Halle der NAmen

Digitales Denkmal für Millionen Nazi-Opfer

Jeder Name zählt. Unter diesem Titel hat das größte Archiv zu den Opfern des Nationalsozialismus im nordhessischen Bad Arolsen begonnen, die Namen der Opfer vor dem Vergessen zu bewahren. Freiwillige aus aller Welt wirken daran mit, die Namen und Daten zu digitalisieren und online zur Verfügung zu stellen. Es sind viele Millionen.

Jakob Feldmann, Maria Horwath, Gregor Haase, Samuel Feuer, Günter Pappenheimern, Selma Grünewald, René Verbeek, Otto Karl Schierz, Julie Herz, Leo Reuter sind einige von ihnen. Sie tauchen in der Installation auf, die am Internationalen Holocaust-Gedenktag auf die Fassade der französischen Botschaft am Pariser Platz in Berlin projiziert wird.

Schreibmaschinentastaturen klappern. J für Jude, Sch für Schutzhaft, Zig für „Zigeuner“, wie die Nationalsozialisten Roma und Sinti nannten. Homosexuelle, Widerstandskämpfer, antideutsches Verhalten, Mischlinge, Arbeitsscheue, Asoziale. Begriffe aus dem Wortschatz der Nazi-Diktatur flimmern über die Fassade. Aus Buchstaben formen sich menschliche Gesichter. Die Schicksale von Männern, Frauen und Kindern bleiben greifbar.

Das Vorhaben ist gigantisch. In Arolsen befinden sich rund 30 Millionen Dokumente und Hinweise auf die Schicksale von 17,5 Millionen Menschen. „Wir arbeiten an dem weltweit umfassendsten Online-Archiv über die von den Nationalsozialisten verfolgten und ermordeten Menschen“, beschreibt die Initiatorin das Projekt, für das tausende weitere Mitwirkende gesucht werden. Deshalb lautet der Titel nun englisch #everynamecounts und bezeichnet eine Crowdsourcing-Initiative, an der jeder mitarbeiten kann, der einen Computer und eine Internetverbindung hat.

Es geht um das Spenden von Zeit, in der die Freiwilligen Namen und Daten erfassen, um den Verfolgten des Nationalsozialismus ein digitales Denkmal zu errichten. Vorwissen ist nicht erforderlich, erklärt Floriane Azoulay, die Direktorin der „Arolsen Archives“. Die Arolsen Archives sind aus dem Internationalen Suchdienst des Roten Kreuzes hervorgegangen und ihr Originalbestand zu Opfern und Überlebenden des Nationalsozialismus gehört seit 2013 zum UNESCO-Weltdokumentenerbe.

„Das einzigartige digitale Denkmal soll möglichst schnell weiterwachsen. Darum arbeiten wir daran, die historische Sammlung von Dokumenten über die Häftlinge der Konzentrationslager, über die Zwangsarbeiter*innen des Hitler-Regimes und über die Überlebenden online verfügbar zu machen“, sagt Floriane Azoulay. „Unser Ziel: 2025 sollen alle Namen online stehen.“ Dann können alle Interessierten weltweit auf die bedeutende Dokumentensammlung zugreifen. „Das ist für Forschung und Bildung von unschätzbarem Wert – und für die Familien der Opfer.“

Vor einem Jahr startete das Pilotprojekt mit 1000 Schüler*innen. Während der Corona-Pandemie, als die Veranstaltungen zum 75. Jahrestag der Befreiung der Konzentrationslager ausfallen mussten, beteiligten sich in verschiedenen Ländern immer mehr Menschen: Bis Dezember 2020 digitalisierten mehr als 10.000 registrierte Nutzer*innen des Crowdsourcing-Projekts über 2,5 Millionen Dokumente von Zuhause aus.

In der zweiten Projektphase, die zum Holocaust-Gedenktag 2021 startet, werden zunächst Häftlingspersonalkarten  und Häftlingspersonalbögen aus verschiedenen Konzentrationslagern erfasst. Diese beiden Dokumententypen enthalten viele Informationen über den jeweiligen Menschen. Das macht die Mitarbeit für Schüler*innen eindrucksvoll, und die Arolsen Archives bieten Begleitmaterial für den Unterricht an.

#everynamecounts sei „sehr gut geeignet, um sich im Schulunterricht mit der nationalsozialistischen Verfolgung zu beschäftigen und dabei aktiv an der Erinnerungskultur mitzuwirken. Dies gilt gerade auch für den Distanzunterricht unter den Bedingungen der Corona-Pandemie“. Das Projekt vermittele methodische Kompetenzen im Umgang mit Archivquellen, fördere forschend-entdeckendes Lernen und ermögliche die Auseinandersetzung mit den Dimensionen der NS-Verfolgung.

Unter nationalsozialistischer Herrschaft wurden von 1933 bis 1945 Millionen von Menschen verschleppt und ermordet. Für die Suche nach Vermissten und die Klärung von Schicksalen entstand in Arolsen das umfangreichste Archiv zu NS-Verfolgten: Über 30 Millionen Akten, Karteikarten und Listen zu Opfern des Holocaust und Häftlingen der Konzentrationslager, zu ausländischen Zwangsarbeiter*innen und den Überlebenden. Mehr als 50 Millionen Karten umfasst allein die Zentrale Namenkartei. In über drei Millionen Fallakten liegt die Korrespondenz zu Schicksalen einzelner Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung.

Die Suche nach Vermissten trat Jahrzehnte nach Kriegsende in den Hintergrund. Mit dem Gesetz zur Zwangsarbeiterentschädigung im Jahr 2000 erlangte der Internationale Suchdienst noch einmal neue Bedeutung und unterstützte ehemalige Arbeitssklaven bei dem Nachweis ihrer Schicksale. Auch Spuren der Täter fanden sich in den Arolser Archiven. Iwan Demjanjuk, der 2011 in München als NS-Kriegsverbrecher verurteilt wurde, hatte sich nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland als Nazi-Opfer ausgegeben. Der ehemalige KZ-Aufseher im Vernichtungslager Sobibor suchte humanitäre Hilfe in mehreren Flüchtlingslagern der Vereinten Nationen und ließ sich auch die Ausreise in die USA organisieren.

Bei everynamecounts geht es nicht nur um die Vergangenheit, sondern auch um die Zukunft. Die damaligen Motive für todbringende Verfolgung sind heute nicht aus der Welt. „Jede Information, die neu erfasst wird, ist ein Ausdruck von Solidarität mit den Opfern“, betont Floriane Azoulay, und sie weist auf die Angriffe auf die Symbole unserer Demokratie hin, auf den Antisemitismus und Rassismus unserer Tage. Das Arolsen-Projekt erfülle auch hier eine zentrale Funktion: „Wer mitmacht, setzt ein Signal für Respekt, Vielfalt und Demokratie.“

Bildquelle: Yad Vashem

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Petra Kappe
Über  

Die promovierte Medienwissenschaftlerin arbeitete mehr als 20 Jahre in der Politikredaktion der Westfälischen Rundschau. Recherchereisen führten sie u. a. nach Ghana, Benin, Bosnien-Herzegowina, Kroatien, China, Ukraine, Belarus, Israel und in das Westjordanland. Sie berichtete über Gipfeltreffen des Europäischen Rates, Parteitage, EKD-Synoden, Kirchentage und Kongresse. Parallel nahm sie Lehraufträge am Institut für Journalistik der TU Dortmund sowie am Erich-Brost-Institut für Internationalen Journalismus in Dortmund wahr. Derzeit arbeitet sie als freie Journalistin.


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