APO

Brauchen wir eine neue APO?: Außerparlamentarische Opposition – gestern und heute. Antriebskräfte und Einflüsse der 68er-Bewegung.

Ich will Ihnen zunächst in aller Kürze aus meinen Erfahrungen in und mit der 68er-Bewegung, über ihre Auslöser und ihre Wirkungen berichten. (Siehe dazu auch „50 Jahre danach – Erfahrungen in und mit der 68er Bewegung, Schriftenreihe Forum und Politik e.V., 2018) Und ich will danach einige Stichworte benennen, wo ich Parallelen, aber vor allem auch Unterschiede oder Unvergleichbares zwischen der damaligen außerparlamentarischen Opposition –  also der APO – und der neu ausgerufenen außerparlamentarischen Sammlungsbewegung „#aufstehen“ sehe.

Ich war von 1965 bis 1970 – wie man das damals ohne negativen Beigeschmack nannte – „Studentenfunktionär“. Zunächst als stellvertretender Vorsitzender der Hochschulgruppe des Sozialdemokratischen Hochschulbundes an der Freien Universität Berlin, dann von Herbst 1965 bis Frühjahr 1967 zunächst Bundesgeschäftsführer und danach stellvertretender Bundesvorsitzender des SHB, Vorsitzender war Christoph Zöpel. Nach meinem Juraexamen war ich von November 1969 bis Juli 1970 im „Notvorstand“ des Verbandes Deutscher Studentenschaften (vds).

Die Rezeption der 68er

Für mich als Zeitzeuge und Aktivist der „68er“ – eine Chiffre die es übrigens 1968 noch gar nicht gab – redeten und schrieben schon in der Vergangenheit allzu viele, die sich über dieses Thema ausließen, wie Blinde über die Farbe, die meisten projizierten nur ihre eigene Gesinnung oder ihre Vorurteile in die damalige Bewegung hinein.

Der jetzige Chef der CSU-Parlamentariergruppe, Alexander Dobrindt zum Beispiel, forderte fünfzig Jahr nach 1968 „eine bürgerlich konservative Wende“ in Deutschland, die Schluss mache mit dem „ideologischen Feldzug gegen das Bürgertum“. AfD-Chef Jörg Meuthen setzte noch einen drauf und erklärte, die AfD wolle „weg vom links-rot-grün versifften 68er-Deutschland“.

Der Holocaust-Forscher Götz Aly, dereinst selbst Aktivist in einer maoistischen „Proletarischen Linken“, sieht in dem 68er-Aufstand gegen die mit den NS-Gewaltverbrechen verstrickte Vätergeneration gar Parallelen zur nationalsozialistischen Studentenbewegung .

Eher liberal Gesinnte verleiben die Studentenbewegung ästhetisch ein, für die Popmusik, für sexuelle Freizügigkeit, für Pille oder Mini-Rock – also für die „Kinder von Marx und Coca Cola“ – und politisch für die feministische Emanzipation oder allgemein für alle nachfolgenden Bürgerrechtsbewegungen.

Ganz Wohlmeinende werden den 68ern die Überwindung eines spießbürgerlichen Autoritarismus und eine Liberalisierung der Gesellschaft zurechnen.

(Zur Rezeption der 68er siehe Joachim Scharloth, 1968 eine Kommunikationsgeschichte, München 2011)

Auf die Frage was 68 gebracht habe, hat Jürgen Habermas einmal spontan geantwortet: „Rita Süssmuth“. Und in der Tat, vielleicht hätte es die Frauenbewegung oder die Partei der Grünen ohne die „68er“ (jedenfalls so) nie gegeben und möglicherweise wäre ohne diesen Aufbruch bis heute keine Frau zur Kanzlerin gewählt worden.

Für eine glatte Geschichtsverfälschung halte ich, wenn die Terrorgruppen der „Roten Armee Fraktion“ oder der „Bewegung 2. Juni“ als unmittelbare Folge oder gar Konsequenz der studentischen Revolte gedeutet werden.  Es gab zwar in der Rezeption der Schriften Herbert Marcuses – einer der Standardautoren  – mit dessen Gegenüberstellung von „repressiver“ und „emanzipatorischer“ Gewalt eine grenzwertige Unterscheidung zwischen legitimer „Gewalt gegen Sachen“ – z.B. anlässlich der Blockade der Auslieferung der Bild-Zeitung nach dem Anschlag auf Rudi Dutschke – und der Gewalt gegen Personen.

Aber mit den Brandstiftungen der späteren RAF-Mitglieder in Frankfurter Kaufhäusern im April 1968 und spätestens ab dem 4. November 1968, nämlich mit dem Steinhagel auf die „Staatsgewalt“ vor dem Berliner Landgericht , hat sich die zur Gewalt abdriftende Spreu, vom Weizen friedlicher (wenn auch radikaler) Reformen innerhalb der APO getrennt. Von Ende 1968 an, gab es keine gemeinsamen Aktionen und keine Solidarität innerhalb der APO mehr.

Es ist eine bittere Ironie der Geschichte, dass die zur „Schlacht am Tegeler Weg“ hochstilisierte gewaltsame Demo, der Solidarität mit dem damals noch linken Anwalt Horst Mahler galt, der später bei den Neonazis gelandet ist. Genauso wenig wie es eine geistige oder moralische Verbindungslinie von der 68er Bewegung zur Holocaust-Leugnung eines Horst Mahlers gibt, lässt sich eine innere Verbundenheit der APO zum kriminellen Desperadotum etwa des führenden RAF-Terroristen Andreas Baaders herstellen.

Nach dem Attentat auf Rudi Dutschke und den darauf folgenden Osterunruhen, als über 300.000 in ganz Deutschland auf die Straße gingen, spaltete sich die 68er-Bewegung in eine kaum noch überschaubare Vielzahl von Gruppen und Sekten auf, die sich z.B. an dem chinesischen Kulturrevolutionär Mao Zedong, an dem Albaner Enver Hodscha oder gar an den Roten Khmer Pol Pots ausrichteten. Ihre Anführer waren jeweils fest davon überzeugt, dass sie jeweils im Besitz der geschichtlichen Wahrheit seien und sie bekämpften sich wichtigtuerisch gegenseitig. Die APO zerbröselte – nicht nur politisch.

Die selbstzerstörerische Kraft der zur „antiautoritären“ Bewegung mutierten APO habe ich nach 1968 hautnah erfahren, als ich im November 1969 mangels Beschlussfähigkeit der Mitgliederversammlung vom Amtsgericht Hamburg in den Notvorstand des Verbandes Deutscher Studentenschaften (VDS) bestellt wurde. Unter der Parole „zerschlagt die Apparate“ betrieben vor allem die Frankfurter SDSler die „Liquidierung“ des studentischen Dachverbandes. Es war die Endphase einer selbsternannten „revolutionären“ Bewegung, in der Fraktionierung und die Abgrenzung von „offenem“ oder „verkapptem“ oder “theoretischem Revisionismus“, von „blindem Aktionismus“ oder „Spontaneismus“ zum Hauptgegenstand einer sog. „Organisationsdebatte“ wurde, die am 21. März 1970 letztlich zur sang- und klanglosen Selbstauflösung des SDS führte.

Eine größere Sammlungsbewegung gab es erst wieder ab Mitte der 70er Jahre mit der aufkommenden AKW-Bewegung und – noch später – mit den Demonstrationen gegen den Nato-Doppelbeschluss 1981 bis 1983.

Um die Mobilisierung und Politisierung vor allem der akademischen Jugend zu verstehen, muss man auf die Jahre vor 1968 schauen:

Die APO war zunächst eine Studentenbewegung

Anfangs der 60er Jahre kam Jürgen Habermas und andere in einer empirischen Erhebung mit dem Titel „Student und Politik“ zu dem Befund, dass 66  Prozent der befragten Studierenden apolitisch, 16 Prozent autoritätsgebunden und nur 9 Prozent einem „definitiv demokratischen Potenzial“ zuzurechnen seien (Habermas et al. Student und Politik, Neuwied 1961).

Um nur ein im Wortsinne schlagendes Beispiel für die damalige rückschrittliche hochschulpolitische Situation zu nennen:

Noch Ende 1963 war der spätere Regierende Bürgermeister von Berlin, Eberhard Diepgen, AStA-Vorsitzender an der Freien Universität Berlin. Diepgen war Mitglied der rechtslastigen schlagenden Burschenschaft „Saravia“ und lief wie viele seiner Bundesbrüder aus anderen Verbindungen mit Mütze und Band über den Campus.

Das hochschulpolitische Engagement der Studierenden nahm dann mit den politischen Planungen über technokratische Hochschulreformen zu.

Dass die Sowjetunion 1957 mit dem „Sputnik“ den Wettlauf mit den USA um den ersten künstlichen Erdsatelliten gewonnen hatte, löste Ängste vor einem technologischen Rückstand des Westens gegenüber dem „kommunistischen Lager“ aus.  Mit seiner 1964 erschienenen Streitschrift „Die deutsche Bildungskatastrophe“ löste der (eher konservative) Philosoph und Theologe Georg Picht einen bildungspolitischen Boom aus.

Ein bildungspolitischer Boom brachte eine Verdoppelung der Studienanfängerquote. Der Anteil der Studienanfänger an der Bevölkerung des entsprechenden Geburtsjahres stieg im Verlauf der 60er Jahren von 6 auf 12%. Ein verschwindend geringer Prozentsatz gemessen am heutigen Anteil von 56%. Dennoch sprach man damals von einem Übergang zur „Massenuniversität“. Dieser Übergang ging einher mit politischen Debatten über Hochschulreformen. Das waren vor allem technokratische Planungen, also etwa die Einführung von Regelstudienzeiten, Zwangsexmatrikulationen, Zwischenprüfungen, ein neues Ordnungsrechts oder die Trennung von Grund- und Aufbaustudium.

Konflikt mit dem Autoritätsgebaren der Hochschulleitungen

Was bis Frühjahr 1965 jedoch allenfalls zu Debatten innerhalb politischer Studentengruppen oder in Studentenparlamenten führte, eskalierte zu offenen Konflikten durch das – heute kaum mehr vorstellbare -bornierte Autoritätsgebaren der Hochschulleitungen.

So hat der Rektor an der FU Berlin dem Publizisten Erich Kuby ein Hausverbot erteilt, weil dieser einige Jahre zuvor gesagt hatte, dass – kurz gesagt – „Freie Universität“ als Gegengründung zur Ostberliner Humboldt Universität ein Widerspruch in sich sei, denn entweder sei eine Universität frei oder es sei keine Universität Universität.

Der Widerspruch zwischen Hausrecht und dem Recht auf freie Rede wurde zum „Ursprung der Revolte“ – wie es der linke Jura-Professor Uwe Wesel sagte.

Am 7.  Mai 1965 kam es zum ersten Teach-In an einer deutschen Hochschule.

„Unter den Talaren – Muff von 1000 Jahren“, so hat ein studentische Transparent bei der Rektoratsübergabe an der Hamburger Uni den sich aufschaukelnden Konflikt zwischen den nur den Schein vor sich hertragenden Autoritäten und dem sich allmählich entwickelnden politischen Bewusstsein der Studierenden treffend zusammengefasst.

Die Protestformen der amerikanischen Bürgerrechtsbewegungen, etwa der „Free Speech Movement“, der „Civil Right Movement“ etc., also Sit-ins, Teach-ins, Picketing Lines (d.h. Spaziergangdemos), waren nach Westdeutschland herübergeschwappt.

Der Schriftsteller und damalige APO-Aktivist Peter Schneider  hat es ganz gut auf den Punkt gebracht (ich zitiere): Wir haben verstanden, „dass wir gegen den ganzen alten Plunder am sachlichsten argumentieren, wenn wir aufhören zu argumentieren und uns hier im Hausflur auf den Boden setzen.“

Und natürlich haben die teils brutalen Polizeieinsätze zur Eskalation der Proteste beigetragen. Ein Polizeiknüppel auf dem Kopf, war lehrreicher als die mühselige Lektüre von Karl Marx oder von Herbert Marcuse.

Eine schon ein paar Jahre alte Denkschrift des SDS unter dem Titel „Hochschule in der Demokratie“ wurde plötzlich zur Pflichtlektüre und „Demokratisierung der Hochschule“ wurde zur Kampfparole (Wolfgang Nitsch, Uta Gerhardt, Claus Offe, Ulrick K. Preuß, Hoch­schule in der Demokratie, als Luchterhand Ta­schenbuch erschienen 1965). Die Forderung nach drittelparitätischer Mitbestimmung wurde laut. Die Studierenden beanspruchten ein „politisches Mandat“.

Grundimpuls: Die Auseinandersetzung mit der Nazi-Vergangenheit

Hinter dem „antiautoritären“ Aufbegehren stand als Grundimpuls – immer mitschwingend – die Auseinandersetzung mit der zwanzig Jahre nach Kriegsende immer noch unaufgearbeiteten Nazi-Vergangenheit der Vätergeneration. Die Kritik machte sich fest etwa an der Wiederwahl Heinrich Lübkes zum Bundespräsidenten im Juni 1964, dem in einer von der DDR herausgegebenen Broschüre der Bau von Konzentrations-Lagern unterstellt wurde.

Durch den Einzug der NPD in die Landesparlamente von Hessen und Bayern und vor allem auch durch die Wahl des früheren NSDAP-Mitglieds und stellvertretenden Leiters der Rundfunkpolitischen Abteilung, Kurt Georg Kiesinger, zum Bundeskanzler im Jahre 1966 gewann die Debatte um ehemalige Nazis in Politik und Wirtschaft zusätzliche Schubkraft.

Die Anklagen von Generalstaatsanwalt Fritz Bauer und der erste Auschwitz-Prozess 1963 bis 1965 vor dem Landgericht Frankfurt brachten erstmals das Vernichtungssystem der KZs vor Gericht und – wenngleich kontrovers – den Holocaust ein Stück weit ins öffentliche Bewusstsein.

Notstandsverfassung als neues „Ermächtigungsgesetz“

Aus dieser antifaschistischen Perspektive wurden von vielen politisch aktiven Studierenden die als „Schubladengesetze“ bekannt gewordenen Pläne für die verfassungsändernden Notstandsgesetze betrachtet. Die Einschränkung des Postgeheimnisses, der Freizügigkeit, der freien Arbeitsplatzwahl und der Einsatz der Streitkräfte im Innern im Spannungsfall galten aus unserer Sicht geradezu als eine Neuauflage des „Ermächtigungsgesetzes“ von 1933 galten.

„Kein zweites 1933“ lautete eine der  Parolen.

Musste man dagegen nicht den Widerstand leisten, den die Väter bei der Machtergreifung Hitlers versäumt hatten?

Mit der Notstandsverfassung im Zusammenhang diskutiert wurde die vom damaligen Bundeskanzler Ludwig Erhard in die politische Debatte eingeführte Konzeption einer „Formierten Gesellschaft“. Viele von uns sahen darin eine autoritäre Verschwörung des „CDU-Staates“.

Die autoritäre Formierung fand in unseren Augen ihren konkreten Ausdruck in der Bildung der ersten großen Koalition am 1. Dezember 1966. Den 450 Abgeordneten von CDU/CSU und SPD standen gerade mal 49 Oppositionsabgeordnete der FDP gegenüber.

Große Koalition als Nährboden für eine außerparlamentarische Opposition

Diese Schwächung der innerparlamentarischen Opposition, war geradezu ein Nährboden für eine außerparlamentarische Gegenbewegung und ein wichtiges Motiv dafür, dass sich die Studentenbewegung mehr und mehr als „außerparlamentarischen Opposition“ (kurz: APO) verstand. Auch die Medien haben dem studentischen Protest zunehmend diese Rolle zuerkannt.

Im linken politischen Spektrum wurde – ganz ähnlich wie in den USA selbst – die Kritik an der amerikanischen Kriegsführung in Vietnam immer lauter. Die amerikanische Politik des „Containments“, also der Eingrenzung des Kommunismus, fand gerade in der west-berliner Bevölkerung starke emotionale Unterstützung. Die USA, zumal der ikonenhaft verehrte John F. Kennedy („Ich bin einer Berliner“), galten als Schutzpatrone gegen „die Russen“ im Osten der Stadt. Dementsprechend stießen Demonstrationen gegen die US-Militäreinsätze in Vietnam auf wütende Ablehnung bei einem Großteil der Westberliner.

Aufgrund der Insellage innerhalb der „sowjetischen Besatzungszone“ – wie sie damals noch hieß –  herrschte eine rigide, ja geradezu aggressive antikommunistische Grundstimmung, diese Feindseligkeit wurde auch auf alle Kritiker an der herrschenden Politik übertragen. „Geht doch nach drüben!“, schallte den protestierenden Studenten entgegen.

Ein weiteres besonderes Merkmal der West-Berliner Situation war die dort ansässige Presse, zumal die Springer-Presse, die knapp 70 Prozent des Westberliner Pressemarktes beherrschte.

In den Springer-Blättern wurde penetrant antikommunistische Propaganda betrieben und teilweise geradezu zu Hetzjagden gegen die „Jung-Roten“ geblasen.

Die Parolen und die Wortwahl der demonstrierenden Jugend mögen radikal und aggressiv geklungen haben, aber genauso demagogisch, gelogen und verunglimpfend waren die Erklärungen von Politik und Polizei.

Dazu als Beispiel nur ein Zitat des 1968 Regierenden Bürgermeisters von West-Berlin, Klaus Schütz: „Ihr müsst diese Typen sehen. Ihr müsst ihnen ganz genau ins Gesicht sehen, dann wisst ihr, denen geht es darum, unsere freiheitliche Grundordnung zu zerstören.“

Das ging sogar soweit, dass der Tod Benno Ohnesorgs  am 2. Juni 1967 zunächst den demonstrierenden Studenten in die Schuhe geschoben wurde. Der  Prozess gegen den Todesschützen war geradezu ein Justizskandal.

Die an Dynamik gewinnende Studentenbewegung war alles andere als eine einheitliche politische Bewegung und es war auch keineswegs so, wie das heute vielfach dargestellt wird, dass der SDS das allein tragende Element war. Der SDS hatte – hoch geschätzt – 3.000 Mitglieder und dem SDS angehörenden Studenten stellten kaum irgendwo die AStA-Vorsitzenden und wenn, dann nur kurz. Die heutige Wahrnehmung, wonach Rudi Dutschke der „Anführer“ der Studentenbewegung war, widerspricht schon dem Selbstverständnis einer antiautoritären Bewegung. Nicht nur für mein hochschulpolitisches Umfeld, also dem Berliner SHB, erinnerte sein näselnder Tonfall eher an einen Evangelikalen. und der damalige AStA-Chef Harmut Häußermann nannte ihn eher eine „Lachnummer“.

Auch die Kommunarden um Fritz Teufel oder Rainer Langhans waren eher Medienhypes – wie etwa das Nacktfoto im Stern – als dass sie politischen Einfluss hatten.

Von einer „außerparlamentarischen Opposition“ sprach man eigentlich erst nach der Schwächung der innerparlamentarischen Opposition mit der ersten Großen Koalition.

Kein einheitliches Programm – Strategie der direkten Aktion

Innerhalb der „außerparlamentarischen Opposition“ gab es z.B. innerparteiliche Oppositionsgruppen, wie etwa den Sozialdemokratischen Hochschulbund gegenüber der SPD oder den Liberalen Studentenverband gegenüber der FDP, es gab die evangelischen Studentengemeinden, gewerkschaftliche Gruppen, es gab darüberhinaus Gruppen, die von den etablierten Parteien verstoßen wurden, wie etwa den SDS oder dessen Förderorganisation, den Sozialistischen Bund, es gab linke Parteigründungsversuche und eine Vielzahl von Initiativen, etwa die „Kampagne für Abrüstung und Demokratie“. Es gründeten sich Diskussionsforen, wie die „Republikanischen Clubs“ oder die „Humanistische Union“.

Und natürlich gab es einzelne Persönlichkeiten die sich der außerparlamentarischen Opposition zugehörig oder sie zumindest verteidigt haben. Sie traten publizistisch auf oder als Redner bei Vietnam-Kongressen, bei Protesten gegen die Notstandsgesetze oder gegen die Große Koalition. Dazu gehörten etwa Ernst Bloch, Heinrich Böll, Wolfgang Abendroth, Herbert Marcuse, und anfänglich noch Max Horkheimer, Theodor W. Adorno, Jürgen Habermas und viele andere mehr.

So vielfältig die theoretischen oder weltanschaulichen Positionen auch gewesen sein mögen, Einigkeit bestand im Widerspruch und im latenten oder auch offenen Misstrauen gegenüber allem, was zum sog. „Establishment“ gerechnet wurde.

Dieser Widerspruch und dieses Misstrauen führten anfänglich spontan zu Widerstandsaktionen mehr und mehr aber auch zu einer kooperativen, oft sogar planmäßigen „Strategie der direkten Aktion“ (wie das der Politologe Michael Vester nannte).

Allerdings: Auch wenn es sich die Aktivisten nicht eingestehen wollten, war und blieb der aktive Teil der Sammlungsbewegung eine „kleine radikale Minderheit“.

Letztlich war die 68er-Revolte keine revolutionäre Bewegung mit einem einheitlichen Programm, es war vor allem eine Anti-Bewegung, die die bestehenden Verhältnisse in nahezu jeder denkbaren Hinsicht hinterfragte. Es ging gegen den „imperialistischen Kapitalismus“ genauso wie gegen den „realen Sozialismus“ der DDR oder den Stalinismus. Ganz im Sinne der „kritischen Theorie“ wurde alles oder nahezu alles abgesucht nach unterdrückten Freiheiten und unerschlossenen Potentialen der Emanzipation. Eine programmatisch ausgefüllte positive Utopie gab es eigentlich nicht, die Durchsetzung der Kritik am Bestehenden sollte das Bessere freisetzen.

Peter Schneider schreibt in seinem Buch „Rebellion und Wahn – Mein 68“ zu recht:

„Was so viele Kriegs- und Nachkriegskinder zur Rebellion zusammenführte, war kein Text, kein Manifest, kein Revolutionsprogramm. Es war eher etwas wie ein nonverbales, weltweit kommuniziertes Signal zum Aufbruch, das nur die jungen Leute hörten: Lasst auf der Stelle alles, was ihr tut und getan habt, liegen, und beginnt ein neues, selbstbestimmtes Leben.“

Was hat nun die 68er Bewegung letztlich gebracht?

Nach 68 war zwar ganz vieles nicht mehr so wie es zuvor war, dennoch gemessen an den Wünsche und Träumen, die innerhalb der APO in unterschiedlicher Ausprägung zu finden waren, ist die Bewegung politisch nahezu vollständig gescheitert:

Die Notstandsgesetze wurden verabschiedet. Die Große Koalition kam. Von einer „Enteignung Springers“ – oder seien es auch nur demokratischere Redaktionsstatute, sind wir weiter entfernt als je. Von einem Bündnis der Studierenden (oder der Intelligenz) mit den Arbeitern oder den Gewerkschaften (jedenfalls in Deutschland) kaum eine Spur. Geschweige denn, dass auch nur eines der zahllosen Gegenkonzepte auf staatlicher Ebene durchgesetzt wurde (wenn man einmal von der Liberalisierung des Sexualstrafrechts absieht).

Ein unbeabsichtigter, geradezu paradoxer Nebeneffekt des Politisierungsschubs vor allem innerhalb der Jugend war der Aufstieg der SPD und der Machtwechsel zur sozial-liberalen Koalition im Jahre 1969. Die Mitgliederzahl der Jusos stieg sprunghaft auf 300.000.

Viele Aktive innerhalb der APO wurden durch den Brückenbau von Bundespräsident Gustav Heinemann und den 1969 zum Bundeskanzler gewählten Willy Brandt in die „Institutionen“ zurück geholt – mit Zuckerbrot und Peitsche.

Mit dem Zuckerbrot eines Straffreiheitsgesetzes, das viele aus den Fängen der Justiz geholt hat, aber auch mit der Peitsche des Radikalenerlasses, die für Tausende faktisch zum „Berufsverbot“ wurde.

„Wer mit dem Zeigefinger allgemeiner Vorwürfe auf den oder die vermeintlichen Anstifter oder Drahtzieher zeigt, sollte daran denken, daß in der Hand mit dem ausgestreckten Zeigefinger zugleich drei andere Finger auf ihn selbst zurückweisen.“

So Heinemann in einer Fernsehansprache am 14. April 1968 nach den gewalttätigen Ausschreitungen gegen den Springer-Verlag, die dem Attentat auf Rudi Dutschke folgten.

Brandts „Mehr Demokratie wagen“ oder die „Neue Ostpolitik“, also die Anerkennung der Niederlage im Zweiten Weltkrieg, die die politischen Lager in Deutschland tief gespalten haben, haben auch bei der außerparlamentarischen Linken Unterstützung gefunden.

Der „lange Marsch durch die Institutionen“ wurde für viele dadurch erleichtert, dass im Rahmen der Bildungsexpansion vor allem in der ersten Hälfte der 70er Jahre viele 68er als Lehrer oder gar als Hochschullehrer Stellen in Schulen und Hochschulen fanden.

Bildungsreform als Ersatz für Revolution wurde zum wichtigsten Treiber für den gesellschaftlichen Fortschritt erklärt.

Viele der K-Grüppler, also vom KBW, vom KB sind später bei den Grünen gelandet. Und bei vielen, die nach 68 Ämter und Mandate erlangten, hat sich der Marschschritt ziemlich verlangsamt, manche wurden auch zu Zynikern.

Das „Establishment“ schlug zurück

Auf vielen Feldern der Politik schlug das herausgeforderte „Establishment“ aber auch zurück. An den Hochschulen etwa wurde die Gruppenuniversität und die Drittelparität – auch mittels der Gerichte – wieder einkassiert und mit dem heutigen Leitbild der „unternehmerischen Hochschule“ wurden darüberhinaus sogar die Selbstverwaltung ausgehebelt und die Hochschulen funktionell privatisiert. Die „kritische Universität“ wurde wegrationalisiert, nämlich mit einer „Verbetriebswirtschaftlichung“ des Studiums mit Kreditpunktesystem, Bachelorisierung und permanentem Prüfungsdruck – alles wird gemessen, evaluiert, gerankt.

Statt politischer Ökonomie, haben wir heute „marktkonforme“ Demokratie. An die Stelle von demokratischem Aufbruch trat „Alternativlosigkeit“. Statt „internationaler Solidarität“ haben wir die Tendenzen zur Abschottung und zum wiederauflebenden Nationalismus. Selbstverwirklichender aufklärerischer Individualismus wurde zu „Arbeitskraft-Unternehmertum“ pervertiert. An die Stelle von Kooperation trat der Wettbewerb auf allen Ebenen – „jeder ist seines Glückes Schmied“.

Das Erbe von 68 auf der kulturellen oder gesellschaftspolitischen Ebene

Auf der kulturellen oder gesellschaftspolitischen Ebene lassen sich emanzipatorische Fortschritte noch am ehesten ausmachen, wobei das „Progressive“ keineswegs als gesichert gelten kann und sich überall Gegenbewegungen auftun oder aber errungene Freiheiten dadurch wieder zum Fetisch wurden, dass sie schlicht nur kommerzialisiert wurden.

„Nie wieder Krieg – nie wieder Faschismus“ wurde zum offen ausgesprochenen Bekenntnis. Die Erinnerungs- und Gedenkkultur an den Nationalsozialismus ist in den letzten 50 Jahren ein gutes Stück weit erhalten geblieben, wenngleich sich in letzter Zeit der Rechtsextremismus ausbreitet und wieder in die (europäischen) Parlamente einzieht.

Prügelstrafe oder Karzer als Erziehungsmethoden, wie noch in den 50er Jahren in Erziehungs-„Anstalten“ gang und gäbe, sind heute unter Strafe gestellt. Morgengebet und Frontalunterricht gelten in den meisten heutigen Schulen als verpönt, aber über „schwarze Pädagogik“ wird heute wieder ernsthaft diskutiert und die Reformpädagogik ist durch Missbrauchsfälle in Misskredit geraten.

Die „Erziehung zum Ungehorsam“ (so lautete damals der Titel des Films von Gerhard Bott) machten das körperliche Züchtigungsrecht zum Tabu und stellten die autoritären Familienstrukturen in Frage – statt der Erziehung zum sittenstrengen „Artigsein“ ging es um „antiautoritäre Erziehung“. Der Kinder-„Garten“ als Verwahranstalt wandelte sich zum Kinder-„Laden“ als Ort pädagogischer Früherziehung.

Autorität und Abhängigkeitsverhältnisse dürfen heute hinterfragt werden und Respektspersonen müssen sich in der Regel legitimieren, dafür wird aber knallhart nach Leistung „abgerechnet“ und wehe, wenn die Bilanz nicht stimmt. Außerdem gibt es einen größer werdenden Teil der Gesellschaft, der sich wieder nach (autoritärer) Führung sehnt.

„Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment“, so lautete der Sponti-Spruch. Obwohl innerhalb des Zirkels der politischen Aktivisten das Thema Sexualität tatsächlich kaum eine Rolle spielte. Die Kommunarden waren eine Berliner Randerscheinung – auch wenn sie viel mediale Aufmerksamkeit erfuhren. Dennoch sind die rigide Sexualmoral, die jegliche sexuelle Beziehung außerhalb der Ehe zur „Unzucht“ erklärte heute zugunsten eines offeneren und unverkrampfteren Sexualverhaltens weitgehend verschwunden. Aber noch heute sind Kondom und Pille für gläubige Katholiken grundsätzlich untersagt.

Die Emanzipationsbewegung der Frauen musste eher mit Tomatenwürfen (so etwa die Romanistikstudentin Sigrid Rüger an den Kopf des Frankfurter SDS-Aktivisten Hans-Jürgen Krahl) gegen den Machismus der Studenten-„Führer“ aufbegehren, als dass sie in der APO eine Rolle spielte.

Der 1968 gegründete „Aktionsrat zur Befreiung der Frauen“ oder der „Frankfurter Weiberrat“ haben jedoch die provokativen Formen des 68er-Protestes adaptiert: „Befreit die sozialistischen Eminenzen von ihren bürgerlichen Schwänzen“ riefen Silvia Bovenschen und Mona Steffen den Chauvis zu, die die Unterdrückung der Frau als „Nebenwiderspruch“ abtaten.

Auch die Homosexualität war damals bestenfalls am Rande thematisiert, wenngleich auch die Schwulenbewegung viele Formen der Provokation übernommen hat. Die  gleichgeschlechtliche Ehe wird jedoch von der römisch-katholischen Kirche nach wie vor abgelehnt.

Eine Wohngemeinschaft oder ein unverheiratetes Paar sind heute selbst für einen „bürgerlichen“ Vermieter kein Schreckbild mehr, natürlich auch wegen der für Jüngere kaum noch bezahlbaren Mietpreise in den Städten.

Am meisten Experimentierfreude, wenngleich vielfach auch zur Mode geworden, ließ sich noch in der Pop-Musik, in der bildenden Kunst und auf den Theaterbühnen (z.B. das Drama „Viet Nam Diskurs“ von Peter Weiss oder auch die Inszenierungen von Peter Stein oder Peter Zadek) beobachten.

Alternativbetriebe, linke Anwaltsbüros, Frauenhäuser, Kinderläden, linksalternative Zeitungsprojekte, Arbeitsgemeinschaften kritischer Berufsgruppen (z. B. das „Darmstädter Signal“) würde es ohne die 68er-Bewegung wahrscheinlich in dieser Form nicht geben.

Die Psychotherapie hat sich nicht zuletzt durch die Patientenklientel der 68er etablieren können.

Das, was man heute „Zivilgesellschaft“ nennt, gehört zu den diffundierten Spurenelementen des gesellschaftlichen Aufbruchs der 68er als Mutter aller späteren Protestbewegungen, also der Frauenbewegung, der AKW-Bewegung, des Dritte-Welt-Engagements, der sozialen Bewegungen insgesamt.

Alle diese Strömungen haben die Selbstermächtigung übernommen, für ihre Ziele auf die Straße zu gehen und dafür zu kämpfen. Man hat gelernt, dass man sich nicht auf die Obrigkeit, auf Parteien, auf Parlamente verlassen darf, sondern dass man sich wehren muss, wenn man etwas ändern will.

Parallelen zu heute

Die 68er-Bewegung ist zweifellos ein Teil der linken Geschichte, aber sie ist auch Geschichte. Und Geschichte wiederholt sich, wie schon Karl Marx sagte allenfalls als Tragödie oder als Farce.

Von daher sollte man sehr vorsichtig sein, wenn man aus der 68er-Bewegung Rückschlüsse für neue Sammlungsbewegungen ziehen möchte.

Oberflächlich betrachtet gibt es sicherlich einige Parallelen.

Wie damals haben wir auch heute wieder einmal eine Große Koalition. Zwar geht es heute nicht um eine Notstandsverfassung, doch die Polizeigesetze, die in den Ländern geplant sind, bedeuten gleichfalls einen tiefgreifenden Eingriff in die Freiheitsrechte indem der über hundert Jahre alte polizeiliche Gefahrenbegriff ausgehöhlt und eine „konkrete Gefahr“ als Eingriffsermächtigung durch die „drohende Gefahr“ ersetzt wird, die eine Ingewahrsamnahme von einem Monat ermöglicht. Die Ungleichheit und die Ausbeutung haben seither eher zu als abgenommen.

Die Kriege, die die USA und der sog. „Westen“ führten und noch führen, sind nicht weniger grausam als der Vietnam-Krieg.

Genauso unbewältigt wie die Nazi-Vergangenheit der Väter der 68er ist heute die Aufarbeitung der Folgen einer neoliberalen Globalisierung und der Bankenkrise.

Mit einer klarer antifaschistischen Haltung müsste man sich heute gegen den Neonazismus stemmen.

Doch allein schon an den Vorfällen in Chemnitz mag man erkennen, dass der Kampf gegen rechts auf ganz anderer Ebene ausgetragen werden muss als die damalige Auseinandersetzung mit der Vätergeneration und deren Verstrickung mit dem Nationalsozialismus.

Das einzige was man aus der 68er-Bewegung übertragen könnte, ist die Lehre, dass man sich nicht allein auf Parteien und Parlamente verlassen darf, sondern dass man sich wehren muss, wenn man etwas ändern will.

So lange z.B. in der SPD diejenigen in den Führungspositionen sind, die für die Agenda-Politik mitverantwortlich sind, werden diese angefangen von Steinmeier über Olaf Scholz bis zu Andrea Nahles nur ihr vorausgegangenes Tun verteidigen können und wollen. Einer Erneuerung von innen heraus sind von daher in der SPD enge Grenzen gesetzt.  Der Druck von außen wäre für die angestrebte „Erneuerung“ zumindest hilfreich.

Erneuerungen der Parteienlandschaft von außen

Die Beispiele in Griechenland mit der „Syriza“, in Italien mit „Cinque Stelle“, in Spanien mit „Podemos“ oder in Frankreich mit „En marche“ zeigen, dass eine radikale Erneuerung, ja sogar eine Umwälzung der Parteienlandschaft durch Sammlungsbewegungen von außen möglich ist.

Wobei Fünf Sterne oder En Marche Belege dafür sind, dass solche Bewegungen nicht unbedingt nach links führen müssen.

Jemery Corbyn zeigt wiederum, wie eine linke Führungsfigur auch eine nach rechts abgedriftete Labour Party von innen heraus wieder auf einen neuen Kurs bringen kann. Wenn auch mit Hilfe von außen, nämlich über die basisdemokratische Bewegung People`s Momentum.

Bernie Sanders ist ein Beispiel wie ein parteiloser Politiker innerhalb des Lagers der amerikanischen Demokraten das Parteiestablishment um Hilary Clinton herausfordern konnte.

Jean-Luc Mélenchon zeigte, dass auch der Vorsitzende einer Partei, der Parti de Gauche, eine Sammlungsbewegung „La France insoumise“ (also „ das unbeugsame Frankreich“) zu einem beachtlichen Erfolg führen kann.

Die politischen Strukturen von Frankreich und den USA lassen jedoch keinen Vergleich mit dem Parteiensystem in Deutschland zu. Dort geht es um die Direktwahl eines Präsidenten, der eine Sammlungsbewegung als Unterstützung seiner Kandidatur nutzen kann. Bei uns ist die Macht der Parteien erheblich größer, stellen diese doch in nahezu allen Parlamenten über ihre Listen etwa die Hälfte der Abgeordneten.

Vorläufer der neuen Sammlungsbewegung #aufstehen

Schon lange bevor „#aufstehen“ Anfang September seinen Gründungsaufruf für eine neue Bewegung veröffentlichte gab es in Deutschland und Europa eine ganze Fülle anderer Sammlungsbewegungen.

Ich kann an dieser Stelle nur ein paar Namen nennen.

– Da wären etwa Occupy zu nennen, eine Bewegung der 99% gegen das obere 1%, die vor 7 Jahren bundesweit etwa 40.000 Menschen in 50 Städten auf die Beine brachte und deren Proteste unter anderem Politikern der Linkspartei, Sahra Wagenknecht oder Oskar Lafontaine, Andrea Nahles von der SPD, Renate Künast von den Grünen oder dem DGB-Vorsitzenden Michael Sommer unterstützt wurden. Selbst der damalige Finanzminister Wolfgang Schäuble und sogar Kanzlerin Merkel äußerten Verständnis für die Bewegung. Seit Blockupy 2013 hat jedoch keine Aktion mehr stattgefunden.

– Dem Aufruf von „Empört Euch“ (Indignez-vous!) von Stéphane Hessel im Jahre 2011, sind im Gegensatz zu Spanien, Portugal und Griechenland in Deutschland nur wenige gefolgt.

– Bei der Nichtregierungsorganisation „Campact“, die Kampagnen für die Stärkung des Sozialstaates, für Umverteilung , bessere Bildung, Umweltschutz und demokratische Teilhabe organisiert, sind nach eigenen Angaben 1,9 Millionen Menschen in Deutschland registriert. Campact wird von anderen NGOs und von Teilen der Gewerkschaften unterstützt. Den von 30 Organisatoren unterstützten Kundgebungen gegen TTIP und CETA folgten 2016 nach unterschiedlichen Schätzungen bis zu 300.000 Personen. Campact arbeitet projekt- oder kampagnenbezogen und hat anders als politische Parteien kein beschlossenes Programm, sondern will eine offene Plattform für alle sein.

– Attac ist eine weltweite globalisierungskritische Nichtregierungsorganisation, die in Deutschland 29.000 Mitglieder, über 100 Professoren und 200 Mitgliedsorganisationen hat. Die Mitgliedsorganisationen wie etwa der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) oder die Deutsche Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG-VK) verstehen sich selbst wiederum als Sammelbewegungen.

Man könnte noch zahlreiche andere Sammelbewegungen nennen, wie etwa

– Die »Erfurter Erklärung«, sie war schon 1997 unter anderem von Künstlern und Kirchenleuten unterzeichnet worden, ein Schwerpunkt lag aber auf Akteuren aus den Gewerkschaften, auch die kritischen Ökonomen Elmar Altvater und Rudolf Hickel gehörten zu den Erstunterstützern. Binnen kurzer Frist unterstützten Zehntausende den Appell mit ihrem Namen. Über Parteipolitiker wie Jürgen Trittin, Regine Hildebrandt oder Petra Pau wirkte diese APO auch ins Parlament.

– Im selben Jahr gab die „Initiative für einen Politikwechsel“ ein Memorandum heraus, das als »Grundlage bei der Suche nach einer gemeinsamen, sozial und ökologisch gerechten Politik-Alternative« dienen sollte.

– Im März 2004 traf sich zum ersten Mal die »Wahlalternative 2006« in Berlin und verfasste den Aufruf »Arbeit und soziale Gerechtigkeit«. Hier beginnt ein Teil der Geschichte der heutigen Linkspartei – aus der heraus nun für »Aufstehen« geworben wird.

– Es gibt Netzwerkansätze, wie die Gründung des „Instituts Solidarische Moderne“, das als Programmwerkstatt »Konzepte über Parteigrenzen hinweg im Dialog entwickeln« sollte.

– Das vor zwei Jahren zusammengeschlossene Bündnis „Aufstehen gegen Rassismus“ unterstützen inzwischen über 28.000 Menschen.

– Der Aufruf „Welcome United“ richtet sich gegen Abschiebung, Ausgrenzung und rechte Hetze sowie für gleiche Rechte für alle

– Jüngst kam noch der Aufruf „Solidarität statt Heimat“ hinzu, den aktuell weit mehr als 16.000 Menschen unterstützen.

– Es gab Initiativen und Bewegungen, wie „Aufstehen für eine andere Politik“,

„Abrüsten statt Aufrüsten“, „Gemeingut in Bürgerhand“, die Grundeinkommens- oder die Degrowth-Bewegung und viele andere mehr.

– Aus der SPD heraus gründete sich um den Dortmunder Bundestagsabgeordneten Marco Bülow eine „Progressive Soziale Plattform“.

Vor allem auch mit europapolitischer Zielsetzung gibt es Initiativen wie „Europa neu begründen“, „Europa geht anders“, „Pulse of Europe“ oder die vom ehemaligen griechischen Finanzminister Varoufakis angestoßene paneuropäische Bewegung „Diem25“.

Alle diese Bewegungen oder Initiativen haben das Ziel, über die Parteigrenzen hinweg die Parteien bzw. die praktische Politik zu beeinflussen und Druck auszuüben.

Um die Erfolge und Misserfolge dieser Sammlungsinitiativen zu analysieren, brauchte es ein eigenes Referat.

Was will die neue Sammlungsbewegung #aufstehen

Nun also die neue Sammlungsbewegung „#aufstehen“, die nach den Aussagen ihrer Initiatoren der Vorsitzenden der Linksfraktion Sahra Wagenknecht und des Dramaturgen Bernd Stegemann  eine „soziale und demokratische Erneuerungsbewegung“ sein will und zunächst nicht als Partei antreten möchte, sondern über die Eroberung des Internets und der Straße die Parteien des linken Lagers – also Linke, SPD und Grüne – zu einem Politikwechsel in Richtung einer fortschrittlicheren Politik drängen möchte.

So etwa der Linken-Abgeordnete Fabio di Masi: „Die Sammlungsbewegung zielt auf jene Menschen, die sich von Parteien nicht mehr angesprochen fühlen, und auch auf solche, die in ihren Parteien für eine soziale Wende streiten….Es geht darum, wer für unsere Ziele auf die Straße geht.“

Man will Themen stark machen wie bezahlbares Wohnen, Pflegenotsand, prekäre Arbeit, Bildungsmisere, kaputte Brücken, Auslandseinsätze der Bundeswehr…..

Hinter „#aufstehen“ steht die Hoffnung, dass die Summe der Menschen, die Sympathien für linke Standpunkte haben, viel größer ist als die Zahl der Wähler, die SPD, die Grünen und Die Linke auf sich vereinigen können.

Den Gründungsaufruf haben inzwischen im Internet 160.000 Unterstützer unterzeichnet.

Aufrufe von Prominenten und Medienpräsenz alleine reichen jedoch – wie frühere Aufrufe zeigten – nicht aus, entscheidend dürfte auch nicht die Zahl derjenigen sein, die sich im Internet mit ein paar Klicks registriert haben, entscheidend wird die Kraft der Aktiven sein, damit diese neue Bewegung Themen setzen und Debatten prägen kann.

Der Gründungsaufruf, der noch kein Programm sein soll, sondern die grundsätzliche Gesinnung der Bewegung darstellen soll, ist – nach meinem Empfinden – gut formuliert und dürfte eigentlich von jedem oder jeder einigermaßen links Eingestellten unterzeichnet werden können.

Abgesehen von einigen Formulierungen wie etwa die Hervorhebung der Souveränität der Staaten in der EU oder des ungelösten Dilemmas zwischen der demokratischen Einflussnahme auf nationalstaatliche Institutionen und der Notwendigkeit europäischer oder internationaler Lösungen etwa bei der Herausforderungen der Zuwanderung, hätte ich an den allgemeinen Aussagen nur wenig Kritik zu üben.

Die Grundsätze sind klar: antikapitalistisch, ökologisch, demokratisch, pazifistisch, antirassistisch.

Es gibt sicherlich eine weitverbreitete Stimmung, dass es so nicht weitergehen kann und dass sich etwas ändern muss. Dennoch erreichten SPD, Grüne und die Linke bei der letzten Bundestagswahl keine 40 Prozent mehr. Der Schulz-Hype zu Beginn seiner Kanzlerkandidatur zeigte ein großes Bedürfnis nach mehr sozialer Gerechtigkeit.

Die Wählerwanderung nach rechts oder auch die massiven Wahlenthaltungen verweisen auf einen drängenden Bedarf nach einer fortschrittlichen politischen Alternative, den keine der eher links ausgerichteten politischen oder sozialen Organisation bisher befriedigen kann.

Viele fragen sich aber, ob Sahra Wagenknecht sich nicht lieber zuerst um das Sammeln in der Partei  Die Linke kümmern sollte, statt außerhalb der Partei zu sammeln.

Ist also „#aufstehen“ eher ein Kopfgeburt und sind Podemos, Syriza nicht aus der Gesellschaft heraus von unten entstanden, mit der Besetzung öffentlicher Räume und mit konkreten Widerstandsprojekten?

Der englische Politologe Colin Crouch (bekannt durch sein Buch „Postdemokratie“) meint,  dass der Kapitalismus global sei und deswegen eine nationale Linke in die falsche Richtung führe (ZEIT Nr. 34/2018).

Der ehemalige Direktor des Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung Wolfgang Streeck hält Crouch entgegen:

„Aufstehen“ wolle gerade verhindern, dass die, die sich von grenzenloser Globalisierung bedroht fühlen, den Rattenfängern der reaktionären Rechten nachlaufen. Sich stattdessen auf „transnationale soziale Institutionen“ zu verlassen sei „wahrhaftig heroisch“. Und er fragt weiter, wo denn diese internationalen oder europäischen Institutionen eigentlich seien, die mehr soziale Gerechtigkeit bringen könnten. (ZEIT Nr. 36/2018 S. 40)

Die entscheidende Frage dürfte sein:

Ist die Sammlungsbewegung eine parteiübergreifende Initiative zur Stärkung linker Kräfte in den Parteien oder ist sie eine Konkurrenz zu den eher linken Parteien und schwächt sie – zumal wenn sich daraus eine neue Partei entwickeln sollte –  SPD, die Linke und die linken Kräfte bei den Grüne noch mehr als sie ohnehin schon geschwächt sind.

Ich will und kann an dieser Stelle nicht die gesamte kontroverse Debatte darstellen, dazu wäre ein eigener Beitrag notwendig.

Antriebskräfte der außerparlamentarischen Opposition der 60er Jahre

Ob „#aufstehen“ Erfolg beschieden sein wird und ob diese Sammlungsbewegung mehr erreichen kann als frühere Initiativen, wird von den einer solchen Bewegung zu Grunde liegenden Antriebskräften abhängen.

Und hier will ich noch einmal den Bogen zur außerparlamentarischen Opposition der 60er/70er-Jahre schlagen. Und nach den Antriebskräften der damaligen außerparlamentarischen Opposition fragen:

Es war nach meiner Erfahrung:

– Das Aufbegehren gegen eine unbewältigte Nazi-Vergangenheit der Vätergeneration, gegen die „Unfähigkeit zu trauern“ (wie Alexander und Margarete Mitscherlich schrieben) und gegen eine Schlussstrichmentalität gegenüber dem Nazismus.

– Es war die Auflehnung gegen längst überholte, nur noch den Schein vor sich hertragenden Autoritäten und gegen die darin begründeten Machtstrukturen und Abhängigkeiten.

– Es war die Lust am Bruch mit den unhinterfragten, erstarrten privaten und gesellschaftlichen Traditionen und Konventionen.

– Es war der Ausbruch aus dem Konformismus, aus dem unbedingten Gehorsam und der provokative Bruch mit dem Katalog der „Sekundärtugenden“, also vor allem das Infragestellen blinder Disziplin, untertäniger Unauffälligkeit, unterwürfiger Höflichkeit, die den Schub „Fundamentalliberalisierung“, wie das Habermas nannte, auslöste.

– Dazu gehörte der Bruch mit einer verklemmten Sexualmoral.

– Es war eine intellektuelle Suchbewegung, basierend auf der theoretischen Annahme, dass hinter der wahrnehmbaren Oberfläche gesellschaftlicher und politischer Prozesse Strukturen stehen und ökonomisch Kräfte wirken und zwar unabhängig von der Moral der jeweils Handelnden, also jenseits der „Charaktermasken“ wie Karl Marx sie nannte.

– Es gab eine Wiederentdeckung der durch den Weltkrieg und das „Dritte Reich“ in Vergessenheit geratenen oder unterdrückten Theoretiker des Marxismus, der Psychoanalyse, der Sozialpsychologie, der Klassengesellschaft und des Kolonialismus bzw. Imperialismus – von den Klassikern Karl Marx über Rosa Luxemburg, Georg Lukács, Walter Benjamin bis Wilhelm Reich.

– Und es gab ein ungeheures Bedürfnis nach „Theorie“ und daraus resultierend das Abarbeiten an zeitgenössischen, oft aus der Emigration zurückgekehrten Sozialwissenschaftlern und Intellektuellen wie Theodor W. Adorno, Max Horkheimer, Wolfgang Abendroth, Werner Hofmann, Herbert Marcuse, Ernst Bloch, Norbert Elias, Ossip K. Flechtheim, Ernst Fraenkel, Erich Fromm, Alexander und Margarete Mitscherlich u.v.a.m.,

– Kulturpolitisch gab es die Abkehr von Heintjes schmalzigem Song „Mama“ – 1968 die Nummer eins in der Hitliste – und der Bruch mit der „Kulturindustrie“ (Horkheimer, Adorno) mit einer (allerdings nur teilweise) subversiven Popkultur, in der Musik, in Film und Theater, in der bildenden Kunst, ja auch in der Mode.

– Man kann von einem moralisch angestoßenen und mit kritischen „Theorien“ unterfütterten Aufstand gegen (kapitalistische) Ausbeutung, gegen Kolonialismus und gegen das, was wir vor allem am Beispiel des Vietnamkriegs, einen menschenverachtenden (amerikanischen) „Imperialismus“ nannten, sprechen.

– Unterstützt wurde das alles durch die Euphorie, den globalen Zeitgeist auf seiner Seite zu haben, zusammen mit der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung, mit der gegenkulturellen, nach Selbstverwirklichung strebenden Flowerpower- und Hippie-Bewegung, mit den niederländischen Provos, mit der kubanischen Revolution und den lateinamerikanischen Befreiungsbewegungen und ihren Symbolfiguren (Fidel Castro, Che Guevara), mit der sich weltweit ausbreitenden Anti-(Vietnam)-

Kriegsbewegung, mit den Studentenunruhen in Warschau, mit dem „Prager Frühling“, mit dem Pariser Mai, kurz, mit der „globalen Opposition“ von der Dutschke auf dem Vietnam-Kongress im Februar 1968 sprach,

– Und es gab einen Traum von einer „befreiten Gesellschaft“ und die Sehnsucht nach freieren Lebensformen als diejenigen der Kriegsgeneration oder ganz konkret auch nur die Hoffnung auf eine demokratischere Gesellschaft.

Es ist unschwer zu erkennen, dass eine vergleichbare hintergründige Antriebskräfte gegenwärtig nicht vorhanden ist. Im Gegenteil der politische Wind in Europa, ja in der gesamten westlichen Welt dreht sich eher in Richtung Rechtsextremismus, Autoritarismus. Statt internationaler Solidarität erleben wir eher Chauvinismus und Nationalismus und statt theoretischer Welterklärung wird eher Angst geschürt.

Man könnte angesichts dieser bedrohlichen Entwicklung sagen, um so wichtiger wäre es, dagegen aufzustehen.

Bildquelle: Wikipedia, Konrad Tempel – Konrad Tempel, gemeinfrei

Keine wichtigen Nachrichten mehr verpassen!

Abonnieren Sie unseren Newsletter und werden Sie einer unserer 4 663 Abonnenten.



Wolfgang Lieb

Wolfgang Lieb ist ein deutscher Jurist und Publizist. Nach dem Studium der Politik und Rechtswissenschaften an der FU Berlin, in Bonn und in Köln arbeitete er in der Planungsabteilung des Kanzleramtes in Bonn(Helmut Schmidt war Kanzler), wechselte als Leiter in das Grundsatzreferat der Landesvertretung NRW in Bonn, war Regierungssprecher des Ministerpräsidenten Johannes Rau und Staatssekretär im NRW-Wissenschaftsministerium. Zusammen mit Albrecht Müller war Lieb Mitherausgeber und Autor der politischen Website "NachDenkSeiten" und wurde mit dem Alternativen Medienpreis ausgezeichnet. Vor einem Jahr stellte er die Mitarbeit dort wegen Meinungsdifferenzen mit Müller ein. Heute arbeitet Wolfgang Lieb als freier Autor.


'Brauchen wir eine neue APO?: Außerparlamentarische Opposition – gestern und heute. Antriebskräfte und Einflüsse der 68er-Bewegung.' hat keine Kommentare

Als erste/r kommentieren

Möchten Sie Ihre Gedanken teilen?

Ihre E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht