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Deutschland und die Nazis – Viele Menschen suchen nach der braunen Vergangenheit ihrer Familie

Alfons Pieper Von Alfons Pieper
5. Juli 2026
Konzentrationslager Dachau

War Opa ein Nazi? Die Frage wird seit Wochen gestellt, seit der Einblick in die NSDAP-Mitgliedskarteien möglich ist. Im Grunde kann ein jeder nachschauen, wer von seiner Familie  damals Mitglied war. Denn das steht fest: Es waren über zehn Millionen Deutsche, die Hitlers Partei beigetreten waren, darüber hinaus gab es noch andere Mitgliedschaften wie in der HJ, der SA, der SS, des BDM und fast alle traten freiwillig bei. Dabei wollte Adolf Hitler keine Massen-Organisation, er wollte nicht die Opportunisten, die Karrieristen in die NSDAP holen, er wollte die Kämpfer, diejenigen, die sich von Anfang an und voll und ganz für ihn und seine Ideen einsetzten, die deutsches, arisches Blut in sich trugen, keine Juden, keine Sinti und Roma.

Das heißt nicht, dass alle Nazis waren, aber es waren schon etliche überzeugte Nationalsozialisten. Das Deutsche Reich bestand am Ende nicht nur aus Widerstandskämpfern, das waren die wenigsten, auch wenn nach dem 8. Mai 1945, dem Tag der Kapitulation oder besser der Befreiung Deutschlands vom braunen Joch der Nazis(Richard von Weizsäcker) niemand in der Partei gewesen sein wollte. Ich doch nicht. Plötzlich waren sie alle Opfer, viele erinnerten sich daran, dass sie angeblich einen Juden vor dem Zugriff der Gestapo versteckt hätten. Und von Konzentrationslagern hatte selbstredend kaum jemand etwas gehört. Auschwitz? Dachau? Dass über Dachau die Zeitung berichtet hatte, dass Deutsche die Zwangsarbeiter Tag für Tag zur Arbeit gehen sahen, formiert in Zweier-Reihen, hatten die Münchner gesehen. Sie waren auf dem Weg zur Arbeit bei BMW. Nur ein Beispiel. München wurde Hitlers Lieblingsstadt, am Königsplatz entstand das braune Haus, die Parteizentrale der NSDAP, das Gelände wurde von der Partei für 850000 Mark gekauft. Kein Nazi in der Stadt der Bewegung?

Verbrecherisches Regime legitimiert

Der Historiker Jürgen Falter(82) hat in seinen Büchern über die Motive der Deutschen zum Erlangen der Mitgliedschaft in der NSDAP geforscht. Ich lese gerade in seinem umfangreichen und sehr lesenswerten Werk „Hitlers Parteigenossen- Die Mitglieder der NSDAP 1919-1945“.Falter verurteilt die Menschen nicht, der NSDAP beigetreten zu sein aus Opportunismus, Karrierismus. Er betont aber auch, wie er das in einem Interview mit der SZ getan hat, „dass es sicherlich kein Kavaliersdelikt gewesen ist, in die NSDAP einzutreten.“ Bei allem Verständnis, das man heute für das Verhalten von Millionen hat, zumal niemand für sich behaupten kann, wie er sich verhalten hätte, wenn er im Dritten Reich gelebt hätte. Und Falter fügt hinzu: „Denn alle, die das taten, haben, ob sie wollten oder nicht, ein verbrecherisches Regime legitimiert.“ Vielen Zeitgenossen war bekannt, dass Leute der KPD und der SPD verfolgt wurden, die meisten wussten, dass die Nazis die Juden hassten und sie entsprechend demütigten, aus der Gesellschaft ausschlossen, ihre Geschäften schließen ließen, ihnen das Eigentum wegnahmen, dass Kritik an der NSDAP tödlich enden konnte.

Wer kein Mitglied war, ist dennoch nicht gleich entlastet. Er konnte als Soldat an Kriegsverbrechen beteiligt gewesen sein. Das Märchen von der sauberen Wehrmacht ist längst widerlegt, Massaker in den besetzen Gebieten waren keine Seltenheit, sie passierten in Polen, in der Ukraine, in der übrigen Sowjetunion, auf dem Balkan, in Frankreich. Wo eigentlich nicht, denn das Regime war mit Gegnern und Kriegsgefangenen nicht zimperlich. Massenerschießungen von Juden gab es, Misshandlungen von Kriegsgefangenen, all die Verbrechen in den Konzentrationslagern, an denen viele beteiligt waren. Und vieles geschah vor den Augen von Soldaten, Offizieren, im Wissen von Sekretärinnen, es geschah durch Ärzte. Der millionenhafte Mord an Juden ist belegt. Er ist einmalig. Es gab Täter mit und ohne Parteibuch.

Die NSDAP war der Staat. Sämtliche Führungspositionen waren in den Händen ihrer Mitglieder und sie alle unterwarfen sich dem Diktat des Führers und seiner Leute. Alles, fast alles wurde überwacht, kontrolliert, es gab ja den berüchtigten Blockwart, den Hausmeister, der die Geschwister Scholl einst verpfiff an die Partei, als er sie beobachtet hatte, wie sie Flugblätter in der Universität zu München geworfen hatten. Der Führer hatte eine verschworene Gemeinschaft organisiert, keine „Konjunkturritter, wie er sie schon in seinem Buch „Mein Kampf“ verächtlich nannte. Ja, es gab auch Austritte aus der Partei und wie Falter betont, konnte dies geschehen oft ohne Sanktionen. „Mir ist kein Fall bekannt, das jemand im Konzentrationslager gelandet wäre, weil er die NSDAP verlassen hätte.“ Dabei war die Partei nicht frei von Rache.

Die Fälle Heidegger, Broszat, Unseld

Arbeiter, Angestellte, Handwerker, Unternehmer, Lehrer, Professoren, Journalisten, Frauen und Männer, alle Geschlechter und Berufe waren in der NSDAP vertreten. Später wollten viele davon nichts mehr wissen. Ich denke an den Fall des berühmten Freiburger Professors Martin Heidegger, der 1933 Rektor der Uni Freiburg wurde, und wohl aus diesem Grunde der Partei beigetreten war, die er später wieder verlassen hat. Heidegger ließ sich zum Führer-Rektor ernennen. Er hat sich nach dem Krieg nie dazu geäußert, weder hat er sich entschuldigt noch erklärt. Ein anderer Fall ist der des Münchner Historikers Martin Broszat. Ich war in einem Seminar des damaligen Leiters des Instituts für Zeitgeschichte. Der Staat Hitlers war sein Spezialgebiet. Broszat starb 1989, erst Jahre später kam heraus, dass er 1944 Mitglied der NSDAP gewesen sei, unklar blieb, ob er davon wusste. Ich verstehe bis heute nicht, warum dieser Historiker, sehr beliebt bei uns Studenten in den 60er Jahren, darüber nie gesprochen hat. Er hätte uns erklären können, wie es dazu kam, was seine Beweggründe waren.

Oder nehmen wir den Fall des Verlegers Siegfried Unseld, der 2002 starb und der im Alter von 18 Jahren 1942 der NSDAP beigetreten war. Er hat es uns allen verschwiegen. Schade, ich hätte gern eine Erklärung von ihm gehabt. Wie auch von Günther Grass, den wir doch alle verehrten und der in einem seiner späteren Bücher rund 100 Seiten benötigte, um u.a. mitzuteilen, dass er Mitglied der Waffen-SS gewesen war. Ich habe ihn deswegen nicht verurteilt, war aber sehr enttäuscht, dass er darüber mit uns nicht geredet hat. Oder der Fall Werner Höfer. Der CDU-Politiker Filbinger und all die anderen aus der CDU. Oberländer zum Beispiel. Und dann die Regie deutscher Industrieller, die Hitlers Partei 1933, als diese pleite war, mit großzügigen Spenden versorgte, damit sie einen letzten Wahlkampf im noch demokratischen Deutschland bezahlen konnte. Hitler versprach ihnen Gegenleistung- er lieferte später in Form von billigen Zwangsarbeitern aus den besetzten Gebieten, Millionen Menschen mussten bluten. Nachzulesen in Eric Vuillard: Die Tagesordnung. Oder der Fall Hans Schwerte, Rektor der Technischen Universität zu Aachen bis 1970. Schwerte war in Wahrheit der einstige SS-Hauptsturmführer  Hans Ernst Schneider, Jahrgang 1909, studierter Germanist und Theaterwissenschaftler. Die SZ hat darüber vor Wochen berichtet.

Die Deutschen und die Nazis. Ja, diese Frage stellen wir uns heute wieder. Ob meine Eltern Mitglied der NSDAP waren, glaube ich nicht, muss aber gestehen, ich weiß es nicht. Das Thema Nazis fand bei uns zu Hause nicht statt. Es war ein Tabu. Darüber sprach man nicht, wobei ich nicht glaube, dass meine Eltern etwas Böses getan haben, sie waren keine Nazis, sie waren gläubige Katholiken, gute Menschen, die anderen halfen. Aber ich muss nach allem, was ich bei Jürgen Falter gelesen habe, einräumen, dass all das noch kein Beweis ist, dass sie nicht in der Partei waren. Mein Vater soll die NSDAP gewählt haben, höre ich, weil der örtliche Pfarrer das empfohlen habe. Möglich ist das, ich weiß aber auch, dass mein Vater geschimpft hat über die Tatsache, dass die gleichen Bürger des Dorfes, die während der Nazi-Zeit  bei der Fronleichnamsprozession den Baldachin trugen, ihn nach dem Krieg wieder trugen. Sie hatten nur die Hemden gewechselt, das Weiße gegen das Braune. Wie gesagt, wir sprachen sonst nicht über die Nazi-Zeit, das galt als verpönt, ja als unverschämt.

Das Wissen um die NS-Verbrechen

Was mir heute wichtiger erscheint, ist das Wissen darüber, was damals passiert ist, die Erinnerungskultur, die Gedenkstätten in Buchenwald, Dachau, Auschwitz. Es ist für mich völlig unverständlich, wenn einer wie der AfD-Mann Gauland behauptet, es handele sich um einen Vogelschiss in der ach so ruhmreichen deutschen Geschichte. 6 Millionen ermordete Juden nur ein Vogelschiss? Der Ausbruch des 2. Weltkrieges, von Hitler-Deutschland am 1. September 1939 gestartet mit Bomben und Raketen auf Polen nur ein Vogelschiss? Der Tod von Millionen russischen Kriegsgefangenen, nur ein Vogelschiss, die Ermordung der Sinti und Roma, die systematische Ermordung von 70000 Behinderten im Deutschen Reich. Und vieles andere mehr, das sind die Tatsachen, die man wissen muss. Und die viele Deutsche damals wussten und die doch mitgemacht haben.

Widerstand gab es, er war die Ausnahme, die Geschwister Scholl habe ich erwähnt, Stauffenberg und der 20. Juli 1944. Aber erst 1944, lange nach Stalingrad, der Krieg war im Grunde verloren. Viele der Offiziere, die damals mitmachten, um das Regime abzulösen, waren anfangs begeistert, Hitlers Kriegserfolge, die Blitzsiege in Polen und vor allem in Frankreich hatten sie überzeugt.  Georg Elser, der Tischler, war aus anderem Holz geschnitzt. Er versuchte am 8. November 1939 im Münchner Bürgerbräukeller ein Sprengstoffattentat auf Hitler, das aber knapp scheiterte, weil Hitler zu früh den Keller verließ. Man stelle sich vor, was uns und der Welt erspart geblieben wäre, hätte Elser Erfolg gehabt. Er wurde am 9. April 1945 im KZ Dachau hingerichtet, wenige Wochen vor dem Ende des Krieges.

Die Frage wurde oft gestellt, was übriggeblieben ist vom Nazi-Gedankentum, vom Antisemitismus, Rassismus und dem Gefühl, der Herrenrasse der Deutschen anzugehören, die anderen Nationen überlegen sei. Umfragen belegen, dass- nachzulesen bei Falter- es Jahre nach dem Zusammenbruch noch eine erhebliche Zustimmung zum Dritten Reich gab. Noch 1955 teilten 48 Prozent der befragten Deutschen die Meinung, „dass Hitler ohne den Krieg einer der größten deutschen Staatsmänner“ gewesen sei. Im Oktober 1948 äußerten 41 Prozent der Befragten(Allensbach-Institut), dass sie 1933 die Machtergreifung der Nazis begrüßt hätten. Selbst im Jahre 1977 lehnte ein Drittel der Bürgerinnen und Bürger die Aussage ab, dass der NS-Staat ein Verbrecherregime gewesen wäre. 57 Prozent hielten den Nationalsozialismus für eine gute Idee, die schlecht ausgeführt worden sei. Und noch 1952 gestand ein Viertel der Bevölkerung, eine gute Meinung von Hitler zu haben. 70 Prozent gaben in einer anderen Umfrage an, keinen jüdischen Ehepartner zu heiraten . 1952 antwortete gut ein Drittel auf die Frage nach ihrer Einstellung zu Juden mit antisemitischen Äußerungen.

13 Prozent rechtsextremes Weltbild

Im Jahr 1981 veröffentlichte die sozialliberale Bundesregierung eine von Bundeskanzler Helmut Schmidt(SPD) in Auftrag gegebene Sinus-Studie, wonach 13 Prozent der westdeutschen Wahlbürger ein geschlossenes rechtsextremes Weltbild aufwiesen. Fünf Millionen Menschen allein im Westen waren der Meinung, wir sollten wieder einen Führer haben. Noch Fragen? Professor Jürgen Falter hat im SZ-Interview kürzlich auf Fragen nach AfD-Erfolgen betont: „Geschichte wiederholt sich nicht, aber Strukturen wiederholen sich… Mir macht die Situation zurzeit noch keine Sorge. Die demokratischen Strukturen der Bundesrepublik sind viel gefestigter als die der Weimarer Republik, die politischen und gesellschaftlichen Eliten sind viel stärker demokratisch gefestigt als damals, und eines dürfen wir nicht vergessen: Die Hypothek der deutschen Geschichte wiegt schwer genug, dass wir gegenüber  totalitären oder auch nur  autoritären Versuchungen zwar nicht gefeit, aber doch zumindest hinreichend sensibilisiert sind.“ Hoffentlich hat er Recht.

Die in weiten Teilen rechtsextreme AfD hat in Umfragen bundesweit 27 Prozent Zustimmung. Sie will im September die Regierungen in Sachsen-Anhalt und in Mecklenburg-Vorpommern stellen. NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst hat sie als „Nazi-Partei“ bezeichnet. Der SZ-Kolumnist Heribert Prantl fordert seit längerem ein Verbotsverfahren gegen die verfassungsfeindliche AfD beim Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe, die SPD hat einen entsprechenden Parteitagsbeschluss gefasst, auch die Grünen und die Linke sind für ein solches Vorgehen, CDU und CSU sind dagegen. Wie Norbert Bicher in seiner Wochenend-Kolumne „Wochenmarkt“ geschrieben hat, seien „sehr viele Verlage“ für ein Aufweichen der Brandmauer gegenüber der AfD, so hat es Regierungssprecher Cornelius vor der Bundespressekonferenz berichtet. Der Kanzler lehnt das ab. „Nur über meine Leiche“, soll er zum Springer-Chef Döpfner gesagt haben. Hoffentlich bleibt Merz hier hart.

Quelle: Jürgen W. Falter: Hitlers Parteigenossen. Campus-Verlag Frankfurt. 2020.  584 Seiten. 45 Euro. ISBN 978-3-593-51180-1

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