Inklusion

Die Lebenshilfe – Deutschlands großartigster Arbeitgeber unter Druck

Über die Lebenshilfe e.V. erfahren die Menschen wenig. Diese Bundesorganisation wurde 1958 gegründet, sie vertritt und hilft Menschen mit einer geistigen Behinderung, sie streitet für Gleichberechtigung und Barrierefreiheit. Auch heute noch, 62 Jahre nach der Gründung ist das ein anstrengendes, oft mühseliges Unterfangen. Rund 130 000 Mitglieder hat die Selbsthilfeorganisation mit 493 Ortsgruppen, Kreisverbänden  und tausenden Einrichtungen, darunter hunderte Werkstätten. In diesen Werkstätten werden etwa 300 000 Menschen mit geistigen Einschränkungen beschäftigt – sechs Mal mehr als VW auf seinem größten Standort weltweit, in Wolfsburg beschäftigt. Die Lebenshilfe weist im Übrigen eine großartige Eigenheit auf. In ihren Führungsgremien sitzen Eltern, die Geschäftsführungen und geistig Behinderte, getreu dem Motto Ramona Günthers aus dem Bundesvorstand: „Lasst uns einfach mal machen. Wir sind die Experten für unser Leben.“ 

Als ihr Gründer Tom Mutters ein großartiger sozialer Reformer 2016 mit 99 Jahren starb, war wenig über ihn in den Medien zu finden. Seit 2012 führt die frühere Bundesgesundheitsministerin  Ulla Schmidt die Lebenshilfe.

„Bei uns wird niemand abgewiesen“, sagt der Geschäftsführer der Bonner Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung e. V. Andreas Heß. Das ist eine bemerkenswerte Feststellung in einer Zeit, in der viel Energie darauf verwandt wird,  sich abzugrenzen, abzuweisen, Identitäten zu definieren und zu trennen und differenzierende „Wahrheiten“ zu verkünden. Die Bonner Werkstätten der Lebenshilfe beschäftigen 1150 Frauen, Männer, Heranwachsende, die auf dem sogenannten 1. Arbeitsmarkt wegen einer Einschränkung, einer geistigen Behinderung kaum oder gar keine Chancen hätten. Sie arbeiten unter der Obhut der Lehrer und Betreuer der Lebenshilfe, die sie ausbilden, anleiten, geduldig qualifizieren, versorgen, herbergen, trösten und ermutigen, zwischen ihnen schlichten und loben. Was auch immer von Behinderten getan werden kann, das tun die.

In einem, nächsten Schritt soll in Rufweite der Werkstätten an der Allerstraße zu Bornheim ein Werk entstehen, in dem inklusiv gearbeitet wird, behinderte und nicht behinderte Frauen und Männer neben- und miteinander. Und wiederum eine  kurze Strecke entfernt von den Werkstätten  findet man das Marga Loenertz-Haus, in welchem in den Werkstätten Beschäftigte und ehemalige Beschäftigte nebst anderen wohnen, miteinander leben. Was im Pflegebereich als Lösung gefordert wird, nämlich Infrastruktur zu schaffen, die Leben und ein mögliches an Selbständigkeit, Zusammensein und Betreuung miteinander verbindet, das hat die Lebenshilfe geleistet. „Wir sind, wenn sie so wollen, von der Wiege bis zur Bahre für die da, die wegen einer Einschränkung Unterstützung brauchen“, erklärt der stellvertretende  Bonner Lebenshilfe- Vorsitzende Michael Baldus.

Niemand muss übrigens in einer der Werkstätten sieben oder acht Stunden arbeiten. Wer will, der kann. „Es können aber auch nur 30 Minuten sein“, ergänzt Heß. Arbeit ist auf die persönliche Fähigkeit abgestellt und nicht darauf was einer oder eine im Markt leistet. Arbeiten: Im Elektronik-Bereich, in der Logistik,  in der Bereitstellung von Grundstoffen und in der Portionierung.  So kann sein, dass sie liebe Leserin, lieber Leser, auf eine entsprechende Bestellung eine Power-Box oder eine elektronische Sicherung für ein Tor erhalten, die in der Werkstatt der Bonner Lebenshilfe gefertigt wurde.

Wer dort arbeitet, hat eine  Vertretung im Werkstattrat. Beschäftigte erhalten, gleichgültig wie viel sie zum Betriebsergebnis beitragen eine Art Grundlohn. Darauf baut sich ein Betrag für Fachleistungen auf. Hinzu kommt eine jetzt erhöhte Förderung der Bundesagentur für Arbeit. Für Streit gibt es eine Schlichtung.

Es hat sich viel geändert für die Lebenshilfe in den letzten Jahren. Das Bundesteilhabegesetz trat stufenweise in Kraft. Es gibt nun – vorgeschrieben – Frauenbeauftragte. Der Grundlohn- oder Grundbetrag ist stets gleich, nur die Fachleistung ist für den Träger der Werkstatt gestaltbar. Der Eigenbehalt der Beschäftigten bei Einkommen und Vermögen wurde erhöht. Das Gesetz folgt der Linie der UN-Behindertenkonvention: Eigenständige Rechte für behinderte Menschen, Selbstbestimmung und enge Bindung an die Mehrheitsgesellschaft. All das wurde in Regeln und  Ansprüche gegossen, die nun von der Lebenshilfe umgesetzt werden und die die Realität in den Einrichtungen bestimmen.

Schwierig ist das immer noch. Jüngst meldete die Lokalzeitung, der Bonner General-Anzeiger,  die Bonner Lebenshilfe habe  „einen Teil ihrer Leistungen gestrichen. Seit 1. Juni fehlen Freizeit- und Bildungsangebote für behinderte Kinder und Jugendliche. Betroffene Familien sind enttäuscht.

Es sind die familienunterstützenden Leistungen, die wegfallen. Diese Hilfe sucht Familien auf. Viele Fahrten würden ohne Ergebnis unternommen, weil Kinder krank geworden, anderweitige Termine wahrgenommen würden. All das würde über die Stundensätze der Stadt nicht bezahlt. Die Lebenshilfe hofft drauf, dass sich die Situation ändert, wenn ab nächstem Jahr der Landschaftsverband Rheinland die Finanzierung übernimmt und dann eine Lösung für die 200 betroffenen Kinder und deren Familien  gefunden wird. Die Corona- Epidemie haben Lebenshilfe und die Werkstätten bisher recht gut überstanden. Im April wurden zwei Mitarbeiterinnen positiv getestet. Weitere negative Konsequenzen für die ihnen anvertrauten behinderten Menschen gab es nicht. Ein gutes Zeichen.

Bildquelle: Pixabay, Bild von Gerd Altmann(geralt), Pixabay License

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Klaus Vater
Über  

Redakteur 1972 und bis 89 in wechselnden Redakteursaufgaben. 90 bis 99 wiss. Mitarbeiter der SPD-Bundestagsfraktion, Büroleiter Dreßler, 2000 Sprecher Bundesarbeitsministerium, dann des Bundesgesundheitsministeriums, stellv. Regierungssprecher; heute: Publizist, Krimiautor, Lese-Pate.


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