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Digitalisierung der Demokratie oder die Demokratisierung des Digitalen? : Kann das Internet die klassischen Medien ergänzen oder gar ersetzen? Teil 1

Zur Geburtsstunde des World Wide Web erhoffte sein Begründer Tim Berners-Lee, dass das Internet die digitale Grundlage für herrschaftsfreie Begegnungen, Konversationen und Zusammenarbeit jenseits von Zeit und Raum schaffen könnte.

Das Internet böte technisch die historisch erstmalige Möglichkeit, dass nahezu jedermann nicht nur seine persönliche Meinungsfreiheit, sondern auch das Grundrecht der Pressefreiheit wahrnehmen könnte – also das unzensierte Veröffentlichen von Informationen und Meinungen an ein unbestimmtes Publikum. Dank des weltweiten Netzes wäre die Pressefreiheit  finanziell nicht länger nur ein paar reichen Familien vorbehalten. So kritisierte schon Paul Sethe im SPIEGEL vom 5. März 1965. Dort heißt es: „Pressefreiheit ist die Freiheit von zweihundert reichen Leuten, ihre Meinung zu verbreiten. Frei ist, wer reich ist.“ Der Spiegel, 15.08.1966

Jeder, der sich einen Computer und einen Internetanschluss leisten kann, wäre in der Lage – sei es über „Jedermann-Netzwerke“ (Soziale Medien), sei es mit ein bisschen Einarbeitung unter einer eigenen Domain ein „Blog“ (Weblog eine Wortkreuzung aus dem englischen Web und Log für Logbuch oder Tagebuch)  zu betreiben und sich mit seiner Meinung an die Öffentlichkeit zu wenden ( ARD/ZDF-Onlinestudie 2018).  Nie zuvor war es so einfach und schnell an eine so große Fülle von Medieninhalten weltweit und jederzeit zu gelangen. Mit den Sozialen Netzwerken und Messenger-Diensten verschwimmen die Grenzen zwischen öffentlicher und privater Kommunikation.

Ohne Zweifel leistet ein Teil der Internetkommunikation und eine stattliche Zahl von Blogs einen beachtlichen Beitrag zur Meinungsvielfalt – so die Mobilisierungs- bzw. Empowerment-These – und die öffentliche Kommunikation ist insgesamt deutlich vielfältiger und dynamischer geworden. Doch das Ideal einer basisdemokratischen Internetkommunikation, weicht von der Wirklichkeit erheblich ab.

Blogs als Alternative zu den klassischen Medien?

In Deutschland liegt die Zahl der Blogs nach (unsicheren) Schätzungen bei über 200.000 und die Zahl der Blog-Posts bei zwei Millionen und die Seitenaufrufe (Page Impressions)  bei 800 Millionen monatlich (Christian Buggischs Blog)  Die allermeisten Blogs haben jedoch nicht demokratierelevante journalistische Themen zum Inhalt, sondern befassen sich mit service- und unterhaltungsorientierten Themen wie Mode, Beauty, Reise, Technik etc. (Was natürlich an sich auch ein Politikum ist.) Die Zahl der Blogger, die sich mit Politik und Wirtschaft beschäftigen liegen in Deutschland im zweistelligen Bereich (Olaf Hoffjann, Telepolis v. 02.08.2018). Der Vorteil des Internets, seine Egalität – nämlich dass jeder seine Stimme öffentlich erheben kann -, ist gleichzeitig wieder ein Nachteil bei der Schaffung eines relevanten Einflusses auf die öffentliche Meinungsbildung. Aufgrund der Vielzahl und damit der Unübersichtlichkeit der Blogger-Szene ist es ungeheuer schwierig für einen einzelnen Blog, an sein Publikum zu kommen. Da es keine Regeln dafür gibt, wer bloggt oder was ins Internet eingestellt wird, sind die Informationen ungesicherter und oftmals verwirrender als in den etablierten Medien mit ihrem professionellen Journalismus. Nicht ganz zu Unrecht meinen deshalb Kritiker, Blogs seien eher ein „kommunikatives Rauschen“ im Hintergrund als ein Faktor der öffentlichen Meinungsbildung oder gar ein mediale Plattformen für eine politische Massenbewegung.

Es gibt durchaus reichweitenstarke Blogs, die Zugriffe mögen in die Hunderttausende gehen, ja – wie z.B. des Video des YouTubers Rezo „Die Zerstörung der CDU“  zeigt –   millionenfach aufgerufen werden und vereinzelt haben Blogs auch öffentliche Debatten angestoßen, doch zu einer ernst­haften Konkurrenz für den professionellen Journalismus sind sie (noch) nicht geworden. Olaf Hoffjann, Oliver Haidukiewicz Deutschlands Blogger, Studie der Otto Brenner Stiftung 2018, S. 9.

Soziale Netzwerke als Mittel demokratischer Teilhabe?

Neben den Blogs findet der weitaus größte Anteil der Internetkommunikation in den Sozialen Medien (Social Media) statt, also über Webseiten und Betriebssysteme (Apps), über die die Nutzer (User) Inhalte austauschen und sich vernetzen (Many-to-many-Kommunikation) – auch Jedermanns-Medien genannt. Zu den wichtigsten Netzwerken gehören Facebook (FB Messenger), Twitter, Instagram, Snapchat, Whatsapp, Pinterest, Flickr, YouTube, Vimeo, Tumbir, XING, VKontakte (in Russland), Renren, WeChat oder Baidu (letztere in China).

Jenseits des Austauschs von privaten Meinungen, Erfahrungen, Eindrücken oder Mitteilungen, stellt sich die (politische) Frage nach der Rolle der Sozialen Medien bei der demokratischen Teilhabe.

Eine demokratischere Basisbeteiligung über das Internet oder eine „Open-Source-Demokratie“ oder gar eine Form permanenter Volksabstimmungen über das Netz,  also – wie es euphorisch hieß – der „Triumph des Netzwerks über die Hierarchie“ in Parteien und Verbänden hat bisher nicht stattgefunden. „Liquid democracy“ , eine Mischform zwischen direkter und indirekter Demokratie, hat sich nicht einmal in der internetbegeisterten Piratenpartei als praktikabel erwiesen.

Marianne Kneuer und Saskia Richter von der Arbeitsgruppe „Politik und Internet“ an der Universität Hildesheim haben in einer empirischen Studie  herausgefunden,  dass „die Erwartung, dass soziale Medien neue Räume für inhaltliche Debatten eröffnen“ sich nicht bestätigen lasse, es handle sich eher um eine niedrigschwellige kurzfristige, problemorientierte, betroffenheitsorientierte, teilweise zwar sehr intensive, aber nicht nachhaltig und langfristig angelegte Beteiligung. Ein virtueller Raum öffentlicher Beratschlagung entstand nicht. So Kristina Beer auf heise online. Debatten würden möglicherweise in kleineren Kreisen, auf Mailinglisten, in Web-Foren oder auf Projekt-Seiten spezieller Communities mit überschaubarem Nutzerkreis oder in Blogs geführt.  Die Teilhabe beschränke sich aber meist auf eine emotionale Komponente.  Marianne Keuner im DLF-Interview.

Man kann, wie etwa Campact, Change.org, abgeordnetenwatch.de, LobbyControl oder openPetition etc. über das Internet Petitionen anstoßen oder Unterschriften sammeln, die einzelne politische Forderungen unterstützen oder ablehnen, aber mit „likes“, „shares“ und (oft technisch oder redaktionell beschränkten) „comments“ oder „tweets“ lässt sich kaum eine politische Bewegung mit einem breit angelegten politischen Programm oder differenzierteren Zielen aufbauen. Es ist eben einfacher, sich als „Wohlfühlaktivist“ gegen ein politisches Vorhaben zu stellen, als eine Vielzahl von Menschen zu einer einheitlichen Meinungsbildung für gemeinsame gesellschaftspolitische Ziele oder gar für ein politisches Programm zusammenzubringen. Selbst wenn „Campact“ – wie etwa bei der Unterschriftensammlung gegen das Freihandelsabkommen TTIP –  es schafft, weit über eine halbe Million Unterschriften zu sammeln, kann man kaum von einer auf Dauer angelegten Massenbewegung sprechen.

Zwar wird von solchen Kampagnen-Plattformen der Anspruch einer „Bürgerbeteiligung“ erhoben, doch ist die Beteiligung an Online-Petitionen noch keineswegs ein Beweis dafür, dass die Menschen auch politisch aktiver sind als in den Zeiten vor dem Internet. Kathrin Voss, Frankfurter Rundschau, 24.02.2016 S. 2 Viele dürften eher das Gefühl haben, Einfluss auszuüben, ohne mehr tun zu müssen, als eben nur zu unterschreiben. „Der Like-Button bei Facebook lädt dazu ein, sich vom Sofa oder Schreibtisch aus mit einem Klick an einer sozialen Bewegung zu beteiligen. So entsteht gefühlte bzw. symbolische Partizipation, die gleichwohl keine oder kaum Wirkung entfaltet.“ Marianne Kneuer „Welche Rolle spielen soziale Medien in Protestbewegungen?

Um dauerhaft Themen in die öffentliche Debatte hineinzutragen, braucht es nach wie vor Organisationen, die Bewegungen strukturieren, dabei allerdings auch wieder hierarchisieren, also Parteien und Verbände oder NGOs wie etwa Attac, Greenpeace oder Amnesty International. Auch die als Protestbewegungen gestartete „Podemos“ in Spanien oder die „Empörtenbewegung“ in Portugal haben wirklichen politischen Einfluss erst erzielt als sie sich parteiförmig organisiert haben.

„Ohne ein Gefäß für Meinungsaustausch, das eine Autorität in der Öffentlichkeit besitzt, können Sie keine Meinung bilden. Im Netz gibt es im Grunde keine Öffentlichkeit“ schreibt Alexander Kluge. 70 Jahre epdmedien, Januar 2019, S. 5ff.(12)

Inwieweit Soziale Netzwerke zur „basisdemokratischen“ Mobilisierung von Massen für politische Ziele in der Lage sind, wurde oft auch am Beispiel des „arabischen Frühlings“ diskutiert. Die Auffassungen sind kontrovers: Einerseits gibt es die Überzeugung, dass es ohne den Einsatz verschiedener Sozialer Netzwerke nicht zu derart um sich greifenden Massenaufläufen gekommen wäre. Jürgen Stryjak, Von der virtuellen zur realen Revolution, Deutschlandfunk Kultur. Dagegen wird argumentiert, dass die hinter den Protesten stehenden realen politischen Probleme jedenfalls die Haupttriebkraft für das Aufbegehren gewesen seien. Dafür spricht, dass die Massen auch noch nach Sperrung des Internets zu den Aufmärschen und Manifestationen gekommen sind (Der Arabische Frühling, das Internet und die sozialen Netzwerke). Im Ergebnis hat sich jedenfalls gezeigt, dass sowohl in Nordafrika, als auch bei den „farbigen“ Revolutionen in Osteuropa oder bei der „Grünen Bewegung“ im Iran bisher über das Internet allein keine dauerhaft demokratischeren Entwicklungen in Gang gesetzt werden konnten (Marianne Kneuer und Thomas Demmelhuber, Die Bedeutung Neuer Medien für die Demokratieentwicklung).

Mit Social Media lassen sich ohne Zweifel Menschen zu „Flashmobs“ (spontane Versammlungen) oder auch zu größeren Demonstrationen mobilisieren, wie z.B. mit dem Aufruf „#unteilbar“, dem eine Viertelmillion Menschen folgten. Das Internet mag für „Wutbürger“, die wie bei Stuttgart 21 gegen einzelne Projekte oder für „Empörte“ wie z.B. bei den Protesten von „Occupy“ oder bei den „Gilets Jaunes“ oder auch bei der Schülerbewegung „Fridays for Future“ ein wichtiges Kommunikationsmittel gewesen sein, bisher ist jedoch noch nirgendwo gelungen, allein über das Internet nachhaltige politische Bewegungen mit differenzierten Forderungen oder einer breiten Programmatik aufbauen. Die Anti-Kernkraft- oder die Friedensbewegung entwickelten ihre politische Kraft auch ohne das Internet. Ob die von Sahra Wagenknecht und Bernd Stegemann angestoßene Initiative „#aufstehen“ wirklich eine Sammlungsbewegung wird, muss sich erst noch erweisen. Es ist eben ein Unterschied, ob man im Netz einen Aufruf unterzeichnet und ob man tatsächlich aktiv wird und sich für eine konkrete politische Bewegung einsetzt.

Der offene Dialog und die Akzeptanz ganz unterschiedlicher Meinungen unter den Netz-„AktivistInnen“ machen solche Formen des Protestes für viele Menschen ganz unterschiedlicher Weltanschauung oder politischer Einstellung sympathisch und einbindend. Andererseits bleibt der Meinungsbildungsprozess diffus, ja sogar widersprüchlich, er mündet eher in einer gemeinsamen öffentlichen Aktion oder in einer Internet-Kampagne, bei der jeder für seine Auffassung eintreten kann, also seine Plakate hochhalten oder seine Internet-Community „viral“ aktivieren kann.

Diese gewinnende Offenheit für ganz unterschiedliche Meinungen und politische Positionen – vereint nur gegen eine einzelne Entscheidung der Regierenden oder im Widerstand gegen einen gesellschaftlichen Missstand – ist gleichzeitig ein Kernproblem über das Internet kommunizierter neuer sozialer Bewegungen. Sie mögen breite Schichten ansprechen und sie mögen ein breit anerkanntes, berechtigtes Anliegen vortragen und überfälligen Protest zum Ausdruck bringen, aber solche Aktionen bleiben (jedenfalls zunächst) nur kritische Appelle an diejenigen, die die politische Macht ausüben. Solche sozialen Bewegungen mögen eine bestimmte Politik oder die herrschenden Verhältnisse ablehnen, aber sie stellen ihnen keine hinreichend konkrete Alternative gegenüber.

Diese Offenheit ist zugleich eine offene Flanke. Solche Bewegungen sind dadurch in ihren Positionen leicht beeinflussbar und z.B. – wiederum über das Internet – durch anonyme Teilnehmer an diesem Meinungsbildungsprozess von außen durchdringbar – gerade auch durch verschwörungstheoretische oder mit suggestiver Kraft vorgetragenen sektiererischen Positionen unterschiedlichster Herkunft bis hin zu besonders aktiven Gruppen aus dem (rechts-)extremistischen Lager. Man will gar nicht erst daran denken, dass sich mächtige und finanzstarke Institutionen der öffentlichen Meinungsmache mit ihren Apparaten und vor allem mit ihren Parolen einmischen.

Soziale Medien als Überwachungsmittel und Datenkraken

Spätestens seit 2013, nämlich seit den Enthüllungen des ehemaligen CIA-Mitarbeiters Edward Snowden über die Überwachungs- und Spionagepraktiken von amerikanischen und britischen Geheimdiensten, gilt das Internet für eine breite Öffentlichkeit nicht mehr nur als freiheitliches, widerständiges Gegenmedium, sondern auch als Überwachungsmittel für eine umfassende, in diesem Falle geheimdienstlichen Kontrolle der elektronischen Kommunikation. Die dunkle Seite des Mediums kam ans Licht: Die gewonnene Freiheit der Information und der Meinungsäußerung wird mit einem Verlust an Anonymität und einer neuen (privaten und/oder staatlichen) Macht über persönliche Daten erkauft. „Überwachungskapitalisten erklären unser ganzes Menschsein einseitig zu ihrem frei verfügbaren Rohstoff“, charakterisiert das die Harvard-Ökonomin Shoshana Zuboff. stern v. 21.2.2019, S. 53ff.

Die chinesische Suchmaschine Baidu erkennt z.B., wo sich eine Menschenansammlung bildet (Öffentliche Kameras wären grundsätzlich in der Lage einen Dieb aus einer Menschenmenge zu identifizieren. Christoph Fröhlich, stern v. 1704.2018).  In China gibt es die ersten Modellversuche wie Online-Daten nicht nur zur umfassenden Überwachung genutzt werden können, sondern – über ein Sozialpunkte-System – das soziale Verhalten der Bürger bewertet und mit Sanktionen oder Vergünstigungen gesteuert werden soll. „Die Bürger werden zu Komplizen ihrer eigenen Überwachung“. (Ulrich Sarcinelli, Der demokratische Staat und die digitale Gesellschaft, SWR2 Wissen). So soll die dortige Staats- und Parteiführung im vorigen Jahr schon rund 17,5 Millionen Bürgern Flugreisen verweigert haben und fast 5,5 Millionen Mal soll Sozialpunktschwächlingen das Fahren per Zug nicht erlaubt worden sein (Hans-Jürgen Jakobs, Handelsblatt v.04.03.2019).

Was in China der Staat betreibt, machen in der westlichen Welt private Internetgiganten. So steht z.B. Facebook nicht erst seit der Affäre um die Firma Cambridge Analytica, bei der mehr als 80 Millionen Facebook-Nutzer ausgespäht und nach ihrem persönlichen Profil ausgewertet wurden, massiv unter Kritik. Unlängst wurde auch noch bekannt, dass Facebook die Passwörter von 600 Millionen Nutzern auf internen Servern gespeichert hat, auf die 20.000 Angestellte Zugriff hatten. Der Konzern soll nicht nur Nutzer, sondern durch sein Sicherheitsteam auch Ex-Mitarbeiter und Menschen in deren unmittelbarem Umfeld kontrollieren. Da passt es ins Bild, dass frühere Angestellte die Atmosphäre bei Facebook als „sektenartig“ beschreiben. Auch wenn der Wunsch, sich vor Sicherheitsbedrohungen zu schützen, verständlich ist, „die weltweite Bespitzelung durch Facebooks Sicherheitsteam ist einfach nur gruselig“, meint der EU-Korrespondent für netzpolitik.org Alexander Fanta (netzpolitik.org v.04.03.2019).

Wie leicht es ist, an Handy-, Bankdaten, Mailadressen oder an Dokumente von anderen zu gelangen, hat anfangs des Jahres ein Schüler aus Mittelhessen bewiesen, der solche Daten von Politikern und Prominenten veröffentlicht hat (Süddeutsche Zeitung v. 08.012019)

Die Online-Präsenz wird zur handelbaren Ware

Mehr und mehr wird den Internet-Nutzern auch bewusst, dass, wenn etwas nichts kostet, der Nutzer das Produkt ist. Die Online-Präsenz wird zur handelbaren Ware. Die angeblich „kostenfreien“ Internet-Dienste von Facebook und Co. sind vor allem auch Datenkraken, die mit dem Sammeln und dem Verkauf von Nutzerdaten Milliardengewinne machen. Das Betriebsmodell ist das der Beobachtung und dem geschäftlichen Nutzen von Verhalten der Nutzer. Facebook sei „ein Werbenetzwerk unter einer altruistischen Tarnung“ sagt der Hamburger Datenschutzbeauftrage Johannes Caspar (Frankfurter Rundschau v. 05.03.2017)

 

Nach Schätzungen der Boston Consulting Group soll der Handelswert persönlicher Daten 2020 allein in Europa 330 Milliarden Euro betragen (Der Wert persönlicher Daten,  Open Knowledge Foundation, S. 30). Die sozialen Netzwerke sind die größten Werbeagenturen. Daniela Zimmer, Mathias Grandosek, Falter 27a/16, S. 24ff. (25,28). Allein im 4. Quartal 2018 machte Facebook einen Gewinn von 6,9 Milliarden Dollar (#AllFacebook.de). Nicht weniger als 73 Prozent der weltweiten Werbeeinnahmen (84 Prozent außerhalb Chinas) und 25 Prozent der weltweiten Anzeigenverkäufe (online und Print) entfallen allein auf Facebook und Google. Steven Hill, Handelsblatt – 11.5.2018, S. 72

Zwar verbreiten der CEO Larry Page  von „Alphabet“ – des größten Technologiekonzerns der Welt Spiegel Online v. 2.2.2018  -, die Chefs von Google, Sundar Pichai, von Facebook, Mark Zuckerberg, von Apple, Tim Cook, oder von Twitter, Jack Dorsey, usw. unisono und penetrant die Ideologie, dass „das Internet“ neutral sei. Die Internetdienstanbieter seien ausschließlich „Provider“ oder „Dienstleister“ für ihre Nutzer. Sie konnten deshalb lange Zeit behaupten, dass sie sich Meinungen oder Inhalte der wie auch immer gearteten Mitteilungen ihrer Nutzer nicht zu Eigen machten und sie könnten daher dafür auch nicht als „Herausgeber“ zur Verantwortung gezogen werden. Die „Sozialen Medien“ seien demnach nur eine Art digitales Schwarzes Brett, wo Leute Zettel anheften, ohne dass der Aufsteller der Anschlagtafel eine Verantwortung dafür trüge, was dort „gepostet“ wird.

Mit dieser Ideologie des „Internetzentrismus“ der Dienstleister – wie das der Internet-“Papst“ Evgeny Morozov Smarte neue Welt, München 2013 nennt – gepaart mit idealistischen, aber naiven Glauben an das „freie“ Internet auf Seiten der meisten Nutzer ist es den Oligopolisten aus dem Silicon-Valley lange Zeit gelungen, sich einer Verantwortung für die von ihnen verbreiteten Inhalten zu entziehen und erfolgreich gegen jede Form von Regulierung Widerstand zu leisten.

Soziale Netzwerke sind zu Meinungsoligopolen geworden

Soziale Netzwerke gehen aber inzwischen weit über die private Beziehungspflege hinaus, sie sind zu wichtigen Verbreitungsplattformen sämtlicher sonstiger Medienanbieter und damit zu zunehmend wirkmächtigen Meinungsmultiplikatoren geworden, ja sogar zu international wirkenden Meinungsoligopolen. „Großkonzerne haben sich den Cyberspace gegen die Interessen der Öffentlichkeit angeeignet und für ihre Zwecke zunutze gemacht“ Hauke Behrendt, Wider den Alarmismus: Die Chancen der Digitalisierung, in Blätter für deutsche und internationale Politik, 4`19, S. 45ff. (46)

Der Internetzugang wird in der westlichen Welt von „GAFA“ (Google, Apple, Facebook, Amazon) und die „neuen Medien“ werden von „FANG“ (Facebook, Amazon, Netflix, Google) dominiert.  Mit einem Suchmaschinen-Marktanteil von knapp 86% bei der Desktop-Suche und 98% bei der mobilen Suche kontrolliert Google den Zugang zu den Netzinhalten  (SEO Summary.de).  Amazon ist mit 33 Prozent Marktanteil beim Cloud Computing (deutsch: Rechnerwolke oder Datenwolke), also bei externen Speicherplätzen, Rechen- oder Dienstleistungen (Dropbox, Netflix) der Markführer (Synergy research group April 27,2018).  Und Facebook dominiert weltweit (noch) bei den Sozialen Medien (statista Jan 26,2018).

Täglich rufen in Deutschland über 45 Millionen Menschen Netzinhalte ab. ARD-ZDF-Onlinestudie 2018 http://www.ard-zdf-onlinestudie.de/ardzdf-onlinestudie-2018/ Für viele – vor allem Jüngere, also für die sog. „digital natives“ –  sind Timeline, Newsfeed oder Messenger App etc., d.h. die eingehenden Botschaften und Tweets der zentrale, oft sogar oft der einzige Anlaufpunkt für Nachrichten nicht nur innerhalb von Freundeskreisen, sondern auch für Neuigkeiten aus aller Welt. Sogar für professionelle Journalistinn/en sind die sozialen Netzwerke zu einem Recherchemittel geworden. (LfM-Mdaterialien 31, Marcel Machill, Markus Beiler, Uwe Krüger, Das neue Gesicht der Öffentlichkeit).

Hashtag-Trends, Twitter-Trendanalysen oder Google-Empfehlungen können inzwischen sogar den gesellschaftlichen Diskurs prägen: Wenn z.B. plötzliche Falschmeldungen unter dem Hashtag „#unserelisa“, wonach eine 13-jährige Russlanddeutsche von Flüchtlingen als Sexsklavin missbraucht worden sei, in den Vordergrund rücken, dann zeigt das, dass sogar hochrangige Politiker wie der russische Außenminister Sergej Lawrow, aber auch Journalistinn/en Social-Media-Trends folgen, Twitter-Nutzer sowieso (Netzpiloten Magazin 17.02.2016).

Bildquelle: flickr, Christopher Dombres, Public Domain

DIGITALISIERUNG DER DEMOKRATIE ODER DIE DEMOKRATISIERUNG DES DIGITALEN? :
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Wolfgang Lieb

Wolfgang Lieb ist ein deutscher Jurist und Publizist. Nach dem Studium der Politik und Rechtswissenschaften an der FU Berlin, in Bonn und in Köln arbeitete er in der Planungsabteilung des Kanzleramtes in Bonn(Helmut Schmidt war Kanzler), wechselte als Leiter in das Grundsatzreferat der Landesvertretung NRW in Bonn, war Regierungssprecher des Ministerpräsidenten Johannes Rau und Staatssekretär im NRW-Wissenschaftsministerium. Zusammen mit Albrecht Müller war Lieb Mitherausgeber und Autor der politischen Website "NachDenkSeiten" und wurde mit dem Alternativen Medienpreis ausgezeichnet. Vor einem Jahr stellte er die Mitarbeit dort wegen Meinungsdifferenzen mit Müller ein. Heute arbeitet Wolfgang Lieb als freier Autor.


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