Farbenspiele

Die Kleinen gängeln die Großen

Das wollte mir nie in den Kopf, und deshalb habe ich die FDP nie gemocht. Diese kleine Partei der feinen Leute bestimmte über Jahre und Jahrzehnte den Kurs des Tankers Deutschland. Mal machte sie einen von der viel größeren CDU und dann einen von der ebenfalls viel größeren SPD zum Kanzler. Die damaligen Volks-Parteien waren fast immer von ihrer Gunst abhängig. Und die FDP genoss es sichtlich, zelebrierte das Prinzip, das jeder Häuslebauer kennt: „Die Spitzenfinanzierung ist immer die Teuerste.“

Jetzt sind wir wieder so weit, haben diesen Zustand, in den vielen und langen Jahren der Großen Koalition fast schon vergessen. Nur dass jetzt nicht mehr eine, sondern zwei Kleinere die beiden Größeren zappeln lassen können. So gaben Grüne und Freie Demokraten schon in der Wahlnacht die Parole aus, sie wollten erst einmal mit- und untereinander sondieren und erst dann generös Sozialdemokraten und Union hinzubitten. Die Spitzenfinanzierung ist eben immer die Teuerste.

Wenn die Grünen wirklich ernst meinen, was sie in ihrem Programm und im Wahlkampf gefordert und versprochen haben – man denke nur an den Klimaschutzminister mit Vetorecht – , dann ist eine Einigung mit der libertären Klientelpartei FDP unvorstellbar. Grüner Umweltschutz und grüne Klimaneutralität sind ja wohl etwas völlig anderes als das Ganze in Blau-Gelb, wo schon ein Tempolimit als massiver Angriff auf unsere Grundrechte gilt.

Jetzt also steht die große Frage im Raum: Wer ist geschmeidiger, flexibler, opportunistischer: Die Grünen, die die Unbedingtheit vergangener Jahrzehnte längst abgelegt haben, bei denen ein Jürgen Trittin als Gallionsfigur nicht mehr denkbar wäre, oder die FDP, die ja in Thüringen schon mal versuchsweise einen der ihren mit den Stimmen der AfD zum Kurzzeitministerpräsidenten wählen ließ. In jedem Fall müssen eigene Wähler enttäuscht, vor den Kopf gestoßen werden. Das Paradies, in dem alle glücklich werden, gibt’s im Himmel aber nicht in Berlin.

Rechnerisch denkbar – und damit wären Grüne und FDP raus aus dem Spiel – eine rot-schwarze Groko und eben nicht mehr eine schwarz-rote. Die SPD liefe nicht länger Gefahr, von einer übermächtigen CDU-Kanzlerin Merkel vampirgleich ausgesaugt zu werden. Dieses Schicksal drohte eher der Union. Das Wahlergebnis aber zeigt eins ganz eindeutig: Eine große Mehrheit der Bürger will Erneuerung. Und sowas mit einer Laschet-Merz-CDU ist undenkbar bis unmöglich. Die Union müsste eine politische Blutwäsche machen, ohne einen Spender zu haben. Denn da ist nichts in Sicht. Deshalb war die dreiste Verzweiflung, mit der Armin Laschet in der Wahlnacht einen Regierungsauftrag an sich selbst formulierte, unüberbietbar lächerlich.

Also alles vertrackt. So können, müssen, dürfen, sollten wir unserer Phantasie freien Lauf lassen. Alles und nichts ist möglich.

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Christoph Lütgert

Christoph Lütgert war Rundfunk-Korrespondent beim NDR, hat für Panorama gearbeitet und war später Chefreporter Fernsehen beim Norddeutschen Rundfunk. Lütgert wurde wegen seiner sozialkritischen Reportagen mehrfach mit Preisen ausgezeichnet.


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