Deutsche Bundeswehrsoldaten in Afghanistan

Der Konkurs der Politik in Afghanistan

Niemals waren Unfähigkeit, Ahnungslosigkeit und damit Verantwortungslosigkeit so sichtbar wie beim Rückzug der Bundeswehr aus Afghanistan. Man verließ sich auf die offiziellen Aussagen der afghanischen Regierung. Eine abgehobene politische Klasse, die nur ihre Pfründe sicherte. Nicht nur in Kabul, sondern auch in den 37 Provinzen des Landes. Warum hatten die Bundesregierungen Afghanistan keine politische Beratung angeboten, um zum Beispiel die Gouverneure wählen zu lassen. Eine Machtbalance wäre dringend notwendig gewesen. So wurde das arme Land von den korrupten Eliten regelrecht aufgefressen. Der Schock, den der Siegeszug der Taliban in den westlichen Amtstuben auslöste, geht auch auf das Totalversagen westlicher Geheimdienste und des Journalismus zurück. Man parlierte auf den Stehempfängen, statt sich unter die einflussreichen Basaris zu mischen oder sich mit einem Teppichhändler und seiner Familie einige Stunden zu einem Tee zusammenzusetzen. Die westliche Hetze gilt bei allen Afghanen als unhöflich. Journalisten tippelten bei Staatsbesuchen hinter den Ministern her oder berichteten aus dem tausende von Kilometern entfernten indischen New Dehli: Aber selbst wenn man mit einem Kellner im Restaurant über die Taliban sprach, musste man wissen, zu welcher ethnischen Gruppe er gehörte.
„Ohne Waffe ist der Paschtune nackt“, sagt ein afghanisches Sprichwort, das jeder kennen sollte, der dieses Land betritt. Erst recht wenn er als Soldat kommt. Das mussten bereits 1919 die Briten erfahren, die das Land zu unterwerfen versuchten nach blutigen Niederlagen am Chaiber-Pass. Nicht anders erging es der Roten Armee aus der UdSSR, die in das Land aufgrund mehrerer Hilferufe der damaligen Regierung einmarschierte. Die wollte ein Regime, von der westlichen Welt als kommunistisch betitelt, vor dem Kollaps retten. In Wahrheit betrieb die damalige Regierung eine sozialdemokratische Reformpolitik z.B. mit einer Landreform und der ersten Frauenbefreiung in der Geschichte dieses Landes zu schnell. Daran entzündeten sich Widerstände der Großgrundbesitzer aber auch innerfamiliäre Konflikte waren eine Folge dessen. Großeltern und Eltern, besonders auf dem Land, fürchteten um ihren Einfluss. Nur die dünne, aufgeklärte bürgerliche Schicht führte ein Leben nach westlichen Vorstellungen. Die überwiegende Mehrheit blieb (bis heute) religiös, also islamisch.

Die Mudschaheddin (nach dem arabischen Dschihad) wurden von 1978-1989 vom CIA gegen die sowjetischen Besatzer und damit auch gegen die amtierende afghanische Regierung ausgerüstet. Die Guerilla war unbeliebt, da sie auch in den Dörfern raubten und mordeten. Erst 1994 erschienen die ausschließlich paschtunischen Taliban auf dem überregionalen Schauplatz. Die Gotteskrieger besiegten die Banden, brachen die Macht der Warlords und setzten auf positive Werte des Islams. Vor allem wollten sie Ordnung und Sauberkeit schaffen; das kam in der Bevölkerung an und ist der eigentliche Grund für ihren Sieg. Sie signalisierten dem Westen durch einen Kommandeur: „Ihr im Westen habt die Uhren, wir die Zeit!“
Um die Lehren für die Zukunft aus dem Desaster des Afghanistan Krieges zu ziehen, muss man einen Blick zurückwerfen. Es waren die rot-grünen Politiker Gerhard Schröder, Joschka Fischer und Peter Struck, die den USA „uneingeschränkte Solidarität“ (Bundeskanzler Schröder) beim anstehenden Angriffskrieg versichert hatten. Jetzt, 20 Jahre danach, ist  erwiesen, dass Raketen und Bomben ungeeignet sind, um den globalen Terror zu bekämpfen. Sie erzeugen ausschließlich neuen Hass.

Die immer wieder in den Medien auftretende Frage, warum sich die Afghanen kaum gegen die Taliban wehrten, zeigt, dass wir immer noch eine falsche Vorstellung von der Kultur und den Werten dieses Landes haben. Auch die aktuelle Dämonisierung der Gotteskrieger hilft für die Zukunft nicht weiter. Vielmehr sollte man auf die wenigen noch vorhandenen Entwicklungsprojekteschauen. So gründete der Bundeswehroberst a.D. und Arzt Reinhard Erös in Afghanistan 30 Schulen, unter anderem für Mädchen, ohne von den Taliban behelligt zu werden. Die sind jetzt an internationaler Anerkennung interessiert. Er sieht nach dem Abzug der NATO-Truppen die Lage optimistischer, weil die Aufständischen bereits, teils durch das Internet, ein anderes Weltbild hätten. Er ist der Auffassung, dass die innenpolitische Situation am besten von den Afghanen selbst geregelt werden kann.

Der Autor war 1973 das erste Mal zu einer Inspektion von Entwicklungsprojekten in Afghanistan. Überall wurde ich als Deutscher mit Gastfreundlichkeit und großer Herzlichkeit empfangen, wie man das bei uns nur unter guten Freunden praktiziert. Die afghanische Bevölkerung hat durch jahrzehntelange Kriege Tod und Leid erfahren. Trotzdem sind wir Deutschen immer noch in diesem Land beliebt. Das ist ein Ansatz für einen nüchternen Neuanfang ohne Illusionen, aber mit dem wir Zuversicht vermitteln.

Allen Afghanen und ihren Familien, die für Deutschland arbeiteten, eine sichere Heimat zu bieten, ist das moralische Gebot der Stunde.

Textfeld: Der Autor Hans Wallow in jungen Jahren (1973) bei der Ankunft auf dem Flugplatz der afghanischen Provinzhauptstadt Chost. Dort hatte das Entwicklungsministerium ein großes Landwirtschaftsprojekt erfolgreich geplant.
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Hans Wallow
Über  

bekennender Westfale, Autor und Dozent, 3 Legislaturperioden Mitglied des Bundestages. Wohnhaft im damaligen Bonner Parlamentsviertel. Vorsitzender des Global Club e.V.


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