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Ausgezählt. Angezählt. Zählt das? Gastbeitrag von Michael Tobias

Gastbeitrag Von Gastbeitrag
4. November 2026
USA-Flagge mit Falten, Rissen und dreckigen Streifen

Die Wähler haben Donald Trump bei den Zwischenwahlen die Mehrheit im Kongress verhagelt. Nach übereinstimmenden Prognosen erobern die Demokraten die Mehrheiten im Repräsentantenhaus und im Senat. Zitterpartie statt Durchregieren. Der König ist angezählt. Beobachtungen und Analysen rund um eine Wahl, die die ganze Welt in Atem hält.

„I’m working my ass off. You better get out there and vote.“ Ich reiße mir den Arsch auf. Also geht gefälligst wählen. Donald Trump klang am 10. Oktober in Clarksville, Tennessee, wie ein Präsident, der von seinen Anhängern unbedingt mehr Einsatz erwartete – und zugleich schon über die Schuldfrage nachdachte. Sollten die Republikaner die Zwischenwahlen verlieren, werde man ihn dafür verantwortlich machen, sagte er. Sollten sie gewinnen, werde ihm dagegen niemand den Erfolg anrechnen. „You think this is easy?“, fragte er sein Publikum. Glaubt ihr, das hier ist einfach?

Trump war nach Tennessee gekommen, um seine Anhänger zu mobilisieren. So wie bei rund 30 Veranstaltungen in 20 Bundesstaaten im Vorfeld der Midterms forderte er sie auf, so zu wählen, als stünde er selbst auf dem Stimmzettel: „Pretend I’m on the ballot!“ Dabei stand genau das bei den Zwischenwahlen nicht zur Wahl. Am 3. November 2026 haben die Amerikaner lediglich einen neuen Kongress gewählt.

Doch Wahlen zur Mitte der Amtszeit eines Präsidenten sind häufig auch eine Abstimmung über seine bisherige Arbeit. Das gilt besonders in der zweiten Amtszeit. Die US-amerikanische Wahlforschung hat dafür sogar einen eigenen Begriff: „Six-Year Itch“, das „Sechs-Jahres-Jucken“. Dahinter steht die Beobachtung, dass die Wähler nach sechs Jahren im Weißen Haus zunehmend unzufrieden mit der Regierungspartei werden. Bei den Midterms können sie der Regierung einen Denkzettel verpassen, ohne auf die nächste Präsidentschaftswahl warten zu müssen.

Das zeigt auch ein Blick in die Geschichte: Seit 1938 verlor die Partei des Präsidenten bei 20 von 22 Zwischenwahlen Sitze im Repräsentantenhaus. Häufig nutzten die Wähler die Gelegenheit, ihre Unzufriedenheit mit der wirtschaftlichen Lage oder der Regierungspolitik auszudrücken. Und so war es auch diesmal: Laut einer Erhebung des Pew Research Center von Anfang Oktober sagten 63 Prozent der Befragten, Trump sei ein Faktor bei ihrer Entscheidung für die Kongresswahl. 44 Prozent verstanden ihre Stimme als Votum gegen ihn, 19 Prozent als Votum für ihn.

Tatsächlich entscheiden die Wähler bei Zwischenwahlen darüber, welche Partei in den kommenden zwei Jahren die Mehrheit in den beiden Kammern des Kongresses stellt. Im Repräsentantenhaus müssen sich alle 435 Abgeordneten, die Wahlkreise im ganzen Land vertreten, einer Neuwahl stellen. Im Senat standen diesmal 35 der insgesamt 100 Sitze zur Wahl. Jeder Bundesstaat wählt unabhängig von seiner Größe zwei Senatoren. Ihre Amtszeit beträgt sechs Jahre, sodass alle zwei Jahre etwa ein Drittel des Senats neu gewählt wird. Beide Kammern entscheiden über Gesetze und den Haushalt. Sie können die Vorhaben des Präsidenten unterstützen – oder blockieren. Auch ein Amtsenthebungsverfahren gegen den Präsidenten nimmt seinen Ausgang im Kongress. Hinzu kommt: In 36 Bundesstaaten wurden bei den Midterms auch die Gouverneurinnen und Gouverneure neu gewählt, also die Regierungschefs der Bundesstaaten.

Für Trump ging es deshalb um weit mehr als um ein paar Sitze im Kongress. Die Wahl hat gezeigt, wie die Amerikaner seine bisherige Amtszeit bewerten – und wie viel politischen Spielraum sie ihm für die verbleibenden zwei Jahre lassen wollen.

Deshalb fand Donald Trump in Clarksville so drastische Worte. Er wollte für den Rest seiner Amtszeit keine Lame Duck sein, keine „lahme Ente“, die auf Kompromisse mit den gegnerischen Demokraten angewiesen ist. Darum forderte er die Wähler auf, so abzustimmen, als stünde er selbst auf dem Stimmzettel. Und die Amerikaner haben geantwortet: mit einem starken Ergebnis für die Demokraten.

Beobachter sprechen, in Anspielung auf die Parteifarbe, von einer „blauen Welle“. Den aktuellen Projektionen zufolge werden die Demokraten die Mehrheit im Repräsentantenhaus und im Senat erringen. Für die Republikaner gab es dabei einige besonders schmerzliche Verluste in Staaten, die als sicher galten, etwa South Carolina und Texas. Doch was genau haben die Wählerinnen und Wähler entschieden? Dass ihnen der Präsident zu laut, zu rücksichtslos, zu unberechenbar ist? Das wäre eine einfache Erklärung – vielleicht aber eine viel zu einfache.

Der Geldbeutel hat mitgewählt

Zugegeben: Für viele Europäer ist Donald Trump tatsächlich eine Zumutung. Erratisch, rücksichtslos, unberechenbar. Doch wer verstehen will, wie die Amerikaner über seine Politik und ihn als Person urteilen, muss den Blick von Europa lösen und auf den Alltag in den USA richten. Die entscheidende Frage lautet nämlich nicht unbedingt, was die Wählerinnen und Wähler von Trumps Auftreten halten. Der Kassenzettel ist für Donald Trump zum gefährlichen Stimmungsbarometer geworden: An der Supermarktkasse und an der Tankstelle entscheidet sich für viele Amerikaner, ob sie dem Präsidenten seine Versprechen noch abnehmen. „Affordability“, die Bezahlbarkeit des Alltags, war zum Schlüsselwort im Wahlkampf um den US-Kongress geworden. Es ging darum, ob der Einkauf teurer geworden ist, die Miete noch bezahlbar bleibt und der Arbeitsplatz sicher scheint.

Ronald Reagan stellte Jimmy Carter 1980 in einem Fernsehduell eine Frage, die bis heute als politischer Prüfstein taugt: „Are you better off than you were four years ago?“ Geht es Ihnen besser als vor vier Jahren? Elf Jahre später brachte Bill Clintons Wahlkampf eine Formel hervor, die zu einer Grundregel amerikanischer Wahlkämpfe wurde: „It’s the economy, stupid.“ Am Ende zählt die Wirtschaft.

Für Trump sind genau diese Faktoren zum Problem geworden. Im Wahlkampf vor zwei Jahren hatte er ein einfaches Versprechen gegeben: Das Leben der Amerikaner sollte wieder bezahlbarer werden. Er stellte Benzinpreise von unter zwei Dollar pro Gallone in Aussicht und sprach von Hypothekenzinsen von zwei Prozent. Die Botschaft war klar: Mit ihm sollte der wirtschaftliche Druck nachlassen, unter dem viele Haushalte in den Jahren zuvor gelitten hatten.

Die Realität vor den Zwischenwahlen sah allerdings anders aus: Im September 2026 stiegen die Verbraucherpreise in den USA binnen eines Jahres um 3,7 Prozent. Benzin verteuerte sich innerhalb eines Monats um 9,1 Prozent, im Jahresvergleich sogar um 34,2 Prozent. Der Iran-Krieg trieb die Energiepreise nach oben – und damit ausgerechnet jene Kosten, die Millionen Amerikaner beim Tanken unmittelbar zu spüren bekommen.

Auch der Traum vom eigenen Haus bleibt für viele Amerikaner schwer erreichbar. Die Zinsen für dreißigjährige Hypotheken lagen im Oktober durchschnittlich bei 7,4 Prozent – weit entfernt von den zwei Prozent, die Trump in Aussicht gestellt hatte.

Dabei ist Inflation für viele Menschen nicht nur eine statistische Größe. Sie entscheidet darüber, wie viel vom Einkommen am Monatsende übrig bleibt. Selbst wenn die Preise langsamer steigen, werden die Dinge dadurch nicht wieder billiger. Sie verteuern sich lediglich weniger schnell. Wenn zugleich die Löhne nicht Schritt halten, kann sich die wirtschaftliche Lage vieler Menschen verschlechtern, obwohl die Wirtschaft auf dem Papier weiterwächst.

Für die Wählerinnen und Wähler zählt diese Wahrnehmung – mehr noch: Sie kann entscheidend sein. Laut einer Umfrage des Pew Research Center aus dem Oktober hielten 84 Prozent der registrierten Wähler die Wirtschaft für sehr wichtig bei ihrer Wahlentscheidung. Wie sehr die Kaufkraft den Wahlkampf dominierte, zeigt auch eine Ipsos-Umfrage: Für 49 Prozent der Befragten waren die Lebenshaltungskosten das wichtigste wahlentscheidende Thema. Mit großem Abstand folgten demokratische Werte und Normen mit 22 Prozent. Migration und Kriminalität, bei den vergangenen Wahlen noch wichtige Themen, kamen nur noch auf zwölf beziehungsweise vier Prozent. „It’s the economy, stupid.“

Ein weiterer Aspekt sollte ebenfalls nicht unterschätzt werden: Für die Trumps wird das Leben – für alle sichtbar – immer lukrativer. Während Familien an der Supermarktkasse jeden Dollar zweimal umdrehen, hat sich Donald Trumps Familie mit Kryptowährungen ein milliardenschweres Geschäftsfeld erschlossen. Nach einer Reuters-Auswertung der Finanzangaben des Präsidenten nahm Trump 2025 mehr als 1,4 Milliarden Dollar mit Krypto-Unternehmungen ein. Zugleich verloren Anleger, die auf Trump-Projekte gesetzt hatten, nach Berechnungen von Reuters Milliarden. Der Präsident wirbt für seine Geschäfte, während seine Regierung die Regeln für eine Branche verändert, von der seine Familie profitiert. Das Weiße Haus bestreitet Interessenkonflikte.

Doch die politische Frage lässt sich nicht einfach beiseiteschieben: Wie viel Vertrauen bleibt in einen Präsidenten, wenn der Eindruck entsteht, dass er die Macht seines Amtes nicht nur für das Land, sondern auch für die eigene Kasse nutzt? Eine Umfrage der Associated Press und des NORC-Forschungsinstituts der University of Chicago zeigt, wie verbreitet dieser Verdacht ist: Sechs von zehn Amerikanern halten es für illegal oder unethisch, dass Trump aus seinem Präsidentenamt finanziellen Nutzen zieht. Für viele Wähler dürfte das eine bittere Pointe sein: Sie warten noch auf den versprochenen wirtschaftlichen Aufschwung – beim Präsidenten und seiner Familie ist er offenbar längst angekommen. Da dürften sich viele gefragt haben: „America first?“

Verlieren verboten

Das Ergebnis ist bekannt. Aber ist es auch anerkannt? Donald Trump hatte nicht nur um Stimmen geworben. Er hatte zugleich keine Gelegenheit ausgelassen, Zweifel an der Vertrauenswürdigkeit der Wahlen in den USA zu säen. Immer wieder behauptete er, die Briefwahl sei besonders anfällig für Betrug, und stellte die Zuverlässigkeit des Wahlverfahrens infrage. Belege für einen weit verbreiteten Wahlbetrug legte er nicht vor. Zugleich versuchte seine Regierung, die Briefwahl stärker einzuschränken und den Einfluss des Bundes auf die Durchführung von Wahlen auszuweiten. Gerichte stoppten wichtige Teile der geplanten Beschränkungen.

Darin lag ein Widerspruch: Trump forderte seine Anhänger auf, wählen zu gehen, untergrub aber zugleich das Vertrauen in die Verfahren, mit denen Millionen Amerikaner ihre Stimme abgeben. Selbst nutzte er bei Wahlen in Florida die Briefwahl. Seine Botschaft war also widersprüchlich: Die eigene Stimme sollte zählen – aber das Verfahren, mit dem sie abgegeben wurde, erklärte er wiederholt für verdächtig.

Solche Angriffe haben Folgen, auch wenn sich ihr konkreter Einfluss auf das Wahlverhalten nicht ohne Weiteres messen lässt. Wenn politische Führungspersonen Wahlergebnisse oder Wahlverfahren ohne belastbare Belege infrage stellen, können sie Zweifel daran verstärken, ob eine Wahl fair abgelaufen ist. Das trifft den Kern demokratischer Wahlen: Entscheidend ist nicht nur die Möglichkeit, eine Stimme abzugeben. Auch die Bereitschaft, ein korrekt ermitteltes Ergebnis anzuerkennen, gehört dazu.

Treffender als Trump selbst kann man sein widersprüchliches Verhältnis zu Wahlen kaum beschreiben: „I will totally accept the results of this great and historic presidential election – if I win.“ Wenn ich gewinne, akzeptiere ich das Ergebnis. Das sagte Trump bereits 2016. Und es gilt bis heute. Denn eines kann die Persönlichkeit Donald Trumps offenbar auf keinen Fall zulassen: eine Niederlage.

Die Geschichte begann allerdings schon mit der Präsidentschaftswahl vor sechs Jahren. Die Erzählung von der angeblich gestohlenen Wahl ist längst mehr als eine Behauptung Donald Trumps – sie ist zu einem politischen Glaubenssatz geworden. Obwohl zahlreiche Nachzählungen, Prüfungen und Gerichtsverfahren keinen Beleg für einen Wahlbetrug in einem Ausmaß lieferten, das Trumps Niederlage 2020 hätte erklären können, hält sich die Geschichte hartnäckig.

Umfragen zeigen, wie tief sie sich festgesetzt hat: 2026 glaubte die Hälfte der Republikaner, die Wahl sei manipuliert gewesen. Trump hat damit etwas politisch Gefährliches erreicht: Nicht mehr die Belege entscheiden darüber, was als Wahrheit gilt, sondern das Vertrauen in denjenigen, der eine Behauptung aufstellt. Wer Wahlergebnisse so lange infrage stellt, bis die eigenen Anhänger ihnen nicht mehr trauen, untergräbt das Fundament der Demokratie: das Vertrauen darauf, dass Stimmen zählen – auch wenn der eigene Kandidat verliert.

Auch vor den Zwischenwahlen blieb Trump seiner Linie treu. Er werde das Ergebnis akzeptieren, wenn die Wahlen ehrlich seien, sagte er beispielsweise in einem Interview mit NBC: „I will, if the elections are honest.“ Und nun? Zunächst erklärte Trump auf Truth Social: „Ich stand nicht auf dem Stimmzettel. Und wenn ich darauf gestanden hätte, hätten wir haushoch gewonnen!“.

Und dann gab er der New York Times ein überraschendes Interview: „Ich bin absolut bereit, diese Ergebnisse zu akzeptieren“, erklärte der US-Präsident. Zugleich stellte er eine Zusammenarbeit mit den Demokraten in Aussicht: Man werde miteinander arbeiten und vermutlich eine gemeinsame Grundlage finden. Eine neue Tonlage im Weißen Haus? Ob es auch Trumps letzte Volte war, wird sich allerdings erst noch zeigen.

-.-.-

Michael Tobias, Jahrgang 1975, ist Journalist und Kommunikationsexperte. Er arbeitete unter anderem für die Süddeutsche Zeitung, das Handelsblatt und das Wall Street Journal Europe. Heute leitet er eine deutsch-britische Kommunikationsagentur, ist Ausbilder und Prüfer für Mediengestalter Digital und Print, Fotograf sowie Dozent für politische Bildung mit den Schwerpunkten Großbritannien und USA.

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