Autowrack auf der Autobahn

Der verlogene Minister Wissing

Da rast ein offenkundig total durchgeknallter tschechischer Multimillionär mit Tempo 417 (in Worten: vierhundertsiebzehn) über eine deutsche Autobahn. Die Zeitungen berichten, Polizei und Staatsanwaltschaft ermitteln gegen den Fahrer, und auch der FDP-Verkehrsminister Volker Wissing plustert sich auf, demonstriert Empörung. Warum eigentlich ?

Denn auf dem betroffenen Autobahnabschnitt zwischen Hannover und Berlin gilt keine Geschwindigkeitsbegrenzung. Da gibt es sie – die „freie Fahrt für freie Bürger“, die die FDP seit Jahren hartnäckig verteidigt. Wenn die Geister anrollen, die die Liberalen mit ihrer irrwitzigen Pro-Raser-Politik rufen, dürfen sie sich wohl als Letzte wundern oder gar aufregen. Wie pervers ist es, dass in Deutschland als einzigem Industrieland auf der Erde bedingungs- und sinnlos gerast werden darf. Der Fall des tschechischen Asphalt-Irren hat es mal wieder schlaglichtartig vor Augen geführt.

Auswüchse, vielleicht nicht ganz so schlimm wie die 417-km/h-Fahrt gibt es seit langem und regelmäßig. Und sie werden geduldet, geraten sogar zu einem Geschäftsmodell. Da preist sich im Internet der Sportwagen-Verleiher „Motion Drive“ ausländischen Kunden an: „German Autobahn Experience: drive without speed limits“ – „We fullfill your dreams“. Weiter im Text, jetzt ins Deutsche übersetzt: „Fahre einen Super-Wagen mit Höchstgeschwindigkeit. Hast Du jemals davon geträumt, einmal im Leben die magische Grenze von 300 Stundenkilometern zu erreichen ? Dann genieße die weltberühmte Deutsche Autobahn in einem passenden Super-Wagen.“ Eine 80-minütige Irrsinns-Fahrt mit Instructor auf einem Autobahn-Abschnitt ohne Tempolimit kostet im Ferrari  999,– Euro, im Lamborghini 1.999,– und in einem Bugatti Veyron, wie ihn der Tscheche fuhr, 14.999,– Euro.

Zurück vom außergewöhnlichen zum alltäglichen Wahnsinn: Überhöhte Geschwindigkeit zählt zu den häufigsten Unfallursachen auf deutschen Autobahnen. Sie verursacht zudem mit Abstand die meisten Toten auf unseren Straßen. Im vorletzten Jahr kamen in Deutschland laut statistischem Bundesamt 2.719 Menschen bei Verkehrsunfällen ums Leben, pro Tag im Schnitt also sieben. Für die meisten tödlichen Unfälle war „unangepasste Geschwindigkeit“ die Ursache – genau 884. Alkohol am Steuer spielt mit 284 Verkehrstoten im Bemessungsjahr dagegen eine weniger schlimme Rolle.

Wie verlogen, dass sich der Bundesverkehrsminister über den tschechischen Raser aufregt, aber weiter ein Tempo-Limit in Deutschland blockiert. 130 km/h als Höchstgeschwindigkeit auf Autobahnen wird vielfach gefordert, ist in anderen Ländern längst üblich. Den Liberalen des Verkehrsministers Wissing aber ist es zu langsam. Jedoch beantwortet er die Frage nicht: Wieviel darf’s denn sein ? 150, 180, 210 km/h ? Oder vielleicht noch ein bisschen dichter ran an die 417 km/h des tschechischen Rasers ?

Das Tempolimit ist für Volker Wissing „ein ganz kleines Thema, auch wenn es ein sehr emotionales Thema ist“. Besonders emotional ganz bestimmt für die Hinterbliebenen jener Autofahrer, die getötet wurden, weil sie selbst oder andere zu schnell unterwegs waren.

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Christoph Lütgert war Rundfunk-Korrespondent beim NDR, hat für Panorama gearbeitet und war später Chefreporter Fernsehen beim Norddeutschen Rundfunk. Lütgert wurde wegen seiner sozialkritischen Reportagen mehrfach mit Preisen ausgezeichnet.


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