er wird umgebaut. Schritt für Schritt. Abkommen für Abkommen. Ohne Triumph, ohne Niederlage, ohne neuen großen historischen Moment.
Vielleicht ist das die pragmatischste Art, mit einer politischen Entscheidung umzugehen, deren Folgen sich als komplizierter erwiesen haben als erwartet: Man erklärt sie nicht zum Fehler. Man verändert ihre Folgen so lange, bis man wieder mit ihnen leben kann.
Michael Tobias, Jahrgang 1975, ist Journalist und Kommunikationsexperte. Er arbeitete unter anderem für die Süddeutsche Zeitung, das Handelsblatt und das Wall Street Journal Europe. Heute leitet er eine deutsch-britische Kommunikationsagentur, ist Ausbilder und Prüfer für Mediengestalter Digital und Print, Fotograf sowie Dozent für politische Bildung mit den Schwerpunkten Großbritannien und USA.













