Corona- Den öffentlichen Nahverkehr einstellen? Sagt ein Berliner Epidemologe

Der Vorschlag klingt überzogen, aber was ist in Zeiten von Corona nicht alles möglich. Also sagt der Epidemologe Gerd Antes, zitiert im Berliner „Tagesspiegel“: Nichtwissen sei die wesentliche Konstante der derzeitigen Diskussionen um Maßnahmen zur Eingrenzung der Epidemie, wie man an der Wahl der Grenze von 1000 Personen für die Absage von Veranstaltungen leicht sieht. Ohnehin sei „die größte Massenveranstaltung der öffentliche Nahverkehr, den man konsequenterweise einstellen müsste“. Nur dann sollte man vielleicht den ganzen Betrieb für ein paar Wochen einstellen, also nicht nur Kneipen, Bars, Muckibuden, Theater und Kinos dicht  machen, sondern darüber nachdenken, ob man Millionen deutschen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern nicht einen Zwangsurlaub verpasst. Nur, wer soll das entscheiden? Deutschland ist föderal strukturiert, die Kanzlerin könnte, selbst wenn sie das wollte, nicht quasi „ex cathedra“ entscheiden und verkünden: Alle mal herhören, wir bleiben die nächsten Tage zu Hause. Nicht mal für den Bundestag könnte sie das entscheiden. Aber müsste das Parlament nicht auch darüber nachdenken?

Richtig ist aber an so einem Rundum-Vorschlag, der die ganze Republik treffen würde, dass es längst nicht mehr reicht, wie gerade in Bonn geschehen, das Beethoven-Fest aus Anlass des 250. Geburtstages des weltberühmten Sohnes der Stadt abzusagen. Dass auch Rhein in Flammen ausfallen könnte und der Bonn-Marathon, erwähnt der OB der Stadt, Ashok Sridharan auch. Dabei hat die frühere Bundeshauptstadt gerade mal 13 bestätigte Infektionen registriert. Stand Mittwochabend.

In anderen Städten ist das ähnlich, Fußball findet ohne Zuschauer statt, sogar in Berlin, wo der Regierende Bürgermeister Michael Müller in der Krise eine mehr als zögerliche Rolle spielt und eher andere kritisiert, als selber den Mut und die Verantwortung aufzubringen, Entscheidungen zu treffen. Tagesspiegel-Chefredakteur Lorenz Maroldt macht sich denn auch in seiner Früh-Kolumne „Checkpoint“  lustig über den Regierenden. „immer mehr Berliner Sozialdemokraten beherzigen in der Corona-Krise den Rat der Experten vom Robert-Koch-Institut: Sie setzen auf soziale Distanzierung- und gehen auf Abstand zum Regierenden Bürgermeister Michael Müller“ . Zeiten von Krisen sind eigentlich Zeiten, wo die Exekutive beweisen kann, dass sie was kann. Sie muss präsent sein, Transparenz zeigen, ja auch ehrlich gegenüber den Bürgerinnen und Bürgern, dass es sich bei Corona um ein wirklich ernstes Problem handelt, bei dem es im Notfall sogar um Leben und Tod gehen kann. Die Kanzlerin hat es getan, vielleicht etwas verspätet, aber sie hat sich der Hauptstadt-Presse gestellt zusammen mit ihrem Gesundheitsminister Jens Spahn, der im übrigen in dieser nicht einfachen Zeit eine gute Figur macht, nicht weil er so tut, als wisse er alles, sondern weil er einfach da ist und sich stellt. Dazu gehört auch, dass er Aussagen trifft, die mit seiner ursprünglichen Einschätzung von Corona nicht übereinstimmen. Das zuzugeben gehört zu einem ordentlichen Krisenmanagement, an dem es einem wie Michael Müller völlig fehlt.

Müller lavierte herum und lamentierte

„Fassungslos“, so berichtet der Tagesspiegel weiter, berichteten Teilnehmer der Anhörungsrunde von Corona-Experten, habe man zur Kenntnis genommen, wie Müller herumlaviert habe und das, obwohl die medizinischen Fachleute klar berichtet hätten. „Da sitzt ein Mediziner und sagt, in anderthalb Monaten haben wir italienische Verhältnisse, hunderte Tote, nicht aufzuhalten, es wird im Sommer kaum besser, es geht im Herbst weiter. Er rät, alles abzusagen, um das Tempo der Neuinfektionen zu verlangsamen, damit die Kapazitätsgrenze in den Kliniken nicht überschritten wird. Denn wenn das passiert, dann muss man entscheiden, wer sterben muss und wer eine Chance bekommt.“ Wörtliches Zitat des Mediziners im Checkpoint des Blattes. Chefredakteur Maroldt ergänzt: „Ein anderes Senatsmitglied sagt: Auf wen sollen wir hören, wenn nicht auf die Experten.“ Müller aber, so Maroldt,  glaube, dass alle hysterisch werden, er sei zwar stolz darauf, dass die führenden Corona-Experten in Berlin arbeiteten, aber er sehe keinen Sinn darin, das eine abzusagen und das andere nicht. Vielmehr ärgere er sich über NRW und Bayern, weil die „vorpreschten“ in der Krise, anstatt ihren Terminkalender der Reihe nach in Ruhe abzuarbeiten. Nur unter größtem Druck habe er in der Nacht zum Mittwoch doch noch einem  Verbot von Großveranstaltungen zugestimmt. Kein Wort habe er geäußert über die Sorgen und Ängste der Menschen, stattdessen habe er lamentiert über die Unionskollegen der anderen Bundesländer, denen er parteipolitisches Vorgehen unterstellte.

Wenn es nicht so Ernst wäre, könnte man darüber lachen und es als eine Posse abtun. Der Mann ist immerhin Regierender Bürgermeister von Berlin, also im Status eines Ministerpräsidenten, der sich dann noch mit der Bemerkung hervortat, er  würde sich freuen, „wenn es Spahn nicht nur bei Empfehlungen belässt.“ Ja kennt der Mann unser föderales System nicht, das Spahn eben keine Ermächtigung ausstellt für die Republik. Die Kanzlerin hat das dann in der Bundespressekonferenz klargestellt. „Föderalismus ist nichr dafür da, dass man Verantwortung wegschiebt, sondern Föderalismus ist dafür da, dass jeder an seiner Stelle Verantwortung übernimmt.“ Wohl wahr.  Wann übernimmt eigentlich Franziska Giffey?

Jeder hat seine Verantwortung

Die Politik hat da Lücken zu schließen, wo die Menschen unsicher werden, gerade in einer Krise wie bei Corona, wo jeder Bürger spürt, dass es Ernst wird, wenn Theater geschlossen werden, Fußball ohne Fans stattfindet, wenn Veranstaltungen ab 1000 Menschen besser ausfallen sollen und selbst unter dieser Grenze möge man überlegen, ob es Sinn macht, dahin zu gehen. Gerade weil Experten vor die Presse treten und sagen, was sie wissen oder nicht einschätzen können, beweisen sie ihre verantwortliche Rolle. Wenn ein namhafter Virologe vorhersagt, es werde weitere Tote geben, nimmt er anderen Menschen auch etwas von ihrer Unsicherheit. Wenn die Kanzlerin sagt: „Wir werden das Notwendige tun, als Land und im europäischen Verbund“, betont sie ihre Rolle als langjährige Regierungschefin, die Politik auf Sicht macht, ja auch mit der ruhigen Hand, um keine Panik zu verbreiten. Jeder hat in dieser Krise seine Verantwortung, jeder Politiker, jeder Bürger. Merkel macht das klar, in dem sie sagt, alle gemeinsam müssten dafür sorgen, die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen. Bund, Länder und Kommunen sowie alle 83 Millionen Menschen in Deutschland müssten deshalb alle Kräfte einsetzen, damit das Gesundheitssystem nicht überlastet wird.

Es trifft uns alle, nicht nur Herrn Müller in Berlin, das Münchner Nationaltheater schließt bis zum 19. April, das Theater in Regensburg macht erstmal dicht wie Theater in anderen Städten des Landes. Und sogar die Passionsspiele in Oberammergau sind gefährdet. Sie finden nur alle zehn Jahre statt. Ausgerechnet die Passionsspiele, die gegründet wurden als Einlösung eines Versprechens nach einer überstandenen Pest-Epidemie. Erstmals wurden sie 1634 aufgeführt, seit 1680 im Zehnjahres-Rhythmus. Am 16. Mai ist die Premiere angesetzt, an den Endproben nehmen bis zu 1000 Mitwirkende teil. Sollen, muss es heißen, weil es keiner weiß, ob es dazu kommt.

Die Älteren sind gefährdet

Die Älteren sind vor allem gefährdet, sie bedürfen des Schutzes. Hat die Kanzlerin gesagt, haben Mediziner festgestellt. Die Älteren  müssten in der nächsten Zeit mehr zu Hause bleiben. „Jenseits des Rentenalters“, so hat es der Leiter der Virologie der Charité Berlin, Christian Drosten erläutert, „muss man die Bevölkerung wirklich schützen.“ Auch indem man Kinder, die im Verdacht stehen, infiziert zu sein, „jetzt mal bis zum September oder Oktober nicht mehr bei Oma und Opa zur Betreuung“ abgibt. Aber wer springt ein ,  wenn ein Enkel krank wird, wenn die Schule ausfällt, beide Eltern berufstätig sind? Wer passt dann auf die Enkel auf? Etwa vier Milliarden Stunden unbezahlte Betreuungsarbeit leisten deutsche Großeltern jedes Jahr, lese ich in einer Reportage der SZ mit dem Titel: Schützt die Großeltern! Und was passiert mit den Enkeln, wenn Krippen und Kindergärten geschlossen werden? Und wenn nach einem Verdachtsfall die Schule dicht gemacht wird? Wer besorgt die Einkäufe für Oma und Opa, wenn diese infiziert werden? Jedes dritte Kind sieht jede Woche einmal die Großmutter oder den Großvater mehrere Stunden, was Oma und Opa in der Regel genießen. Es sagt sich leicht, was Bayerns Ministerpräsident Markus Söder etwas lautsprecherisch „Bayern führt deutschlandweit den ersten Großelterntag ein“ verkündete und promt die Antwort erhielt: „Danke Herr Söder, aber noch besser wäre es, wenn die Enkelbetreuungszeiten auf die Rente angerechnet würden.“

Deutschland wird nicht abgeriegelt, hat Merkel betont. Aber das Ende der Fahnenstange ist noch nicht erreicht. Warten wir mal ab, was es an Einschränkungen in der nächsten Zeit noch geben wird. Italienische Verhältnisse? Alles zu, nur Lebensmittelläden und Apotheken geöffnet? „Io resto a casa“, hieß das Dekret des italienischen Ministerpräsidenten Conte. Man kann es als Aufforderung an alle so sagen: Bleibt zu Hause, bleibt einfach zu Hause, damit ihr euch nicht ansteckt! Übrigens sind in Dänemark Schulen, Kindergärten und Unis geschlossen, am Freitag werden alle Beschäftigten des öffentlichen Dienstes zu Hause bleiben. In Österreich sind die Schulen ebenfalls dicht, Kitakinder sollen möglichst daheim bleiben, der Unterricht wird digital fortgesetzt. In Madrid ist es wie in Dänemark, Schulen, Unis, Theater zu.  Die USA erlauben 30 Tage keine Einreise von Europäern, hat es Trump großmäulig verordnet. Erst hat er den Virus bestritten, die Medien der Panikmache bezichtigt und sich über die Europäer lustig gemacht, jetzt, da die Zahlen mit Infizierten steigen, klettert er von seinem Turm herunter und spielt den Krisenmanager. Der Mann will wiedergewählt werden. Politische Verantwortung sieht anders aus.

Bildquelle: Pixabay, Bild von Pete Linforth, Pixabay License

Teilen Sie diesen Artikel:
Keine wichtigen Nachrichten mehr verpassen!

Abonnieren Sie unseren Newsletter und werden Sie einer unserer 5 223 Abonnenten.



Alfons Pieper

arbeitete als stellvertretender Chefredakteur und Berliner Chefkorrespondent für die WAZ. 2009 gründete Pieper den Blog "Wir in NRW". Heute ist er Chefredakteur des Blogs der Republik.


'Corona- Den öffentlichen Nahverkehr einstellen? Sagt ein Berliner Epidemologe' hat 2 Kommentare

  1. Avatar

    13. März 2020 @ 21:27 Simulacron

    Unverantwortlich finde ich nur die reaktionäre Hysterie. Es lässt sich nicht aufhalten, nur unnötig verlängern. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse sind mangelhaft. Die Infektion liegt bei 0,0014% der Weltbevölkerung. Einige Grippewelle waren schon schlimmer, auch die Todesraten. Das Virus verbreitet sich trotz Vorsichtsmaßnahmen seit 4 Monaten weltweit. Eine schnelle Immunität ist nur möglich, je mehr Menschen sich infizieren. Alles andere ist nur ein qualvolles Hinauszögern. Virologen gehen davon aus, dass ein Impfstoff frühestens in 1-2 Jahren möglich ist. Wollen wir solange die Welt lahmlegen? Übrigens, in China sind über 50.000 schon wieder befundfrei. So what?

    Antworten

    • Avatar

      15. März 2020 @ 19:52 Kai Ruhsert

      „Eine schnelle Immunität ist nur möglich, je mehr Menschen sich infizieren.“

      Das wäre grob verantwortungslos.
      Denn bei schneller Ausbreitung des Virus wären die Intensivstationen in kürzester Zeit überlaufen.
      Um zu verhindern, dass Schwerstkranke mit notdürftiger Betreuung auf Krankenhausfluren elendig verrecken, muss die Zahl der Neuerkrankungen je Tag so gering wie möglich gehalten werden.

      Antworten


Möchten Sie Ihre Gedanken teilen?

Ihre E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht