Zeitumstellung

Die seltsame Blüte der Sommerzeit

Die Brüsseler Kommission hat in der europäischen Bevölkerung einen schweren Stand. Hartnäckig halten sich die Klischees von den Gurkenkrümmungsmessern, den weltfremden Bürokraten und behäbigen Kommissaren. Selten hat Jean-Claude Juncker, der Kommissionspräsident aus Luxemburg, Gelegenheit, die Bürgernähe seiner Behörde zu demonstrieren. Daher zelebriert er nun das Thema Sommerzeit. Ganz ohne Kritik kommt er allerdings nicht davon. Denn die Angelegenheit hat einen gravierenden Haken.

Die Kampagne lief auf Hochtouren, die Server gingen unter dem unerwarteten Ansturm vorübergehend in die Knie. Rund 4,8 Millionen Europabürger beteiligten sich an der Online-Befragung zur Zeitumstellung. Besonders viele Klicks steuerten Teilnehmer aus Deutschland bei. Stolzerfüllt verkündete Juncker das Votum, das zunächst nicht mehr als ein unverbindliches Stimmungsbild liefern sollte. 80 Prozent der Bürger befürworten demnach ein Ende der Zeitumstellung.

Bei soviel Zuspruch will sich die Europäische Kommission nicht lange bitten lassen. Juncker kündigte forsch das Ende der jahrzehntelangen Vor-und-zurück-Manöver an, und die deutsche Bundeskanzlerin pflichtete ihm sogleich bei. Doch jetzt kommt der Haken: Die Mehrheit wünsche sich, so ließ Juncker noch beiläufig wissen, die Abschaffung der Winterzeit. Und so solle es dann sein. Das allerdings lässt aufhorchen, denn mit einem Nebensatz wird das ursprüngliche Anliegen versenkt.

Die jahrelange Kampagne, auf die neben anderen der heutige NRW-Innenminister Herbert Reul als Europaabgeordneter seine ganze Energie verwandte, hatte stets die Abschaffung der Sommerzeit zum Ziel. Alle Argumente, die in zahlreichen Gutachten und Studien zusammengetragen wurden, zeigten die gesundheitlichen Belastungen der künstlich geschaffenen Sommerzeit auf. Zusätzlich ließ sich belegen, dass die erhofften Effekte der verordneten Frühaufsteherzeit weitgehend ausblieben. Energieeinsparungen stellten sich bei weitem nicht in der erwarteten Größenordnung ein. Viel Aufwand um nichts also, und das zu Lasten der Gesundheit und des Wohlbefindens der Menschen. Das sollte ein Ende haben.

Nun also will die Kommission die Winterzeit abschaffen, die ja nicht mehr als ein Sprachkonstrukt ist und tatsächlich die normale und natürliche Zeit meint. Die Wortschöpfung fand sich schon in der Online-Befragung der Kommission und tauchte dort als fragwürdige Alternative auf. Aus der Forderung, die Sommerzeit abzuschaffen, wurde die Forderung, die Zeitumstellung abzuschaffen. Das läuft nun aber darauf hinaus, dass die für viele Menschen quälende Sommerzeit nicht mehr nur von März bis Oktober, sondern das ganze Jahr gilt.

Statt der dauerhaften Rückkehr zur natürlichen Zeit, soll das Leben gegen den Biorhythmus permanent verordnet werden. Das war ursprünglich nicht im Sinne der Initiatoren und es ist leichtfertig anzunehmen, dass sich die gesundheitlichen Beeinträchtigungen mit der Zeit erledigen werden. Die Sommerzeit ist die erwiesene Ursache, und es völlig unverständlich, dass sie für alle Zukunft zementiert werden soll.

Bildquelle: pixabay, BirgitKeil, CC0 Creative Commons

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Petra Kappe
Über  

Die promovierte Medienwissenschaftlerin arbeitete mehr als 20 Jahre in der Politikredaktion der Westfälischen Rundschau. Recherchereisen führten sie u. a. nach Ghana, Benin, Bosnien-Herzegowina, Kroatien, China, Ukraine, Belarus, Israel und in das Westjordanland. Sie berichtete über Gipfeltreffen des Europäischen Rates, Parteitage, EKD-Synoden, Kirchentage und Kongresse. Parallel nahm sie Lehraufträge am Institut für Journalistik der TU Dortmund sowie am Erich-Brost-Institut für Internationalen Journalismus in Dortmund wahr. Derzeit arbeitet sie als freie Journalistin.


'Die seltsame Blüte der Sommerzeit' hat einen Kommentar

  1. 9. September 2018 @ 23:20 K. Wolfram

    An der Zeit zu drehen, egal in welche Richtung, ist gegen jede Vernunft. Es wurde nämlich schon vor vielen 100 Jahren festgestellt, dass die Zeit relativ monoton verläuft und ihre Haupttaktgeber der Umlauf der Erde um die Sonne und ihre täglich einmalige volle Umdrehung sind. Davon leitet sich die Welt- und die in 24 Zonen unterteilte Zonenzeit ab. Die Erde läuft zwar im Jahresverlauf nicht geichmäßig schnell, aber die Abweichungen sind vernachlässigbar, so dass eine mittlere gleichlaufende Zeit von allen Fachleuten akzeptiert und fast schon 200 Jahre lang angewendet wird.
    Problem sind die nicht parrallel zu den Zonenlinien angepassten Grenzen der einzelnen Länder, was für viele Orte zu Abweichungen der Zonenzeit von der „wahren“ Zeit führt. In jedem Ort, der genau auf einem der 15 Längengrade liegt, steht nämlich die Sonne mittags im Süden, in den rechts und links der Linie befindlichen Orten weicht die wahre Mittagszeit um 4 Minuten/Längengrad ab. Die Mitteleuropäische Zeit ist also diejenige, die um eine Stunde vor der Weltzeit liegt und exakt für den Bereich +/- 7,5° um den 15° Meridiangrad zu gilt. Damit st sichergestellt, dass sich innerhalb einer solchen Zone die wahre (Sonnen-) Zeit eines Ortes maximal um +/ 30 Minuten von der Zentrallinienzeit unterscheidet. Diese Zeit ist unabhängig von politischen Entscheidungen und sollte es auch künftig bleiben. Alle andern Zeiteinteilungen sind Machwerk und nutzn weder den betroffenen Menschen noch der davon abhängigen Kreatur.

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