Boot am Wasserfall

Baerbocks grüner Fall

Es gibt in diesen  Zeiten unter deutschen Kommentatoren einen heftigen Wettstreit mit viel Tiefenbohrung  in das  Psychogramm der Grünen Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock. Besonders die Feuilleton-Bourgeoisie grämt sich, oft mit Verharmlosungen, die historische Vergleiche bis hin zu den Verleumdungskampagnen mit Morden an demokratischen Politikern wie vor hundert Jahren an dem Reichsfinanzminister Matthias Erzberger, nicht scheut. Im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung wird sogar das Scherbengericht der athenischen Demokratie bemüht, um die Kunst des Anschwärzens, der Frau Baerbock offenbar ausgeliefert ist, zu filetieren. Natürlich bekommen die sozialen Medien, denen die Grünen ja auch einen Teil ihres Erfolges zu verdanken haben, dabei ihr Fett weg, in guter Nachbarschaft übrigens mit den politischen Konkurrenten, die – welch Überraschung – von der Schwäche der Grünen profitieren.

Von moralischen Dauergerichten ist die Rede, von einer böswilligen Kampagne, Existenzvernichtung etc. Nun müsse es aber mit der Kritik auch mal gut sein, forderte der Co-Vorsitzende Robert Habeck . Wohl nicht so ganz selbstlos, diese Verteidigungsstrategie. Habeck wird jetzt, was zu den selbstverständlichen Reflexen der besserwissenden Kommunikatoren gehört, kräftigt gehypt und sogar als Charismatiker in den politischen Heiligenstatus gehoben. Das ist eine ganz schöne Beförderung, wo er doch eigentlich nach Einschätzung seiner Co Baerbock vom Hause her eher von Hühnern, Schweinen und Kühe melken kommt und sie eher aus dem Völkerrecht.

Übrigens. Von Habeck, der sich ja gegen das öffentliche Posieren von Politikern ausgesprochen hat, gibt es eine stattliche Foto- Galerie in den sozialen Medien, zuletzt auch medienwirksam mit militärischem Outfit in der Ostukraine. Hier gab es obendrauf noch seine Forderung nach deutschem Rüstungsgut für die Ukraine.

In den sozialen Medien versammeln sich die medialen Verteidigungstruppen : Die anderen Parteien, die Union mit Masken- und Mautaffairen, und die SPD mit Olaf Scholz und den  WireCard- und CumEX-Skandalen, seien viel schlimmer dran. Sie befinden sich sozusagen in einem dauerhaften moralischen Inferno. Was sind da schon die kleinen Verfehlungen von Frau Baerbock ?, lautet hier der Text der Verharmlosungsmelodie. Wer ist da wohl nur der kleine Eierdieb?

Sicher hat die Union mit den dubiosen Maskengeschäften einiger Abgeordneter und nicht nur mit dem Pannenminister Scheuer ein in  den Dimensionen viel größeres Problem und auch beim Thema Maskenbestellung durch die nordrhein-westfälische Landesregierung beim Teilzeitarbeitgeber des  Laschet-Sohnes bekommt mancher Zeitgenosse immer  noch einen heftigen Schluckauf. Ob man der SPD allerdings die Fälle WireCard und CumEx so einfach ans Bein binden kann, ist bisher noch nicht bewiesen aber leichtfertig dahin gesagt, trotz oder wegen aller Untersuchungsausschüsse.

Was also macht den Fall Baerbock so brisant ?   Da sind natürlich die Fakten, wonach  sich die Grünen Spitzenkandidatin mit einem falschen und aufgemotzten Lebenslauf u.a. als Völkerrechtlerin aufhübschte und erst nach öffentlicher Kritik  Teile korrigierte , nach denen sie nur ein Vordiplom besaß oder auch ihre vermeintlichen Mitgliedschaften in imagefördernden Organisationen, die sie revidieren musste. Ach ja, da kommen ja noch 25 000 Euro nicht gemeldeter Einkünfte hinzu, die von ihr schlichtweg „ vergessen „ wurden.

Last und möglicherweise not least trübt sich das Bild  der Annalena Baerbock durch ihr jüngstes Buch „ Jetzt: Wie wir unser Land erneuern“. Hier werden ihr fehlende Zitierungen und mögliche Urheberrechtsverletzungen vorgeworfen.

Brisant, ja selbstmörderisch ist es immer, wenn der öffentliche Anspruch von der Wirklichkeit konterkariert wird. Dies ist im Fall Baerbock, und wie ihre nach Regierungsmacht strebende Partei  damit verharmlosend umgeht, der Fall.

 Wer sich so in einer Kette von Ungereimtheiten verfängt,  ist offenbar von einem ungezügelten Geltungsbedürfnis getrieben, dass er/sie Wahres und Unwahres nicht auseinanderhalten kann oder will.

Gerade einer Partei, die gerne mit dem Finger auf andere zeigt, sei der Satz von Gustav Heinemann in Erinnerung gerufen: Wer mit dem Finger auf andere zeigt, sollte nicht vergessen, drei Finger weisen auf ihn zurück.

Wer auf einen Paradigmenwechsel in der deutschen Politik gehofft hat, sieht sich enttäuscht. Die Grünen sind längst in dem politischen Alltag angekommen.

Bildquelle: Pixabay, Bild von Neil Morrell, Pixabay License

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Martin Schmuck

Als Journalist arbeitete Schmuck für die DPA und den WDR und leitete das ZDF-Landesstudio NRW in Düsseldorf bevor er Sprecher des Bundesfinanzministers unter Peer Steinbrück wurde. Heute ist der Autor Kommunikationsberater.


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