Corona

Corona und das Gerede von der Eigenverantwortung

Jetzt wird es wieder gesungen – das Hohe Lied auf die Eigenverantwortung. Gesungen von denen, denen diese oder jene Einschränkung im gegenwärtigen Lock Down light nicht passt. Kanzlerin Merkel habe kein Konzept gegen Corona, und wenn sie eins habe, sei es „unintelligent“, weil viel zu wenig differenziert, wird gemeckert. Und dann kommen die neunmalklugen Vorschläge wie: Besondere Schutzkonzepte für besonders gefährdete Menschen, etwa die Alten, Öffnung von Konzerthallen und Theatern, weil sich dort „nachweislich“ (wie bitte ?) nie jemand angesteckt habe. Und ganz pauschal: Bitte mehr Eigenverantwortung.

Eigenverantwortung, das Zauberwort, das in der Demokratie so gut klingt und gegen das man schwerlich etwas haben kann. Nur hat sich doch vielfach und vielerorts gezeigt, dass sich das tückische Virus mit Eigenverantwortung nicht bekämpfen oder gar eliminieren lässt. In unserer Gesellschaft herrscht einfach zu viel Unvernunft. Der mündige Bürger ist allzu oft unmündig.

Schon vergessen die großartigen Erfolge des ersten und viel umfassenderen Lock Downs in Deutschland ? Die Infektionszahlen sanken doch nicht nur wegen des schönen Sommers. Sie gingen rapide zurück, weil die drakonischen Einschränkungen die Kontakte der Menschen so weit reduzierten, dass das Virus immer weniger Chancen bekam, sich auszubreiten. Und sie gingen auch deshalb zurück, weil der drastische Lock Down das Gefühl vermittelte: Es ist verdammt ernst. Da war nichts mit vermeintlich „intelligenten“ und differenzierten Konzepten, die es Einzelgruppen erlaubt hätten, auszubüchsen. Die FDP im populistischen Gleichklang mit der AfD mäkelte, spielte den Beschützer bürgerlicher Freiheitsrechte, blieb damit aber zum Glück bedeutungslos. So wurde unser Land, sah man sich die Infektionszahlen für ganz Europa an, zu einer Insel der Seligen.

Als dann der erste Lock Down weitgehend aufgehoben wurde, schlug die Stunde der angeblich so großartigen Eigenverantwortung. Denn jedermann und jede Frau wusste oder hätte wissen müssen, dass Corona längst nicht vorbei war, dass man auf der Hut bleiben und sich und andere weiter schützen musste. Gebetsmühlenartig warnten unsere Politiker davor, im bevorstehenden Herbst und Winter könnten die Infektionszahlen explodieren, wenn wir nicht vorsichtig blieben, also „eigenverantwortlich“ handeln würden. Aber leider wurde das mit der Eigenverantwortlichkeit zum kompletten Reinfall. Überall kollektive Unvernunft, vor allem in den Großstädten. Bedenkenlosigkeit regierte, und Corona feierte neue Triumpfe. Inzwischen die für Deutschland lange Zeit unvorstellbare Zahl von täglich über 20.000 Neuinfektionen und beängstigend steigende Todeszahlen. Makabre Widerlegung dieses merkwürdigen Freiheitskonzeptes: Wer sich infizieren wolle, solle doch ruhig. Denn wieviel Infizierte hatten sich unschuldig und ahnungslos an anderen Infizierten angesteckt ?

Und jetzt die Einladung zum Missverständnis: China, das Gegenmodell zur eigenverantwortlichen Gesellschaft, hat mit seinen diktatorischen Maßnahmen Corona weitestgehend eliminiert. Wenn man die Unterschiede zu freiheitlichen Ländern in der Pandemie-Entwicklung sieht, kann man schon mal ins Grübeln kommen.

Der neue Lock Down in Deutschland trifft die Falschen und die Richtigen: Geschäftsleute und Restaurantbesitzer beispielsweise, die viel Mühe und Geld in aufwendige Hygiene-Konzepte gesteckt hatten, genauso wie die Sturköpfe, die in Bussen und Bahnen immer noch nicht Masken richtig aufsetzen wollten. Umsichtige werden jetzt Opfer von Rücksichtslosen. Aber mit Gerechtigkeit lässt sich das Virus nicht besiegen. Der große Hammer musste raus, weitgehend unterschiedslos zuschlagen. Anders scheinen viele den Ernst der Lage nicht zu kapieren. Es hat eben nicht funktioniert mit Differenzierung und Eigenverantwortung.

Bildquelle: Pixabay, Bild von Karsten Kliche, Pixabay License

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Christoph Lütgert

Christoph Lütgert war Rundfunk-Korrespondent beim NDR, hat für Panorama gearbeitet und war später Chefreporter Fernsehen beim Norddeutschen Rundfunk. Lütgert wurde wegen seiner sozialkritischen Reportagen mehrfach mit Preisen ausgezeichnet.


'Corona und das Gerede von der Eigenverantwortung' hat einen Kommentar

  1. Avatar

    16. November 2020 @ 21:46 Habnix

    Je mehr jemand verdient, um so mehr Anwälte kann er sich leisten, um sich aus der Verantwortung gegen über 80 Millionen, oder noch mehr Menschen zu kaufen und das obwohl sehr viele behaupten, sie müssten so viel verdienen wegen der Verantwortung die sie haben. Der Anwalt steht aber an stelle des Schwertes und es ist gerade so das jemand der viel verdient, dann auch viele Waffen(Anwälte) zu seinem Ego hält. Die Anwälte bewahren demjenigen der viel Geld verdient Verantwortung zu übernehmen.

    Und uns will man was von Eigenverantwortung erzählen. Die „höheren“ schwätzen sich mit höherer Gewalt aus der Verantwortung. Da hängt man die Kleinen als Exempel und die Großen lässt man laufen.

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